„Die Großfeldsiedlung ist wunderschön“ // Vearz Interview

Vearz
Vearz im Gespräch beim Heurigen. Fotos: Matthias Schuch

Seit Vearz in den vergangenen Jahren den Abschluss der „Radio 66.6„-Mixtape-Triologie mit DJ DaBeRtL sowie die „Warrior„-EP mit Guilty von den Droogieboyz veröffentlicht hat, hat sich beim umtriebigen Wiener Grundlegendes verändert. Schließlich ist der Mundart-Rapper aus dem 21. Hieb Ende 2016 erstmals Vater geworden. Trotz des dadurch noch enger gewordenen Zeitkorsetts arbeitet er weiterhin fleißig an neuen Tracks, wie der am Freitag, den 23. Februar erscheinende Longplayer „Invearzion“ unterstreicht. Sein drittes Soloalbum kommt dabei ohne Rap-Features aus, dafür unterstützen ihn Adem Delon (Teil der ehemaligen Rooftop Clique), Linci und Kessy mit Gesangsparts. Auf den vorab erschienenen Videos zu „Assisi“ sowie zur A-capella-Version von „Stirnfalten“ zeigt sich Vearz gewohnt technisch versiert und dabei relativ nachdenklich gestimmt, ohne auf humoristische Lines zu vergessen. Wir haben das sympathische „Gfrast“ im Stammersdorfer Heurigenrestaurant Beim Hannes getroffen, um über persönliche und musikalische Entwicklungen, hinterfragenswerte Konsumgewohnheiten, Floridsdorf, den Wert der Natur sowie „Invearzion“ zu plaudern.

The Message: Du hast kürzlich via Facebook auf deine Rap-Laufbahn zurückgeblickt und dabei das 2013 erschienene Album „Multivearzum“ als eigentlichen Startschuss bezeichnet? Wieso? Du warst ja schon davor einige Jahre aktiv…
Vearz: Weil ich zuvor beim Abschluss des jeweiligen Projekts stets unzufrieden war. Ich wollte immer so schnell wie möglich damit raus. Bei „Multivearzum“ war es erstmals so, dass ich mir noch ein halbes Jahr nach dem Release bei mehreren Songs gedacht habe: ‚Hey, da sind Tracks oben, die zeitlos sind, die für mich stehen und die ich auch in zukünftige Shows mitnehmen kann.‘ Und so war es auch bei allem, was danach gekommen ist. Ich bin erstmals bisschen freier an die Sachen herangegangen. Davor habe ich mir im Studio noch viel reinreden lassen, was die technischen Sachen angeht. Da gab es für mich noch dieses „richtig und falsch“, wie man aufnimmt, wie eine Snare klingen muss und so weiter. Obwohl ich genau dieses Schwarz-Weiß-Denken hasse. Gefühl lernt man nicht in einer Tontechnikerschule. Du musst dich mit den Dingen beschäftigen und herumprobieren. Darum ist mir das jetzt alles wurscht und mein einziges Kriterium ist, dass es mir taugt. Vieles war natürlich einfach ein Lernprozess und ist zugegeben auch eine Kostenfrage. Man wird sicherer. Ich hole mir natürlich schon Meinungen von außen, versuche aber, diese nicht überzubewerten. Mehr Improvisation und gleichzeitig weniger Kompromisse.

Du hast auch angedeutet, dass es für dich im Raum stand, wie dein langjähriger DJ DaBeRtL mit dem Musikmachen aufzuhören. Was waren die Hauptgründe für die Entscheidung, doch weiterzumachen?
Aufhören war nie eine Option! Die Frage war eher, ob ich mich noch auf ganze Tonträger-Projekte wie jetzt zB. das Album stürzen soll. Ich habe wieder gemerkt, dass ich für administrative Dinge genau so viel Zeit brauche wie für das Musizieren. Diese Arbeit ist mir auf den Keks gegangen. Das Schreiben, Musikmachen und Kreativ sein wird nie aus mir rausgehen – ich bin das zu 100%. Das schwirrt jeden Tag in meinem Kopf herum, ich schreibe jeden Tag etwas nieder oder mache mir Gedanken, was ich kreativ umsetzen könnte. Nicht nur auf Rap bezogen. Fast jede Art von Kunst interessiert und beschäftigt mich, wie eine Lettn (lacht). Einer meiner Traumberufe wäre Buchautor. Da bin ich auch schon dran, möchte aber noch nicht zu viel verraten. Leider hatte die Festplatte mit den gesamten Arbeiten, Texten, Beats und Grafiken einen Crash. Error. Mit diesen Worten endet übrigens auch mein Album. Vielleicht ist es ein Zeichen dafür, einen Strich zu machen und eine neue Ära für meine Werke einzuleiten. Das war auch zeitgleich mit diesem „Aufhören“ wollen, weil mir das Rundherum so am Oasch gegangen ist. Es hat einige Hürden gegeben, privat und in der Musikwelt. Aber während der Entstehung des Albums hat sich alles immer wieder zum Guten gewandelt. Die „Invearzion“ eben. Boogieman Records hat mich gesignt und nimmt mir einen Teil der administrativen Arbeit ab. Freunde außerhalb der Musikszene unterstützen mich und die Musiker, mit denen ich arbeite, passen alle. Ich habe schon das eine oder andere Feature bereut, was aber nicht der Grund dafür ist, dass es auf diesem Album kein Rap-Feature gibt. Der Inhalt war mir großteils einfach zu persönlich oder es war schlichtweg kein Platz. Rap-Features wird es weiter geben – einige meiner Kollegen sind ja mittlerweile richtige Freunde. Ich habe mir auch vorgenommen, nur noch mit Leuten zusammenzuarbeiten, wo es menschlich passt und wo der Einsatz stimmt. Ich bin gut aufgestellt.

Wer steht dann hinter Gfrasta Entertainment? Bist das nur du?
Genau, das ist einfach nur die Bezeichnung von meinem Ding, meinem Studio daheim. Da recorde ich nicht alles, aber Skizzen, Spaßprojekte und alles, was schnell gehen muss. Das neue Album ist zur Gänze bei Ill Eagle aufgenommen. Er ist mittlerweile ein wichtiger Partner in puncto Musik. Ein cooler Typ, der selbst viele Opfer bringt, um HipHop in Österreich voranzubringen. Die Arbeit mit ihm funktioniert gut, weil er meine manchmal wirr definierten Ideen technisch umsetzen kann.

Du hast dich bereits in Texten zur „Generation Y“ beziehungsweise prekären Arbeitsverhältnissen geäußert, musst selbst häufig über eine Stunde pro Richtung in die Arbeit fahren. Wie beäugst du die Absicht der Regierung, die gesetzliche Höchstarbeitsdauer auf 12 Stunden pro Tag auszuweiten?
Ich habe schon vor Jahren zu meinem Chef gesagt: ‚Heast, wenn du sagst, Montag, Dienstag und Mittwoch hackelst von 7 bis 19 Uhr und sunst bleibst z’haus, würd ich das sofort nehmen!‘ Weil die Tage, die ich für die Arbeit anreiß‘, an denen ich aufstehen muss, sind eh schon im Oasch. Da kann ich eh nicht für meine Familie oder für irgendetwas anderes da sein. Ich vermute halt, dass es auf die ganze Woche ausgedehnt wird und die Gesamtarbeitszahl auch steigt, da steige ich aus. Man darf die Industrie aber prinzipiell nicht als böses, externes Wesen betrachten. Wir sind da alle drin, unsere Konsumgewohnheiten haben damit zu tun, dass wir alles gleich und zu jeder Uhrzeit haben wollen. Das erfordert eben solche Umstände, das ist alles verstrickt. Und es birgt natürlich, dass sich die Firmen anpassen müssen. Es gibt Spitzenzeiten, die man abdecken muss und eben Flauten. Früher hat es das auch gegeben, aber da war’s wurscht. Jetzt muss man den Gürtel enger schnallen – ich kenne das von paar Leuten, die selbstständig sind und das Problem auch haben. Die müssen ein ganzes Jahr Arbeiter beschäftigen und haben vier, fünf Monate Vollgas, aber dann ist Flaute. Und wenn die Auftragslage stark ist, können sie die Leute nicht mehr einspannen, weil du nur zehn Stunden machen darfst. Auch die Leiharbeiter-Branche, von der ich übrigens weniger halte, boomt durch diese Umstände. Ich weiß von Selbstständigen, dass sie manchmal 12, 13 oder 14 Stunden am Tag arbeiten. Ich mache das ja teilweise auch. Und wenn ich beispielsweise noch die Musik und meine Bienen als Arbeit dazu zähle, komme ich locker auf solche Stundenzahlen. Eigentlich sollte die Arbeit nicht so viel von unserer Zeit einnehmen. Die Jagd nach Materiellen Dingen und der Wunsch nach immer mehr Komfort und „Sicherheit“ ist ein Teufelskreis, in dem ich mich befinde, genauso wie die meisten anderen. Schwieriges Thema.

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Welche Rolle spielen für dich in dieser Debatte die Konsumgewohnheiten, die voraussetzen, dass alles stets verfügbar sein muss?
Das große Schlüsselwort heißt Verzicht. Heutzutage will keiner auf irgendetwas verzichten. Dabei ist es das Schlüsselwort für die ganzen Probleme, die wir haben. Ich müsste auf Komfort und Luxus verzichten, dann würde sich alles ein bisschen in eine bessere Richtung bewegen und eine bessere Aufteilung ermöglichen. Aber wie viele Leute wollen das dann auch wirklich? Ich brauche keine Politik machen, mich auf die Politiker stürzen oder sonst was. Es kommt eh alles auf mich zurück. Was kann ich selbst verändern, was kann ich tun, damit gewisse Dinge nicht mehr passieren? Das müssen sich die Leute mal fragen und eingestehen. Es ist immer leicht zu sagen, dass Politiker alles bestimmen und es mir deswegen oasch geht. Nicht nur! ‚Der Sprit is so teia?‘ Na oida, dann fahr mit dem Radl! Du musst nicht um halb acht einen Großeinkauf tätigen, nur weil der Supermarkt jetzt so lange offen hat. Natürlich ist man immer gewissermaßen abhängig, aber man könnte viele Sachen in die richtige Richtung lenken, wenn man selbst bereit ist, auf Komfort zu verzichten. Bis zu einem gewissen Grad, so weit es möglich ist. Die Leute gehen zum Obstregal und kaufen im Dezember Erdbeeren, die klassischen Geschichten. Wie viele Leute kennst du, die im Supermarkt jedes Mal zum Hühnerfleisch greifen, das billiger ist als das Biofleisch? Eine Woche später sehen sie dann im Fernsehen einen Bericht über die Qualen, die den Henderln in Legebatterien zugefügt werden und dann sitzen sie da: ‚Na geh, solche Oaschlecha!‘ Du hast es doch selbst in der Hand, wenn du vorm Regal stehst. Natürlich ist es auch eine Frage der Leistbarkeit und da sind wir wieder beim Verzicht. Ich ertappe mich andauernd und nehme mich davon nicht aus. Auf dem Album geht es mir auch um Selbstreflexion. Nur du lebst in deiner Welt.

Inwieweit hast du schon reflektiert, was du in dieser Hinsicht für dich selbst verändern kannst?
Für den Anfang einmal ganz einfache Dinge: Ich kann rausgehen, eine Fläche begrünen oder einen Baum setzen. Beim Einkaufen aufpassen und nachhaltig konsumieren. Jeder kann Sachen, von denen er zu viel hat, mit anderen Teilen – wir sind eh übersättigt von materiellen Dingen. Man sollte auch Dinge wieder mehr reparieren, anstatt sie sofort zu ersetzen. Ich bin für mehr Selbstinitiative und weniger Ausreden auf Politiker oder höhere Mächte. Man kommt schnell in ein Ohnmachtsgefühl und scheißt dann erst recht drauf. Da sind wir wieder beim Sudern. Man will sich nicht eingestehen, dass es einem gut geht. Ich wohne in einem Haus, habe Frau und Kind, alles – trotzdem ärgere ich mich über Unwesentliches. In solchen Momenten erwische ich mich oft selbst. Im Endeffekt geht es um nichts. Ich muss die Wertigkeiten neu definieren. Selbsterkenntnis und Selbstinitiative.

Du bist in einem Gemeindebau in der Großfeldsiedlung aufgewachsen, vor einigen Jahren in ein Haus mit Garten gezogen, lebst weiterhin in Floridsdorf. Inwieweit fühlst du dich mit dem Bezirk verbunden?
Ich bin in Floridsdorf groß geworden, war dort bis ich etwa 15 Jahre alt war. Nach der Sporthauptschule bin ich in die HTL gekommen, aber nach einem Jahr mit Pauken und Trompeten durchgeflogen. Meine Eltern haben sich geschieden, mein Vater ist aufs Land gezogen. Die Mutter ist auch aus Wien raus und ich habe mich dann entscheiden müssen, ob ich arbeite oder weiter in die Schule gehe. Nach einem Praxismonat in einer Schmiede hatte ich genug von der Arbeit. Muss ich ja sowieso noch, bis ich alt bin. Also bin ich meinem Vater gefolgt und war vier Jahre lang quasi in der Einöde kaserniert. Ich mochte schon damals die Natur, konnte aber mit den Leuten dort nicht immer was anfangen und bin bei jeder Gelegenheit in die Stadt geflüchtet. Ich habe auch immer wieder mit der Polizei Probleme gehabt, war ein richtiges kleines Gfrast. Ich hatte sogar ein halbes Jahr vor meiner mündlichen Matura noch eine Gerichtsverhandlung. Die Zeit am Land hat mir – obwohl ich mich dort nicht wirklich wohl gefühlt habe – gut getan, weil ich die Zeit für die Ausbildung verwendet habe und den ein oder anderen Freund gewonnen habe. Aber ich war das nie vom Typ, ich werd‘ immer ein Großfeldsiedler bleiben. Wir sind ein ganz eigenes Volk, reden eigen und sind eigen da oben im Norden. Die Großfeldsiedlung ist eigentlich wunderschön. Aber auch sie hat sich verändert. Ich fahre heute noch mindestens einmal im Monat hin, besuche die Leute und switche teilweise zwischen den ärgsten Szenarien hin und her. Leute, die mich nicht kennen, verwirrt das vielleicht. Bei mir schaut ein Tag manchmal so aus: Ich spaziere durch den Wald zu meinen Bienen, gehe boxen, spiele mit der Kleinen, mache zu Hause Gartenarbeit und treffe später noch Hawara von früher in irgendeiner Gemeindebauwohnung. Momentan versuche ich, so viel Zeit wie möglich mit meiner Tochter und meiner Freundin zu verbringen. Familie ist das Wichtigste und bringt einen immer von seinen Egotrips runter. Ich lebe und liebe diesen abwechslungsreichen Film. Da kann man nur deppat werden (lacht).

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Wie erklärst du dir, dass du gleichermaßen Stadtmensch und außerordentlich naturverbunden bist?
Man muss dazu sagen, dass ich vier Jahre lang wirklich in der Einöde gewohnt habe und das hat mich damals fertig gemacht. In der Psychologie gibt es ja den Spruch, dass Menschen, denen viel fad ist, aus Langeweile Kreativität entwickeln. Ich glaube, dass es bei mir ähnlich war. Ich habe damals viel gezeichnet, nicht nur auf Papier. Du fährst nur am Wochenende immer „rein“, unter der Woche sitzt du – plakativ gesagt – neben den ganzen Strebern in der Schule, bei denen ich mir denke: ‚Okay, intellektuell kann ich zwar mithalten, aber so haben wir nicht viel gemeinsam.‘ Doch man hat Gemeinsamkeiten gesucht und gefunden und wir waren letztendlich eine leiwande Truppe mit vielen verschieden Typen. Die sind oft wie Kinder ums Lagerfeuer gesessen, wenn ich von meinem Wochenende erzählt habe. Im Laufe der Zeit habe ich auch da so manchen Freund kennengelernt. Ich war damals viel Strawanzen. Das habe ich auch nicht abgeworfen, als ich mit 19, 20 wieder fix in der Stadt war und Fortgehen, Techno-Festln und andere Geschichten auf einmal wichtiger waren. Aber irgendwann holt dich das, was dir gelernt wird, wieder ein. Das ist wohl ein Erziehungsding. Du kannst einem Kind gewisse Werte vermitteln, die – ob es will oder nicht – immer in ihm drinbleiben. Bei meinem Vater waren solche Grundwerte immer Respekt vor anderen Menschen und Respekt vor der Natur. Ich kenne niemanden, der wie er fast jede Pflanze und jedes Tier im Wald beim Namen kennt.

Imkerst du mittlerweile, wie mal als Wunsch geäußert, in Wien?
Na, das mache ich noch immer in Niederösterreich. Die Leute in meiner Anlage wollen zwar, dass ich hier imkere, aber es gibt nur Plätze, die für alle zugänglich sind. An dem Tag, den ich im Sommer wöchentlich zu den Bienen fahre, möchte ich niemanden sehen. Das meine ich nicht böse, aber für mich ist das eine Art Entspannung. Dort kann ich machen, was ich will. Wenn ich den ganzen Tag nackt herumrenne, ist es jedem wurscht. Ich genieße es, keinen zu hören und zu sehen. Das sind auch Momente, in denen viele Ideen einschießen – wenn du die ganze Zeit die Reizüberflutung hast und auf einmal gehst du wo hin, wo nichts ist. Wenn du alleine mit deinen Gedanken bist, merkst du erst, wie viele Reize permanent auf einen einprasseln.

Wie häufig kommst du mit deinem engen Zeitkorsett noch dazu, Zeit in der Natur zu verbringen?
Ich komme schon noch viel dazu. 2017 war ich fast auf keinem Festl, Konzert oder sonst was. Ich habe nach dem Tour-Support der leider teilweise abgesagten „Gemeindebauflava„-Tour die Zeit als Vater genossen. Neben dem Familienleben habe ich mich um die Musik und den Honig gekümmert. Alles eine Frage der Einteilung. Ich brauche die Zeit an der frischen Luft. Ich finde es generell wichtig, in der Stadt verliert man leicht den Bezug zu den anderen Lebewesen rund um uns. Es ist wichtig, die Welt und das Leben als Ganzes zu sehen und nicht nur sich selbst als Individuum. Wir alle sind ein Leben, alles ist irgendwie miteinander verbunden – vom Mikroorganismus bis zum Menschen und allem, was dazwischen ist. Im Endeffekt kann man durch andere Lebewesen und Lebensformen lernen – wurscht ob das Insekten, Vögel, Säugetiere oder Pflanzen sind. Es ist immer eine Blickwinkelveränderung. Diese Möglichkeit ist heute in der modernen Welt vielen Leuten genommen. Aufgrund der Art und Weise, wie alle in den Städten leben. Man könnte generell die Stadt viel mehr begrünen und für andere Lebewesen Flächen schaffen – nicht nur die zugeschissene Hundswiesn vorm Gemeindebau. Das ist halt eine Herausforderung. Architektonisch, sprich kreativ, aber auch technisch. „Bewahre deine Liebe zur Natur, denn das ist der richtige Weg zu immer besserem Kunstverständnis.“– Vincent van Gogh

Kommen wir zum Album „Invearzion“. Die vorab erschienene Single „Assisi“ dreht sich um deine Naturverbundenheit, die Wildnis. Welche weiteren Themenschwerpunkte haben sich herauskristallisiert?
Der Name mag im ersten Moment nach Invasion klingen, ist es aber nicht – es ist die Inversion, die Umkehrung, um die es geht. Ich bin scheinbar erwachsen, habe aber ein Baby am Cover. Das Album fängt mit einer Wiedergeburt an und führt über Selbstsicherheit zur Selbstkritik bis hin zur Selbsterkenntnis kurz vorm Tod. Auf Tod folgt Leben – „Invearzion“. Eigentlich geht es um den Kreislauf eines unausgeglichen Systems. Gecheckt? Ich auch nicht (lacht). Ein typisches Vearz-Album, bei dem genaues Zuhören absolut erforderlich ist. Es sind wieder verschiedene Beatstile vertreten, die diesmal etwas mehr miteinander verknüpft sind. Wahrscheinlich, weil mir selbst auch viele verschiedene Stilrichtungen gefallen. Themenmäßig ist es wohl mein tiefsinnigstes Album. Ich habe aber versucht, nicht diese typischen Zeigefinger-Geschichten à la ‚der/die/das ist Schuld‘ zu bringen, sondern zu fragen, warum etwas so ist und ob ich vielleicht selbst daran schuld bin. Gleichzeitig wollte ich auf keinen Fall die Depri-Schiene fahren und habe versucht, das in Ironie zu verpacken und mit meiner Art von Humor zu verzieren. Auch Battle-Lines, Storyteller und Representer gibt es wieder.

Gegen wen richten sich die Battle-Lines?
Am meisten haue ich wohl auf die hin, die ihren Arsch nicht bewegen. Es geht nur um die Bequemlichkeit. Um Leute, die dasitzen und raunzen: ‚In Österreich geht nichts. Wir sitzen da und wollen machen, aber machen lieber nicht, rauchen lieber noch drei Öfen, chillen mal.‘ Luxusprobleme und dieses Suchen von Ausreden. In jeder Hinsicht, nicht nur in Bezug auf die Natur oder die Gesellschaft, bei der Musik ist es ja genau dasselbe. Ich habe nicht mit dem Musikmachen angefangen, weil ich damit reich und berühmt werden will, sondern weil ich Spaß daran habe und etwas erschaffen will. Ich liebe Lyrik, Reime, HipHop und auch andere Musikrichtungen – und deswegen kipp‘ i da so eine. Die wenigsten Leute aus meinem Freundeskreis kommen aus dem Metier. Ich habe keine Hawara daheim, die Beats basteln oder Filmchen machen. Leider. Dadurch muss ich mich viel auf Personen einlassen, die ich nicht so gut kenne. Ich bin in letzter Zeit oft von Leuten enttäuscht worden, die was machen wollen, aber nichts machen. Der eigentliche Fehler war aber immer meine Erwartungshaltung. Ich erwarte, dass Leute, mit denen ich zusammenarbeite, den gleichen Einsatz wie ich mitbringen. Wenn der nicht vorhanden ist, trenne ich mich geschäftlich. Ich bin da streng geworden, weil mir meine Nerven und meine Zeit zu wichtig sind. Wenn mich jemand für ein Projekt über Tage, Wochen oder sogar Monate hinhält und dann nichts daraus wird, werde ich richtig sauer. Diese Personen stehlen mir Zeit, die ich mit meiner Tochter verbringen hätte können. Leider gibt es hier viele Plauscher – ich hätte da eine ganze Liste. Gott sei Dank treffe ich dann immer wieder Kollegen, mit denen die Arbeit viel Spaß macht. Jeder von ihnen hat meinen tiefsten Respekt.

Mit wem hat die Zusammenarbeit diesmal gut funktioniert?
Zum Beispiel habe ich den Boris, Drummer von Black Inhale, kennengelernt. Ein richtiger Metaller und im Gegensatz zu mir auch ein richtiger Musiker, der alle möglichen Instrumente spielt. Leider hat er, wie ich, wenig Zeit. Mit ihm habe ich mich hingesetzt, als wir nach einem Festplattencrash im Studio von Ill Eagle zwei Tracks verloren haben, bei denen das Nachbauen nicht mehr funktioniert hat und wir den Drive nicht mehr erwischt haben. Ich habe den Boris dann gebeten: ‚Fetz amal mit der Gitarre drüber!‘ Das hat genau gepasst und war so geil, dass ich es gleich 30 Mal hintereinander gehört habe. Beim zweiten verlorenen Beat war es ähnlich, da hat Ill Eagle angerufen, dass ein Cellist im Studio hockt und mich gefragt: ‚Stört es dich, wenn er zu dem Track was aufnimmt?‘ Das haben wir gleich für die ganze Melodie genommen, ich weiß bis heute nicht seinen Namen. Ich bin auch mit dem Produzenten Saiko und Joe, einem Gitarristen und Bassisten, spontan zum Musizieren in den Keller gegangen. Wir haben einen ‚pickt, bissl gejammt und plötzlich war diese Magie im Raum. Wir haben auf Anhieb „Assisi“ und einen weiteren Track fertig gemacht. Man kann es nicht beschreiben, nicht erzwingen und man braucht den richtigen Drive. Wenn noch Leute zusammenkommen und viele verschiedene Handwerke ein Ganzes ergeben, hast du etwas Geiles beinander. Es kann nie eine Formel dafür geben. Das ist ja das schöne bei der Musik oder überhaupt bei der Kunst, dass sie manchmal bissl unlogisch ist. Um Goethe zu zitieren: „Natur und Kunstwerke lernt man nicht kennen, wenn sie fertig sind; man muss sie im Entstehen aufhaschen, um sie einigermaßen zu begreifen!“

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