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„Wir können ja auch ,I am from Austria‘ pumpen“ // Flip (Texta) über die Coronakrise

Drei Wochen sind bereits vergangen, in denen wir uns an die drastischen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie gewöhnen konnten – oder es zumindest versuchen. So aktuell und herausfordernd die Situation für breite Teile der Gesellschaft rund um Corona noch ist, so liegt der Fokus doch stark auf wirtschaftlichen Entwicklungen und lässt auf jene, die mit Engagement und Herzblut – meist ehrenamtlich – den österreichischen Kulturbetrieb am Laufen halten, vergessen. 

Wir haben uns mit Flip, seines Zeichens, Produzent, Tonträger-Records-Mastermind und Mitglied von Texta sowie Booker und engagiertes Mitglied der KAPU Linz, über seine Sicht der Dinge unterhalten und vor allem auch die Auswirkungen der Krise auf den Kulturbetrieb der KAPU beleuchtet. 

Flip im Interview mit Message-Redakteur Florian Lichtenberger

The Message: Wie geht es dir und wie gehst du ganz grundsätzlich mit der momentanen Situation um, beruflich wie auch privat?
Flip: Dadurch, dass meine Frau Fotografin ist, sind wir beide daheim und versuchen trotzdem so etwas wie Normalität weiterzuführen, um weiterarbeiten zu können. Für mich ist es so, dass ich weiter Musik machen kann und das ein oder andere Mixprojekt liegen hab, an dem ich arbeiten kann.

Das heißt, deine Arbeit ist zwar eingeschränkt, aber du kannst zu Hause Beats produzieren und mischen und kannst dein Jahr trotzdem etwas vorplanen für die Zeit nach der „Krise“ und sitzt nicht komplett am Trockenen?
Ja genau, also die paar DJ-Gigs, die ich übers Jahr gehabt hätte, fallen weg und über den Sommer hätten wir mit Texta ein paar Open Airs gehabt, die fallen auch flach wie es im Moment aussieht. Aber mal schauen. Was auch geplant war für Mai, war mein Instrumentalalbum über das Münchner Label Beat Art Department rauszubringen. Da ist es natürlich so, dass die Vinylstores alle zuhaben und es so keinen Sinn macht, wenn wir die Platten nirgends reinstellen können in die Geschäfte. Natürlich geht das online, ist aber auch ein anderes Business. Da ändert sich im Release-Schedule auch alles. Jeder probiert, seine Plattenreleases nach hinten zu verschieben, weil die Frage auch ist, wann du Konzerte spielst.  

Stichwort Konzerte und Texta: Das ist ja schon eine Größenordnung, bei der mehr dahintersteckt als beispielsweise einer kleinen Show in der KAPU. Wie ist das mit den Agenturen, mit denen ihr zusammenarbeitet, gibt es da bereits neue Termine? Wollen die Termine nachholen oder ist das alles auf Eis gelegt?
Ja gut, bei Texta wären das Open Airs gewesen Wenn die ausfallen, dann fallen die aus. Die Frage ist, ob die dich dann nächstes Jahr wieder buchen oder lieber jemand anderen. Aus der Veranstalterperspektive ist es so, dass sich Touren verschieben. Manche auf Herbst oder gleich auf nächstes Jahr. Da bekomm ich von den Agenturen laufende Meldungen wie: „Wir planen jetzt schon für die und die Zeit, könnt ihr uns schon Termine sagen?“
In Wirklichkeit sag ich Jein, weil keiner weiß, ob wir im Herbst wieder regulären Betrieb haben (in der KAPU, Anm.) oder ist der erst wieder 2021? Also eine große Unsicherheit. Das ist alles irre rasch gegangen. Wir haben einmal die Woche ein Meeting in der KAPU und da gab es beim letzten Mal schon die Verordnung: Konzerte bis 100 Leute dürfen stattfinden. Da haben wir gemeinsam beschlossen: Okay, dann machen wir die Woche noch die Konzerte und schauen mal, wie es weitergeht. Dann war noch ein Konzert am Donnerstag und am Freitag war klar: Das wird nix mehr. Ich glaube nicht, dass es nach Ostern wieder normal weitergeht.

„Im Herbst, wenn die Krise vielleicht vorbei ist, will natürlich jeder raus damit, jeder will eine Tour spielen, was gar nicht möglich sein wird von den Ressourcen her. Da wird es ein großes Gedränge geben!“

Du hast angesprochen, dass du für dich sehr viele verschiedene Möglichkeiten hast, dich durch Projekte finanziell abzusichern. Wie ist das jetzt in der KAPU? Hier ist innerhalb kürzester Zeit alles weggebrochen. Vom Barbetrieb über die Konzerte, wobei ich weiß, dass die Konzerte ohnehin unter „Liebhaberei“ fallen und wenig bis nichts in die Kassen spülen. Gibt es da Möglichkeiten oder alternative Einnahmemöglichkeiten?
Naja, wir haben uns das natürlich durchkalkuliert, wie lange wir mit dem Geld, das wir zur Verfügung haben, durchkommen werden. Es ist auch so, dass die Subventionen nicht zurückgefordert werden können, wenn wir keine Kultur bieten können. Wenn jetzt beispielsweise Land, Stadt und Bund sagen würden „Wenn ihr keine Konzerte macht, dann gibt es auch kein Geld“, dann wärs für die Leute, die fix angestellt sind, eine Katastrophe. Wir haben aber das Glück, dass wir fürs Haus nichts zahlen müssen. Das ist quasi ein Teil der Subvention und das Haus gehört der Stadt Linz und wir zahlen nur Betriebskosten. Das ist in solchen Fällen natürlich ein Vorteil. Weil wenn du eine Infrastruktur zahlen musst, wäre die ein paar Tausende Euro bei so einem Haus. Wir haben aber nur Lohnzahlungen, wo die Frage ist, ob wir die Leute in Kurzarbeit schicken. Dazu gibt es im Moment eh Optionen.
 
Das heißt, Personal haltet ihr im Moment noch oder habt ihr Kurzarbeit angemeldet?
Wir haben auch nicht viel. Wir haben zwei Angestellte, die sich die Geschäftsführungsaufgaben teilen, der Tontechniker ist angestellt und im Barbetrieb sind sechs Leute. In Kurzarbeit ist noch keiner, aber wir haben es mal vorbereitet.
 
Also auch viele Geringfügige?
In der Bar haben wir einige Geringfügige und der Tontechniker hat jetzt auch kein mega Salär. Unsere Fixkosten vom Personal gehen sich noch aus, also wenn wir alle Subventionen bekommen für das Jahr, werden wir die Leute weiterzahlen können. Wie du schon gesagt hast, der Konzertbetrieb bringt ja kein Geld aber der Barbetrieb bringt uns was. Aber wenn es jetzt die ganze Saison anhält, wird es natürlich schon Thema, wie wir die Jobs halten. 
 
Gehst du davon aus, dass nach der Krise an den Schrauben für Subventionen gedreht wird für die freie Szene? In den vergangenen Jahren wurden diese ja sukzessive gestrichen bzw. gekürzt. 
Also ja, die Stadt Linz und der Bürgermeister haben versichert, dass es eine Erhöhung des Budgets für die freie Szene geben wird. 200.000 Euro oder so. Lustigerweise hat das noch niemand erfahren von der freien Szene, was das denn jetzt heißt (lacht). Wir haben da noch keine Aussage bekommen und der Bürgermeister hat es selber auch nicht gewusst, weil ich ihn mal persönlich gefragt habe, was das für einen Verein wie die KAPU heißt. Wir sind ja speziell auch genannt worden bei der Verkündung. Ist interessant, was da passieren wird. Wir sind seit 20 Jahren gleich bei den Subventionen der Stadt Linz, vom Land sind wir sogar gekürzt worden voriges Jahr. Man hat immer höhere Kosten und wenn wir vor ein paar Jahren nicht die Bar übernommen hätten, dann hätten wir den Kulturbetrieb auch aufgeben müssen wahrscheinlich. Bis zu einem gewissen Punkt kannst du es ökonomisieren über die Bar, dann hört es aber irgendwann auch mal auf, wenn die Subventionen nicht angepasst werden. 

„Die kleine Bar ums Eck, der kleine Club ums Eck, der laufend Kultur produziert und sehr wertvoll ist für so eine Stadt“

Meinst du, dass nach der Krise kleine Kulturinitiativen wieder mehr Wertschätzung erfahren? Weg von großen Megaevents hin zu kleinen Shows?
Ob sich das jetzt groß ändern wird … Man merkt schon die Bedeutung von kleinen, lokalen Providern. Wenn das nicht existiert, merkt man erst, dass einem das schon abgeht. Die kleine Bar ums Eck, der kleine Club ums Eck, der laufend Kultur produziert und sehr wertvoll ist für so eine Stadt. Wie leer plötzlich eine Stadt ist und brach alles liegt. Man will sich das gar nicht vorstellen. Aber vielleicht macht sich eine gewisse Erkenntnis breit bei Leuten, die auf solche Konzerte gehen oder bei denen in der Politik. 
 
Glaubst du es kommt zu einem Kultursterben in Österreich? Damit mein ich kleine, autonome Initiativen, Agenturen, Labels, aber auch große Konzertinstitutionen. Wird die Erschütterung zu groß sein?
Ja, wenn es keine Hilfe gibt, dann werden viele eingehen. Und in Wirklichkeit sind Große vermutlich noch gefährdeter. Großbetriebe wie beispielsweise die Staatsoper. Die kostet am Tag mehrere Tausende Euro. Die verbrennen am Tag mehr als die KAPU in einem Jahr (lacht). Theater, Landestheater, da arbeiten 800 Leute, das muss man sich mal vorstellen. Klar, städtische Betriebe wie der Posthof, die werden nicht eingehen dadurch. Aber die Kleinen, Indieagenturen und Labels werden das Angebot trimmen müssen. Dann releast man halt online und streamt. Für Bands, die gewisse Projekte haben, die sich aber nicht tragen, die wird man überdenken müssen. Schwer einzuschätzen. Es wird aber nicht weniger Bands geben oder weniger Musik produziert werden, da 95 Prozent der Musiker und Musikerinnen ohne essenzielle Rückflüsse leben. In Wahrheit reden wir von 5 Prozent, die von ihrer Musik leben müssen. In Wirklichkeit wird es nicht so dramatisch sein. Die Strukturen in Österreich sind ziemlich klein, kaum Labels und in Wahrheit zwei Agenturen, die alles niederreißen, Festivals machen und die Clubs bestücken. Aber mag sein, dass die in Krisen kommen. Muss mich aber wirklich fragen, ob es wirklich sein muss, dass die großen Fische alles haben und vielleicht ist es eine Chance für kleinere Units, zu überleben und sich den Markt wieder zurückholen.
 
Man hat das Gefühl, dass Kultur oft durch Ehrenamtlichkeit getragen wird. Das Geld wird woanders gemacht. Ist das nicht auch selbstgemacht?
Ich mache seit 26 Jahren Konzerte und hab damit noch kein Geld gemacht, keinen einzigen Euro. Da kann man sagen selber schuld, aber das ist mein Beitrag für die Gesellschaft. Das war mir immer wichtig und ich find es auch geil, wenn die oder die Band da spielt. Hätte ich es auf Gewinn gemacht, dann würd ich es heute nimma machen. Die Leute, die das machen und gemacht haben und dann ein paar Mal ein krasses Minus eingefahren haben, für die ist es dann auch vorbei.
 
Um noch einmal auf Maßnahmen rund um die Krise zu kommen: Wie siehst du die Maßnahmen, die getroffen wurden? Die waren doch sehr radikal. Befürwortest du diese?
Es war schon wichtig, dass man die Reißleine gezogen hat, was Konzerte betrifft. Wenn wir nach Ischgl schauen, wo ein Barmann 100 Skifahrer angesteckt hat. Das wäre bei Konzerten genauso schnell gegangen. Halte ich für sehr vernünftig, dass das umgesetzt worden ist.
 
Welche Anlaufstellen und Hilfe gibt es jetzt für dich und die KAPU?
Wir werden schauen, wie die finanzielle Lage kompensiert werden kann. Es gibt von der AKM einen Fonds und es gibt diese Ansage an die EPUs. Was das dann tatsächlich heißt, wird sich zeigen. Ob das alles was bringt und hilft, kann ich nicht einschätzen und ich hoffe, dass es genügt. Die Bereitschaft ist ja da bei der Regierung und vielleicht kommen wir mit einem blauen Auge davon. Man kann da nur an alle Verbraucher, die Hörer und Hörerinnen appellieren, die Artists und vor allem die Local Artists zu unterstützen. Nicht nur die Big Player, die eh schon vier Maserati in der Garage stehen haben und die Toureinnahmen relativ easy verkraften können. Bei den kleinen schmerzen schon zehn abgesagte Shows. Da hoffe ich jetzt auf local Support, ohne auf diesen Lokalpatriotismus zu verfallen.
 
In diesem Fall hat es was Gutes. Kann man schon unterstützen.
Wir können ja auch „I am from Austria“ pumpen. Dann geht’s dem Fendrich auch ganz gut. Also support your local artist und club!

Gute Idee dass die Polizei jetzt jeden Tag um 18 Uhr „I am from Austria“ spielt?
Keine Ahnung, ob die Bullen Tantiemen zahlen.

Vielen Dank, dass du die Situation bisschen umrissen hast und mit uns deine Sicht der Dinge geteilt hast!

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