Gestalte deine Stadt! // Vienna Murals Interview

Fotos: David Lindengrün

Wer ihn nicht kennt, für den ist der Yppenplatz nur irgendein Ort im 16. Bezirk mit komisch klingendem Namen. Für die, die ihn schätzen und lieben gelernt haben, ist er aber ein kultureller Treffpunkt aller Alters-, Berufs- und Gesellschaftsschichten. Umrahmt von Gastronomie, der guten alten Wiener Beislkultur und den Standlern am Yppenmarkt. Und was manchen (noch) nicht bewusst: Der Yppenplatz ist ein Hotspot der Street-Art-Szene. Dementsprechend bunt und vielschichtig die Gebäude rings um den Park. Hier spricht Thomas Grötschnig, die Person hinter Vienna Murals, im Interview über den im September veröffentlichen Vienna Street Art Guide, den politischen Akt hinter Graffiti und das Recht, das Stadtbild selbst zu gestalten und zu prägen.

The Message: Wir sind gerade am Yppenplatz, was macht genau diesen Ort zu einem Street-Art-Hotspot?
Thomas Grötschnig: Das Coole am Yppenplatz ist, dass es hier legale Flächen zum Sprayen gibt. Diese werden beispielsweise von der Wiener Wand organisiert und zur Verfügung gestellt. So muss man nicht extra um Genehmigung ansuchen. Die entsprechenden Flächen sind gekennzeichnet mit dem Taubensymbol, da weiß man, das passt, da kann man herkommen und sich austoben. Deshalb zieht das auch so viele Künstler an. Zudem ist der Yppenplatz generell sehr belebt, aufgrund der Gastronomie und dem Markt rundherum. Sehr viele Künstler im Graffiti und Street-Art-Bereich wollen ja gesehen werden. Hier sind Passanten, die daran vorbeigehen, dir zuschauen, während du malst oder nachher einfach die Werke sehen. Zusätzlich ist die ganze Szene sehr dynamisch, Werke können innerhalb von kürzester Zeit wieder verschwinden – hier vor allem – das dauert dann oft nur ein bis zwei Tage und schon ist wieder etwas Neues an der Stelle. Deshalb ist es zusätzlich sehr spannend, einfach regelmäßig hierher zu kommen und zu schauen, was alles passiert.

Wie läuft das dann genau ab – kann ich als Artist einfach sagen ‚Die Wand gefällt mir, ich mal da jetzt drüber‘?
Naja, prinzipiell geht es da schon auch um Respekt. Man sollte wissen: Wie lange ist das Werk bereits da, wurde die Stelle schon einmal gecrossed – also übermalt – und wer steckt dahinter. Man sollte zwar nicht einfach so übermalen, aber ja, grundsätzlich wäre das natürlich möglich, die legalen Flächen sind wie gesagt sowieso gekennzeichnet.

„Zu einer offenen Gesellschaft gehört, seine Meinung kundzugeben, auch durch Kunst“

Auf alle Fälle eine gute Entwicklung, dass die Stadt Flächen mittlerweile auch zur Verfügung stellt, Graffiti nicht mehr grundsätzlich ablehnt und als Schmiererei abstempelt. Wie zufrieden bist du mit den aktuellen Regelungen?
Es wäre natürlich schön, wenn es noch mehr Flächen gäbe und wenn es noch mehr toleriert werden würde. Es ist absurd, dass Leute, die ihre Kunstwerke und Botschaften hinterlassen haben, teilweise strafrechtlich verfolgt werden, weil diese auf illegalen Flächen sind. Das sollte nicht sein.

Berühmtestes Beispiel: Banksy.
Ja, genau. Mehr Flächen und mehr Toleranz wären einfach cool. Denn umso bunter die Stadt, umso lebenswerter ist sie. Außerdem ist das alles immer ein Ausdruck. Und zu einer offenen Gesellschaft gehört, dass man seine Meinungen kundgeben kann. Da gehört auch die Kunst dazu. Man sollte einfach seine Stadt, mit der man sich in gewisser Weise identifiziert, selbst mitgestalten dürfen. Diesbezüglich wäre es halt gut, wenn noch mehr möglich wäre.


Ist dann jeder Ausdruck Kunst, oder zählt manches doch als „Schmiererei“?
Das liegt natürlich immer beim Einzelnen. Ich möchte das jetzt nicht bewerten. Man sollte immer darüber nachdenken, wo man etwas malt – und in welchem Kontext das stattfindet. Gewisse Botschaften gehören natürlich an gewisse Orte, da soll es Gestaltungsspielraum geben. Aber das sollte jedem selbst überlassen sein.

Was genau fasziniert dich denn an Street Art? Im Grunde kann man für Kunst auch ins Museum gehen.
Natürlich, aber Kunst im öffentlichen Raum ist einfach sichtbar für jeden. Das  zieht auch Leute an, die nicht bewusst in Galerien gehen und sich bereits damit auseinandergesetzt haben. Die gehen daran vorbei, denken sich ‚Ah, das gefällt mir‘ – oder auch nicht. Mich fasziniert daran, dass es wahnsinnig viele Leute gibt, die großartige Dinge machen, die werden gesehen und darüber wird diskutiert. Teilweise kann man selber zuschauen, wie die Werke entstehen, da hat man dann einen ganz anderen Bezug dazu. Wenn man sich von Anfang bis zum Ende anschaut, wie viel Arbeit tatsächlich hinter den ganz großen Murals steckt, dann kann man auch etwas lernen, sich etwas abschauen. Ich würde sagen, bei sehr vielen Sachen, die im Atelier gemalt werden, bekommt man den Entstehungsprozess einfach nicht mit. Was dahinter steckt, kann man sich vielleicht denken, aber man kann es nicht beobachten. Und das finde ich total spannend! Mein Interesse für Street-Art ist schon vor Jahren entstanden, ich habe immer schon gerne beim Malen zugeschaut. Ich lebte einige Zeit im Ausland, vor allem in Madrid, und dort lernte ich einige Künstler kennen. Mit denen war ich oft unterwegs, hab ihnen beim Malen zugeschaut und manchmal dabei geholfen.

Also ist auch dein Handabdruck in Madrid.
Kann man so sagen, aber natürlich nur als Teil vom Großen. Das war alles immer sehr spannend und es ist einfach cool, den ganzen Nachmittag draußen zu verbringen. Das Interesse wurde immer mehr und wenn man viel reist, lernt man immer mehr Künstler kennen, erkennt auch deren Stile und freut sich, wenn man die dann in mehreren Städten wiedererkennt.

„Wien taucht mittlerweile auf der ‚Künstler-Landkarte‘ auf, es tut sich extrem viel!“

Prinzipiell kann man sagen, dass  das generelle Interesse an Street-Art immer mehr wird und die Szene boomt. Woher kommt das?
Das liegt daran, dass es insgesamt einfach mehr Flächen und mehr Leute gibt, die vor allem in Wien daran arbeiten, dass das Ganze zugänglicher wird. Es konzentriert sich nicht mehr alles auf die altbekannten Plätze wie dem Donaukanal. Im Rahmen von Festivals werden große Feuermauern zur Verfügung gestellt. So entstehen auf leeren grauen Flächen große Werke. Das hängt dann auch mit der Sichtbarkeit zusammen, dass sich immer mehr Leute dafür interessieren. Aber es ist schon auch so, dass Wien auf der „Künstler-Landkarte“ immer stärker auftaucht – auch international! Wenn Leute zum Malen durch Europa fahren, kommen sie auch nach Wien. Das ist schön so. Aber auch in der lokalen Szene tut sich extrem viel zurzeit.

Am 14.10. war zum Beispiel die Eröffnung der Oxymoron Galerie, warst du da auch dabei?
Ich war da nicht in Wien, leider. Aber die sind sehr aktiv, machen tolle Ausstellungen und bringen immer wieder super Künstlerinnen und Künstler.

War ein Hauptziel des „Vienna Street Art Guide“, die Aufmerksamkeit mehr auf Wien zu lenken und zu zeigen, dass es hier tatsächlich etwas zu sehen gibt?
Voll! Als ich vergangenes Jahr wieder aus dem Ausland zurückgekommen bin, ist mir extrem aufgefallen, was sich in der Zeit alles getan hat. So viele Leute glauben, für Street-Art musst du ins Ausland fahren, nach Berlin, London und so weiter. Aber das stimmt überhaupt nicht! In Wien tut sich extrem viel! Und das möchte ich auch zeigen. Mir ist es ein Anliegen, dass einerseits die Einwohner sehen, was die Stadt im Street-Art-Bereich zu bieten hat – und andererseits generell gesehen wird, was sich tut und das alles ein bisschen geballter wird. Leute sollen wissen: Hier gibt es Street-Art und man darf auch herkommen, um zu malen. Und das zieht dann wieder mehr Künstlerinnen und Künstler an.

Wie viel Unterstützung für Vienna Murals und den Guide hattest du da seitens der Szene?
Es ist natürlich viel Arbeit so etwas zu machen. Das ganze Projekt ist auch nicht geplant entstanden. Ich war vergangenes Jahr einfach wahnsinnig viel mit meiner Freundin spazieren, wir haben dabei sehr viel Street-Art fotografiert und hatten dann irgendwann ein Archiv aus hunderten Bildern. Wir haben uns dann gedacht: ‚Ja, warum teilen wir das nicht einfach?‘ Unter „Vienna Murals“ haben wir das Ganze auf Facebook und Instagram hochgeladen, dann sind sehr schnell viele Rückmeldungen gekommen. Sowohl von den Künstlern selbst, als auch von Leute, die das einfach cool gefunden haben. So ist dann die Idee entstanden, das wirklich festzuhalten, weil Social-Media ein sehr schnelles und kurzlebiges Medium ist – Dinge verschwinden einfach, wenn sie nicht mehr im Feed auftauchen. Deshalb ist ein Buch etwas ganz Cooles, um alles einfach mal gebündelt zu sehen und eine Vorstellung davon zu bekommen, was es alles gibt. Dabei habe ich sehr viel Unterstützung erhalten von Künstlerinnen und Künstlern, Kuratorinnen und Kuratoren,  Galerien und so weiter. Also insgesamt total positives Feedback und viel Unterstützung. Das pusht einen natürlich – und es macht Spaß, daran zu arbeiten.

Aber wenn da so viel Freude und Arbeit drinnen steckt, du dich so mit dem Thema beschäftigst, macht es dann nicht auch manchmal traurig, wenn ein Werk plötzlich nicht mehr da ist?
Street-Art findet auf der Straße statt, ist also vergänglich. Es können auch Leute, wenn sie es nicht gut finden, dementsprechend dagegen vorgehen, indem sie das Werk beispielsweise übermalen. Es ist eigentlich schön, dass es sich sehr schnell wandelt und man immer wieder Neues entdecken kann. Sicher, mache Werke sind einfach großartig und deshalb ist es auch umso wichtiger, dass man die dann einfach dokumentiert, weil irgendwie sind sie dann doch noch präsent und man kann sich daran erfreuen.

Welche Projekte sind deinerseits noch geplant?
Spannend wäre es auf jeden Fall, österreichweit passiert zumindest einiges, in Linz, in Graz, aber auch in einigen kleineren Städten, wo man es gar nicht so vermutet – in Kärnten bis Vorarlberg gibt es überall etwas zu sehen. Also ich werde vorerst mit dem Buch weitermachen, die Social-Media-Seite wird auch ständig bespielt, alle paar Tage eine neues Mural. Wenn es so weiter geht und der Support so groß ist, mal schauen, was als Nächstes kommt. Da ist alles offen!


Du warst viel unterwegs, hat sich da auch eine Lieblingsstadt für dich herauskristallisiert?
Es gibt einige spannende Städte, was Street-Art anbelangt. Ich persönlich mag Łódź in Polen sehr gerne. Die Stadt war sehr grau, sehr postindustriell, hat in kürzester Zeit enorm viele Einwohner verloren aufgrund der industriellen Entwicklung, wodurch viele Gebäude leer standen. Da hat sich eine interessante Szene herausentwickelt. Auch ein cooles Festival!

Welches Festival?
Das Galeria Urban Forms. In Łódź gibt es mittlerweile unzählige Feuermauern mit riesigen Murals drauf, darunter viele internationale Größen. Das wertet enorm auf. Da merkt man erst, was Street-Art wirklich mit einer Stadt tun kann, die erst immer sehr grau wirkt, plötzlich aber total bunt wird. Du siehst das und denkst einfach nur ‚Wow!‘. Aber klar, Miami Wynwood ist total spannend, da gibt’s auch so viel zu sehen. In Europa sowieso, in jeder Stadt findet man eigentlich etwas. Oft sind es aber auch Städte, wo es nicht so geballt ist. Da freust du dich richtig, wenn du in eine Stadt kommst, es zuerst nicht erwartest, dann aber doch ein bis zwei Werke siehst.

Unterscheiden sich Städte eigentlich vom Graffiti-Style und den Themen?
Es gibt ja immer auch die lokalen Szenen, die das Stadtbild extrem prägen, mit sehr vielen verschiedenen Strömungen. Und in Lateinamerika zum Beispiele sind die Strömungen ganz anders als in Europa.

Inwiefern?
Ich bin kein Experte, kann das nicht genau beschreiben – möchte das auch nicht, aber man sieht schon, dass es stilistisch einfach anders ist. In Lateinamerika wird eben ganz viel mit sehr bunten Farben gearbeitet, auch mit der Herkunft der Leute. Indigene Völker sind sehr oft in der Thematik vertreten. Und jede Stadt hat seine eigenen Künstler, die das alles wesentlich beeinflussen.

„Öffentlichen Raum zu gestalten ist immer politisch“

Da du die Szene über einige Jahre hinweg beobachten konntest, würdest du sagen, das Ganze hat sich verlagert von einer „Nacht und Nebel“-Aktion hin zu öffentlich entstehender Kunst?
Es gibt definitiv beides. Sehr viele Sachen passieren mittlerweile legal, wodurch die Werke auch detaillierter werden. Künstler*innen haben mehr Zeit, teilweise malen sie drei bis vier Tage an nur einem Werk. Das ist halt etwas anderes, als wenn du nach jedem Strich links-rechts schauen und weglaufen musst, sobald jemand kommt. Aber natürlich gibt es das und sehr viele machen das auch noch. Was ich auch wichtig finde. Sehr schön aber, dass Graffiti mehr Anerkennung bekommt und die Leute sich zunehmend vom Vandalismus-Gedanken entfernen. Mittlerweile erfreuen sich die Leute mehr daran.


Nimmt die Legalität dem Graffiti nicht einen Teil seiner politischen Aussagekraft?
Das muss nicht sein, nein. Auch weiterhin gibt es sehr viele politische Arbeiten. Oft ist es so, dass politische Aussagen und Botschaften nicht beim ersten Mal klar ersichtlich sind, sondern man öfter hinschauen muss. Und generell ist es politisch, den öffentlichen Raum zu gestalten. Wir leben hier, das ist unsere Stadt und die sollen wir auch mitgestalten können. Jeder, der etwas macht, was im öffentlichen Raum sichtbar ist, ist politisch tätig.

Das öffentliche Interesse wird, nicht nur in Wien, also immer größer. Sind eigene Street-Art-Festivals, wie das Calle Libre beispielsweise, Grund oder Folge davon?
In einer Art und Weise wird alles insgesamt mehr, schließlich gibt es nicht nur Festivals, sondern auch Galerien oder einzelne Kuratoren, die Wände für Künstler organisieren. Natürlich, auch die Festivals werden teilweise größer und bekannter, es hat immer wieder kleinere Veranstaltungen in Wien gegeben. Es sind einfach einzelne Initiativen, die daran arbeiten und die werden schon mehr. Das merkt man.

Banksy hat im August 2015 für einen Monat seinen ironisch-kritischen Freizeitpark „Dismaland“ eröffnet. Wie denkbar ist Wien als Ort für ein ähnliches Projekt?
Auch Wien hat Platz dafür. Sobald sich Künstlerinnen und Künstler finden, Ideen haben, diese auch umsetzen und die Rahmenbedingungen dafür da sind, kann natürlich alles Mögliche entstehen. Das ist ja gerade das Schöne. Kunst und Kreativität sind keine Grenzen gesetzt.

Wie stehst du zur Kommerzialisierung von Graffiti?
Es ist schön, wenn Aufmerksamkeit für Street-Art geschaffen wird. In jeglicher Form. Ebenso ist es gut, dass Künstler*innen etwas für ihre Arbeit bekommen – auch die Anerkennung. Solange die Leute frei bleiben darin, zu gestalten wie sie möchten, sehe ich eigentlich keine Probleme. Generell muss es einfach sehr viele freie Flächen zum Gestalten geben.

Und wenn Street-Art als reines Werbemittel gehandhabt wird, nur um gezielt Kunden zu erreichen?
Werbung in irgendeiner Weise hat es schon immer gegeben, egal ob gedruckt oder gemalt. Da sehe ich keinen Unterschied. Für mich ist das eigentlich etwas anderes. Logisch gibt es auch Mischformen, aber im Endeffekt ist es immer noch Werbung. Und wieder: Wenn jemand etwas in diese Richtung machen will, ist es schön, wenn er das auch kann.


Als eines der vier Basic-Elemente ist Graffiti eigentlich Teil der HipHop-Kultur, wird mittlerweile aber eher als eigenständig wahrgenommen, zumindest die Öffentlichkeit versteht es oft nicht mehr als Teil von HipHop. Woher kommt der differenzierte Blick?
Gute Frage. Die Wurzeln sind auf alle Fälle vorhanden, die sind auch sichtbar. Viele fühlen sich dem auch noch extrem verbunden. Ich würde sagen, es gibt einfach verschiedenste Kunstströmungen, Graffiti ist da eine Sache und in der Street-Art oder öffentlichen Kunst – Public Art – gibt es auch ganz viele Strömungen und Leute, die aus anderen Bereichen kommen. Dadurch glaubt man manchmal vielleicht, dass das jetzt nicht zu 100% zusammengeht. Aber es geht eigentlich immer ums Gesehenwerden, ich finde schon, dass es zu HipHop gehört. Graffiti auf jeden Fall und Street-Art auch zu einem sehr großen Teil.

Der Vienna Street Art Guide ist seit Ende September online auf viennamurals.at erhältlich.

Weitere Fotos:

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