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Rap

„KIOX“: Kummer macht Schluss mit lustig // Review

Kummer & Eklat Tonträger/Vertigo/Capitol // VÖ: 10.10.2019

Es war ein kleiner Hinterhof-Laden mit dem Namen „Kiox“, den Jan Kummer vor vielen Jahren im Chemnitzer Stadtteil Sonnenberg eröffnete. Ein kuscheliger Plattenladen, in dem sein damals noch kleiner Sohn Felix seine Liebe zur Musik entdeckte. Nachdem das Geschäft in den 90er-Jahren die Pforten schließen musste, erlebt es heute eine kleine Renaissance. „KIOX“ heißt nämlich auch das am 11. Oktober erschienene Album von Felix Kummer, der seiner eigentlichen Berufung als preisgekrönter Kraftklub-Frontmann kurz den Rücken kehrt. Darauf erzählt er uns nicht nur Autobiografisches rund um seine komplizierte Beziehung zur Heimat Chemnitz, sondern wird auch ungeniert politisch. Mit Kummer scheint er nach seinen Projekten Bernd Bass, Felix Brummer und Carsten Chemnitz nicht nur seinen Namen, sondern auch sein Herzensprojekt kreiert zu haben.

Für das Album erwachte das Chemnitzer Platten-Gschäftl für drei Tage lang tatsächlich zum Leben. Die Platten, CDs und Kassetten gab es nämlich nur im Plattenladen in der Karl-Liebknecht-Straße, den Kummer extra dafür herausputzte. Ein zur Platte passendes Konzept, das in Zeiten von Modus Mio als die ultimative HipHop-Krönung aufhorchen lässt.

Echte Männer sind Gewinner, echte Männer weinen nicht // Und auf jeden Fall machen sie keine verweichlichte Befindlichkeitsscheiße wie ich – „Nicht die Musik“

Während also alleine der Titel sehr viel Geschichte und Mühe mit sich bringt, thematisiert Kummer auf jedem der zwölf Tracks expressive Storys – über überzogene Männlichkeit in Kollegah-Manier, Neonazis in der Heimat, Pessimismus und Hass, Depressionen, Liebe und den Verlust eines Freundes. Dabei schmiegen sich die Beats, hauptsächlich produziert von BLVTH und den Drunken Masters, meist schön an Kummers Erzählungen ran. Mal mit ganz düsteren Synthies oder niederschmetternder Trap-Hymne, oft mit prägender Snare-Drum.

Kummer schmeißt auf „KIOX“ unbeirrt das hin, was ihn schlichtweg ankotzt. Er perfektioniert das Spiel mit Verzweiflung und Wut und verpackt das, was ihn umtreibt, in schlaue Punchlines, die stellenweise trotz ihrer Einfachheit so passend sind, dass man gerne applaudieren würde. Der Platte merkt man die Passion, Nachdenklichkeit und Sorgfalt in jeder der 37 Minuten an. Eigentlich sollte man immer etwas vorsichtig damit sein, ein Album zum Werk des Jahres zu küren. Doch hier eine kleine Beruhigungspille vorweg: Bei Kummer kann man diese Vorsicht ein wenig dämpfen. Wer mit so einem von Herzblut triefenden Projekt um die Ecke kommt, darf sich gerne für diesen Titel anstellen. Sofern dem bodenständigen und sympathischen Chemnitzer sowas überhaupt wichtig ist.

Dein Song juckt null im Gegensatz zu meiner Neurodermitis – „Aber nein“ (feat. LGoony, KeKe)

Kritisch zu sein scheint Kummer aber besonders am Herzen zu liegen. Bei jemandem, der mit seinen Bandkollegen ein riesiges #wirsindmehr-Konzert als Zeichen gegen Rechtsextremismus auf die Beine stellt, scheint das aber nicht überraschend zu sein. Auf Tracks wie „Schiff“, „9010“, „Wie viel ist dein Outfit wert?“ oder „Nicht die Musik“ verteilt Kummer ein paar ordentliche Watschen aus und gibt seinem Aktivismus einen Soundtrack. Gegen „echte“ Männlichkeit und schlechte Rapper mit Selbstoptimierungszwang im „Bosstransformation“-Format („Nicht die Musik“, „Aber nein“) oder verwöhnte Rich Kids, die 600-Euro-Shirts von Balenciaga, Gucci und Co. stolz auf Instagram präsentieren, ohne sich Gedanken zu machen, wer eigentlich ihre Schuhe näht („Wie viel ist dein Outfit wert?“).

Ein thematischer Schwerpunkt ist aber vor allem Kummers schwierige Beziehung zu seiner Heimat, die er auf „KIOX“ verarbeitet zu haben scheint („9010“, „Schiff“). Eine Identität, die irgendwo zwischen „gebrochenem Lokalpatriotismus“ und der Bemühung, das braun angemalte Image zu bekämpfen, liegt.

Life ist super nice, da wo man die Schuhe trägt // Life ist nicht so nice, da wo man die Schuhe näht – „Wie viel ist dein Outfit wert?“

Neben verpackter Kritik wird der Kraftklub-Frontmann in manchen Tracks hoch emotional und persönlich. Während er in „26“ mit monotoner und trauriger Stimmlage über den Verlust eines Freundes erzählt, verpasst Kummer in „Es tut wieder weh“ einen Tritt in die Magengrube und berichtet über Depressionen und Dealer, die ihr Dasein unter dem Arztkittel verstecken. „Alle Jahre wieder“ zeigt sich als bedrohliche Aufzählung von Sagern, die einem beim Treffen mit Verwandten der älteren Generation entgegengeschleudert und bei Kummer mit einem Abriss-Sound im Refrain auseinandergerissen werden. Im Gegensatz dazu beinhaltet „Bei dir“ eine beinahe schon kitschig-süße Liebeserklärung mit Ohrwurmpotenzial und sehr gelungenem Video; in „Okay“ rappt Kummer über misanthropische Anwandlungen und kommt zum Schluss: „Aber vielleicht, so im direkten Vergleich mit dem Rest der Menschheit, bist du okay.

Es ändert sich ja nichts, weder die Anschrift noch dein Anblick // Du bist noch nicht einen Tag gealtert, für immer 26 – „26“

In Sachen Features hielt sich der Rapper etwas zurück, mit an Bord sind KeKe, LGoony und, fast schon unheimlich gut passend, Max Raabe. Während Raabe den Track „Der Rest meines Lebens“ mit dem Refrain perfekt abrundet, zeigt sich KeKe in „Aber nein“ deutlich stärker als LGoony. Die Features sind so divers, wie sich auch die Grundstimmung des Albums zeigt. Vorwerfen könnte man hier lediglich, dass sich Kummers spezieller Rap-Stil stellenweise zu sehr ähnelt, was jedoch stilistisch gesehen nicht weiter störend ist. Kummer bringt bei jeder seiner Geschichten eigene Beats und Elemente mit, die einen tief in das Erzählte hineinziehen. Am Ende ist es auch genau das, was das Album derart stark macht.

Fazit: „KIOX“ ist ein fast durchgehend gelungenes Album mit einzigartigem Vibe und schlauen Lyrics. Mit seiner „Befindlichkeitsscheiße“ verzichtet Kummer nicht nur auf alle Regeln der Kunst, sondern kritisiert die bestehende Gesellschaftsordnung von toxischen Männlichkeitsvorstellungen bis hin zu rechtem Gedankengut. In Zeiten, in denen andere männliche Rapper ungeniert auf Instagram ihre Misogynie verbreiten (Stichwort Al-Gear) und Workshops für „echte Männer“ anbieten, ist das ein mehr als nur starkes Zeichen. Deshalb: Gerne mehr davon – diese Platte ist nämlich ganz schön okay.

4,5 von 5 Ananas

Am 3. Dezember holt Beat the Fish Kummer nach Wien ins – mittlerweile ausverkaufte – WUK und am 16. März 2020 dann nochmal in die Arena Wien.

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News Shows & Concerts

FM4 Frequency Festival 2017 Day 3

Das Fm4 Frequency Festival geht in seine letzte Runde und obwohl einige bereits seit Sonntag am Campingplatz hausen, ist von Erschöpfung keine Spur. Das Green-Team versucht das Gelände wieder in einen halbwegs passablen Zustand zu bringen und „Guten Morgen Sonnenschein“ tönt aus zahlreichen Boxen, um auch die Letzten von der Zeltstadt in die Traisen zu treiben. Diese ist bereits gefüllt mit Campingsesseln und eher spärlich bekleideten Partywütigen samt deren Bierdosen. Also eh alles wie immer.

Am Nachmittag schart Samy Deluxe ein beachtliches Publikum vor die Space-Stage. Beide Wavebreaker sind gut besucht – trotz Sommerhitze. Mit auf der Bühne zwei Backgroundsängerinnen und ein Teil der DLX Band, ansonsten verzichtet Samy aber auf jegliches Bühnenbild. Um „besser auf dieses Festival zu passen“, mischt er immer wieder Metal- und Punk-Rock-Elemente unter seinen Beat. Die Songauswahl liefert einen gelungenen Überblick über seine gesamte Solokarriere und konzentriert sich nicht nur auf das aktuelle Album „Berühmte letzte Worte“. So rappt er sich von „Weck mich auf“ zu „Haus am Mehr“. Zwar hat Samy Deluxe beide Schultern getaped, an seiner Power ändert dies allerdings nichts. Als Rapper der „alten Schule“ begeistert er mit einer Beatboxeinlage, springt auf der Stage von einem Ende zum anderen, hüllt sie bei „Fantasie“ komplett in Rauch und fordert zwei Moshpits. Die Stimmung passt und das Publikum verlangt mit „Weitaa“-Rufen ständig nach mehr. Einziges Manko: Weiter hinten ist der Sound schlechter, Texte sind unverständlicher, oft dröhnt nur der Bass – und das unangenehm.  

Im Gegensatz dazu ist auf der Green-Stage bei 257ers Schaumparty angesagt! Pinkfarbene Kanonen schießen massenhaft Schaum in die Luft. Wo Samy an Schnickschnack spart, setzen die Jungs auf viel Deko, Bilder und bunte Farben, ähnlich ihrem Video zu „Holland“. Zwei als Mario und Luigi verkleidete Crewmitglieder verteilen von der Bühne aus Freibier mit einem überdimensionierten Trichter. Auf Anweisung geht das Publikum in die Hocke und bereitet sich auf den Drop vor. Anstatt aber einen dementsprechenden Beat zu liefern, spielen 257ers Celine Dions „My Heart Will Go On“. Für „Holz“ sind dann vier Bauarbeiter mit auf der Bühne und montieren Bretter. Zum Abschluss starten sie eine 90er-Trash-Pop-Party. Von „Captain Jack“ bis „Bailando“ sind sämtliche „Hits“ vertreten, samt genügend Platz in der Mitte zum Pogen. 257ers setzen in ihrer Performance vor allem auf Unterhaltung durch eine enorme Bühnenshow. Nur die eigene Musik rückt dabei in den Hintergrund. Für einen Nachmittags-Auftritt auf einem Festival aber passend. Hauptsache Stimmung lautet ihr Motto und die ist vorhanden.

Noch während der Umbauarbeiten auf der Bühne, tönen „187“-Chöre aus dem wartenden Publikum. Der Bass beginnt zu dröhnen und der weiße Vorhang fällt. Unter begeisterten Rufen, starten Raf Camora & Bonez MC mit „Geschichte“ in die Show. Auf der Bühne ist die „Treppe aus Barcelona“ aufgebaut, links und rechts davon zwei „Palmen aus Plastik“ platziert und im Hintergrund die Hochhaussiedlung aus dem Video. Raf und Bonez rappen wie immer auf Autotune und werden dabei nicht müde, sich durchwegs selbst am meisten zu feiern. Unterstützung gibt’s dazu von Gzuz und Maxwell. Das Publikum beweist sich als ebenso textsicher, Bonez MC nützt das sogleich, um fleißig Storys auf Instagram zu posten. „Ohne mein Team“ performen sie passenderweise mit der gesamten Crew auf der Bühne.

Hohe Erwartungen der Festivalbesucher an den Auftritt von Kraftklub. Zudem wurde dieser zuvor auch schon von Jennifer Rostock angepriesen: „Seht euch das an, das ist irre, was die Jungs gleich machen!“ Und das Publikum lässt auch alles mit sich machen: In die Hocke zum Springen, es wird sich ausgezogen und natürlich auch hier wieder ein Moshpit nach dem anderen. Bei „Ich will nicht nach Berlin“ ist die Kapazität der Green-Stage zwar bei weitem noch nicht ausgelastet, bis zum Ende steht die Menge aber bis zu den Dixi-Klos, um mit den Chemnitzern zu feiern. Die Stimmung ist am Höhepunkt, bei Band und Zuschauern. Während der Show stürmen einzelne Besucher die Buden auf der rechten Seite, um darauf zu tanzen, was allerdings schnell von den Securitys unterbunden wird. Bei einem Kraftklub-Konzert aber nichts Neues, ähnliche Szenen spielten sich bereits 2013 ab. Zum Abschluss liefern die fünf eine auf acht Minuten ausgedehnte Version von „Songs für Liam“ und interpretieren diesen auf mehrere Arten neu. Zwischendrin verabschiedet sich Sänger Felix mit ein paar Zeilen über das Festival und seine Besucher, problemlos reimend und im Takt zur Musik.

Festival-Fazit: Was HipHop angeht, hat das Fm4 Frequency Festival einiges an Acts zugelegt – was sich zukünftig hoffentlich nicht mindert. Aber generell erzielt es heuer wieder durchaus positive Bilanz: 140.000 Besucher – und das unter der Woche. Besonders Neuerungen wie die allgemein zugängliche Tribüne finden großen Anklang und sorgen bei so manchem Zuschauer für ein angenehmeres Konzerterlebnis. Doch es wäre durchaus eine Überlegung wert, die nächsten Jahre anstatt in LED-Screens auf den VIP-Klos, in welche für die Green-Stage zu investieren, um auch weiter hinten die volle Bühne im Blick zu haben. 

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Interviews

Kraftklub-Interview: „Ich bin großer Fan von deutschem Rap“

Kraftklub---Pressefotos-2014
Christoph Voy

Gerade von einer Fahrt durch die Stadt zurückgekommen, schwärmt Frontmann Felix Brummer von diesem Ernst Palicek aus Wien. Er wird ihn später am Abend auch noch den 3.000 Konzertbesuchern im ausverkauften Gasometer empfehlen. „Das ist ein Mega-Hit!“, ist sich der Sänger bei dem Hanuschplatzflow-Mitglied sicher. Während der Koch im Nebenraum noch die Schnitzel mit der Rückseite einer Pfanne bearbeitet, erzählen Felix und Gitarrist Steffen über ihre Vorliebe für Bushido, Zugezogen Maskulin und Wanda, über Gegenwind aus der rechten Szene und warum sie lieber kein Konzert mehr am Karfreitag spielen.

Interview: Julia Gschmeidler

In einem älteren 16Bars-Interview meint ihr, dass deutschsprachiger HipHop seit 2000 stagniert und ihr der letzte Strohhalm seid. Würdet das heute auch noch so passen?
Felix:
Ne, würden wir nicht. Deutschland hat sich am eigenen Schopf rausgezogen, es gibt gerade kaum eine größere, relevantere, interessantere Musikströmung als deutschen Rap.

Welche Rapper gefallen euch besonders?
Felix:
Da wirst du gar nicht mehr fertig. Über Bushido kann man jede Woche trefflich diskutieren. Hier in Österreich ist auch Sido ganz groß, Cro, Casper, Marteria – alles Leute, die für das was sie machen, richtig krass gut sind. Das ist irgendwie neu, geil. Ich bin großer Fan von deutschem Rap.

Neu sind sie aber nicht.
Felix:
Ne, aber vor ein paar Jahren war noch nicht abzusehen, dass sie sich neu erfinden und nochmal eine Entwicklung stattfindet. Bei Bushido könnte ich stundenlang darüber diskutieren, wie faszinierend ich das finde, dass er wirklich einen unglaublichen Popularitätsschub bekommen hat. Dadurch, dass er einfach „Fickt euch alle!“ gewagt hat und voller Wut ein Album aufgenommen hat. Das war auf einmal unglaublich erfolgreich, weil man jeder Zeile angehört hat, dass er auch wütend ist. Wenn Gangsterrap, dann wütender Gangsterrap von Leuten, die einfach alle hassen.

Habt ihr schon Carlo Cokxxx Nutten III gehört?
Felix:
Ne, das will ich mir auch eigentlich gar nicht mehr anhören, weil ich glaube, dass diese Wut von Sonny Black weg ist. Wo er sich verraten und getäuscht gefühlt hat von Kay One und der Springer Presse. Das ist jetzt wieder weg und er hat Spaß am Leben gefunden, das hör ich mir nicht so gerne an. Ich will ihn wütend und böse hören.

Was sagst du zu dem Comeback von Prinz Porno? Als Bass Boy hast du ihn bei Aggro TV noch gedisst …
Felix:
Das ist ja schon eine ganze Weile her. Das war 2009. Ach, es gibt Sachen, die mich mehr kicken. Da hör ich lieber Zugezogen Maskulin. Das find ich spannender, als wenn jemand sein Alter Ego von vor zehn Jahren ausgräbt. Wobei bei Bushido hat’s funktioniert. Ich weiß auch nicht, warum ich das gut finde. Ich bin einfach Fan in der Hinsicht. Dafür habe ich gar keine Begründung.

Ihr hattet Zugezogen Maskulin auf Tour mit. In der Juice habt ihr gemeint, dass sie derzeit die besten Newcomer sind. Was macht die Faszination ZM aus?
Felix:
Ausschließlich der Inhalt. Beats sind mir egal, es geht nur um den Inhalt.
Steffen: Die Performance find ich auch gut von den beiden. Besonders von Grim104. Wir haben sie bei uns im Atomium, einem kleinen Club gesehen. Wir waren wirklich nur 20 Leute und das war denen auch egal. Sie haben eine gute Show gemacht.
Felix: Wenn man auf die Bühne kommt und sich in den ersten 30 Sekunden heiser schreit und kreischt, und so voller Energie ist, dann kann man das schwer haten.

Euer neuer Support Act in Deutschland ist Wanda. Warum habt ihr euch für diese Wiener Band entschieden?
Felix:
Weil wir bei Bilderbuch zu spät dran waren. (lacht)
Steffen: Wanda sind nicht die zweite Wahl, wir finden die gut.
Felix: Wir haben sie zum Glück mal zuerst entdeckt – vor unseren Kollegen. Ich sag euch, in einem halben Jahr nehmen die Beatstakes sie mit. Bilderbuch wurden von allen mitgenommen, dann wollten wir sie nicht auch noch fragen. Wir brauchen unsere eigene österreichische Band, die wir hypen. (lacht)
Steffen: Wir haben gerade noch Glück gehabt. Ich weiß gar nicht, ob die überhaupt noch als Support spielen in einem halben Jahr.
Felix: Wir sind große Fans. Es ist abgefahren, ohne dass gesagt wird, es ist ein Comeback von Austropop. Aber Wanda und Bilderbuch sind einfach so die freshesten Sachen, die im letzten Jahr passiert sind. Mit Zugezogen Maskulin noch. Interessant, dass sie beide aus Wien kommen. Kennen die sich überhaupt?
Steffen: Ich glaube nicht so persönlich, hat der Sänger von Wanda in einem Interview gesagt.

Christoph Voy
Christoph Voy

Was gefällt euch an den beiden Bands?
Felix: Wir sind sehr oft anti, Wanda ist sehr oft pro. Wanda bejaht das Leben, wir finden es manchmal ganz schön scheiße. Die Leute gehen positiv in den Abend rein, bevor sie von uns gesagt bekommen, dass das Leben doch scheiße ist. Das ist ganz cool.
Steffen: Zuerst werden sie aufgebaut von Wanda und dann machen wir wieder alles kaputt.
Felix: Liebe ist schön und dann kommen wir: Nein, Liebe ist schlecht (Mit Heavy Metal Stimme, Anm.), Liebe ist böse, Liebe tut weh. So werden dann die Abende. Und Gin Ga sind auch noch mit am Start, die finden wir auch megagut. Die kommen auch aus Österreich. Wir haben es auf den letzten Metern der Tour nicht geschafft, noch eine österreichische Band zu finden. (Es spielen auch noch Still Trees und Playfellow als Support, Anm.) Wie gesagt, dieser Ernst Palicek. Es gibt nur einen einzigen Song von ihm, aber das ist ein Mega-Hit.

Ihr kennt K.I.Z. ganz gut. Zugezogen Maskulin werden sehr oft mit ihnen verglichen. Was ist eurer Meinung nach der Unterschied zwischen den Acts?
Felix:
Ach, da gibt’s schon Unterschiede, das sind dann halt Nuancen. Das ist so, wie wenn mir wer erklären wollen würde, was die Unterschiede zwischen Metal Band A und Speed Metal Band B sind. Jemand, der sich mit Metal auskennt, der hört eindeutig die Unterschiede. Und jemand der außensteht, sagt: „Das hört sich alles gleich an, Krach und laut und schnell.“ Ich höre schon die Unterschiede zwischen Zugezogen Maskulin und K.I.Z., kann sie aber schwer prägnant runterbrechen. Die machen beide gesellschaftskritischen, ironischen Straßen-Deutschrap.

Ihr wart mit K.I.Z. für ARTE bei „Durch die Nacht“ unterwegs und habt mit ihnen am Karfreitag ein Konzert in Chemnitz gespielt …
Felix:
Das war ein großer Fehler!

An einem Karfreitag sind in Sachsen öffentliche Tanzveranstaltungen und öffentliches Vergnügen verboten …
Felix:
Ist das bei euch nicht so?

Nein. Bei uns ist es nicht mal ein Feiertag.
Steffen:
Der Feiertag ist nur im Osten.
Felix: Warum sollte ein kirchlicher Feiertag nur im Osten stattfinden? Das ergibt keinen Sinn. Das ist ja die ehemalige DDR, da war nix mit Kirche. Deswegen wundert mich das gerade sehr.

Und warum war das Konzert ein großer Fehler?
Felix:
Weil es dadurch noch viel mehr Ärger gab.
Steffen: Das war nicht so geplant. Wir hatten den Termin mit ARTE und die Idee, dass wir da spielen wollen. Uns war das vorher auch gar nicht so bewusst.
Felix: Es war einfach total schwierig, einen Termin zu finden, wo wir und K.I.Z. auch konnten. Wir waren den Tag vorher noch bei Harald Schmidt und dann sind wir hochgedüst … Und in Chemnitz haben auch alle frei und konnten hinkommen. Dann hast du gemerkt: Ah, da war irgendwas mit Musik und Tanzverbot. Wir haben’s dann verstanden und gesagt wir machen das nicht noch einmal. Wir haben das nicht aus Provokation der Kirche gegenüber gemacht, aber ein Tanzverbot? Das hört sich richtig Mittelalterlich an.

Welche Probleme gab’s denn dann?
Felix:
Wir haben versucht, so wenig wie möglich zu tanzen. Ganz konnten wir es auch nicht lassen. Deswegen haben wir dann Strafe bezahlt, mussten aber nur den Polizeieinsatz zahlen. Da war die Stadt noch sehr kulant.
Steffen: Das hatte auch was Rock’n’Rolliges, so wie die Stones damals irgendwo auf Dächern gespielt haben …

Auch in Chemnitz gibt’s Märsche der Pegida, ihr habt ein Foto von euch auf einer Gegendemo gepostet. „Jetzt wo sich viele politisch weiter rechts positionieren, gibt es genug Gegenwind gegen uns“, meinte Felix in einem Interview. Wie macht sich der bemerkbar?
Felix:
Es gibt Menschen, die scheinen im Internet zu leben. Da liest man dann die Kommentare und Morddrohungen wie „Wenn ich dich treffe, dann stech ich dich ab!“. Glücklicherweise glaube ich nicht, dass es die in Wirklichkeit gibt, das sind so Internet-Rambos. Die wollen ärgern und Angst machen. Die sagen dann: „Du linke Zecke, ich klatsch dich um.“ Die gibt’s halt. Es ist normaler geworden, nicht so „Huch, das hat er jetzt gesagt im Internet.“ Eher „Why not, fickt euch doch, ich schreib jetzt hier den ultra rechten Bullshit hin“. Wahrscheinlich gab’s schon immer Leute, die so gedacht haben und das mit ihren Kumpels hinter vorgehaltener Hand gesagt haben, aber diese Plattform und Selbstverständlichkeit, mit der das auf Facebook Bahnen bricht, die ist mittlerweile beeindruckend.

Sollte man gegen diese Trolle gesetzlich vorgehen?
Felix:
Nö, die gab’s wahrscheinlich schon immer. Man muss in den sauren Apfel beißen und sich dem stellen. Es gibt Dummheit und Idioten, das heißt aber nicht, dass man die alle wegsperren muss. Das find ich als den falschen Ansatz. Man muss ihnen zeigen, dass es auch andere Möglichkeiten gibt zu leben. Dass die Welt nicht nur aus dummen Menschen besteht.
Steffen: Auf die Dauer macht die das auch nicht glücklich.

Welche Alternativen siehst du denn?
Felix: Ein bisschen wie Wanda. Einfach positiv vorgehen – nicht auf die anderen versteifen. Das mussten wir auch erst lernen. Nicht immer dagegen sein, sondern positiv nach vorne. Anders funktioniert es auch nicht. Wir sind seit Monaten am drüber diskutieren, aber wir haben leider keine Lösung parat.

Beim anschließenden Konzert zu ihrem aktuellen Album „In Schwarz“ zeigen die fünf Musiker dann, dass sie zu den derzeit besten deutschen Live-Acts gehören. Spielereien mit den Besuchern und deren Eltern, ein Stagedive-Contest, Bengalen, Konfetti und rotierende T-Shirts. Und mittendrin eine Pogo-Haufen, der sich wie ein Kreisel dreht. Kein Wunder, dass bei so viel Action zwölf Securitys vor der Bühne platziert sind, um die per Luftpost kommenden Fans wieder von den Armen der Menge runterzubekommen. „Das beste Konzert seit Langem!“, hört man die aufgeregten Fans nach der Show nach Luft schnappen.

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Vier der fünf Musiker beim Stagedive-Contest per Luftpost gen Bühne. Nur der Drummer hat die Stellung gehalten.