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Rap Against Festival: „Heuer muss man wählen gehen!“

Rap Against Festival: „Heuer muss man wählen gehen!“

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Alles neu macht der April. Wenn am 29. und 30. April das Rap Against Festival am Wiener Karlsplatz zum zweiten Mal über die Bühne geht, ist das schon eine Neuerung an sich. Denn dieses Jahr werden gleich zwei Tage genutzt, um unter freiem Himmel gegen Rassismus und soziale Barrieren zu wettern. Neben einem Skate- und BMX-Contest, kann auch die Künstlerhaus-Passage mit Graffiti verschönert werden, es gibt einen Filmabend im Stadtlabor, wo Spike Lee’s Tragigkomödie „Do the right thing“ gezeigt wird, sowie Afterpartys im Heuer, Club U und Roxy. Am zweiten Tag werden Musiker wie Yarah Bravo, Average und Soia auftreten. Wir haben mit dem Hauptorganisator Lukas Kauer und P.tah von Duzz Down San, der für das Line-up zuständig ist, über Alltagsrassismus, die Wiener Stadtregierung und diskriminierende Raptexte gesprochen.

Interview: Julia Gschmeidler
Fotos: Alexander Gotter

The Message: Ihr habt bereits über 5.500 Zusagen bei eurer Facebook-Veranstaltung. Wie zufrieden seid ihr damit?
Lukas: Im Vergleich zum letzten Jahr ist das Hammer, da ist die Mega-Euphorie aufgekommen. Letztes Jahr waren knapp 1.000 Zusagen. Schauen, was wir noch rauskitzeln können, aber ich bin megahappy.

Worauf seid ihr bisher besonders stolz?
Lukas:
Auf die Bühne und das Front of House-Pult, wo jemand steht und den Ton steuert. Dieses Jahr müssen die Subwoofer nicht am Boden stehen. Die Boxen stehen oben, das heißt es gibt mehr Sound bis nach weiter hinten. Letztes Jahr ist der Bass nach fünf Metern komplett absorbiert …

Rap Against - The Message - Alexander Gotter _DSC2490Inwieweit ist die Technische Universität in das Projekt involviert?
Lukas:
Die TU gibt uns das Stadtlabor gratis. Eigentlich wollten wir den Brechtl-Saal, aber das ist genauso eine mühsame Geschichte wie letztes Jahr. Dass sie das nicht vorher gewusst haben, ist für mich reine Blasphemie. Ich hab den Mietvertrag für heuer schon vor dem ersten Rap Against unterschrieben, damit uns das nicht passiert. Wir waren echt megahappy, weil das eine coole Location ist. Im September wurde der  wieder gecancelt, weil sie vergessen hatten, Umbauarbeiten zu haben und nicht vermieten zu dürfen. Seit Oktober kacken wir da mit irgendwelchen Fachschaften herum. Nächstes Jahr brut und Wien Museum, TU tu ich mir nicht mehr an. (lacht)

Was haben die Architektur-Studierenden zum Festival beigetragen?
Lukas:
Die bauen mit uns den Urban Culture Pavillon. Das ist eine temporäre Ausstellungslandschaft, die bleibt drei Wochen fix am Platz stehen. Das ist ein Konstrukt aus Stahltafeln, es wird außen mit Graffiti beprüht und innen hast du eine Ausstellung zur Stadt von morgen. Mit dem Fokus Rassismus und woher er kommt. Die Stadt Wien hat Smart City-Zukunftsentwicklungspläne, wo soziale Inklusion ganz groß geschrieben wird. Der Sinn der Ausstellung ist, so eine riesengroße Thematik herzunehmen und auf lustig und verständlich darzustellen.

Wie anstrengend ist es, mit der Stadt Wien zusammenzuarbeiten?
Lukas:
Es ist lustig. Das letzte Treffen war wie bei Jesus mit seinen Jüngern beim letzten Abendmahl (lacht). Am Kinderspielplatz am Karlsplatz – gut für uns, weil durch die spielenden Kinder sind sie alle besänftigt, da lassen sie den Grant nicht raus. Wir haben einen neuen Rekord aufgestellt, letztes Jahr waren es zehn Beamte, heuer 15. Aber ich habe es taktischer angelegt. Das letzte Mal war nur der Kontakt mit der MA 36 (Veranstaltungswesen, Anm.), da haben alle Beamte erst am Platz ihre kritischen Fragen gestellt. Heuer hab ich den Schmäh umgedreht und alle vorher angerufen. 15 Leute, aber alles super geklappt in 20 Minuten. Jetzt haben wir’s heraußen.Rap Against - The Message - Alexander Gotter _DSC2510

Inwieweit braucht die Stadt Wien so ein Festival?
Lukas:
Es ist schon wichtig. Wir gehen nächstes Jahr mit Rap Against nach München, da hab ich einen sehr guten Vergleich, wie engagiert Städte im Bereich soziale Inklusion sind. Da ist Deutschland viel, viel weiter. Sogar in München, der konservativsten Stadt Deutschlands, gibt es jedes Jahr ein zwei- bis dreiwöchiges Fest gegen Rassismus, die antirassistischen Festwochen. Ich war heuer dort und hab es mir angschaut, super interessant. Viel mit Vorlesungen, Podiumsdiskussionen, in der ganzen Stadt gibt es eigene Ausstellungen und Museen. Das gibt’s in Wien nicht, das war eigentlich der Gedanke hinter Rap Against, dass man da eine kleine Vereinigung zwischen Künstlern und Vereinen schafft und einen Platz, wo alle Leute einmal im Jahr zusammentreffen.

P.tah: Davon kann es gar nicht genug geben. Egal, ob das einen musikalischen Schwerpunkt hat oder einen Bildungsreform-Charakter. Die Gegenbewegung zum Wahlverhalten der Österreicher und zu der Einstellung, das kann gar nicht genug sein. Alles was in die Richtung passiert, ist unterstützenswert. Für Leute aus meinem Umkreis und mich ist es erschütternd, wie viele Leute auf eine so unsympathische Art der FPÖ reinfallen oder sich einlullen lassen. Vor allem, wenn man Geschichten von Kindern mit Migrationshintergrund oder traumatisierten Familien kennt. Jedes Plakat, das man sieht, egal ob von den Konservativen oder den Rechten, ist wie ein Fußtritt und ein nicht Ernstnehmen der wahren Probleme und Sorgen der Leute. Ich unterstütz das total gern, weil ich mich als politischen Artist seh.

Ihr habt beide soziale Berufe. Wie spürbar ist Rassismus da?
P.tah:
Es geht an den Leuten im Schulsystem als auch im rechtlichen System vorbei, was Hilfe für traumatisierte Flüchtlingskinder oder Alleinerziehende mit Migrationshintergrund bedeutet. Es gibt zu wenig Unterstützung in jedem Sinn – ob psycho-sozial oder im sozialen Leben. Wenn man ein bisschen Gespür dafür entwickelt, desto wütender wird man auf vorherrschende Schlagzeilen, Medien und rechte Positionen.
Lukas: Umso mehr tut es weh.

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Das Festival ist auch gegen soziale Barrieren …
Lukas:
Das ist ein großer Begriff. Es ist immer irgendetwas da, was die Leute daran hindert, einander kennenzulernen und ihre Vorurteile abzulegen – das hab ich auch auf der HTL bemerkt.

Was sind eure Vorschläge, um so eine Kluft zu beseitigen?
Lukas:
Genau solche Veranstaltungen zu machen, wo sich Leute kennen lernen können, Zeit miteinander verbringen und sehen, dass diese Vorurteile nicht berechtigt sein.

P.tah:  Und bewusst gegen diese Stigmatisierung und Hetze aufzutreten, das auch öffentlich zu machen. Das bringt für viele schon einiges. Dem sogenannten „anderem“ das Gefühl zu geben: Da gibt’s Leute, die mich nicht sofort wegen meiner Herkunft, Religion oder meiner Sexualität in eine Schublade stecken. Zusätzlich bräuchte es viel mehr Interventionen vom Staat. Wie oft wäre es notwendig, dass Kinder, die Traumatisierungen erlebt haben, viel mehr Unterstützung bekommen als gute und nette Lehrer. Aber das gibt es nicht. Keine Psychologen, die vom Staat zur Verfügung gestellt werden, wenn es zu Konflikten in Klassen kommt. Leute vom Integrationshaus, der Caritas, die gehören mehr geschätzt, wie auch soziale Berufe generell. Sowohl von der Bezahlung, als auch von der gesellschaftlichen Akzeptanz passiert da zu wenig. Da muss mehr investiert werden – das braucht das Land und die Stadt.

Lukas: So wie P.tah sagt, man muss vor allem bei den jungen Leuten anfangen und ihnen zeigen, dass nicht alles richtig ist, was man irgendwo hört. Ein paar junge Helden der Neuzeit erschaffen.

Rap Against - The Message - Alexander Gotter _DSC2539P.tah: Die Rechten schaffen es leicht, die Sachen zu vereinfachen und runterzubrechen. Bei den Linken gibt es keine bewusste Position, die durchgezogen wird, es gibt viele verschiedene, die sich aber nicht so einfach vereinen lassen. Es ist fast besser, so ein übergeordnetes, kulturelles Programm zu so einem Festival zu machen, als nur eine Position. In der linken Theorie gibt es so viele unterschiedliche Aspekte, die man schwer unter einen Hut bringen kann, da ist es schön, wenn man es offen lässt und sagt: Rap against rassism und Ausgrenzung. Da fühlen sich dann mehr Leute angesprochen, als wenn du einen politischen Slogan hernimmst und sagst, da müssen sich alle drauf einigen.

Habt ihr es auch bei einer Partei um Unterstützung probiert?
Lukas:
Das wollten wir nie, weil ich es gut finde, wenn so ein Projekt unparteiisch ist. Sonst schreckt es manche auch ab, hinzugehen, weil sie nicht als Wähler gewonnen werden wollen. Die Stadt Wien ist klarerweise sehr SPÖ-nahe, aber offiziell sind wir unparteilich.

Glaubst du, die Unterstützung der Magistrate wäre anders gewesen wäre, wenn die Stadt nicht Rot-Grün regiert wäre?
Lukas:
Das ist einer der großen Gedanken, die ich habe. Die Wien-Wahl im Oktober wird sehr interessant und richtungsweisend. Ich hab schon ein bisschen Magenkribbeln, wenn man schaut, wie stark die rechte Partei bei der letzten Wahl wurde. Heuer muss man wählen gehen, das ist wirklich wichtig. Wenn es dann so kommen sollte, dass die rot-grüne Koalition gebrochen wird, kann ich mir sehr gut vorstellen, dass es dann sehr schwierig wird, Genehmigungen dafür einzuholen. Die Beamten werden sofort durch andere Führungskräfte ersetzt.

Manche Künstler haben ihren eigenen Weg gegen Rechts gefunden. Was haltet ihr von Nazars Hurenkinder-Sager beim Amadeus-Award?
P.tah:
Vielleicht braucht das Publikum vom Nazar das, es muss manchmal simpel gemacht werden für simplere Leute (lacht). Vielleicht hat’s auf den ein oder anderen einen guten Einfluss. Es ist ein bisschen bedenklich, dass andere politische Meinungen, die durchdachter sind, verschwinden, weil Nazar gerade so viel Aufmerksamkeit hat. Andererseits ist es ganz cool, denn jede Äußerung gegen Rechts ist gut. Nazar hat sicher seine Ausgrenzung erfahren, das sagt er auch immer wieder. Das glaube ich ihm sofort, das ist sicher nicht nur ein marktüberlegter Beef.

Wäre diese Erfahrung nicht ein Grund, ihn bei Rap Against als Artist zu engagieren?
P.tah:
Für mich gilt: Wenn politisch, dann ganzheitlich politisch. Ich würde es nicht gutheißen, wenn beim Rap Against total antifeministische oder homophobe Texte wiedergegeben werden. Da mach ich für andere HipHop-Freunde vielleicht einen zu harten Unterschied, aber in unserer Kommunikaton war das wichtig: Wenn es um Offenheit und gegen Ausgrenzung geht, dann darf da nichts vorkommen, was in irgendeiner Weise eine Minderheit schlechtmacht. Das passiert in vielen HipHop-Texten und ich kann auch von mir als Fan sagen, dass ich viele Texte höre, die diskriminierend, anti-feministisch oder schwulenfeindlich sind. Aber das heißt nicht, dass ich selbst solche Texte schreiben muss oder solche Artists einlade. Das wäre ein Schuss ins Knie, wenn dann eine andere Minderheit verletzt wird.

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Wie war das Feedback bisher auf das Line-up?
Lukas:
Es gab nichts Negatives, ganz im Gegenteil. Als wir Yarah Bravo verkündeten, haben das schon einige gefeiert. Es ist toll, dass es nicht vom Lineup abhängig ist, ob das Fest funktioniert oder nicht. Das macht es interessant, weil man mit Leuten arbeiten kann, die sich mega darüber freuen, eine Riesen-Crowd zu haben. Das freut uns, wenn die Artists mit einem Grinsen von der Bühne gehen und darin bestärkt werden, was sie tun.

Ptah: Ich kenn niemanden aus dem Umfeld von Nazar und ich glaub nicht, dass er als best verkaufter Rap-Act aus Österreich für lau da spielen würde. Das kann ich mir nicht vorstellen.

Es wird an verschieden Vereine gespendet. Woher kommen die Einnahmen dafür?
Lukas:
Wir haben Rap-Against-Bänder, die man untertags gegen eine freie Spende erwerben kann. Alles, was wir an Sponsorings aufstellen und überbleibt, wird gespendet. Mit der Gastro haben wir einen Deal, dass ab einem gewissen Umsatz so und so viel Prozent an die Vereine gehen.

Nach welchen Kriterien habt ihr die Vereine ausgesucht?
Lukas:
Das ist schon ein bisschen ein Persönlichkeitsbezug. Einer der Organisatoren hat bei Ute Bock seinen Zivildienst gemacht, wir machen auch noch den Punschstand auf der Mariahilfer Straße. Mit Zara hab ich sehr viel zu tun durchs Lighthouse. Amnesty ist einer der bekanntesten Vereine und deckt das ab, was Rap Against verkörpert. Und die Offensive gegen Rechts, zu denen ich auch einen persönlichen Draht habe. Manchmal sind sie auch zu extrem und lehnen sich zu sehr auf, aber prinzipiell finde ich es gut, dass es Leute gibt, die gegen Pegida auf die Straße gehen. Wenn die Offensive weg wäre, würde das niemand machen – und die sind wirklich in jeder Stadt gegen Pegida aufgetreten. Das bewundere ich.

See Also
Def Ill
„Ich bin besessen“ // Def Ill Interview

Welche Workshops finden statt?
Lukas:
Welche, die Vorfälle aus dem Alltag nachspielen, du wirst in eine unangenehme Situation versetzt und kannst an dir selber sehen, wie du reagieren würdest. Das machen wir mit der Jungen Bühne Wien und Viva Con Agua gemeinsam.

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Wie viel Zeit hast du schon in die Veranstaltung investiert?
Lukas:
(lacht) Ich zähl nicht mit, das ist ein Überzeugunsprojekt von mir. Aber jeden Tag sicher drei, vier Stunden. Ich mach auch noch die Forward Creative Conference und die Shirty, aber Rap Against verschlingt die meiste Zeit, wenngleich ich auch gerne die meiste Zeit dafür aufopfere, weil ich darin ein Riesen-Potential sehe. Wenn wir nächstes Jahr den Sprung nach Deutschland schaffen, kann es andere Dimensionen erlangen, weil hier einfach Grenzen gesetzt sind. München und Stuttgart sind fix, dann geht’s noch hoffentlich nach Hamburg. Da sollen dann österreichische und deutsche Acts auftreten.

Was passiert, wenns regnet?
P.tah:
Es wird nicht regnen, es wird sehr schön werden!

Lukas: In den Arsch beißen. Aber wir haben heuer eine überdachte Bühne …

P.tah: Bei Lukas’ Talent bin ich mir sicher, dass im letzten Moment ein Sponsoring einer Regenschirmfabrik dazukommt und alles gerettet wird.

Lukas: Ich war sehr überrascht, dass es Unternehmen gibt, die für so ein Projekt Kohle reinbuttern.

Ptah: Ihr traut’s euch das auch anzugehen. Ich bin mit Duzz Down San so richtig auf der anderen Seite, wir trauen uns nicht einmal, irgendeine Kooperation einzugehen. Wir vom Label haben keinen Bock, uns mit Journalisten zu treffen oder mit Kooperationspartnern zu betrinken, wir sind am Musik machen in der Zeit. Wir sitzen vor unseren Turntables, vor MPCs und unseren Texten. Es ist wirklich notwendig, dass sich jemand um so ein Projekt wie Rap Against kümmert, Duzz Down San ist ein Familiending und Plattform, jeder von uns war sofort dabei, dort zu spielen.

Lukas: Ich bin megahappy, den Peter kennen gelernt zu haben und dass sich so eine geile Symbiose ergeben hat. Es ist super, weil wir die Plattform bieten und sie diese bespielen, zusammen wird es Rap Against.

Rap Against rassism and social barriers, am 29. und 30. April 2015 am Wiener Karlsplatz. 
Und so war es letztes Jahr beim ersten Rap Against Festival:

 

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