„Ich will internationale Weltklasse-Pop-Musik abliefern!“ // URBS Interview

 
Fotos: Daniel Hoffmann

URBS trifft blendend gelaunt am Treffpunkt zum Interview ein, was am kurz zurückliegenden Familienurlaub im hohen Norden, aber auch am anstehenden Release seines HipHop-Solo-Debüts mit dem Namen „URBS“ liegen könnte (Releasedate am 8. September). Tatsächlich überrascht das Wort Debüt bei jemandem wie Paul Nawrata. Bereits Mitte der 1990er-Jahre bewies er sein Gespür für „internationale Weltklasse-Pop-Musik“ – wie er es im Interview augenzwinkernd nennt – oder heruntergebrochen: für Dope (HipHop-) Beats. Vor allem der Track „Closer to God“ auf der „Da Beauty & Da Beatz“-EP mit DJ Chaoz, erschienen 1997 auf dem legendären Label Uptight, verschaffte ihm erste größere internationale Aufmerksamkeit und regelmäßiges FM4-Airplay. Unter der Ägide seines musikalischen Ziehvaters DJ DSL und im Dunstkreis von Uptight und G-Stone entwickelte sich URBS von diesem Zeitpunkt an zu einem der gefragtesten Produzenten, DJs und Remixern in den einschlägigen hiesigen HipHop-Kreisen und vor allem auch darüber hinaus.

In den darauffolgenden Jahren bestätigte er im Duett mit DJ Cut-Ex und später auch solo in unterschiedlichen Konstellationen und auf diversen (Qualitäts-)Labels (unter anderem G-Stone, Hong Kong Recordings) sein Können. Die große Gesamtschau in punkto HipHop blieb aber lange aus. Welche Gründe es dafür gab, schildert Urbs im folgenden Interview. Darin erzählt er auch über seine „musikalische DNA“, die Dope Beats und über seine dementsprechende Auffassung von „HipHop als Tanzmusik“. Dass diese Definition von HipHop, die er dieser Tage mit „URBS“ vorlegt, ursprünglich aber gar nicht auf Beat Art Department, dem neuen HipHop-Sub-Label von Compost Records, erscheinen hätte sollen sowie andere Details zum Album – wie ein im Sand verlaufenes Kroko-Jack-Feature – waren ebenfalls Gesprächsthema.

The Message: Deinem nun erscheinenden Album ist ein langer Entstehungsprozess vorausgegangen. Welche Gründe gibt es dafür und wie geht man als Künstler damit um, so lange auf eine Veröffentlichung hinzuarbeiten?
URBS:
Seit meinem letzten Album „Toujours Le Même Film…“ sind nun sage und schreibe elf Jahre vergangen. Das Album ist 2005 über G-Stone erschienen und war eigentlich kein HipHop-Album, sondern ein Soundtrack zu einem fiktiven Film. Das ist sehr gut gelaufen, hat mir viel Spaß gemacht und ich habe danach lange in diese Richtung weitergearbeitet. Kurz nach diesem Album ist die MySpace-Zeit angebrochen und ich nahm Kontakt zu vielen verschiedenen Künstlerinnen auf, unter anderem zu einer Sängerin aus Australien. Daraus ging auch eine Kooperation hervor, die zu meinem zweiten Projekt wurde. Und mein drittes Projekt war immer ein HipHop-Album. Es ging dabei darum, alle Songs zusammenzufassen, die neben meinen anderen Projekten entstanden sind, weil ich – sozusagen „nebenbei“ – immer auch HipHop-Beats produziert habe. In diesem Zeitraum sind unzählige Songs entstanden. Es war dann schwer den Punkt zu finden, an dem ich für mich sagen hätte können, dass dieses Album jetzt eine funktionierende Einheit beziehungsweise, trotz seiner Vielseitigkeit, homogen genug ist, um als Album durchzugehen. Ab einem gewissen Zeitpunkt hat es sich dann zu einem Wettlauf entwickelt, welches der Projekte zuletzt fertig wird (lacht). Jetzt ist mein HipHop-Album aber endlich da.

„Mir war immer wichtig, nicht wie diverse Vorbilder zu klingen“

Wie würdest du den Sound auf dem aktuellen Album beschreiben? Du machst immerhin seit den 1990er-Jahren solo oder in unterschiedlichen Konstellationen Musik, welcher „rote Faden“ lässt sich von Urbs & Chaoz über Urbs & Cut-Ex und deinen anderen Projekte bis heute finden?
Positiv umschrieben – zeitloser Sound (schmunzelt). Meine oder unsere Musik war nie im Trend der Zeit. Sowohl mit Chaoz als auch später mit Cut-Ex haben ich beziehungsweise wir ja nicht das gemacht, was damals gerade im HipHop passiert ist oder angesagt war, wie Neptunes- oder Timbaland-Sound. Wir haben mit unserem samplebasierten, erdigen Sound eigentlich schon für damalige Verhältnisse extrem moderesistent gearbeitet. Mir war immer wichtig, nicht wie diverse Vorbilder zu klingen. Lange Zeit hatte ich beispielsweise in Deutschland das Gefühl, alle wollen wie Premo oder andere Größen klingen, vor allem in der Blütezeit von Deutsch-Rap. Danach sind einige darauf gekommen, wie Pete Rock und andere US-Producer arbeiten, ab da hat es ganze Heerscharen von Produzenten gegeben, die geklungen haben wie diese Vorbilder. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich so gearbeitet habe, teils aus kompletter Unfähigkeit (lacht), teils aus der Überzeugung, dass ich meinen eigenen Signature-Sound schaffen wollte. Ich habe eigentlich immer mit einem EMU-Sampler gearbeitet und dabei versucht, ein gewisses 70er-Jahre-Klangbild zu erschaffen und nicht wie 90er-Jahre-New York zu klingen. Das umschreibt ganz gut den roten Faden, der sich durch die vergangenen Jahre in meiner Musik zieht.

Du gehörst gemeinsam mit DJ DSL und DJ Cut-Ex zur Speerspitze einer DJ-Generation im deutschsprachigen Raum, die sich einer ganz speziellen Form des HipHops, nämlich den sogenannten „Dope Beats“, verschrieben hat. Könnte man sagen, dass das Album eine aktualisierte Version dieses Sounds ist und in dieser Tradition steht?
Zu einem gewissen Teil sicher, denn das ist sozusagen meine musikalische DNA, was jetzt zumindest HipHop betrifft. Natürlich fließt dieser „Dope Beats“- Sound, wie du es nennst, bezüglich Aufbau, Stop&Go-Feeling und einem gewissen „Auf-den-Punkt-kommen-wollen“ mit ein. Aber ich hatte nie die Intention, mir das auf die Fahnen zu schreiben. Dieses Erbe von Musikproduzenten wie beispielsweise Mark The 45 King und Kenny Dope, das von DSL an uns beziehungsweise die jüngere Generation weitergegeben wurde, kann ich aber nicht ganz abstreiten (schmunzelt) und hat auch meiner Meinung nach nie seine Gültigkeit verloren.

„Der wichtigste Impuls war eigentlich MySpace“

Du konntest sowohl auf der EP als auch auf der LP eine Vielzahl von internationalen Gästen versammeln. 
Vieles davon ist tatsächlich noch über MySpace entstanden. Damals war es leichter als heute mit amerikanischen MCs oder eben einer obskuren Sängerin aus Australien in Kontakt zu kommen, da die meisten wirklich noch zurückgeschrieben haben. Heute ist das in der Regel nicht mehr der Fall. So ist eigentlich der Hauptteil der Features zustande gekommen. Der andere Teil ist über diverse Zufälle und Bekanntschaften passiert. Zum Beispiel hat T.R.A.C., der auf zwei Songs vertreten ist, Freunde in Wien und ich habe ihn über drei Ecken kennengelernt. Dann gibt es auf dem Album den Song „Happy Days“ mit Bagi & Sarah Ann, der nie als Original erschienen ist und lange Zeit als Remix ein Schattendasein fristete. Den habe ich für das Album jetzt neu überarbeitet. Bagi ist ein Amerikaner, der damals in Nürnberg gelebt hat. Den hab ich ähnlich wie T.R.A.C. über mehrere Ecken kennengelernt. Und Blabbwona ist ein Freund von Rude Teen, der das Label „Beat Art Department“, auf dem mein Album jetzt releast wird, gegründet hat. Die Features sind also auf den verschiedensten Wegen entstanden, aber der wichtigste Impuls war eigentlich MySpace.

Dein HipHop-Album hätte ja eigentlich schon viel früher und auch über ein anderes Label, nämlich über G-Stone, das mittlerweile leider nicht mehr existiert, erscheinen sollen. Warum hat das nicht geklappt? Und gibt es zu Leuten aus dem Umfeld noch Kontakte? Auf dem neuen Album haben unter anderem DJ DSL für das Artwork und Peter Kruder als Mixer mitgewirkt.
G-Stone war ein bestimmter Freundeskreis und diese Freunde gibt es natürlich auch heute noch, obwohl es das Label nicht mehr gibt. Peter und Richard, also Kruder & Dorfmeister, wollten anderen Dingen mehr Zeit widmen und haben dann das Label aufgelöst. Letztendlich ist es natürlich daran gelegen, dass ich und die anderen G-Stoner immer viel zu viel Zeit für ihre Alben gebraucht haben. Peter und Stefan sind beide gute Freunde und eine Zusammenarbeit war naheliegend. Peter hat drei Nummern auf dem Album gemischt – nämlich die drei, die gut klingen (lacht).

„Für mich ist Kroko Jack ein absolutes Genie“

Der einzige österreichische/deutschsprachige Beitrag ist „Fiass in d’Hand“ von Skero und Kayo. Es war aber auch eine Zusammenarbeit mit einem anderen sehr bekannten Mundart-Rapper aus Österreich für das Album geplant, nämlich mit Kroko Jack. Warum ist diese Kollabo nicht zustande gekommen?
Als ich das erste Mal mit ihm Kontakt aufgenommen habe, hat er glaube ich noch Markee geheißen. Ich bin ein riesengroßer Fan, für mich ist Kroko Jack ein absolutes Genie. Ich hätte das auch sehr gerne gemacht und habe es dann eher aus schlechtem Gewissen ihm gegenüber abgebrochen, weil sich das Album eben dermaßen verzögert hat. Ehrlich gesagt ist das schon so lange her, ich kann mich nur sehr vage daran erinnern. Letztlich ist das dann im Sand verlaufen und ich habe das abgebrochen, bevor er noch einen Text geschrieben hat. Aber wir waren im Kontakt, er hat einen Beat von mir bekommen und er wollte das auch machen. Ich finde seine Sachen bis heute super, er hat sich aber vom Sound her in eine ganz andere Richtung als ich entwickelt. Ich hoffe aber, er zieht sein Ding weiter durch, weil er ist der beste deutschsprachige MC.

Warum ist der Anteil an österreichischen Rappern nur auf diese Nummer beschränkt? 
Aus meiner Sicht ist ein deutschsprachiger Beitrag auf dem Album vertreten, der von zwei Österreichern ist. Wie Peter und Stefan sind auch Skero und Kayo zwei gute Freunde von mir, ich verstehe mich gut mit ihnen, sehe sie oft und da ist es naheliegend, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Für Skero habe ich ja auch schon davor Beats produziert. Das war schon eine ganz klare Entscheidung, weil ich nie etwas für einen bestimmten Markt machen wollte, sondern ich will internationale Weltklasse-Pop-Musik abliefern, die von Neuseeland bis Kanada funktioniert (lacht). Wenn ich mehrere deutschsprachige Nummern auf dem Album hätte, würde das einfach wahnsinnig viele Hörer ausschließen.

Allerdings sind auf der EP Remixe von Brenk Sinatra und Retrogott vorzufinden. Wie kam es dazu?
Brenk habe ich einfach gefragt, ob er Lust hat, einen Remix beizusteuern. Und ich wollte damit auch irgendwie das Zepter an die nächste Generation von Producern weiterreichen, die nach uns gekommen ist. Glücklicherweise handelt es sich dabei aber nicht um eine direkte „Erbfolge“, weil diese Generation mit ihrem Weg im Unterschied zu uns ja sehr erfolgreich ist, während ich mich weiterhin eher als inspirierter Dilettant fühle. Er ist ein großartiger Produzent und ich bin sehr froh, dass er die Zeit für einen Remix gefunden hat. Retrogott habe ich über Rude Teen kennengelernt, der mit ihm schon des Öfteren zusammen gearbeitet hat. Ein netter und sehr höflicher Mensch, aber großen Kontakt hat es da wie bei vielen Remix-Arbeiten nicht gegeben.

Und wie war das bei Cookin’ Soul?
Für mich war es ein Hauptanliegen, dass sie auf der EP mit einem Remix vertreten sind. Sie kommen aus Spanien und produzieren einen sehr Dancefloor-kompatiblen HipHop. Und das ist mir prinzipiell sehr wichtig, HipHop als Tanzmusik zu verstehen und zu praktizieren. Da hat sich der Kontakt auf eine simple Anfrage nach einem Remix beschränkt, der sie dann zugestimmt haben. Viel romantischer wird es leider nicht (lacht).

„Einfach Pop-Musik mit den Mitteln des HipHop“

Das Album erscheint über Beat Art Department, das neue HipHop-Label von Compost Records aus München, das international einen ausgezeichneten Ruf genießt. Wie kam der Deal zustande und was erwartest du dir von der Zusammenarbeit?
Ursprünglich war das Album auf G-Stone geplant, aber da ist der Lauf der Zeit dazwischengekommen. Einer der vielen Leute, die mich immer wieder zur Fertigstellung des Albums ermuntert und motiviert haben, ist Franjo a.k.a. Rude Teen, den ich schon seit Ewigkeiten kenne. Er hat selber ein Label, Pigeon Records, dann ist er noch bei 58 Beats dabei, das von Main Concept betrieben wird. Das war mir beides aber zu independent (lacht), für das, was ich im Kopf hatte. Irgendwann hat Rude Teen mir dann von einem Gespräch mit Michael Reinboth erzählt, einer Musik- und DJ-Legende aus München und seit Jahrzehnten Betreiber von Compost Records. Die beiden hatten immer schon vor, gemeinsam ein HipHop-Label zu gründen. Und das Album war jetzt sozusagen der Anlassfall, das zu tun. Deswegen hat das Vinyl auch die Katalognummer BAD 001-1, was mir persönlich wiederum sehr gefällt. Ein großer Vorteil ist sicherlich die Infrastruktur, die hinter Compost steht. Ich erwarte mir, dass das Label im Rahmen der Möglichkeiten – und man kennt ja den Musikmarkt – sein Bestes gibt und seinen Teil dazu beiträgt, dass so viele Leute wie möglich das Album hören. Ich fühle mich dort sehr gut aufgehoben. Es war bisher und wird auch weiterhin eine sehr angenehme und freundschaftliche Zusammenarbeit sein.

Wie werden die Hörer auf das Album reagieren, wer soll oder wird es hören?
Wie schon zuvor gesagt: Ich möchte zeitlosen Sound machen, der theoretisch jeden ansprechen kann. Auch bei populären aktuellen Songs tauchen sample- und beatorientierte Elemente auf, wie bei Action Bronson, die heute genauso funktionieren wie vor 25 Jahren. Vielleicht wird das Album von einigen als „Old School“ abgestempelt. Was eigentlich schon prinzipiell nicht stimmt, weil „Old School“ natürlich etwas anderes ist. Als ich die Remixes zusammengesammelt habe, ist mir aufgefallen, dass die meiner Meinung nach wesentlich „oldschooliger“ respektive „newschooliger“ klingen als die Originale. Ein unvoreingenommener Hörer wird das aber alles gar nicht so wahrnehmen. Ich habe einen ganz eigenen Kopf, was Musik betrifft. Für mich ist es einfach Pop-Musik mit den Mitteln des HipHop. Ich will gute Pop-Musik abliefern, die gewissen Anforderungen entspricht wie zum Beispiel Melodiosität. Und ich will in einem Format von dreieinhalb Minuten auf den Punkt kommen. Das ist mir persönlich wichtig und was die Hörer dann draus machen, kann ich sowieso nicht beeinflussen.

Letzte Frage mit einem etwas ironischem Unterton: Wie lange müssen wir jetzt auf neue Musik von dir warten? 
Jetzt geht es Schlag auf Schlag! Jetzt gibt’s einmal das Album und im Spätherbst/Winter eine zweite Remix-EP. Darauf sind Remixes von Pulsinger & Irl, Peter Kruder, Marc Mac alias Visioneers, Trishes, Flip von Texta und Karuan, die allesamt großartig sind. Auf der zweiten EP gehen sich also leider keine Instrumentals aus (lacht). Bis Ende des Jahres gibt es auf jeden Fall einmal genug Stoff. Ich habe aber auch noch jede Menge andere Musik am Rechner, ich gelobe Besserung bezüglich meines Release-Rhythmus.

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