„Alle mal den Arm heben, aber bitte den linken“ // Waving The Guns live

Es ist der 10. November 2017 und Wien bekommt einmal wieder musikalischen Besuch aus dem Nachbarland Deutschland, denn das Kollektiv Waving the Guns aus Rostock an der Ostsee spielt in der hiesigen Arena. Die Band, 2012 von den Rappern Milli Dance und Admiral Adonis und den beiden Produzenten Dub Dylan und Doktor Damage (4D) ins Leben gerufen, ist jedoch keine normale Truppe. Ihre Musik ist untrennbar von ihren politischen Statements, die Gruppe ist der linken Szene zuzuordnen. Dementsprechend zieht sie auch in unserer Hauptstadt ein bestimmtes Klientel von Hörern an. Ein Klientel, das sich aktiv und aufmerksam mit der Entwicklung unserer Gesellschaft auseinandersetzt und die bereits erwähnten politischen Statements vertritt und nach außen trägt. Da alle Mitglieder auch in ihren Videos stets unkenntlich oder maskiert auftreten, haben wir uns als Redaktion für eine Zensur von Admiral Adonis entschieden.

Knapp eineinhalb Stunden nach Einlass ist die mittlere Halle der Arena bereits prall gefüllt – kein Wunder, denn das Konzert wurde bereits zwei Tage zuvor als ausverkauft gemeldet. Die Stimmung innerhalb der Crowd ist ziemlich friedlich und entgegen der für Rap typischen Männerdominanz im Publikum finden sich auch viele Frauen. Während DJ Ned Flanders klassische Rapbanger auflegt und die Halle bereits zur Genüge mit Bässen füllt, deutet das Banner über der Bühne bereits die musikalische Richtung des Abends an: „Ballhausplatz-Route schließen – Widerstand gegen die FPÖ-Gelobung – Festung Europa abschaffen“ steht da in großen Lettern geschrieben.

Das neue Vermummungsgesetz gilt am heutigen Abend nicht.

Die rappende Hälfte von Waving The Guns betritt teils vermummt, teils unmaskiert die Stage und das Publikum zeigt sich sichtlich begeistert von der Anwesenheit der Künstler. Auffallend hierbei ist erneut ihr Kleidungsstil, dem Szene-Connaisseur sticht direkt Milli Dances T-Shirt von der Moscow Death Brigade ins Auge, welches in Anlehnung an das Lacoste-Krokodil gestaltet wurde. Mit der richtigen Portion Aggressivität und dem Song „Endlich wird wieder getreten“ geht es direkt wuchtig los und Milli Dance appelliert: „Es gibt genügend Gründe wütend zu sein und zu treten – aber nach oben!“. Das erwartetbare Moshpit bleibt leider aus, was allerdings aufgrund der mangelnden Turn-up-Qualität der Beats und der Dichte der Crowd verständlich ist.

Nach dem WTG-Klassiker „Triumpfzug“ gibt es einen verbalen Mittelfingerzeig Richtung Sebastian Kurz und solidarische Mitleidsbekundungen über das Ergebnis der österreichischen Nationalratswahl – für den emotionalen Schmerz des österreichischen Publikums gibt es aber nun ein „Pflaster“. Die Menge grölt zustimmend und man merkt, dass Waving The Guns mit ihrer Einstellung das Publikum erreicht. Auch die Frauen, denn Milli Dance gendert! „Alle Mal den Arm heben, aber bitte den linken!“, fordert Milli Dance zum nächsten Track „Armutszeugnis“.

Auf einen kurzen Verweis auf den morgigen „Detox-Day“ folgt logischerweise der Track „Zapfhahn“, denn neben ihrem politischen Engagement macht sich WTG auch für freien Drogenkonsum stark und schreckt nicht davor zurück, diesen hinreichend zu propagieren. Neben der ganzen musikalischen Unterhaltung erinnert die Crew an die Progromnacht am 9. November und spricht sich dafür aus, Sebastian Kurz die Meinung über seine Flüchtlingspolitik zu sagen und fordert damit wiederholt zum gemeinsam Handeln auf. Das Publikum, dass ihre North-Face-Jacken aufgrund nicht vorhandener Garderobe anlassen muss, reagiert euphorisch.

Milli Dance hat neben einem Herz für Antifanten auch ein Herz für österreichische Braukunst.

Mit „Keine Lieder über Liebe“ und einem Meer aus Feuerzeuglichtern will sich WTG schließlich verabschieden, doch die Crowd antizipiert mit Zugaberufen. Die Crew zögert nicht lange und spielt noch „GEMA kacken“ und „Bad Kids 2“, bevor sich mit einem Sample von Biz Markies „Just a Friend“ DER Lovesong für radikale Systemhasser ankündigt: „Du (Schade, dass Beton nicht brennt)“. Mit einem warmen Brennen im Herzen endet das Konzert.

Fazit: Auch wenn bei 90 BPM – böse Zungen würden von musikalischer Monotonie sprechen – auch einmal kurz die Füße steif werden, überzeugt Waving The Guns durch publikumsnahe Perfomance, konstruktiver Gesellschaftskritik und klaren politischen Botschaften. Hoffentlich wartet die Crew nicht zu lange mit ihrem nächsten Auftritt in Wien, schließlich kann es nie genügend politischen Rap geben.

 

Text: Ronja Neger & Max Cornelius // Fotos: Lena Bischoffshausen

Weitere Fotos des Konzerts:

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