Sound für Boys mit zurückgewichsten Haaren // Zugezogen Maskulin live

Alle Fotos: Alexander Gotter

Wir befinden uns im Jahre 2018. Selbstbeweihräucherung, die mantraartig wiederholte Betonung der eigenen Authentizität und teure Schuhe sind der inhaltliche Status Quo im deutschsprachigen Rapgame. Im ganzen deutschsprachigen Rapgame? Nein! Eine kleine Rapcrew aus Dörfern, so klein, dass man sie auf der Karte nur mit Lupe findet, kam vor ein paar Jahren nach Berlin um MCs mit ihren Fehlern zu konfrontieren – und mit ihnen gleich die ganze kranke Gesellschaft.

So zumindest lautet der allgemeine Tenor der HipHop-Medien sowie des fachfremden Feuilletons. Am Samstag machen grim104 und Testo aka Zugezogen Maskulin Tourstopp in der Grellen Forelle in Wien. Ein buntes Publikum wartet ungeduldig auf die beiden Rapper, die den Abend mit dem Intro ihres aktuellen Albums „Alle gegen Alle“ eröffnen. Nach wenigen Lines ist klar: Das Konzert wird hart. grim104 brüllt sich ab der ersten Minute die Seele aus dem Leib, während Testo den etwas gefassteren Gegenpart spielt.

Zielscheibe der Hasstiraden sind laut „Nachtbus“ ausnahmslos alle. So bekommen Politiker und Rapper, Großstadthipster und Dorftrottel gleichermaßen vor den Latz. Die Selbstironie kommt dabei nicht zu kurz. Das Geheimnis für ein verdoppeltes Publikum seit dem letzten Wienkonzert liegt nicht nur in den gesellschaftskritischen Texten, sondern begründet sich zu großen Teilen durch eingängige, fast schon poppige Hits wie „Alle gegen Alle“. Der Track sticht tatsächlich aus der bisherigen Tracklist heraus. Die Hook ist melodiös und einprägsam, der treibende Elektrobeat könnte auch zu Casper passen – Silkersoft sei Dank. Ebenfalls elektronisch, aber deutlich härter geht es in „Oi!“, „Ayahuasca“ oder „Steffi Graf“ zu. Die brutalen Bässe und das pulsierende Lichternetz der Grellen Forelle sind die perfekte Umgebung für die aggressiveren Songs.

Wie in den Songs lassen sich grim104 und Testo auch zwischen den Liedern über all die Dinge aus, die ihnen gegenwärtig den Nerv rauben: Artikel über Zugezogen Maskulin auf Bento.de (die mit dem „Welcher Bürgerkrieg bist du?“-Quiz, ihr wisst Bescheid), Rapper aus Bietigheim-Bissingen, Schuhe von Geox und … Fat-Shaming. Letzterem wird mit kollektivem Bauchtrommeln entgegengewirkt, was zu einer skurrilen Geräuschkulisse im Publikum führt. Natürlich mündet das ganze Spektakel im Track „Guccibauch“.

Zugezogen Maskulin spielen das gesamte Album „Alle gegen Alle“, darunter auch ruhigere, teils nachdenkliche Nummern wie „Teenage Werwolf“ oder „Der müde Tod“. Ein Live-Geiger versucht mit getragenen Melodien für melancholische Stimmung zu sorgen, wirkt dabei aber leider schrecklich fehl am Platz. Positiv im Gedächtnis bleiben dann eher Hits der letzten Platte wie „Alles brennt“„Plattenbau O.S.T.“, die Anti-Kiffer-Hymne „Grauweißer Rauch“ (bei der trotzdem alle plötzlich Sportzigaretten anzünden) sowie die absurde grim104-Solonummer „Frosch“ aus der „grim104“-EP.

Fazit: Zugezogen Maskulin suchen die Abgründe im Menschen und präsentieren sie für alle sichtbar. Sozialkritik ist im deutschsprachigen Rap gar nicht so selten. grim104 und Testo sind dabei aber wütender als K.I.Z. (und nicht so alt), nicht so ekelhaft wie Trailerpark und musikalisch stilvoller als die Antilopengang. Sie bieten eine sehr energetische Liveshow und finden in der Grellen Forelle die perfekte Location dafür. Wenn man zwei Stunden lang mit den Fehlern der Gesellschaft konfrontiert wird, denkt man sich für einen Moment: Wo bleiben die Lösungen? In den Texten der Band wird einem lediglich der Suizid nahegelegt („Stirb!“). Einen Tag später grüble ich allerdings immer noch über manche Zeile. Zugezogen Maskulin liefern vor allem Denkanstöße, was wir daraus machen wird uns schließlich selbst überlassen.

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