„Strache ist ein krasser MC!“ // K.I.Z. Interview

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Grimasse und grimmig schauen muss sein: Maxim, Nico und Tarek im Backstage der Wiener Arena

Deutschrap bekam durch die vier Berliner von K.I.Z. eine neue, punkige Ader verpasst: Provokant, viel schwarzer Humor, und weit entfernt vom unpolitischen Dogma vieler Genrekollegen – so klingt die Musik der „Kannibalen in Zivil“. Ein erfolgreiches Rezept, das K.I.Z. weit über die engen Grenzen des Rap bekannt machte. Auf K.I.Z. kann man sich auch in Kreisen, die prinzipiell wenig mit Rap anfangen können, einigen. Mit „Hurra die Welt geht unter“ veröffentlichte das Quartett, berühmt-berüchtigt für denkwürdige Konzerte, im vergangenen Sommer ihr bisher erfolgreichstes Album. Anlässlich ihres Gigs beim „Beat the Fish Deluxe“ sprachen wir beim Essen – welches Nico mit „Mann, ist das lecker!“ goutierte – mit den drei Sprachrohren der Band über die Rapfähigkeiten von HC Strache, Glaubwürdigkeit, vergnügliche Stunden bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien und Lob vom Feuilleton.

Interview: Thomas Kiebl
Mitarbeit: Julia Gschmeidler
Fotos: Daniel Shaked

The Message: Vergangenen Sommer habt ihr in dem Song „Hurra die Welt geht unter“ den Weltuntergang besungen. Wie weit hat sich die Welt in der Zwischenzeit diesem Szenario angenähert?
Maxim: Die Welt ist dem Szenario keinen Schritt näher gekommen, sondern geblieben, wie sie ist. Wahrscheinlich werden wir uns selbst dem Feuergott dafür opfern, dass unsere Wahrsagungen nicht eingetreten sind.
Nico: Es gibt keinen Lichtblick am Horizont …
Maxim: … und keine Hoffnung.

Was kann der Einzelne tun, damit dieses Szenario doch noch in Erfüllung geht?
Nico: Einiges. Zum Beispiel Massenstreiks, Inbesitznahme der Produktionsmittel, Erschießen der oberen fünf Prozent. Das wäre mein konstruktiver Vorschlag, womit man beginnen könnte.
Tarek: Viel Blut muss den Jordan runterfließen (lacht).

Die oberen fünf Prozent verschwinden aber nie. Das sind dann einfach nur andere Gesichter.
Maxim: Genau, du hast meinen Plan verstanden.
Tarek: Wir werden die einfach auch erschießen.
Maxim: Wir erschießen einfach alle, bis wir die oberen fünf Prozent sind (überlegt). Eigentlich wollen wir den Leuten, die uns die Macht verschaffen …
Tarek: … dem Ungeziefer …
Maxim: … nur etwas Action liefern. Darum geht es uns.

„An sich bin ich gegen Faschismus“

Auf Grund der Themengestaltung des letzten Albums wurdet ihr vereinzelt als „Antifa-Rapper“ tituliert. Wie geht ihr mit dieser Kategorisierung um?
Maxim: Titel sind immer super. Dann bekommt man Leute, die einen feiern, ohne dass sie Fans von der Musik sind. Das finde ich klasse. Auch wenn wir uns diesen Titel selber nicht geben würden.
Nico: Solche Titel führen aber dazu, dass manche einem vorschreiben, wie man sich zu verhalten hat. Dass einer sagt: „Du musst dich so verhalten wie ich, dann bist du Antifa“. Davon bin ich kein großer Fan. Aber an sich bin ich gegen Faschismus. Das will ich schon unterstreichen.

KIZ by Daniel Shaked © 2016-4269Wie steht ihr persönlich zur Antifa?
Tarek: Zwischen mir und der Antifa passt kein DIN A4-Blatt. „Best Friends“ seit Schulzeiten. Wir kennen uns seit frühester Zeit und sind nach wie vor gute Freunde.
Maxim: Gibt auf jeden Fall viele persönliche Sympathien. Aber DIE Antifa existiert nicht.

Sollte ein antifaschistischer Grundsatz nicht Common Sense in einer Gesellschaft sein?
Tarek:
Ja, sollte er. Per Gesetz (lacht).
Maxim: Wenn man in einem Staat lebt, der die ganze Zeit den Faschismus wieder hervorbringt, braucht man diese aktiven Gegenstimmen.

Inwiefern bringt der Staat den Faschismus gegenwärtig hervor?
Maxim: Wir leben zunächst alle immer noch in Nationalstaaten. Und es wird einem erklärt, dass man als Österreicher oder Deutscher bestimmte Vorrechte hat. Die tatsächlich vorhanden sind. Es wird einem erzählt, dass man besser ist als die anderen. Wir spielen Fußball gegeneinander, machen Kriege gegeneinander, wirtschaften gegeneinander. Dann ist es klar, dass einige Leute um die Ecke kommen und das Ganze ernsthafter durchziehen wollen.

„Glaubwürdigkeit ist eine dumme und unnütze Sache“

Wie schwierig ist es, sich als kommerzieller Künstler links zu positionieren und dennoch nicht an Glaubwürdigkeit zu verlieren?
Maxim: Glaubwürdigkeit ist eine dumme und unnütze Sache. Die Leute sollen mir nicht irgendetwas glauben. Die sollen sich die Musik anhören. Und wenn sie diese gut finden, finden sie die gut. Oder richtig. Oder falsch. Aber die sollen mir nichts glauben. Deswegen ist mir die Glaubwürdigkeit scheißegal. Ich muss nicht auf einem Pappkarton schlafen, damit das, was ich sage, als richtig angesehen wird.

Im Verlauf der Fußball-EM wurde das Thema des „Partypatriotismus“ wieder aufgegriffen. Ihr habt mit „Biergarten Eden“ darüber Stellung bezogen. Wie gefährlich empfindet ihr diese Art des Patriotismus?
Maxim: Gefährlich für ein paar Italiener, die dann durch die Kneipe gescheucht werden. Für die ist das auf jeden Fall gefährlich. Generell besteht zwischen Patriotismus und Nationalismus kein reeller Unterschied.
Nico: Patriotismus wertet genauso ab wie Nationalismus. Wenn ich sage: „Das ist super“ – und dann gibt es eine andere Kategorie daneben, zum Beispiel die des Franzosen: Die mache ich damit gleichzeitig runter. Egal, ob ich will oder nicht.
Maxim: Wenn man unbedingt eine Unterscheidung treffen will, kann man sagen, dass Patrioten jene sind, die zu diesem Staat halten. Und die Nationalisten sind die, die ab und zu Staatsgegner werden. Aber von der Sache her ist es dasselbe. Die sagen beide: „Wir sind ein Volk“, fühlen sich Klasse dabei und bilden sich ein, dass sie das ausgesucht hätten.

Auf „Sexismus gegen Rechts“ habt ihr ein Lied über Jörg Haider („Straight outta Kärnten“) gemacht. Wie seid ihr auf diese Idee gekommen?
Maxim: Wir haben den Track nicht über, sondern für ihn gemacht. Wir sind einfach große Fans von Jörg. Nazis, die so gut aussehen und wohltrainiert sind, gibt es in Deutschland nicht. Habe ihn sogar einmal in einem Karate-Magazin gesehen. Das hat uns ziemlich begeistert. Weil die Nazis in Deutschland bestenfalls Motorrad fahren und dicke Schnauzer haben. Da fanden wir den schon ziemlich nice.

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K.I.Z. sind bekannt für ihre Liveshow, da dürfen große Requisiten wie Statuen nicht fehlen.

„Wir sind einfach große Fans von Jörg“

Habt ihr euch für den Track mit österreichischer Politik auseinandergesetzt?
Maxim: Nee, überhaupt nicht. Nur Haider und Strache finden wir nice. Strache ist eigentlich fast noch geiler. Ich habe den einmal in einer Kneipe gesehen. Traute mich aber nicht, ein Foto mit ihm zu machen. Weil sein Security sehr böse aussah. Er hat auch dope Songs aufgenommen. Strache ist ein krasser MC. „Multikulti tralala, die Grünen san mit dem Radl da“. Aus irgendeinem österreichischen Dorf kamen auch Leute, die einen Techno-Song gemacht haben: „Illegale Hütchenspieler, aggressive Kopftuchträger“. War sogar ziemlich gut geflowt. Alles großartig.

Wie steht ihr dazu, wenn sich rechte Kräfte dem Rap bedienen?
Maxim: Ich find’s richtig, richtig großartig. Dann hätten wir endlich mal echte Battles. Die rappen leider alle schieße. Aber Rap ist sehr kompatibel dafür. Ehre, Stolz, Herkunft spielen eine große Rolle im HipHop. Passt eigentlich perfekt zusammen. Frage mich, warum es nicht mehr davon gibt.

Weil Rap aus einem anderen kulturellen und politischen Kontext kommt. Deswegen ist das nicht vereinbar.
Maxim: Der Kontext ist den Leuten scheißegal. Und mir auch. Wenngleich mich Last Poets sehr inspiriert haben … ich will trotzdem mehr Nazi-Rap. Dafür stehe ich mit meinem Namen. Vielleicht sollten wir selbst Nazi-Rap machen. Obwohl: Haben wir schon.
Nico: Haben wir schon?
Maxim: Ja, dein Geburtstagsgeschenk.
Nico: Stimmt.
Maxim: Vielleicht werden wir das jetzt groß rausbringen. Und ein paar konkrete Aktionen dazu starten, damit die Leute das ernst nehmen. Zum Beispiel Österreicher verkloppen (lacht).

TAREK KIZ by daniel Shaked © 2016

Welchen Einfluss hat die BpjM (Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien) auf eure Musik?
Maxim: Primär Einfluss auf unser Geld. Der ein oder andere Baum, der in Bonn gepflanzt wurde, ist von uns bezahlt worden. Diese dumme U-Bahn haben wir auch mitfinanziert. Aber es ist toll bei der BpjM. Einfach schön, dreizehn steife, übergewichtige, erwachsene Leute dort zu haben, die sich unser ganzes Album anhören müssen. Ist immer wieder ein großer Spaß.

Bestehen dennoch Gründe, welche für die Existenz der Institution BpjM sprechen?
Maxim: Für mich hat die BpJM keinen Sinn. Entweder meine Mucke wird verboten oder ich muss viel Geld zahlen und irgendwelche Sachen aus den Fingern saugen, damit die das nicht tun. Ich kann daran nichts Gutes finden. Die Welt wird auch nicht besser, wenn ein Landser-Album (neonazistische Band, die als erste Musikgruppe vom Berliner Kammergericht als kriminelle Vereinigung eingestuft wurde, Anm.) verboten wird und man es nur bei YouTube kriegt.

„Das sind Hurensöhne vom SPIEGEL“

2007 bezeichnete euch DER SPIEGEL noch als „Pornorapper“. Heute ist die Wahrnehmung des Feuilletons eine total andere. Wie steht ihr zu dieser Entwicklung?
Tarek: Das sind Hurensöhne vom SPIEGEL.
Maxim: Teilweise ist das ganz nett. Wenn irgendwelche Tiefsinnigkeiten entdeckt werden, die einem gar nicht aufgefallen sind. Ist bestimmt gut für uns. Vor allem für unser Geld.

KIZ BtF Deluxe
K.I.Z. bei ihrem Auftritt am Beat The Fish Deluxe Festival.

Ist „Hurensohn“ mittlerweile noch ein Schimpfwort?
Tarek: Nö.
Maxim: Wenn’s stimmt, dann nicht.
Nico: Ist mittlerweile schon ein Geburtstagsgruß.
Maxim: So begrüßen wir in Berlin unsere Kinder im Kreissaal, wenn sie rauskommen. Aber du musst rausgehen und es selbst herausfinden, wie darauf reagiert wird. Ich finde, es ist immer noch ein schlimmes Schimpfwort.
Tarek: Die maximale Respektlosigkeit. Du weißt, dass deine Mutter keine Hure ist. Aber dass diese Person es wagt …
Nico: Oder du weißt, dass es nichts mit dir zu tun hat, dass deine Mutter eine Hure ist.
Maxim: Oder so – ich mein, sie macht gutes Geld, warum müssen wir jetzt wieder darüber reden!

Die maximale Respektlosigkeit ist eigentlich Ignoranz.
Maxim: Ja, aber das verkauft sich schlecht auf einer Platte. Wenn Leute etwas von dir wollen, ist ignorieren toll. Wenn du etwas von den Leuten willst, zum Beispiel dass sie vom Bus überfahren werden oder einen elendigen Tod sterben, musst du selbst aktiv werden. Ignorieren ist nur cool, wenn man groß und mächtig ist. Wobei wir das mittlerweile sind.

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Beat The Fish Deluxe by Daniel Shaked -4565
Beim Song „Geld“ regnete es K.I.Z.-Dollars
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