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Hass für Generation Alessio: „Alle gegen alle“ von Zugezogen Maskulin // Review

 
(Four Music/Sony Music/VÖ: 20.10.2017)

Neben allen Vorzügen und Bequemlichkeiten ist das Internet auch die „Stunde der Stümper“, wie Schriftsteller Andrew Keen scharfsinnig vor wenigen Jahren feststellte. Eine Diagnose, die vom kulturpessimistischen Rapper-Duo Zugezogen Maskulin wohl gerne unterschrieben wird. Ohne Internet geht es bei den beiden zwar natürlich nicht, aber die Stümpereien im Cyperspace sind für grim104 und Testo nur ganz schwer zu ertragen; die Begeisterung über jeden Clickbait-Artikel, über Quizze der Marke „Welcher Bürgerkrieg bist du?“, über journalistisch verpacktes Advertising und die „Bims“-Sprache (hehe) lässt sich auf ihrem neuen Album „Alle gegen alle“ gar nicht überhören. „Was für eine Zeit, um am Leben zu sein“, wie es in der ersten Videosingle so schön sarkastisch heißt. 

War bereits der Vorgänger „Alles brennt“ eine einzige Abrechnung mit dem gegenwärtigen Zustand der Gesellschaft, führt der Nachfolger diesen Geist nahtlos fort. Neben einer treffenden Beschreibung schauriger Internet-Phänomene beweisen grim104 und Testo erneut den Blick für große gesellschaftliche Zusammenhänge, heikle politische Themen werden auf intelligente Weise beleuchtet: „Uwe & Heiko“ ist eine kluge Auseinandersetzung mit Wendeverlierern und ragt auf dem Album ebenso heraus wie die DDR-Abhandlung „Steine & Draht“ oder die Mensch-Maschine-Beziehungsgeschichte „Vor Adams Zeiten“. Bei all den bedeutenden Sujets wird jedoch die rappende Konkurrenz nicht vergessen, besonders Hypebeast Rin bekommt sein Fett ab: „Es ist 12 Uhr, du kaufst dir Supreme/Soll noch einer sagen, Rapper haben nichts zu erzählen/Ein Uhr, jeder deiner Trottel-Fans kauft’s auch/Zwei Uhr – Supreme schon wieder out“, rappt Testo in „Steffi Graf“. Das sitzt und ist ebenso unterhaltsam wie die Dutzenden nerdigen Rapanspielungen, mit denen unter anderem Casper, die Antilopen Gang oder Fler auf „Alle gegen alle“ Eingang finden und welche die Hasstiraden über „Generation Alessio“ ein wenig auflockern. 

Die sind nämlich außerordentlich ausgeprägt und in verschiedensten Facetten auf „Alle gegen alle“ vorhanden. Da wäre zunächst der Berlin-Hype, den sich grim104 und Testo erneut mit allen Kräften widersetzen. In „Nachtbus“ wird auf skurrile Weise vorgeführt, dass Stadtluft eben nicht nach Freiheit, sondern genauso beschissen riecht wie die am Land. Auf dem Land verdreschen die Ronjas ihre Kinder, in der Stadt schreiben die Ronjas Bücher über Tinder, Zugezogen Maskulin hasst sie alle gleich. Dieser Emotion lassen sie auch freien Lauf, wenn von der fruchtbaren Symbiose zwischen Hypekids und Deutschrap die Rede ist. Dafür fehlt ihnen nämlich komplett das Verständnis, wovon „Yeezy Christ Superstar“ zeugt. Mit Zeilen wie „HipHop hieß auf einmal unsere Väter haben Geld/Und wir campen für die Yeezys vor dem Solebox in ’nem Zelt“ liefert grim darin sogar den stärksten Part der Platte ab – jede Zeile passt und ist ein Manifest seiner starken Beobachtungsgabe. Er muss wohl auch ein paar „How Much Is Your Outfit Worth?“-Videos in seinem YouTube-Verlauf haben, bei dem Insiderwissen. Zugeben wird er das eher nicht.

An K.I.Z. in ihren besten Tagen (also vor, um und bei „Hahnenkampf“) erinnern die Tracks „Stirb!“ über Jugendwahn und „Der müde Tod“, in dem der Sensenmann als Malocher kurz vor dem Burnout charakterisiert wird. Trotz des aberwitzigen Humors in den Lyrics fällt einem das Lachen schwer, zu ernst schwingen die Untertöne mit. Eine amtliche Leistung, die zu dem generell hohen lyrischen Niveau der Platte passt. Raptechnisch gibt es zwar einige Abstriche, dennoch ist bei Testo eine deutliche Steigerung zu den ersten ZM-Releases bemerkbar, grim entzieht sich sowieso jeder Kritik. Die Hooks wirken ausgereifter, der Synthie-Sound, für den sich Silkersoft zuständig zeigt, fällt weniger verspielt und geradliniger aus. Die Bässe ballern böse, sogar manch Footwork-Element findet Eingang. In den meisten Fällen untermalen die Beats die Lyrics auf ansprechende Weise, da sind Fehltritte wie auf „Yeezy Christ Superstar“ mit dem zu soften Instrumental zu verschmerzen.

Fazit: „Alle gegen alle“ enthält alle guten Eigenschaften, die Zugezogen Maskulin ausmachen. Testo und grim104 sind immer noch unfassbar wütend, hassen alles und jeden und beweisen dabei noch Humor. Einfach eine sehr unterhaltsame Rezeptur, die dazu noch zum Nachdenken anregt. Wenn so etwas herauskommt, kann man manch „Welcher Bürgerkrieg bist du?“-Quiz in Kauf nehmen. Was für eine Zeit, um am Leben zu sein. 

4 von 5 Ananas

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