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„Maga Don Pay!“ // Wie die „Yahoo Boys“ HipHop regieren

Viele HipHop-Szenen werden mit dubiosen Geschäftspraktiken assoziiert. Doch nirgends spielt Internetkriminalität eine so große Rolle wie in Nigeria. Über eine Szene, die spiegelbildlich für eine korruptionsgeplagte Gesellschaft steht. 

Straßenmalerei in Abuja // (c) Ogelamar via unsplash.com

2008 sorgte das Londoner Festival „Africa Rising“ mit ungewöhnlichen Bildern für Schlagzeilen. Hauptprotagonist war der ehemalige Vier-Sterne-General und US-Außenminister Colin Powell, der während eines Auftritts des nigerianischen Rappers Olu Maintain auf der Bühne auftauchte. Dort verschränkte Powell nicht stoisch seine Arme oder klatschte brav in die Hände, im Gegenteil. Vom treibenden Afro-Beat der Olu-Maintain-Nummer „Yahoozee“ animiert, vollführte Powell weniger elegante, aber umso skurriler anmutende Disco-Bewegungen. Eine Form der Selbstironie, wie man sie von einem ehemaligen ranghohen Militär nicht unbedingt erwartet. Doch es war nicht alleine der Tanzstil Powells, der für Aufregung sorgte.

Die Pikanterie lag im Song, zu dem sich Powell in Disco-Pose warf. „Yahoozee“ klingt zwar wie eine gewöhnliche Feel-Good-Afro-Pop-Nummer, gemacht für Strandbars und Großraum-Diskotheken. Der Inhalt des Songs ist aber keineswegs harmlos, beschreibt er den hedonistischen Lifestyle der nigerianischen „Yahoo Boys“. Diese verdienen ihr Geld mit Internetbetrug, vorzugsweise ausgeführt mittels betrügerischer E-Mails. Ein Verbrechen, das in Nigeria „Yahoo Yahoo“, nach dem bekannten E-Mail-Dienst, genannt wird.

„Yahoozee“ bescherte Olu Maintain einen großen Erfolg, führte aber gleichzeitig zu Diskussionen. Im Dezember 2018 äußerte er sich in einem Interview mit der nigerianischen Tageszeitung The Punch zu dem Vorwurf, „Yahoozee“ würde die Geschäftsgebaren der „Yahoo Boys“ glorifizieren. Olu Maintain wies solche Anschuldigungen als Fehlinterpretationen von sich. Angesichts des eindeutigen Titels seines Songs ein bemühter Versuch.

Allerdings bewies Olu Maintain mit dem Zeitpunkt des Interviews gutes Timing, bekam das Thema wenige Monate später erneute Hochkonjunktur. Der Auslöser war neben den öffentlichkeitswirksamen Verhaftungen von „Yahoo Boys“ durch die Strafverfolgungsbehörde EFCC („Economic and Financial Crimes Commission“) wieder einmal ein Rap-Song, diesmal von Naira Marley und Zlatan.

Inhaltlich geben sich Naira Marley und Zlatan auf ihrer Trap-Nummer „Am I A Yahoo Boy“ deutlich selbstkritischer als Olu Maintain auf seinem Partykracher. Der Wirbel um ihren Track ist aber weitaus größer. Dafür sorgte Naira Marley mit umstrittenen Kommentaren auf Instagram und mit seiner Verhaftung durch die EFCC. Die wirft dem Rapper Internetbetrug vor. Der Fall Naira Marley führte dazu, dass sich die nigerianische HipHop-Szene im Jahr 2019 wieder die Gretchenfrage nach dem Umgang mit Cyberkriminellen stellen muss.

Viele Wege führen zum Geld 

Jemand, der die „Yahoo Boys“ genau kennt, ist Suleman Lazarus. Der österreichische Soziologe lebt und lehrt in Großbritannien, gegenwärtig ist er Gastdozent an der University of Greenwich. 2018 veröffentlichte er eine empirische Studie zum Verhältnis zwischen Cyberkriminellen und HipHop-Künstlern, eine der bis dato besten Abhandlungen zu diesem Phänomen. Lazarus berichtet im Interview mit The Message vom großen Einfluss, den die „Yahoo Boys“ auf die HipHop-Szene haben: „Einige der talentiertesten Musiker in Nigeria werden von ‚Yahoo Boys‘ finanziert. Die Banken geben Musikern kaum Kredite, selbst wenn der Darlehensantrag positiv ausfällt. Die ‚Yahoo Boys‘ sponsern viele Künstler, die sonst keine Möglichkeit hätten, Musik zu machen.

An Geld mangelt es den „Yahoo Boys“ nicht. Genaue Summen sind nicht verfügbar, aber einen Einblick in die Dimensionen geben Zahlen des FBI. Für das Jahr 2018 beziffern Opfer von E-Mail-Geschäftsbetrug in den USA eine Schadenssumme von 1,2 Milliarden Dollar. Weltweit gemessen rangiert Nigeria bei Cyberkriminalität auf Rang drei, nach den USA und Großbritannien. Ein stattlicher Teil der genannten Summe dürfte daher in Nigeria gelandet sein.

Bei den Betrugsmaschen sind nigerianische Internetkriminelle breit aufgestellt, erklärt Declan Hiscox von der Informationsplattform Watchlist Internet. Neben der Geschichte des nigerianischen Prinzen, der dem Opfer einen hohen Gewinn in Aussicht stellt, wenn dieses vorab Geld überweist, gehört der Liebesbetrug beziehungsweise „Romantic Scam“ zu den bevorzugten Methoden: „Die Kriminellen schlüpfen in gestohlene Identitäten, zum Beispiel Facebook- oder Instagramprofile, und spielen die große Liebe vor. Um Treffen zu vereinbaren oder wegen angeblicher finanzieller oder gesundheitlicher Probleme werden die Opfer zu Geldüberweisungen gedrängt“, so Hiscox gegenüber The Message.

Die nigerianische Journalistin Olivia Ndubuisi weiß ebenfalls davon zu berichten. Ndubuisi arbeitet für BBC Media Action und den Radiosender Darling 107.3 FM, was man im Gespräch mit ihr schnell heraushört, so selbstsicher wirkt ihre Sprache, so unaufhaltsam sprudeln die Wörter aus ihrem Mund. Ihr gelang vergangenes Jahr ein großer Coup, konnte sie für das Magazin The Nerve Africa eine Gruppe von „Yahoo Boys“ im Südosten Nigerias infiltrieren. Auch sie hebt gegenüber The Message deren Flexibilität hervor: „Die ‚Yahoo Boys‘ haben verschiedene Geschäftsfelder. Die einzige Konstante ist, dass das Opfer aus den USA oder Europa kommt. Sonst sind die ‚Yahoo Boys‘ enorm flexibel.“

Alles Politik 

Figurativ fand Internetkriminalität bereits 1990 unter dem Paragrafen „419“ Eingang ins nigerianische Gesetzbuch, die Entstehung der „Yahoo Boys“ konnte das trotzdem nicht verhindern. Korruption epidemischen Ausmaßes, die sich bis heute durch diverse Lebensbereiche zieht (nach dem Korruptionswahrnehmungsindex 2018 befindet sich Nigeria auf Platz 144 unter 180 Ländern), grassierende Armut und Jugendarbeitslosigkeit (im Juli 2018 36,5%), zunehmende Urbanisierung und der vereinfachte Zugang zu neuen Kommunikationstechnologien begünstigten das Entstehen und das Ausbreiten der „Yahoo Boys“. Eine oftmals vergessene Komponente kommt aus dem Westen: Elektroschrott, der in den nigerianischen Häfen landete, nahm für die Herausbildung der kriminellen Netzwerke eine bedeutsame Rolle ein.

Politische Maßnahmen erwiesen sich schließlich als Katalysatoren der nigerianischen Internetkriminalität. Den Grundstein legte der zwischen 1985 und 1993 regierende Militärdiktator Ibrahim BabangidaDie unter ihm durchgeführten Deregulierungen im Außenhandel und im nigerianischen Bankensektor brachten eine Abwertung der damals ohnehin schon schwachen Währung Naira mit sich, wodurch ausländisches Geld zu einer Notwendigkeit wurde. Ein Nährboden für Betrugsgeschäfte mit ausländischen Opfern. Das korrupte Verhalten der Elite rund um Babangida diente den „419“-Betrügern auch als Legitimationsgrundlage für ihr illegales Geschäft. Eine negative Vorbildwirkung.

Ein Zustand, der sich unter Babangidas Nachfolger Sani Abacha (Präsident zwischen 1993 und 1998) nicht änderte. Dessen schamlose Korruption verschaffte den Cyberkriminellen sogar neue kreative Impulse. Beliebt war der Trick, sich in E-Mails als Witwe oder Sohn von Sani Abacha auszugeben. In der E-Mail stand das Versprechen, dass das Opfer für die Kooperation in Form einer Geldüberweisung an einem Millionenbetrag, den die Witwe oder der Sohn Sani Abachas auf einem geheimen Konto geparkt hätte, teilhaben dürfte. Ein Trick, der erstaunlich oft funktionierte.

Für die gegenwärtige Betrachtung der Internetkriminalität in Nigeria ist dieser sozio-historische Kontext essentiell. „Wenngleich es für uns angemessen ist, die Taten der ‚Yahoo Boys‘ zu verurteilen, müssen wir berücksichtigen, dass viele ‚gesetzestreue‘ nigerianische Staatsbürger ähnliche Praktiken aufwenden, wenn es um die Unterschlagung von öffentlichen Geldern geht. Es ist es wichtig, den sozialen Kontext zu betrachten, aus dem die ‚Yahoo Boys‘ entstanden sind“, so Suleman Lazarus.

Die „Yahoo Boys“ sind daher das Produkt einer Gesellschaft mit Korruption in sämtlichen Lebensbereichen. In der Seilschaften über Können stehen. Eine materialistische Gesellschaft, in der Reichtum zählt, der Weg zum Geld hingegen nur geringe Bedeutung hat. Eine Manifestation von 50 Cents „Get Rich Or Die Tryin'“-Mantra. Dass sich unter den „Yahoo Boys“ viele Studenten tummeln, ist ebenfalls kein Zufall. Kaum Jobs für gut ausgebildete Jugendliche erleichtern ein Abgleiten in die Welt der „Yahoo Boys“. Eine Welt, die noch dazu mit einem spezifischen, für viele erstrebenswerten Luxus-Lifestyle wirbt, der sich mit den Wunschvorstellungen vieler Rapper überschneidet.

Der Lifestyle der Reichen und Gefährlichen 

Im Laufe der Jahre bildeten die „Yahoo Boys“ eine Subkultur, die über ein eigenes Vokabular verfügt. Betrugsopfer werden beispielsweise als „Maga“ bezeichnet. „Maga“ ist ein Slangausdruck für „Mgbada“, den Igbo-Begriff für „Antilope“. Ein Wink, dass „Yahoo Boys“ ihren „Scam“ als eine Art Jagd wahrnehmen, in der sie selbstverständlich in die Rolle des Jägers schlüpfen.

Auch abseits der sprachlichen Charakteristika sind „Yahoo Boys“ auffallende Gestalten. Das liegt am eigentümlichen Habitus: „Einen ‚Yahoo Boy‘ erkennt man an seinem extravaganten Verhalten. Er fährt sehr teure Autos und schmeißt im Nachtclub mit Geld um sich; wenn man jemanden dort sieht, der mit Geld nur um sich wirft, dann ist das fast immer ein ‚Yahoo Boy’“, sagt Olivia Ndubuisi. Oder, um Olu Maintains „Yahoozee“ zu zitieren: „If I hammer, first thing na Hummer.

Dieser prahlerische Umgang mit Geld schafft Status. Die erfolgreichen „Yahoo Boys, die in der ganginternen Hierarchie oben stehen, werden als „Big Boys“ angesehen. Dieser Status will in den sozialen Netzwerken untermauert werden. Auf Instagram finden sich etliche Fotos der bekannten „Yahoo Boys“, auf denen sie mit ihrem Reichtum protzen. Schnappschüsse, die an Songs wie „B.M.F.“ von Rick Ross oder „I Get Money“ von 50 Cent erinnern. Eine Weiterführung des nigerianischen „High Life“, das einige wenige Privilegierte in Nigeria während des Ölbooms in den 60er-Jahren führen konnten.

Die „Yahoo Boys“ unterscheiden sich durch diese Offenheit vom Gros gewöhnlicher Internetkrimineller, die ein Leben in der Anonymität bevorzugen. Die „Yahoo Boys“ sind stattdessen inmitten der Öffentlichkeit zu finden, betätigen sich als Schauspieler oder als Rapper. Ihr Weg in die HipHop-Branche ist allerdings keine Einbahnstraße. Das zeigen die Beispiele Dammy Krane und Sauce Kid, prominente Figuren der nigerianischen HipHop-Szene, die in den Vereinigten Staaten für „Yahoo Boy“-typische Betrugsdelikte verhaftet wurden. Die Frage, ob manch nigerianischer Rapper mehr „Yahoo Boy“ oder mehr Rapper ist, lässt sich nicht einfach beantworten. Zwar ist nicht jeder nigerianische Rapper als sogenannter „Scammer“ unterwegs, wie Olivia Ndubuisi betont. Die Grenzen zwischen beiden Welten sind in vielen Fällen jedoch fließend.

Alte Geschichten, neu verpackt

Betrügereien zur Geldbeschaffung datieren in Nigeria auf das Prä-Internetzeitalter zurück, die Geschichte des „spanischen Gefangenen“ ist ein Vorläufer des nigerianischen Prinzen-Tricks und wurde bereits im 19. Jahrhundert angewendet. Ebenso bekannt ist die Thematisierung eines betrugsfinanzierten Lebensstils in der nigerianischen Musikszene. „Bereits in der Juju-Musik und in der High-Life-Musik in den 1970ern und 1980ern gibt es Lyrics über wohlhabende Individuen, die ihren Reichtum kriminellen Machenschaften verdanken“, so Suleman Lazarus, der auf Songs berühmter nigerianischer Künstler wie Ogbogu OkonjiOliver De Coque oder Afro-Beat-Legende Fela Kuti verweist.

Als Blaupause für einen Song, der sich dezidiert mit Internetbetrug auseinandersetzt, gilt „Mobolowowon“ von D’Banj, veröffentlicht im Jahr 2003. Über ein heiteres Instrumental mit Mundharmonika-Elementen erzählt D’Banj die Geschichte von einem Kreditkartenbetrug in London, inklusive einer anschließenden Flucht vor den Gesetzeshütern.

Die „Yahoo Boys“ selbst brachte der Schauspieler und Comedian Nkem Owoh 2005 mit seinem Song „I Go Chop Your Dollar“ musikalisch ins Spiel. Die Hook des Songs lautet vielsagend „You be the mugu, I be the master“. Unterstützt von einem ulkigen Video, zog „I Go Chop Your Dollar“ ein beachtliches Maß an Aufmerksamkeit auf sich; auch die der staatlichen Behörden, die den Song kurzerhand verbannten. Wie authentisch Owoh seine Rolle verkörperte, zeigte sich zwei Jahre später, als die niederländische Polizei ihn verhaftete. Die Anschuldigung, die später fallen gelassen wurde: Partizipation bei einer Internetbetrugsmasche.

2007 folgte Olu Maintain mit „Yahoozee“, 2008 Kelly Hansome mit „Maga Don Pay“, eine über vier Minuten lange Glorifizierung von Internetbetrug, kombiniert mit spirituellen Anstrichen, die sich insbesondere am Gebrauch des religiösen Ausrufs „Halleluja“ zeigen. Kelly Hansome predigt in „Maga Don Pay“ von der Geduldsamkeit beim Betrugsgeschäft im Internet, die sich finanziell auszahlt. Mit dem Rückenwind des Erfolgs dieser Nummern stieg in den Folgejahren die Zahl an Songs mit Bezug zu den „Yahoo Boys“ stark an. Zu plakativen Titeln wie „Yahoo Boyz“ von X-Busta reiht sich eine Unmenge an Tracks, in denen an die „Yahoo Boys“ referenziert wird. „Es gibt viele Songs mit der zentralen Message, dass es egal ist, wie du das Geld machst. Hauptsache, du machst es. Da ist der Weg zu den ‚Yahoo Boys‘ nicht weit“, sagt Olivia Ndubuisi.

Keine nigerianischen Robin Hoods

Das oberflächlich generöse Verhalten von „Yahoo Boys“ gegenüber Musikern geschieht nicht ohne Eigennutz. „Die ‚Yahoo Boys‘ müssen ihr Geld waschen, und da bietet sich das Musikgeschäft an“, stellt Olivia Ndubuisi klar. Global gesehen ist das kein Unikum. Über eine Kanalisierung kriminell erwirtschafteter Gelder in die Musikszenen wird vielerorts spekuliert. Was bei den „Yahoo Boys“ hinzukommt, ist das verklärte Image moderner Robin Hoods, die als Form kolonialer Vergeltung Geld aus dem reichen Westen in den globalen Süden lenken. Eine überwiegend realitätsferne Vorstellung.

Vereinzelte „Yahoo Boys“, die tatsächlich das erbeutete Geld mit den armen Massen teilen, steht eine Mehrheit gegenüber, die wenig Interesse an Redistribution zeigt, sondern sich ganz dem „High Life“ der nigerianischen Eliten verschreibt. Das Bild der kolonialen Vergeltung hat ebenfalls starke Risse, treffen die „Yahoo Boys“ mit ihren Machenschaften nicht nur die „weiße“ Bevölkerung in Europa und Amerika, sondern auch die eigene Diaspora. „Yahoo Boys“ machen keinen Unterschied, nur das Geld zählt.  „Sie machen das nicht, weil sie sich als Robin Hoods sehen. Sie machen das, weil sie das als ihren Job ansehen. Sie denken nicht viel an das Opfer, sondern nur an das Geld“, erklärt Olivia Ndubuisi.

Trotz der vorhandenen Glorifizierung: Ein Bewusstsein über das Unrechtsein der Praktiken besteht in der nigerianischen Bevölkerung und in der HipHop-Szene. Das zeigt die Debatte rund um Naira Marley. Einer der bekanntesten Widersacher der „Yahoo Boys“ ist Rapper Falz, der mit seiner Version des Childish-Gambino-Songs „This Is America“, „This Is Nigeria“, vergangenes Jahr weltweit für Furore sorgte. Darin lautet eine Zeile „Yahoo Yahoo don tear everywhere now/And we act like it’s so cool/Casting the P, I’m being castigated just for trying to be noble“. Damit bezieht Falz eindeutig Position, nicht zum ersten und letzten Mal. Bereits 2017 trat er als einer der führenden Kritiker des 9ice-„Yahoo Boys“-Songs „Living Things“ in Erscheinung, auch bei der Kritik an Naira Marley steht Falz in der ersten Reihe. Dort ist er nicht alleine: So sprach sich Sängerin Simi ebenfalls gegen „Yahoo Boys“ aus, wofür sie prominente Unterstützung von Rapper M.I. Abaga erhielt.

Mit Ruggedman kam noch eine weitere Rap-Größe auf der Seite der Kritiker hinzu. Besonders Naira Marleys Instagram-Statements, in denen er aufforderte, für „Yahoo Boys“ zu beten und „Yahoo-Yahoo“ der Sklaverei gegenüberstellte, erzürnten ihn. Schließlich, so Ruggedman, würde die nigerianische Internetkriminalität das Land in ein denkbar schlechtes Licht rücken und vielen Nigerianern im Ausland Chancen rauben. Wenngleich das zutreffend ist: Die Kritik einiger der genannten Protagonisten gilt es richtig einzuordnen. Das betrifft besonders Falz: „Falz entstammt einer reichen Familie und zeigt mit dem Finger auf Musiker, die aus armen Verhältnissen stammen, die auf das Sponsoring durch ‚Yahoo Boys‘ angewiesen sind. Dabei verleugnet er seine eigene Familiengeschichte, sagt Suleman Lazarus.

Großer Schaden mit der Maus

Das ändert nichts an dem Wahrheitsgehalt der Kritik Ruggedmans. Internetkriminalität verursacht nämlich nicht nur Schäden im Ausland, sondern kommt wie ein Bumerang auf Nigeria zurück. 2016 bezifferte die Regierung den durch Internetkriminalität verursachten Schaden für Nigeria auf 0,08% des Bruttoinlandsprodukts. Die Ökonomie Nigerias benötigt Fremdinvestitionen, die mittlerweile viel zu selten getätigt werden; Geschichten vom Internetbetrug schrecken Investoren in vielen Fällen ab. Besonders drastisch sind die Auswirkungen auf den E-Commerce- und E-Business-Sektor, der mit großen Vertrauensproblemen kämpfen muss. E-Mails aus Nigeria werden von vielen Blockiersystemen als Spam herausgefiltert, einfache Tätigkeiten wie das Buchen von Flügen sind oft mit enormen Schwierigkeiten verbunden.

Beispiel eines Scam-Versuchs

Eine Reaktion der Regierung war gefragt, die schon 2002 in der Gründung der EFCC resultierte. Die nigerianische Behörde gibt sich kämpferisch und entschlossen. Das zeigt bereits der Facebook-Auftritt, begrüßt dort ein grimmig blickender Adler als Header den User. Tatsächlich ist die EFCC in der analogen Welt agil, Nachrichten über regelmäßige Razzien in Cybercafés und die Verhaftung von „Yahoo Boys“ machen die Runde in sozialen Netzwerken. Auch, weil sich darunter immer wieder Personen aus der HipHop-Szene befinden.

Den Aktionen der EFCC fehlt jedoch die tiefgreifende Wirkung. „Die EFCC hat nicht das Personal, um nachhaltig etwas zu bewirken. Sie sind überfordert“, sagt Olivia Ndubuisi. Suleman Lazarus bescheinigt der Behörde zwar einen „exzellenten Job“, mit dem Verhaften von „Yahoo Boys“ alleine würde das Problem aber nicht gelöst werden. „Massenverhaftungen von Kriminellen funktionieren nicht in Amerika, nicht in Australien, nicht in Europa und werden, von einem post-kolonialen Standpunkt aus, auch in Nigeria keinen Erfolg bringen. Wir müssen uns den Wurzeln des Verbrechens widmen, anstatt die Bandagen der Symptome zu ändern und zu verkleiden“, meint er. Selbst auf die HipHop-Szene haben die Verhaftungen nicht den gewünschten Effekt. Laut Suleman Lazarus ist die Gefahr groß, dass dadurch erst ein Popularitätsschub für manche Künstler entsteht. Für die „Street Credibility“ sei eine EFCC-Verhaftung keineswegs abträglich.

„Maga No Need Pay“?

Als Instrument zur Bekämpfung von Internetkriminalität griff die Regierung sogar auf Rap zurück. 2010 nahmen sieben Musiker den Song „Maga No Need Pay“ als Antwort auf Kelly Hansomes „Maga Need Pay“ auf. Die Resonanz fiel durchwachsen aus. Vor allem die Lyrics des von Regierung und Microsoft gesponserten Songs wurden kritisiert, gehen diese an den Lebensrealitäten der meisten Nigerianer vorbei. Mit Zeilen wie „But maga no need pay to get a good degree/or have a good opportunity“ lässt sich das schwer widerlegen.

Mit Rap wird die Regierung das Problem nicht lösen. Das ist nur mit umfassenden Maßnahmen möglich, die mehrere Akteure in die Verantwortung nehmen. Die nigerianische Regierung muss der Jugend Perspektiven schaffen und Armut bekämpfen. Zwei große Brocken, die eine Restrukturierung der Ökonomie bedingen. Direkte Aktionen gegen die „Yahoo Boys“ werden nur fruchten, wenn es gelingt, die Korruption einzudämmen. Wenn sich „Yahoo Boys“ künftig nicht mehr freikaufen können. Wenn Gesetze wie der „Cybercrime Act“ aus dem Jahr 2015 tatsächlich in der Praxis ausgeübt werden.

Die Bekämpfung von Cyberkriminalität benötigt eine große Menge an Personal, das der EFCC momentan nicht zur Verfügung steht. Bei der technischen Ausrüstung müssen die staatlichen Behörden mit den „Yahoo Boys“ endlich nachziehen, sind diese bis dato immer einen Schritt voraus. Alles Herkulesaufgaben für Nigeria, die der Staat nur in Kooperation mit anderen Staaten lösen kann.

Gefordert sind aber nicht zuletzt die einzelnen Internet-Nutzer. Wenn kein User mehr auf Betrugs-E-Mails aus Nigeria hereinfällt, wäre das Geschäftsfeld der „Yahoo Boys“ schnell trockengelegt. Das ist in der Gänze utopisch. Mit Aufklärung und einem geschärften Bewusstsein über Betrugsmaschen sollten die Opferzahlen im Westen zumindest stark zu reduzieren sein.

Maßnahmen, die momentan noch als sehr weit entfernt erscheinen. Die Gegenwart klingt nach Songs wie „Am I A Yahoo Boy“. Trotz des kürzlich wieder aufgeflammten Diskurses: So schnell wird der Einfluss der „Yahoo Boys“ auf die nigerianische HipHop-Szene nicht schwinden, sind diese zu einem integralen Teil der Szene geworden: „Selbst diejeinigen, die nicht mit den ‚Yahoo Boys‘ assoziiert werden wollen, brauchen ihre Hilfe, um im Musikgeschäft überleben zu können; etwa, wenn sie im Ausland, zum Beispiel in den USA, Großbritannien oder Malaysia, performen wollen“, sagt Suleman Lazarus.

Solange die „Yahoo Boys“ die Musikindustrie ökonomisch dominieren, werden sie in den Songs vorkommen, wird ihr Lebensstil glorifiziert und ihre Phrasen wie „Wire Wire“ verwendet werden. Die Chance ist vorhanden, dass uns auch in Zukunft Aufnahmen von Politikern, die wie Colin Powell ihr Tanzbein zu Songs wie „Yahoozee“ schwingen, begegnen. Aufnahmen, die vielleicht lustig aussehen, aber einen problematischen Hintergrund haben.

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