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Paternoster: Weltberühmt In Österreich // Re-Issue-Talk mit Stephan Szillus

Was genau in den Quodlibet Studios am 9 und 10. März 1972 passierte, blieb in den Studioräumen. Fakt ist, dass diese Tage für eine Band – bestehend aus vier jungen Männern – eingeplant waren, um ihr selbstbetiteltes Album „Paternoster“ aufzunehmen. Und dass dieses Album dann für lange Zeit vergessen im Staub der österreichischen Musikgeschichte dahinvegetierte.

Doch Plattensammler sind manches Mal ein wenig verrückt. Da treibt die Sammelgier seltsame Blüten: Darf man für eine Platte über 1000 Euro ausgeben? Ist sie das wert? Woran misst sich dieser fiktive Wert, der ein wenig an Börsenkurse erinnert? Ist Preis gleich Qualität? Geht es hier noch um die Musik oder bereits um Anlagewerte? Denn außer der eigentlichen Auflage gibt es keinen Grund, weshalb eine österreichische Platte aus den 70ern mehr wert sein soll als – um einen aktuellen Vergleich zu bedienen – das Debütalbum von Prince.

Wien in den Siebzigern. Irgendwie ist noch der Mief der Bedeutungslosigkeit einer einstmaligen Weltstadt allgegenwärtig, wer etwas in der großen weiten (Musik-)Welt erreichen will, muss raus aus Wien. Keine 70 Kilometer weiter östlich endet die „freie Welt“, die wenigen Andersdenkenden versammeln sich in einschlägigen Lokalen in Wien. Die Szene ist gut, aber klein. Oftmals losgelöst von ökonomischen Perspektiven brodeln Bandexeperimente vor sich hin, die erst im Nachhinein und durch internationale Fingerzeige als ausgezeichnet betitelt werden können. Gebracht hat es den meisten Bands nichts, sie verschwanden oftmals recht rasch von der Bildfläche, sobald es ausgefallener, innovativer wurde. Etwas, das man in einer gewissen Art auch auf heute umlegen könnte. Eine dieser Formationen war Paternoster bestehend aus Gerhart Walenta, Gerhard Walter, Franz Wippel, und Heimo Wisser. Das selbstbetitelte Album ist eine Prog-Rock-Messe erster Güte und bietet unglaublich viele Breaks und Samplequellen. Spricht man mit Plattennerds über dieses Werk, gleicht die folgende Rede einer Ausführung  über den heiligen Gral. Gut, zugegeben, den Gral kennen wohl mehr Menschen als dieses Prog-Rock-Meisterwerk. Aber immerhin sollen Originale dieses superraren Albums um mehrere tausend Euro den Besitzer gewechselt haben — wenn sie ihn jemals wechselten. Jetzt gibt es eine erste offizielle Re-Issue auf dem amerikanischen Label Now Again Records. Dies wird von einem solchen eingangs beschriebenen Plattennerd betrieben: Eothen Alapatt, auch bekannt als Egon, war Stones-Throw-Records-General von 2001 bis 2010 und hat für diese Projekt mit einem Aushängeschild des deutschen Musikjournalismus und ehemaligen Juice-Chefredakteur Stephan Szillus einen Verbündeten gefunden.

The Message: Wie wurde dein Interesse an dieser Platte geweckt? Stephan Szillus: Ende 2014 postete Eothen Alapatt ein Bild einer Originalkopie, die er soeben erworben hatte, begeistert auf Instagram. Eothen ist übrigens der Manager von Madlib, der Nachlassverwalter des musikalischen Erbes von J Dilla und der Betreiber von Now-Again Records, einem auf Re-Issues spezialisierten Label in Los Angeles. Ich kenne ihn seit 2005, als ich Madlib und ihn einmal in Hamburg zum Interview und zum Plattendiggen traf. Als er das Bild der Paternoster-Platte postete, schrieb er dazu: ‚I will give great records to anyone who can put me in direct contact with any surviving band member. Seriously!‘ Ich hatte mich gerade mal wieder sehr intensiv mit dem Krautrock der frühen 70er-Jahre befasst — allerdings noch nicht mit Paternoster. Mein Jagdinstinkt war geweckt, und da ich viele Kollegen aus der österreichischen Szene und Industrie kenne, schrieb ich Eothen eine Mail, um mehr zu erfahren. Er schickte mir einen MP3-Rip von seiner Vinylkopie und als ich „Realization“ zum ersten Mal hörte, war es um mich geschehen.

Besitzt du die Original-Pressung? Nein, die ist mir viel zu teuer. Die letzten Kopien gingen auf eBay für Summen bis zu 10.000 US-Dollar weg. Ich bin ohnehin kein großer Vinylsammler, ich bin Musikjournalist. Mir geht es primär um die Musik, um die Geschichte ihrer Entstehung und ihrer Schöpfer und darum, sie zu konservieren und zu erzählen. Ich freue mich allerdings schon sehr darauf, bald unsere eigene Re-Issue auf Vinyl in der Hand zu halten.

Wusstest du, dass es sich dabei um eine österreichische Band handelt? Ja, das wusste ich von Anfang an. Eothen hatte es schon in seinem Instagram-Post erwähnt. Das machte gerade den Reiz für mich aus, da ich mich speziell für europäische Musik aus den frühen 70er-Jahren interessiere. Das war für mich eine der kreativsten und aufregendsten Perioden der Popkulturgeschichte. Liegt vielleicht auch daran, dass meine Eltern der sogenannten 68er-Generation entstammen und ich mit der Musik von Can, Tangerine Dream oder Klaus Doldingers Passport aufgewachsen bin.

Gibt es deines Erachtens nach etwas Spezifisches an dieser Platte, etwa hinsichtlich des Klangs oder des österreichischen Einflusses? Ich finde schon, dass die Platte in ihrer Mischung aus Melancholie, Fatalismus, Verspieltheit und tiefschwarzem Humor etwas sehr typisch Österreichisches, oder sagen wir, speziell Wienerisches hat. Wobei das natürlich auch ein Klischee ist. Die Musik ist tatsächlich eher international und stark von britischen Prog-Bands wie Pink Floyd oder Soft Machine beeinflusst, aber auch ein bisschen vom amerikanischem Fusion Jazz, den besonders der Bassist Haimo Wisser liebte.

Wie siehst du diese Platte im Vergleich zu anderen Releases, die ungefähr zur selben Zeit herausgekommen sind — vor allem im Vergleich zu Platten von Eela Crag, Isaiah, Gipsy Love oder Birth Control in Deutschland? Die Platten kenne ich bis auf Birth Control nicht. Ich bin Krautrock-Fan, habe mich aber mit der österreichischen Seite dieser Szene bislang wenig beschäftigt. Werde ich jetzt aber definitiv tun! Ich finde jedenfalls, dass Paternoster im Vergleich zu vielen deutschen Platten der Ära sehr eigenständig klingt und musikalisch auf hohem Niveau agiert. Insbesondere Haimo Wisser und Gerhard Walter beherrschten ihre Instrumente beängstigend gut. Die Texte, die Franz Wippel teilweise zusammen mit Haimo Wisser und jeder Menge Rum  schrieb, sind sehr besonders in ihrer intellektuellen Misanthropie, genau wie Wippels Stimme, die Eothen so treffend und kaum übersetzbar als „world-weary drawl“ bezeichnet.

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Wie sehen deine Kenntnisse über die Wiener Musikszene zu Beginn der 70er-Jahre aus? Die sind nicht üppig, aber immerhin bekam ich ein paar Einblicke von Franz Wippel persönlich: Dass es damals eine kleine progressive Szene gab, die sich in Clubs wie Camera, Voom:Voom, Exil und Wunderbar traf, in denen die Mitglieder von Paternoster ein- und ausgingen. Wippel erwähnte keine konkreten Bands, mit denen sie damals in Austausch standen, aber er sagte, man kannte sich schon untereinander. Paternoster teilten sich für eine Zeit einen Proberaum mit einer anderen Wiener Band, Novaks Kapelle, und mit Peter Schleicher, dem kürzlich verstorbenen Keyboarder. Trotzdem waren Paternoster so etwas wie Außenseiter in ihrer eigenen Szene. Viele wussten gar nicht, dass sie eine Wiener Band waren. Viele dachten: Das ist so eine seltsame Art-Rock-Band, die Soundtracks zu experimentellen Kunstfilmen schreibt, die sogar auf der Berlinale laufen, also können sie schon mal keine Österreicher sein.

Gab es Kontakte zum bayrischen Label Ohrwaschel, das die Platte zuvor als Re-Issue veröffentlichte? Nein. Franz Wippel und die Band hatten auch nie Kontakt zu diesem Label. Die haben ihre Re-Issue komplett ohne Mitwirkung oder Einverständnis der Band veröffentlicht. Fans hatten ihm vor vielen Jahren mal die Re-Issue auf Vinyl und CD zugeschickt — in der Hoffnung, dass er ihnen im Gegenzug die Namen von Freunden und Verwandten nennen würde, die noch alte Originalkopien zu Hause herumstehen haben und bereit wären, diese günstig abzugeben.

Worin liegen die Unterschiede zu deren Neuauflage? Es ist die erste Re-Issue, die unter Mitwirkung und mit dem Einverständnis der Band entstanden ist. Daher kann Now-Again übrigens auch Samples des Materials clearen — vielleicht eine wichtige Information für alle HipHop-Producer und Beat-Digger da draußen. Thomas Wisser (Wisdom, Anm. der Red.), der Sohn des leider verstorbenen Haimo Wisser, war ebenfalls involviert und gab der Re-Issue seinen Segen. Wir haben in monatelanger Arbeit ein sehr umfangreiches Booklet mit ausführlichen Liner-Notes und vielen unveröffentlichten Fotos entworfen. Außerdem ist es eine klanglich hochqualitative Re-Issue, die von Dave Cooley remastert wurde, der auch schon viele Platten von Dilla, Madlib oder Adrian Younge gemacht hat. Die Platte klingt spektakulär gut.

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Wie erfolgte die technische Umsetzung hattet ihr Zugang zu den originalen Bändern? Nein, die Bänder scheinen verschollen zu sein. Jedenfalls weiß niemand, mit dem wir gesprochen haben, wo sie sich befinden könnten. Das Label CBS Austria wurde bereits in den frühen 90ern-Jahren geschlossen, die Archive sind verloren. Wir haben den Ton daher von einer sehr gut erhaltenen originalen Vinylkopie abgenommen. Dave Cooley war für das originalgetreue Re-Mastering zuständig. Ich möchte behaupten, dass es die mit Abstand am besten klingende Re-Issue dieses Albums ist, die es jemals auf dem Markt gab.

Welche Rolle spielten die Gespräche mit dem letzen Bandmitleid Franz Wippel? Vieles hat sich durch die Gespräche mit Franz Wippel  überhaupt erst erschlossen. Von ihm haben wir die spannende Geschichte dieser Band zum ersten Mal erfahren. Wir wussten quasi nichts, als wir uns auf die Suche gemacht haben, außer die Namen der ehemaligen Bandmitglieder und dass sie damals in Wien gelebt hatten. Außerdem gab es ein paar Gerüchte und Märchen aus Internet-Foren und eBay-Beschreibungen von Sammlern. Die wahre Geschichte von Paternoster habe ich in mehreren stundenlangen persönlichen Gesprächen mit Franz Wippel, Thomas Wisser, Kurt Orator, dem damaligen Freund und Fotografen der Band, sowie Hardy Walenta zusammengetragen. Und diese Geschichte erzählen wir eben im ausführlichen Booklet der Re-Issue.

Welchen Anteil hat diese verschüttete Geschichte an der Aura der Platte? Ja, die ist ganz sicher ein Teil der Aura. Und natürlich wird diese Aura ein Stück weit entmystifiziert, je mehr man über die Geschichte erfährt aber gleichzeitig auch nicht. Es gibt viele interessante Details, trotzdem blieb bei unseren Nachforschungen vieles ungeklärt. Beispielsweise konnten wir den ehemaligen Gitarristen Gerhard Walter nicht auftreiben. Unsere wahrscheinlichste Information lautet, dass er Architektur studiert habe und später bei der Stadt Wien in der Verwaltung gearbeitet haben soll.

Wie erfolgte die Kontaktaufnahme mit den Bandmitgliedern? Franz Wippel habe ich über seinen ehemaligen Arbeitgeber, den Radiosender Ö3, ausfindig machen können. Der Kontakt zu Thomas Wisser kam über eine österreichische Freundin von Eothen. Ich habe beide zusammen im März 2015 in Wien im Hotel am Brillantengrund getroffen. Hardy Walenta habe ich später über ein paar Bekanntschaften aus der österreichischen Musikindustrie aufstöbern können und mit ihm telefoniert, obwohl er bis heute kein Mobiltelefon und keine E-Mail-Adresse hat. Gruß und Dank an dieser Stelle an Martin Brem, Walter Gröbchen und Eva Caroselli. Am Ende war es eine klassische journalistische Recherche über unser gemeinsames Kontaktnetzwerk.

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Paternoster Front Cover

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