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Svaba Ortak, ein Mysterium aus Wien // Eine Begegnung

Fotos: Daniel Shaked

Auch ohne Albumveröffentlichung war für den Wiener Rapper Svaba Ortak das vergangene Jahr turbulent. Zunächst wirkte noch der „Meine Stadt“-Song „Ungestreckt“ nach, bevor im Februar mit Haze für „Wows“ in der Straßenrap-Community gesorgt wurde: Svaba Ortak war nicht nur zweimal auf Hazes erfolgreicher „Die Zwielicht LP“ als Featuregast vertreten, sondern fertigte mit dem Karlsruher zusätzlich eine gemeinsame EP namens „Zukunft“ an. Ein Titel, der als Versprechen taugt. Doch das ganz große Glück lag 2018 auf den Bühnen, machte Svaba Ortak mit stark frequentierten Auftritten bei RAF Camoras Homecoming-Show in der Marx-Halle und auf dem Donauinselfest als begabter Livekünstler auch außerhalb von Insiderkreisen von sich reden. 2018 war somit endgültig klar: Der Rapper aus Landstraße-Mitte ist hochentzündlich. Der Funke, der das Feuer auslöst, befindet sich in direkter Nähe.

Direkte Nähe bedeutet, dass Svaba Ortak im März 2019 endlich sein Solodebüt „Eva & Adam“ veröffentlicht. Snippet und Vorab-Singles sind gute Indizien dafür, dass Svaba Ortak in die Fußstapfen seines Kumpels Haze treten und wie jener ein Straßenrap-Album präsentieren wird, das ohne die üblichen Fremdscham-Momente auskommt. Weil Svaba Ortak auch etwas zu erzählen hat. Eine Eigenschaft, die zu vielen im Subgenre fehlt.

Was vielen nicht fehlt, ist der offenherzige Umgang mit Medien und Social-Media-Plattformen. Doch Svaba Ortak geht hier einen diametral anderen Weg. Interviews gibt er selten, auf den sozialen Netzwerken bekommt man bei einer verhaltenen Anzahl an Postings nicht viele Einblicke. Die Strategie, die Person hinter der Musik möglichst aus dem Spiel zu lassen, ist eine bemerkenswerte. Die Beweggründe dafür interessieren mich – und auch die Möglichkeit, das Mysterium Svaba Ortak ein Stück zu entschlüsseln. Kurz vor Weihnachten klappt ein Termin mit dem Rapper.

Lieber die Musik sprechen lassen

Ich treffe Svaba Ortak an einem verregneten Sonntag am Bahnhof Landstraße-Wien-Mitte, einem verkehrstechnischen Knotenpunkt der Stadt. Am Samstag zog eine große Demonstration gegen die Regierung durch Wien, deren Spuren heute noch sichtbar sind. Im Vorfeld erklärte mir Svaba Ortak, dass er kein herkömmliches Interview geben will. Das sei aber halb so schlimm, denn schließlich wolle er reden, das Ganze soll dann aber bitte in Artikelform erscheinen. Ich willigte ein, geht es mir in erster Linie darum, dass es keine inhaltlichen Tabus gibt. Die sollte es nicht geben. Trotzdem machte ich mir im Vorfeld meine Gedanken, was ich als Ergebnis dieser Begegnung wohl mitnehmen kann.

Entgegen allen Rapperklischees erscheint Svaba Ortak überpünktlich am ausgemachten Treffpunkt vor einer Bäckerei am Bahnhofseingang. Angezogen mit navyblauer Jack-Wolfskin-Jacke, die noch ein Relikt aus seiner Zeit in Frankfurt sein könnte (Jack Wolfskin genießt bei Frankfurter Straßenrappern als Tarnjacke hohe Popularität, wie Abdi einst bei Noisey erörterte), Jogginghose und Nike Airmax, spiegelt seine Laune nicht das Wetter wider, das heute einem unnachgiebig den Wind ins Gesicht schlägt. Ein Zug wird noch von der Zigarette genommen, ein abschließender Blick aufs Handy geworfen. Dann begrüßt er mich freundlich und überlässt mir die Wahl des Lokals. „Wir haben heute viel Zeit, wir können über alles reden“, meint er. Das sind nicht die schlechtesten Vorrausetzungen.

Wir einigen uns auf ein Kaffeehaus in direkter Bahnhofsnähe. Svaba Ortak begrüßt den Kellner auf eine herzliche Art, so, wie sich üblicherweise Freunde begrüßen. In eine der hintersten Ecke, unter einem großen Flatscreen, lassen wir uns nieder. Auf dem Fernseher flimmert der Biathlon-Staffel-Wettbewerb aus Hochfilzen, musikalisch untermalt von durchgekautem Austropop und ausgeleierten Schnulzen, die aus undefinierbarer Richtung auf uns zuströmen. Svaba Ortak bestellt eine Dose Energydrink und ein Glas Wasser. Letzteres benötigt er zur Einnahme seines Nahrungsergänzungsmittel, befindet er sich momentan im Training. Die brausige Mixtur getrunken, atmet er noch einmal ein und erklärt sich für meine Fragen bereit.

Ohne Umschweife möchte ich wissen, warum Svaba Ortak diese doch etwas sonderbare Beziehung zur medialen Welt pflegt. Ist es nicht gerade für Musiker vor dem Durchbruch essentiell, tägliche Präsenz zu zeigen, eben auch abseits der Musik? Svaba Ortak vertritt hier einen anderen Standpunkt: „Ich will ein Mysterium bleiben. Es gibt Rapper, die geben alles über sich preis, du weißt alles über die. Ich will das Gegenteil davon sein. Bei mir soll die Musik für sich sprechen“. Dieser Gedanke, dass das Werk ein Eigenleben fernab des Künstlers führen soll, ist für die Popkultur einerseits etwas antiquiert. Andererseits bewegen wir uns im Playlist-Streaming-Zeitalter wieder auf den Punkt hin, wo das Kunstwerk wieder verstärkt Priorität gegenüber dem Künstler genießt. An der Idee, die volle Kraft für die Musik zu investieren und nicht für die so oft vorkommenden Marketing-Blödeleien, ist allerdings nicht wirklich etwas einzuwenden.

„Mehr als Rap, lebenslanger Schmerz“

Dieses Argument der für sich sprechenden Musik verwendet Svaba Ortak auch, als das Gespräch auf die gestrige Demonstration und Politik im Allgemeinen fällt. Hier verfolgt er die Linie, dass seine Texte schon politisch genug seien, jegliche weitere Stellungnahme daher unnötig wäre. Aber ganz so streng sieht er das im Folgenden doch nicht. Mit einem enttäuschten Klang in der Stimme bekrittelt er die neue soziale Kälte, die sich in Wien breit mache, und die ansteigende Salonfähigkeit von Rassismus. Selbst er, der in Wien Geborene, hätte seine Erfahrungen damit machen müssen. Er, der so eine tiefe Bindung zu Wien hat, dass ein entsprechender Schriftzug seine Brust schmückt. Das sind jene Momente, in denen man Schmerz bei ihm verspüren kann. Gleichzeitig sind das jene Momente, die Svaba Ortak motivieren. Aus denen er jenen Hunger schöpft, der seine Musik ausmacht. Den Hunger danach, es unbedingt, allen Widrigkeiten zum Trotz, schaffen zu wollen.

Von der Politik führt das Interview zu seiner Rapsozialisation. Rap begleitet Svaba Ortak die meiste Zeit seines Lebens. In den Kindheitstagen kam er mit Eminem in Berührung, „8 Mile“ wurde so oft abgespielt, noch heute kann er aus dem Stegreif Zeilen aus den Battles aufsagen. Eminem trat aber nicht nur in der Figur des Jimmy Rabbit in die Welt des jungen Svaba Ortak ein. Sein Album „The Marshall Mathers LP“ (2000) machte viele Runden im CD-Player, womit die Lage in seinem Jugendzimmer jenen der meisten anderen zu dieser Zeit gleichte. Der Name einer anderen Platte, die er danach als wichtigen Einfluss nennt, fällt hingegen weniger erwartet: „The Documentary“ von The Game, 2005 erschienen. Seine Augen fangen beim Namen The Game gar zu funkeln an. So wie bei Kindern, wenn sie die Geschenke unter dem Weihnachtsbaum entdecken. Jeden Synth, jede Strophe aus dem Album, die kenne er. Und „Like Father, Like Son“, eine Kollabo zwischen The Game und Busta Rhymes, sei sowieso eine, wenn nicht sogar die beste Nummer überhaupt.

Überraschend ist diese Nennung, weil die überwiegende Mehrheit des musikalischen Schaffens von Svaba Ortak klassisch nach Straßenrap Marke Ostküste klingt. Capone-N-Noreaga und Mobb Deep, hier vor allem die Solosachen von Prodigy, die er ebenso als Einfluss nennt, passen besser in seine musikalische Sphäre, die lange Zeit lautete: schnörkelloser BoomBap-Sound mit harten Drums, auf denen ungeschminkte Tales aus den dunklen Ecken der Gesellschaft erzählt werden. Dort, wo sich Messerstechereien, Schutzgelderpressung und Dealereien im Park ereignen. Grimmige Zeilen legte er auf grimmige Sounds, bis kürzlich vollzogene Soundausflüge das dunkle klangliche Wolkenmeer etwas erhellten.

Thematisch klingt das nach Standardprogramm, das genauso gut aus Frankfurt kommen könnte. Vom Gros seiner Kollegenschaft unterscheidet sich Svaba Ortak durch seine ausgefeilte Technik, aber noch weitaus stärker durch seinen spezifischen Slang, der sich auch im Interview zeigt. Mit Vorliebe vermischt er Wiener Dialekt mit Hochdeutsch und serbischen Ausdrücken, der Begriff des „Bruders“ wird als Bindemittel inflationär gebraucht. Ein Sprachfluss, der rhythmisch klingt und einen in die Erwartung versetzt, dass er gleich zu einem 16er ansetzen würde. Doch das alleine ist nicht sein ganzes Alleinstellungsmerkmal. Dieses liegt auch in seiner Passion für philosophische Texte, die er mit Vorliebe in seine Lyrics einwebt.

Denn, und das wird schnell klar: Mit dem Klischee in Form des unbelesenen, höchstens die Biografie von Iceberg Slim kennenden Straßenrappers bricht er ebenso. Seine Ausbildung als Drucker schloss Svaba Ortak mit einem Diplom ab. Wenngleich er nie in diesem Berufsfeld arbeiten konnte, blieb die Begeisterung für das gedruckte Buch bis heute bestehen. Das ist ein Grund, warum er mit der Smartphoneabhängigkeit der Jugend nicht viel anfangen kann. „Mehr Bücher lesen, weniger aufs Handy schauen“, das wäre seiner Meinung nach eine positive Entwicklung.

Ein Serbe in Wien

Dass das keine leeren Wörter sind, kann man etwa bei „Serben in Wien II“ (2010) hören, wo sich Svaba Ortak tief durch die serbische Geschichte bohrt und zum Nachrecherchieren animiert. Das ist beim Titel seines kommenden Albums eigentlich nicht nötig, die biblische Geschichte von Adam und Eva ist bekannt. Warum das Album darauf referenziert, will ich dennoch wissen. „Der Titel bezieht sich darauf, dass Eva und Adam in religiöser Hinsicht die Stammesväter aller Menschen sind. Und für mich nehmen meine Eltern diese Rolle ein. Das Album ist deswegen ein Geschenk an meine Eltern, die immer zu mir gestanden sind, bei allen meinen Kämpfen“. Aber warum Eva vor Adam? Svaba Ortak nimmt einen Schluck vom Energydrink und erklärt: „Das ist einfach darauf zurückzuführen, dass bei uns die Mütter die Töchter Söhne nennen. Eine Tochter ist bei uns so viel wert wie zehn Söhne. Die Tochter hat einen großen Stellenwert, weswegen ich sie an erster Stelle genannt habe“.

Der religiöse Bezug entspringt bei Svaba Ortak keinem Zufall. Religion spielt bei ihm eine große Rolle, das merkt jeder, der seine Musik hört. Auf seinem Rücken prangt zudem ein Tattoo des Klosters Ostrog, eines der bedeutendsten Klöster der serbisch-orthodoxen Kirche und ein imposantes, in einen Berg hineinragendes Bauwerk. Am linken Arm trägt er eine Brojanica, eine Gebetsschnur, die gemeinhin als serbisches Identifikationsmerkmal betrachtet wird. Das Hochhalten seiner serbischen Wurzeln ist Svaba Ortak äußerst wichtig. Obwohl ihm das früher teils harsche Kritik einbrachte. Als er seine zwei Teile zu „Serben in Wien“ veröffentlichte, glühten die Kommentarfelder. Für „Serben in Wien II“ distanzierte sich Svaba Ortak in einer Stellungnahme zwar vom Nationalismus und wies auf die wahre, positive Intention des Songs hin. Es half nur wenig, in den Kommentaren brach der erwartete Wirbelsturm wieder aus. Ein Prozess im Rahmen sozialer Medien, in den sich Svaba Ortak nicht einmischen will: „Ich habe meinen Song aus positiven Beweggründen gemacht. Dass manche dann das Schlechte darin sehen wollen, kann man nicht verhindern“.

Die prominente Betonung des ethnischen Hintergrunds speist sich bei Svaba Ortak aus der Orientierungslosigkeit zu Beginn seiner Karriere, als er nach entsprechenden Identifikationsfiguren im Rap suchte, aber keine vorfand. Jugoslawisch-stämmige Rapper waren damals im Deutschrap rar gesät. Nun will er diese Rolle selbst ausfüllen, indem er für die serbischen Kids ein Äquivalent zu dem darstellt, was für kurdische Kids Haftbefehl oder Azad sind: „Es kommen wirklich viele serbische Kids aus der Diaspora zu meinen Konzerten, die schwenken Fahnen, sind voller Stolz, dass auf der Bühne jemand ist, der sie repräsentiert. Es sind wirklich immer sehr berührende Momente, die sich auf meinen Konzerten ereignen“, sagt er, geht kurz in sich und setzt mit „Ich weiß, dass ich eine sehr verantwortungsvolle Rolle trage. Aber ich will den Leuten zeigen, wie schön die serbische Kultur ist. Klar, man soll immer die Wahrheit sagen. Aber wir sind keine Tiere, wie uns immer vorgeworfen wird“ fort. Eine Botschaft, die ihm merkbar ein Anliegen ist.

Frühe Wiener Vorbilder

Obwohl es an jugoslawischen Identifikationsfiguren mangelte: Hinsichtlich lokaler rappender Vorbilder wurde Svaba Ortak in seiner Anfangszeit rasch fündig, sein Gehör musste er nicht mehr nur deutschen oder amerikanischen Rappern schenken. Wichtige Veröffentlichungen waren damals die „Skandal EP“ von Raf0Mic, der spätere RAF Camora, und Emirez, die 2006 dieses auf Beats französischer Machart produzierte Tape via MySpace in die Welt hinausschickten.

Zur gleichen Zeit sorgten Aqil und Mevlut Khan, beide ebenfalls auf der „Skandal EP“ vertreten, mit ihrer Crew Sua Kaan für viel Furore in der österreichischen HipHop-Szene. Diese Form des Straßenrap, direkt aus Wien, zog ihn und seine Freunde in den Bann. Für Svaba Ortak war ab diesem Zeitpunkt klar, dass sich in Wien auf Deutsch, mit einer vom Lokalkolorit geprägten Sprache, ansprechende Rapmusik fabrizieren lässt.

RAF Camora blieb über die Jahre eine Vorbildfigur, da er stets Wege beschritt, die vor ihm wenige Rapper gegangen sind. Dieser Wagemut drückte sich bereits auf seinem Debüt „Nächster Stopp Zukunft“ (2009) aus, auf dem RAF ganz harmonisch verschiedene Musikstile kombiniert und seine Hooks selbst singt. Dies hinterließ bei Svaba Ortak Eindruck: „Auf ‚3 Mal‘ singt er auf Französisch. Da dachte ich mir: ‚So etwas will ich auch ausprobieren.‘ RAF war der größte Einfluss für meine Gesangspart, ganz klar“. Diese Gesangsparts mussten aber zunächst noch etwas warten. 2011 schloss er sich dem Kollektiv Eastblok an, einem multikulturellen Zusammenschluss von Rappern und Produzenten, der zu dieser Zeit schon ein namhaftes Standing in Wien hatte.

Eastblok ist die Fam

Bei Eastblok traf Svaba Ortak auf PMC und später Doni Balkan, die beide zu Mentoren und wichtigen Bezugspersonen wurden und einen großen Einfluss auf seinen weiteren Werdegang hatten: „Syc Tyson hat mich damals zu PMC gebracht. Seit dem ersten Tag sind Paul (PMC, Anm.) und ich wie Pech und Schwefel. Er und Doni Balkan, der später hinzukam, sind für mich große Mentoren, nicht nur in musikalischer Hinsicht, sondern auch in privater Natur. Es ist wichtig, solche Leute um sich zu haben. Die haben mir alles gezeigt, ich wusste damals nicht, was eine Kick ist, was eine Snare ist. Heute arrangiere ich Songs selbst“, sagt Svaba Ortak.

2011, nachdem mit diversen Single-Veröffentlichungen auf YouTube schon Klickerfolge gefeiert werden konnten, erschien mit „Ortak, Alles & Sofort“ das erste Mixtape. Ein damals zum Zeitgeist passender Free-Release, für den Fremdbeats wie „Das ist O.R.“ (Kool Savas) und „Live by the Gun“ (Tony Yayo) gepickt wurden. Flowtechnisch ist das Mixtape noch deutlich von deutschen Rappern beeinflusst, gleichzeitig sind erste Duftmarken Richtung Eigenständigkeit vorzufinden. „Ortak, Alles & Sofort“ war, ebenfalls mixtapetypisch, ein Versuch. Ein Versuch, der Svaba Ortaks damaligen Status als Rohdiamant festigte.

Ein anderer Versuch war mit weniger Ertrag gesegnet: 2011 gründete er mit Pinki und Manijak eine Crew, genannt Ortak, die nie wirklich Fahrt aufnahm. Für das Scheitern gibt es eine naheliegende Erklärung. „Musik war hier nicht so wichtig, wir haben mehr das Leben gelebt“, resümiert Svaba Ortak mit einem Lächeln. 2014 folgten dann die nächsten wichtigen Karriereschritte im Eastblok-Gespann. Für den Crew-Sampler „Alpha“ lieferte Svaba Ortak einige hörenswerte Beitrage, auf dem harten Gratis-Mixtape „Kaldrma“ („Pflasterstein“) präsentierte er sich als gereifter Rapper, der die ersten Entwicklungsstufen mit Bravour bewältigen konnte. Svaba Ortak, der infolge der Eastblok-Nights in der Szene Wien reichlich Bühnenerfahrung sammelte, war zu diesem Zeitpunkt bereit für das nächste Level.

Blick Richtung Zukunft

Nach „Kaldrma“ ging Svaba Ortak für knapp zwei Jahre nach Frankfurt. Die große ex-jugoslawische Community war dafür der Hauptgrund, die Möglichkeiten, zu anderen Rappern Kontakte aufzubauen, spielten keine Rolle. Bevor er weiter über Frankfurt berichtet, benötigt er jedoch neue Energie. Ein weiterer Energydrink wird bestellt, was Svaba Ortak auch dazu nützt, dem ausgelaugt wirkenden Kellner einen guten Ratschlag gegen Müdigkeit auf den Weg zu geben.

Müde war die Zeit in Frankfurt nicht, ganz im Gegenteil. Wie der Zufall so will, fügten sich dort die Dinge ganz zu seinen Gunsten. Zufällig traf er auf Rapper wie Olexesh, die teilweise später auf seiner EP „Enter tha Dragon“ landeten. Mit dieser EP, aber auch seinem Featurepart auf „Bock nicht!“ aus „Der Sampler 3“ von der 187 Strassenbande (2015), konnte Svaba Ortak erstmals in Deutschland reüssieren. Ein Jahr später folgte in München dann das große Aufeinandertreffen mit RAF Camora. Mit dem Wiener Vorbild, dem er nie in Wien in Natura begegnen konnte.

Die Stimmung bei dem Treffen, das während RAF Camoras „Ghøst in der Luft“-Tour stattfand, war ausgezeichnet. Beide entdeckten eine Reihe von Gemeinsamkeiten, die besonders auf den Arbeitsprozess und den Perfektionismus, der beiden Charakteren anlastet, abzielen. Eine Freundschaft entwickelte sich, RAF Camora engagierte Svaba Ortak zur Eröffnung seines Homecoming-Konzerts in der Marx-Halle, das im April 2018 stattfand. Es sollte nicht die letzte Zusammenarbeit zwischen den beiden gewesen sein.

Sie nennen ihn Falke

Obwohl die Aufnahmen für „Eva und Adam“, das seine persönliche wie die Evolution von HipHop insgesamt nachzeichnen soll, gerade beendet wurden: Svaba Ortak gönnt sich keine Pause, sondern arbeitet weiter ununterbrochen an Musik. Kürzlich habe er sich ein Instrument gekauft, eine Gusla. Voller Stolz präsentiert er mir auf seinem Handy ein Foto, das ihn mit dieser Schalenhalslaute zeigt. In Serbien und Montenegro entflammte erst wenige Tage zuvor wieder eine Debatte über die Herkunft dieses Instruments, mit dem sich einst auch Tennis-Held Novak Djokovic feierlich ablichten ließ. Die Gusla verfügt über einen solch hohen Stellenwert in vielen Balkanstaaten, großes Streitpotential ist damit quasi inbegriffen.

Auch für Svaba Ortak ist die Gusla kein beliebiges Instrument. Davon zeugt, dass er die Gusla auf seiner Haut verewigte. „Die Gusla ist das erste und einzige Instrument, welches ich spiele. Ich möchte das unbedingt erlernen. Sie ist nämlich so arg mit unserer Kultur verwurzelt. Als ich in Montenegro war und die Gusla bei mir hatte, wurde ich nicht einmal kontrolliert. Die sagen dort: „Du bist ein Guslar? Geh einfach durch!“ Weil sie einfach einen so großen Stellenwert hat. Mich nennen auch alle Falke wegen dieses Instruments, weil der Kopf einer Gusla oft mit einem Falken geschmückt ist“, erzählt Svaba Ortak, und dieses Funkeln in den Augen, das er bei The Game hatte, kommt wieder zum Vorschein.

Für die Kultur

Mit seinem Faible für die Gusla bricht Svaba Ortak ein weiteres Mal mit dem Klischee. Und das nicht zum letzten Mal. Denn von der Distanz zur HipHop-Kultur, die sich im deutschsprachigen Straßen- und Gangstarap jahrelang eingenistet hat, hält Svaba Ortak nichts. Svaba Ortak war immer HipHopper. Einer, der allen Elementen der Kultur stets mit großer Neugierde und Respekt begegnete. Dass er mit Graffiti etwas anzufangen weiß, ist wenig überraschend, bei seiner Passion für das Zeichnen. Ein paar Tags wurden selbst angefertigt, „Toy-Shit-Tags“, wie er sie nennt, platziert zwischen Modenapark und Czapkapark.  Trotz der Bewunderung für Sprayer und diesbezüglichen Bekanntschaften blieben die Berührungspunkte aber von oberflächlicher Natur.

Ähnlich verhält es sich zum Breakdance. Selbst getanzt hat Svaba nie. Was aber nicht heißt, dass keine Bewunderung für die Körperakrobatik der Breaker bestehen würde: „Ich war auch auf Tanzveranstaltungen, ich respektiere das sehr. Was mir besonders imponiert, ist, wie ruhig und respektvoll es bei diesen Battles zugeht. Die Tanzkultur in Wien ist unfassbar groß“, erklärt Svaba Ortak mit einem Nachdruck in der Stimme, so dass man gar nicht anders kann, als ihm jede einzelne Silbe seiner Aussage abzukaufen.

Dieselbe Stimmlage kommt zum Vorschein, wenn er von der Wiener HipHop-Szene im Allgemeinen spricht. Ich will noch wissen, wie er die Zukunft der Wiener HipHop-Szene einschätzt. Die Antwort fällt beruhigend aus: „Die Wiener HipHop-Szene hat eine blühende Zukunft, da bin ich mir sicher. Es gibt einfach viele gute Künstler hier. Hier wächst etwas zusammen!“ Svaba Ortak erzählt anschließend davon, wie sehr er sich über den Erfolg anderer Künstler aus Wien freue; und selbst mit Rappern, zu denen er in der Vergangenheit kein friktionsfreies Verhältnis hatte, sich mittlerweile die Lage entspannte. Die Vision, dass in der Bundeshauptstadt die Community an einem Strang zieht, ist eine, die ihm sichtlich gefällt. Den Wien-Patrioten kann er an dieser Stelle nicht verbergen.

Als der letzte Läufer der siegreichen schwedischen Staffel im Hintergrund einläuft, ist auch unser Interview beinahe zu Ende. Aus den Boxen erdröhnt dazu, wie könnte es knapp vor Weihnachten anders sein, „Last Christmas“. Svaba Ortak leert die Dose Energydrink und richtet seine Augen Richtung Fenster. Draußen bahnen sich Schneeflocken ihren Weg auf die Pflastersteine, um sich, einmal angekommen, gleich wieder aufzulösen. Es ist Winter. Nachvollziehbar, dass Svaba Ortak das Wetter mit dem Wunsch, einmal nach Namibia reisen zu wollen, kommentiert. Auf den Geschmack gebracht haben ihn PNL, die das südwestafrikanische Land für das Video „La vie est belle“ so bildgewaltig in Szene setzen ließen.

Plötzlich reißt ihn das Handy aus den Reiseträumen. Ein Anruf aus Montenegro leuchtet auf dem Bildschirm auf. Er müsse gleich zurückrufen. Svaba Ortak versichert mir noch, dass er sich sehr über dieses Gespräch, in dem er über seine Passion für Rap so ausschweifend erzählen konnte, gefreut habe. Zu gewöhnlichen Interviews will Svaba Ortak aber auch zukünftig auf Abstand gehen. Ein Mysterium, das will er auch schließlich bleiben. Eines, das nur einzelne Blicke hinter der opaken Fassade zulässt und sich nicht zur Gänze entschlüsseln lassen will. Das soll sich auch durch einen Erfolg von „Eva & Adam“ nicht ändern.

Am 12.04. feiert Svaba Ortak seine Releaseparty zu „Eva & Adam“ in der SIMM City.
„Eva & Adam“ erscheint am 29. März.

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Reviews Shows & Concerts

Emotionales Bühnencomeback // Struggle Gold & Reflex live

Struggle Gold
Kapperlträger im Flex. Fotos: David Lindengrün

Für ihre gemeinsame Releaseshow im Flex Café haben sich Struggle Gold von Weisssgold und Reflex von der Eastblok Family einiges vorgenommen. Schließlich haben die Wiener Rapper mit ihren Solowerken „Grüssse aus der Josefstadt“ beziehungsweise „Schwere Geburt“ absolute Herzensangelegenheiten veröffentlicht, die im Zuge der Verarbeitung persönliche Krisen entstanden sind. So hat Struggle die im September 2017 erschienene LP seinem drogenaffinen Hustler-Lifestyle gewidmet, der ihm einige Monate Haft in der Justizanstalt Josefstadt eingebrockt hat. Daran erinnern am Samstagabend am Donaukanal einige „#Freestruggle“-Shirts. Reflex hingegen hat seiner endlich veröffentlichten Debüt-EP einen tiefen Einblick in sein Seelenleben gewährt, wobei er psychische Probleme thematisiert und seinen Werdegang aufarbeitet. Dass die beiden zuletzt für längere Zeit bühnenabstinent waren, beflügelt die Erwartung an eine emotional geprägte Releaseshow zusätzlich.

Doch bevor sich Struggle Gold, Reflex und DJ Kapazunda die Bühne teilen, erscheint eine Schar von befreundeten Kollegen als Support-Acts. Appletree, Selbstlaut, Emiliano, Alkersdam und Scoddy Flippin, der für Herbst ein neues Album ankündigt, stellen da nur einen Ausschnitt dar. Das Konzept mit je etwa 15 Minuten pro Act erscheint interessant, letztlich ziehen sich die vielen Mini-Shows aber zu lange. Die Auftritte unterschiedlicher Qualität dauern insgesamt um die zwei Stunden, die Besucher zeigen sich trotz vieler bekannter Gesichter auf der Bühne über weite Strecken nur mäßig motiviert.

In der fortschreitenden Nacht ist die kleine Crowd dafür voll da, während sich Reflex und Struggle fast Track für Track abwechseln und sich gegenseitig Back-up-Unterstützung geben. Beide liefern energiegeladene Auftritte und können damit die Erwartungen der Wiener Heads erfüllen. Während Struggle solide abliefert, präsentiert sich Reflex als einer der begnadetsten Live-MCs Österreichs. Er verharrt fast durchgehend im gleichen Bühneneck, überzeugt dafür mit einer bemerkenswerten stimmlichen Präsenz und prägnant gespitteten Lyrics. Erfreulich, dass er wieder „Hunger auf Rap“ hat und bei der Show gleich ein weiteres Release ankündigt.

Nach zahlreichen neuen Tracks und einem Intermezzo des sonst so bühnenscheuen L.A.R. („Vom wundersamen Wundersamen“!) sorgen Struggle und sein Comapdre Splank White gegen Ende der Show für ein kurzes Weisssgold-Revival, bevor der „Totale Reflex“ der Crowd zum Abschluss Battle-Lines um die Ohren haut und das Zepter an die DJs weitergibt.

Fazit: Struggle Gold und Reflex haben mit ihrem energiegeladenen Auftreten für eine emotional gehaltene Releaseparty von „Grüssse aus der Josefstadt“ und „Schwere Geburt“ gesorgt. Sie waren merklich mit viel Herz bei der Sache und haben Unterstützung von zahlreichen befreundeten Künstlern bekommen  fast zu vielen. Besonders Reflex konnte außerordentliche Live-Qualitäten demonstrieren. Das stetige Abwechseln der beiden am Mic hat der Show einen lebhaften Charakter verliehen. Da lässt sich darüber hinwegsehen, dass die Wartezeit aufgrund der Fülle an Support-Acts viel zu lange war.

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Austria News

Wien-Belgrad-Connection: Juice x Svaba Ortak mit „Daj Daj Daj“ // Video

Komm zu Svaba Ortak und Juice

Der Belgrader Juice zählt zweifelsfrei zu den wichtigsten Figuren der HipHop-Szene am Balkan. Seit 1996 ist der Mitbegründer der Full Moon Crew und der 93 FU Crew im Geschäft, von Sättigung oder Ermüdungserscheinungen ist bei ihm aber nichts zu sehen. Eine stilistische Offenheit, die seinen musikalischen Zugang seit den Anfangstagen prägt, konnte er sich ebenfalls beibehalten. Zuletzt schlug das musikalische Pendel bei Juice stark Richtung Trap aus, wie Tracks der Marke „Bata kan kan“ von seinem letzten Album, dem 2017 erschienenen „Od blata do zlata“, beweisen.

Die musikalische Marschrichtung lag damit auch bei „Daj Daj Daj“, seiner Kollabo mit dem Landstraße-Representer Svaba Ortak, auf der Hand: Über ein Trap-Instrumental von Doni Balkan liefern die beiden kompromisslosen Straßencontent, die Sprachen werden dabei gerne vermischt. Für die visuelle Umsetzung des Tracks war Roman Icha zuständig, der verschiedene Schauplätze der serbischen Hauptstadt Belgrad mit zahlreichen Effekten als Kulisse inszenierte.

Für Juice ist „Daj Daj Daj“ keineswegs die erste Kollaboration mit einem Wiener Rapper: Mit Kid Pex veröffentlichte er bereits die Songs „Kako je u Becu“ (2010), „Viteška klasa“ (2011), „Terapija“ (2014), „Drmaj“ (2014) sowie „Imam Swag“ für Freshmakers 2014er-Produzentenalbum „Checkpoint“.

Svaba Ortak sorgte 2018 bereits durch eine Kollabo-EP mit Haze („Zukunft“) für Aufsehen, auch auf dem jüngsten Wien-Gig des Karlsruher Rappers war er anzutreffen. Am Sonntag, dem 24.06., wird Svaba Ortak auf dem Donauinselfest ein 30-minütiges Set spielen (Utopia DJ/VJ-Insel).

Zudem wurden in den vergangenen Wochen zwei Video-Singles mit Svaba-Ortak-Beteiligung veröffentlicht – zunächst „Tag ein Tag aus“ von Amir Sharif, danach „Gang“ von Saeed.

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Austria News

Svaba Ortak repräsentiert Wien: „Ungestreckt“ // Video

Svaba Ortak
Im Käfig mit posenden Habschis und Nationalflagge: Svaba Ortak

Im Rahmen der von Thug Life Clothing initiierten Reihe „Meine Stadt“ zeigt Svaba Ortak „sein“ Wien. Was seit einigen Jahren mit deutschen Straßenrappern bespielt wird – beteiligt haben sich etwa schon Farid Bang, Celo & Abdi oder Olexesh – bekommt damit erstmals eine Österreich-Ausgabe. Auf einem Beat seines langjährigen Hauptproduzenten PMC Eastblok zeigt sich der Landstraßer mit serbischen Wurzeln wie gewohnt technisch versiert, rappt on Point.

Auf textlicher Ebene kommt Svaba Ortak ohne Überraschungen aus. Der Protagonist erklärt eindrücklich, was passiert, wenn man sich mit den falschen (also mit seinen) Leuten anlegt. Es kommt zur obligatorischen Aufzählung einiger als bedrohlich dargestellter Wiener Bezirke und gezielt ausgesuchter Grätzel – die „Todeszone 1110“ soll wohl nicht nur auf den in Simmering beheimateten Wiener Zentralfriedhof anspielen. Weiters ist vom „Machtwechsel“, von Brüdern, nicht ganz legalen Geschäften und dem rabiaten Vorgehen bei illoyalem Verhalten des Gegenübers die Rede. Alles im Grunde schon zigmal gehört. Immerhin gelingt es Svaba, diese fast schablonenhaft wiederkehrenden Themen vergleichsweise kurzweilig umzusetzen. Für Schmunzeln sorgt etwa das kurze Intermezzo mit einer Abwandlung der Hook von „Jenny From The Block“. Wirkt zwar ein wenig deplatziert, hält aber vom der Monotonie geschuldeten Gähnen ab. Letztendlich steht ein Stadt-Representer, mit dem sich Wien Streetrap-technisch wohl gut mit deutschen Städten messen kann. Das war ja offenbar das Ziel.

Visuell ergänzen überwiegend im dritten Bezirk entstandene Bilder die „Thug Life“-Hommage an Wien. Ausgestattet mit Falco-Gedächtnis-Gelfrisur (aufgemotzt durch Undercut) posiert Svaba Ortak auf den Straßen, dem Bahnhof Wien-Mitte, am Wienfluss sowie im Czapkapark, wobei er teilweise von einer Meute unterstützt wird.

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Amir Sharif: Neues aus dem Eastblok // Video

Nachdem auf dem Eastblok-Kanal ein knappes halbes Jahr Sommerpause geherrscht hat, setzt Amir Sharif mit dem Video zu „Bleib Cool“ inklusive Ankündigung des bald erscheinenden Solo-Albums „Ein Eastblokka bleibt Lokka“ ein deutliches Lebenszeichen. Auf einen düsteren Klangteppich von Eastbloks Beatmaschine PMC, der vor allem durch seine Reduziertheit besticht, legt Sharif Verses von der Straße für die Straße. Selbstverständlich spiegelt sich dies auch in der Ästhetik des Videos wider. Blaustich, Plattenbauten und die Crew (neben Esref und Semkoo ist auch Svaba Ortak zu sehen) im Rücken, wer beim Eastblok Überraschungen erwartet, ist klar an der falschen Adresse. Flow und Atmosphäre der Raps wissen zu gefallen und müssen sich nicht vor der üppigen Straßenrap-Konkurrenz jenseits des Weißwurstäquators verstecken. Inhaltlich ist das Ganze allerdings nicht besonders innovativ, und gerade Lines wie „Komm mir nicht zu nahe mit deinem Yolo oder Swag/ denn ich komm aus einer Zeit, in der man Homos noch erkennt“ sind nicht nur inhaltlich fragwürdig, sondern auch nicht besonders kreativ. Nichtsdestotrotz ist der Track stark produziert und sollte bei Straßenrap-Fans Anklang finden.

Wer einen Live-Vorgeschmack auf das Album bekommen möchte, sollte kommenden Samstag im Viper Room vorbeischauen, wo Amir Sharif als Support von Cashmo und Twin zu sehen sein wird.

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Ein Simmeringer Hackler auf Außendienst // Esref live

Esref
Esref live im stickigen Viper Room. // Alle Fotos: Niko Havranek

Nachdem Esref zuletzt gemeinsam mit den Droogieboyz auf Tour war, steht nun im Viper Room die Releaseparty seines im Jänner erschienenen Soloalbums „A Hackla | Du Wappla“ am Programm. Der Simmeringer Hackler bespielt damit ein Kellerlokal im Nachbarbezirk Landstraße, das eine ideale Kapazität aufweist. Während sich die düstere Location langsam füllt, betritt mit SoRRoW aka ESO der erste Support-Act die Bühne. Mit Unterstützung von DJ Kapazunda, der mit eiskaltem Blick und „Redrum“-Shirt hinter den Decks steht, bringt der Eastblok-Rapper unter anderem Tracks aus seiner aktuellen EP „Ab durch die Mitte“ sowie den Track „Alles Beim Alten“. Ergänzt durch ein A capella legt er einen ordentlichen, teilweise etwas nervösen Kurzauftritt hin.

Als zweiter Act betritt DemoLux die Bühne, der nach anwesenden Boombap-Heads fragt und seinen energiegeladenen, druckvollen Auftritt mit „Hysterie“ startet. Mit „Wer Wü Wos“ und „Ausdrucksmittel“ folgt weiteres offensives Material, bei dem sichder Wahl-Burgenländer allerdings textlich nicht ganz sattelfest präsentiert und es ihn folglich mehrmals rauswirft. DemoLux mogelt sich dank einiger gefreestylter Stellen gekonnt drüber. Auf „Dodngräber“ schafft er es letztlich, fehlerfrei durchzuspitten, ehe er sich ruhigeren Klängen widmet. Der Mundart-Rapper fragt daraufhin die Besucher, ob sie etwas auf Hochdeutsch hören möchten. Trotz der deutlichen, in Form von Ignoranz sowie vereinzelten „Na!“-Stimmen ausfallenden Antwort lässt er sich nicht beirren und spielt eine Nummer aus seinem nicht im Dialekt gerappten Debütalbum „LuxSeriös„. Zum Abschluss liefert DemoLux eine Freestyle-Einlage mit Beatbox-Unterstützung.

Anschließend heizt Host Rane dem Publikum ein, fordert und bekommt laute „Es-ref“-Sprechchöre. Doch dieser lässt noch eine Weile auf sich warten. Für Unterhaltung sorgt derweil Cifra, der sich als Steuerberater und Buchhalter der Eastblok Family präsentiert. Erst nachdem er die Anwesenheitsliste seiner Kollegen durchgeht, lässt sich auch Esref blicken. Dem Hackler-Image entsprechend erscheint der Simmeringer Rapper, unterstützt von Back-up Amir Sharif, in Latzhose auf der Bühne. Die beiden Rapper beginnen das ausgedehnte Set mit „Schmuckstickl“ sowie dem Wienerisch-Debüt „Unkraut“ und liefern eine durchwegs routinierte Show. Zwischen den sauber performten Tracks präsentiert sich Esref gesprächig und sorgt für launische Überleitungen, lobt die „hinnige Crowd“, schickt darüber hinaus Grüße an die beiden Support-Acts sowie die zahlreichen anwesenden Mitglieder der Eastblok Family.

Im Zuge des Tracks „Waun de Heh!! kummt“ erscheint passenderweise ein als Polizist verkleideter Bühnengast. Esref klatscht mit ihm ab und fordert vom Publikum: „Macht’s Lärm für den einzigen Kiwara, den i mog!“ Dieser erfolgt jedoch ausschließlich in Form von „A.C.A.B.“-Sprechchören. Nach einem kurzen DJ-Solo von Kapazunda kommen betreten laufend Featuregäste die Bühne. Den Beginn macht Svaba Ortak, der zusammen mit Esref einen bisher unveröffentlichten Track zum „Kapuzen-Lifestyle“ performt. Es folgt ein Revival der türkischsprachigen Crew Raptus, die Esref gemeinsam mit Ceset gebildet hatte, bevor er begonnen hat, auf Wienerisch zu rappen. Esref erwähnt dabei auch, bereits zwei Mal in der Türkei aufgetreten zu sein. Anschließend erscheinen mit Vearz, Linci, den Droogieboyz sowie SemKoo weitere Featuregäste, die kürzlich gemeinsam mit dem türkischstämmigen Rapper die „Gemeindebau Flava“-Tour gespielt haben. Sie bleiben für mehrere Tracks, sorgen dabei für ausgelassene Stimmung und eine volle Bühne. Nachdem Rane das Publikum kurzzeitig in den „Chillermodus“ hievt, beendet Esref sein knapp zweistündiges Konzert mit dem rabiaten „Glasscherb’n Tanz“ sowie „Robophob“, ehe er zu einer abschließenden Open Mic Session animiert.

Fazit: Esref hat sich bei der Releaseparty von „A Hackla | Du Wappla“ als Live-MC präsentiert, der eine Vielzahl an Tracks sauber performt. Abseits davon hat er stets versucht, die Crowd zu entertainen und im Zusammenspiel mit den zahlreichen erschienenen Featuregästen für einen ausgelassenen Abend gesorgt. Obwohl manche Ansprachen etwas gar einstudiert beziehungsweise einige Lacher aufgesetzt gewirkt haben, bietet der Auftritt selbst kaum Angriffsfläche für Kritik.

Weitere Fotos vom Konzert:

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Esref bleibt stur: „Rest kennts eich ghoidn“ // Video

Esref
Esref bleibt seinem grimmigen Gesichtsausdruck treu.

Mit „Rest kennts eich ghoidn“ liefert Esref die dritte Videoauskoppelung seines kürzlich erschienenen Tapes „A Hackla | Du Wappla„. Der raue, von PMC produzierte Track ist – ähnlich wie die bereits visualisierten Nummern „Imma no fia mi“ und „Schmuckstickl“ – ziemlich angriffslustig gestaltet. Die mit viel Selbstlob ausgestatteten Zeilen richten sich gegen Hallodris aus der heimischen Rap-Szene sowie Personen, die sich deppat aufführen und Authentizität vermissen lassen. Offenbar hat „Potschnstrecker“ Esref nichts für Drecksleit, Gsindl-Prominenz und sonstige Heisln übrig. Obwohl sein lyrischer Feldzug inhaltlich „more of the same“ darbietet, erscheint die Single aufgrund der hohen Trefferquote bei den Punches besonders stimmig. Auch das dazugehörige Video ist annehmbar, wenngleich es ebenfalls nicht mit Originalität punkten kann. Das von Doni Balkan und FlyingDutchman produzierte Material zeigt den türkischstämmigen Wiener mit einem ziemlich grantigen Gesichtsausdruck an verschiedenen Spots.

Am 31. März findet die Releaseparty von „A Hackla | Du Wappla“ im Viper Room statt.

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Esref versteckt seine „Schmuckstickl“ // Video

Esref
Esref posiert neben der S-Bahn-Strecke.

Nachdem Esref bereits mit dem kompromisslosen, grantigen Track „Imma no fia mi“ einen Vorgeschmack auf sein neues Tape „A Hackla | Du Wappla“ gegeben hat, folgt nun mit „Schmuckstickl“ der nächste Streich. Der türkischstämmige Mundart-Rapper aus dem 11. Wiener Gemeindebezirk präsentiert sich auf einem eingängigen Beat seines Eastblok-Homies PMC goschert und wettert gegen Nichtsnutze aller Art, die ihre „Dreckspappn“ offen haben. Im simpel gehaltenen, neben S-Bahn-Gleisen gedrehten Video schaut Esref in gewohnter Manier – also ziemlich zwider – drein.

Das Tape „A Hackla | Du Wappla“ erscheint am 20. Jänner, parallel zum Start der Gemeindebauflava-Tour mit den Droogieboyz und Vearz. Der Simmeringer Heimat des Rappers entsprechend beinhaltet das Release elf Titel, auf denen Esref Unterstützung von den Featuregästen Demolux, Richy, Amir Sharif, SemKoo und DJ Kapazunda bekommt. Die vorab veröffentlichte Tracklist lässt mit Titeln wie „Waun de Heh!! kummt“ oder „Geh ma ned am Oasch“ explosives und unterhaltsames, aber auch etwas eintöniges Material des „Undercover-Tiakn“ erwarten.

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ESO & Rahmi nehmen den Weg durch die Mitte // Video

Hat Wien im Rücken: ESO

Ein Release im Jahr 2016 reichte für ESO the SoRRoW scheinbar nicht – weswegen der Wiener Rapper aus dem Svaba-Ortak-Umfeld Ende November eine Kollabo-EP mit Kollegen Rahmi nachreichte. „Ab durch die Mitte“ lautet der Titel des Gemeinschaftsprojekts, das innerhalb eines Monats fertiggestellt wurde. Einen audiovisuellen Einblick legen die beiden nun mit dem Split-Video „Rausriss/Paff Paff“ vor. Wie bei ESO-Videos gewohnt, stand auch diesmal Regisseur Roman Icha hinter der Kamera, dessen Gespür für die richtigen Bilder bekannt sein dürfte. Musikalisch ist das Ergebnis ebenfalls ordentlich, wenngleich thematisch kein Neuland betreten wird und ESOs Singsang-Hook gewöhnungsbedürftig ausfällt. Extralob verdient aber G-Lucs geglückte Samplewahl in „Paff Paff“. Außerdem sind die Parts passabel gerappt, Potenzial für zukünftige Veröffentlichungen ist durchaus erkennbar.

„Ab durch die Mitte“-EP, produziert von G-Luc, PMC Eastblok und Freshmaker:

DOWNLOAD.

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Esref macht auf gschead: „Imma no fia mi“ // Video

Esref
Esref argumentiert mit Schürze und Feidl.

Esref von der Eastblok Family brilliert wie kaum ein anderer Wiener Rapper durch Multilingualität. Der Simmeringer Hackler switcht häufig zwischen türkischsprachigen und im Wiener Dialekt gehaltenen Nummern, wobei sich das Wienerische zunehmend durchsetzt. Auf den 2010 noch spaßhalber aufgenommenen Mundart-Track „Unkraut“ folgten mehrere Kollabos mit den Droogieboyz, der im Straßenrap-Style gehaltene 1110-Representer „Unkraut vageht ned“ sowie der „Glasscherb’n Tonz„, der auf einem gleichnamigen Wienerlied von Fritz Muliar basiert. Generell herrscht ein grantig-aggressiver Grundtenor, wobei sich der „Simmeringer Glotzntiak“ verstärkt am Pücha-Lifestyle orientiert – so stehen Wirtshaus-Keilereien und gezückte Messer auf dem Programm. Weiters representet Esref das Gemeindebau-Life und prangert nebenbei rechte Politker sowie ausländerfeindliche Mitbürger an.

Demnächst veröffentlicht der bei den Wiener Linien arbeitende Esref mit „A Hackla | Du Wappla“ ein im Wiener Dialekt gehaltenes Tape. Auf der ersten, von PMC produzierten Single „Imma no fia mi“ stellt der Rapper klar, dass es ihn peripher tangiert, was andere machen. Die Schufterei bleibt ohnehin an ihm hängen: „I bin zwor Owezara owa Chef in diesem Drecksjob.“ Das stellt Esref auch im Video zur Schau, denn ab dem zweiten Verse darf er in einem Lokal an der Simmeringer Hauptstraße Geschirr abwaschen, die Fleischlaberl auf den Grill schmeißen und das Gemüse schneiden. Wenigstens bleibt noch etwas Zeit, um mit dem Feidl zu posieren.

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Ricky & Gabriel aus Liebe zu HipHop // Video

Ricky & Gabriel
Rappen am Donaukanal: Ricky & Gabriel

Kürzlich haben Ricky & Gabriel von der Eastblok Family mit dem Video zu „Hip-Hop“ den ersten Teaser zu ihrem demnächst erscheinenden Kollabo-Album „Mai Mult Decat Hip-Hop“ veröffentlicht. Die beiden Wiener mit rumänischen Wurzeln rappen in ihrer Muttersprache, doch der Inhalt des Tracks kommt trotz der Sprachbarriere klar rüber. Ricky & Gabriel thematisieren HipHop mit seinen vier Elementen als Lifestyle, den sie mit gewissen Werten verbinden. Das dazugehörige Video wurde überwiegend am Donaukanal gedreht und zeigt neben Breakdance-Einlagen einige mehr oder weniger ansehnliche Graffitis. Der simpel gehaltene Beat kommt von OCB und PMC.

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ESO und das Lied vom „Brokesein“ // EP Download

Eso
ESO stellt sich vor – mit oder ohne Geldschein

Spätestens seit Svaba Ortak ist sie Straßenrapfans in Österreich ein Begriff: Die Wiener Crew Eastblok. Mit ESO stellt sich ein weiterer Affiliate aus dem Kollektiv an, seine Position im Rapgeschäft einzunehmen. Dass durchaus Potential hierfür vorhanden ist, belegt seine Free-EP „Schon immer broke!“. Beats von bekannten Produzenten wie PMC, Freshmaker oder Gjana Khan, Features aus der Eastblok-Familie und eine amtliche Leistung als Rapper ergeben nicht die schlechteste Visitenkarte. Dabei handelt es sich bei ESO streng genommen gar nicht um einen Newcomer, wie er gegenüber The Message erzählt: „Begonnen mit Mucke habe ich bereits 2009, von 2010 bis 2012 war ich bei Gjana Khan in Produktion. Dazwischen habe ich mit G-Luc, einem sehr engen Bekannten, zusammen Songs gemacht. Das hat sich bis in die Gegenwart nicht geändert.“ 

Sein Verhältnis zur Eastblok-Family charakterisiert der Rapper mit der außergewöhnlichen Reibeisenstimme, der Azad, Kool Savas, die 187ers und „fast alles, was aus Wien kommt, wie Svaba oder Raf“ zu seinen musikalischen Vorbildern zählt, auf folgende Weise: „Mit der Eastblok-Family bin ich sehr eng befreundet. Ich recorde 90 Prozent meiner Songs bei PMC. Ohne ihn hätte ich wohl längst aufgehört zu rappen. Weil mir die Möglichkeiten sonst fehlen würden.“ Über die Rapszene in Österreich findet ESO nur positive Worte, trotz suboptimaler Umstände sieht er diese gerade im Aufwind – und erkennt keine Anzeichen eines Abflauens der Bedeutung von Rap.

Gut für ihn, denn wenn ESO den Weg von „Schon immer broke!“ fortsetzt, sollte er durchaus einen Stück vom Kuchen abbekommen können. Mit der EP wurde ein stabiles Fundament gelegt, auch wenn das Niveau der Beats stark variiert, manch Hook unglücklich gewählt ist und thematisch zu viel Nostalgie vorherrscht. Potential ist aber vorhanden, gegen eine Weiterentwicklung auf den folgenden Projekten spricht nichts. Und vielleicht heißt es dann: „Nie mehr broke!“.

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Svaba Ortak & Haze – B-WATER (prod. by PMC Eastblok) // Video

Svaba Ortak

Svaba Ortak serviert die erste Videosingle aus der angekündigten „Enter the Dragon“-EP – und hat sich dafür einen interessanten Featurepartner geholt. Denn auf „B-WATER“ wird Svaba vom Karlsruher Haze unterstützt, eine der vielverprechendsten Aktien des Subgenres. Für den überzeugenden Beat war PMC Eastblok zuständig. Das dazugehörige Video wird zwar bestimmt nicht in die Geschichte eingehen, erfüllt aber seinen Zweck. Ohren spitzen was da noch kommt!

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Interviews

HipHop Message #31: PMC Eastblok & Manijak

Eastblock by Daniel Shaked-9313

 

„Die Sonne scheint hier nicht so hell“

Interview: Toumaj Khakpour & Michael Reinhard
Fotos, Kamera & Schnitt: Daniel Shaked

Wien Mitte. Wir warten mit PMC, Produzent und Kopf der Eastblok Family, auf Rapper Manijak. Es wird geraucht. Die Gesprächsthemen variieren zwischen der Tristesse eines Anglistik-Studiums und den Migrationsproblemen in Österreich. Wie vielleicht kaum ein anderer verkörpert und vereint der sympathische Beatbastler die Gegensätzlichkeit Wiens. Von Simmering bis Ottakring. Straßenrap in Wien lebt – und wird gelebt. Rap ist Bühne, manchmal Provokation und manchmal eben Straße. Die Vorurteile der Kasteldenker werden hierbei von beiden gekonnt widerlegt. PMC Eastblock und Manijak über Wiener Parallelwelten und die Abgründe der  österreichischen Musiklandschaft.

TM: Warum haben gerade Gangster- und Straßenrap so viel Zulauf bei jungen Leuten?
Manijak:
Die Azzlack-Generation wächst, die kennen HipHop nicht. Wenn du ihnen irgendwelche Oldschool-Größen aufzählst, würden sie sagen: „Wer ist das?“

Das nächste Vorbild für sie wäre dann also beispielsweise Haftbefehl?
PMC:
Straßenrapper sind populär. Die Kids hören das, sie feiern das. Das  ist natürlich der erste Ansporn, wenn sie Musik machen wollen. Der erste Einfluss ist heutzutage nicht mehr amerikanischer, sondern deutschsprachiger HipHop!

Manijak: Das merkt man an denen, die nachkommen. Die gehen immer mehr in diese Azzlack-Schiene und machen sich somit selbst kaputt, weil sie nichts Eigenes, nichts Neues machen.

Wie steht es um das Niveau? Haftbefehl hatte noch einen anderen Zugang zu HipHop. Unter anderem über Biggie, Tupac und Nas.
Manijak:
Es ist schon sehr stark gesunken. Haftbefehl rappt gut. Seine Fans hören ihn und haben gleichzeitig keine Ahnung von diesen anderen Namen. Auch wenn Straßenrap nicht das höchste Niveau hat, hat es doch irgendwo eines.

PMC: Wenn sie sich einmal stärker damit auseinandersetzen – sagen wir, sie fangen an zu rappen – müssen sie sich früher oder später mit der Sache befassen, um auf ein bestimmtes Level zu kommen. Irgendwann kommen sie auf die Einflüsse von Haftbefehl und dadurch auch einen ganz anderen Zugang. Oder nicht. Egal was du für eine HipHop-Richtung hörst, sie alle haben Vorbilder aus dieser Zeit. Ein Kollegah feiert diese ganzen Mobb Deep/New York-Beats. Jeder, der professionell HipHop macht, hat auch ein Herz dafür.

Eastblock by Daniel Shaked-9262

Wie authentisch kann Straßenrap in Österreich neben Problemvierteln wie in New York, Paris, Bukarest und auch Frankfurt sein? Wien ist eine laut Umfragen die lebenswerteste Stadt der Welt …
Manijak: Wir sagen in unseren Liedern nicht, dass Wien ein Ghetto ist, auch nicht, dass wir Gangster sind. Wir spiegeln einfach nur Wien wider. Und wer nicht akzeptieren will, dass es in Wien auch oarg zugeht, es täglich Stechereien und Schießereien gibt – und das gibt es – wer das nicht akzeptieren will, der lebt nicht in Wien; in Schwechat vielleicht. Es wird nur nicht jeden Tag so präsentiert und  kaum darüber gesprochen. Wien ist nicht das Ghetto, aber für mich ist auch Paris nicht das Ghetto. Mein Dorf in Serbien – das ist für mich Ghetto!

PMC: Ich war in den USA und habe dort auch die Slums gesehen. Optisch betrachtet sieht das dort ganz nett aus. Wie eine richtig schöne Vorstadt. Der einzige Grund, warum die Ghettos in den USA so oarg sind ist, weil dort jeder eine Puffn hat. Die haben mehr Waffen als Einwohner. Was Wien betrifft: Wir propagieren keinen Gangster-Rap. Straßenrap ist das, was in den Parks abgeht, was in den Gemeindebauten abgeht. Wir leben nicht nur in einer reinen Akademikerstadt mit Oper und Schönbrunn und das war’s.

Manijak: Wien ist das Tor zum Osten. Da sind gleich Tschechien, Polen und die Ukraine. Es gibt hier alles, mehr als du in den meisten deutschen Städten finden kannst.

PMC: Was Österreich im Allgemeinen checken muss: Wien ist eine Baba Stadt. Die zweitgrößte deutschsprachige Stadt. Das ist mächtig! Man braucht das nicht runterzureden. Wir haben hier Sachen, davon können andere nur träumen.

Im deutschsprachigen HipHop sind Rassismus und Nationalismus leider sehr stark verbreitet. Woher kommt das?
PMC:
Es kommt darauf an, wie du es siehst. Du kannst natürlich auf deine Nation stolz sein. Im HipHop wird viel represented. Die Gegend, der Bezirk, die Stadt, das Land. Aber das Ding ist, keiner sagt: „Ich komme von hier und deswegen sind die anderen schlecht.“ Es ist nicht so, dass wir hier verschiedene Szenen haben, wo jetzt nur Türken, Kroaten oder Serben miteinander rappen. Die machen hier einen Track gemeinsam!

Und bezüglich Spike – der Vorwurf des Antisemitismus und der Homophobie. Das mit den Türmen ist ein Zufall gewesen. Svaba hatte uns den Ort im dritten Bezirk vorgeschlagen. Er passt zu Wien und wir haben dort dann einfach gedreht. Spike ist selbst bosnischer Serbe, er spielt mit diesen rechten Klischees, ist aber selbst kein Rechter.

Eastblock by Daniel Shaked-9386

Nationalismus, Antisemitismus, Anti-Roma und Sinti, Frauenfeindlichkeit und Homophobie wird auch durch soziale Medien beflügelt. Eben weil es Rapper gibt, die dieses Lebensgefühl darstellen. Nur weil diese Migranten sind, heißt es nicht, dass sie dieses Gedankengut hier nicht weiter züchten könnten.
Manijak:
Da du auch Homophobie und Frauenfeindlichkeit angesprochen hast – da bin ich ein Spezialist. Wenn ich in meinen Texten sage „Ich ficke deine Frau“, dann greife ich vordererst die Ehre des Mannes an. Seinen Stolz – und nicht den der Frau. Ich spreche zu meinem unsichtbaren Gegenüber. Ich finde Battlerap sollte sich nicht jeder anhören, sondern nur solche, die ihn auch verstehen. Es klingt vielleicht frauenfeindlich und ist es in einer anderen Umgebung als die meine auch. Aber unter Rappern glaube ich nicht, dass jemand von uns frauenfeindlich ist.

PMC: Gewisse Dinge müssen mit Ironie betrachtet werden. Wenn ein Kabarettist eine extreme Szene bringt, dann macht er das, um zu provozieren. Und so ist es beim Rappen auch. Das ist ein Teil seines Programms und er darf sich auch darüber lustig machen. Wenn Spike mit so einer Referenz kommt, dann ist das eben die Punchline. Leute, die sich mit HipHop wirklich beschäftigen, sehen das auch so.

Wenn jemand mit einem teuren Auto durch die Straße fährt, dann repräsentiert er Reichtum und Wohlstand. Und wenn jemand mit fragwürdigen Symbolen hantiert, dann suggeriert er auch ein bestimmtes Thema damit …
PMC:
Gehen wir mal von den Medien aus. Klick-Klack-Kopfschuss. Als viele Medien darüber sehr negativ berichtet haben. Aber wenn Mevlut damals nicht diese Line gebracht hätte, sondern gesagt hätte – die Welt ist ungerecht – hätte das doch kein Schwein interessiert. Und wie kann man bei Rumänen, Türken und Serben auf einem Track mit der Faschismus-Keule kommen?

Ihr nützt die Mehrsprachigkeit in eurer Crew also gewissermaßen als Statement?
Manijak:
Wenn man verschiedene Sprachen reinmischt, kann man erstens viel mehr reimen und es klingt einfach viel interessanter für mich. Sprache ist ein sehr wichtiges Gut für diese Musik. Warum sollte man das nicht nutzen?

PMC: Straßenrap hat sich immer weiter etabliert. Es wird einfach die Sprache der Straße genommen. Genauso wie Mundart-Rap sich die Sprache ausgesucht hat, die auch tatsächlich gesprochen wird. Deswegen ist es auch gut angekommen. Es gab früher typische HipHop Slangwörter wie „fresh“ – aber bei uns im Park hört man solche Anglizismen nicht.

Wie ihr schon erwähnt habt, ist Wien mittlerweile die zweitgrößte deutschsprachige Stadt. Warum steckt hier noch so vieles in den Kinderschuhen?
Manijak:
Es liegt an dem System, das den Rap nicht fördern will. Das ist in Österreich aber allgemein so, nicht nur in der Musik, überall wo Talent ist. Die guten Künstler hauen aus Österreich ab – ich bin noch da.

PMC: Natürlich tragen auch die Künstler einen Teil der Schuld. Aber ich weiß es von mir als Produzent. Ich habe eine Idee, schreibe einen Rapper an – und es passt. Aber ab dem Zeitpunkt wo es fertig ist, fangen die eigentlichen Probleme erst an. Da kommen andere Faktoren ins Spiel, die über unsere Möglichkeiten hinausgehen. Zum Beispiel unsere Videos: Die haben wir komplett selbst organisiert, aus unseren eigenen Mitteln. Die haben jetzt 200.000 Klicks. Dann hat man in Österreich aber immer das Gefühl, dass man die Leute lieber auf die Schnauze fallen sieht als dass jemand Erfolg hat. Man sucht die Fehler heraus, anstatt zu sagen: „Bombe, das gibt massig Power.“

Manijak: Ich glaube auch, dass die nächsten Generationen, die gerade aufwachsen, viel offener für Rap sind als es die Jugendlichen vor zehn Jahren waren. In Österreich gibt es genügend Künstler, die den deutschen das Wasser reichen können. Und ich kenne auch Künstler, von denen ich glaube, dass wenn sie in Deutschland aufgewachsen wären, sie jetzt bei den Azzlacks oder einem anderen großen Label unter Vertrag wären. Noli ist so ein Typ. Wäre der in Deutschland aufgewachsen, hätte er jetzt ein Platz-1-Album.

PMC: Wien verkauft sich unter seinem Wert. Man darf nicht immer alles so kleinreden, bis sich keiner mehr dafür interessiert. Das ist Bullshit. Hier kommt alles zusammen. Aber das funktioniert nur, wenn die Leute auch checken, dass es so der Fall ist.

Zwischen Österreichischem HipHop und Straßenrap herrscht eine regelrechte Kluft. Beide Genres vermischen sich kaum. Sind die beiden Welten doch zu unterschiedlich?
PMC:
Ich habe schon für die Droogieboyz produziert, die für Mundart-Rap stehen, und mit Demolux oder Def Ill zusammengearbeitet. Ich kenne die Oldschool-Rapper. Man kommt schon zusammen, sieht sich einmal, tauscht sich aus. Aber natürlich ist es nicht so stark, weil es hier keine gemeinsame Plattform, keinen gemeinsamen Nenner gibt – außer HipHop. Jeder macht sein eigenes Ding und ist vielleicht etwas zu zurückhaltend, dass man auf musikalischer und organisatorischer Ebene zusammenkommt. Das hat auch wieder damit zu tun, dass es kaum Labels oder Vertriebe in Wien gibt.

Es fehlt also an dieser eine Ort, an dem alle zusammenkommen können und sich regelmäßig austauschen?
Manijak:
Ja

PMC: Hundertprozentig.

Die meisten Medien haben keinerlei Bezug zu HipHop. Und wenn, dann versuchen sie Zugang über die klischeehaften Themen wie Sexismus und Gewalt zu finden. Fehlt das Verständnis für die HipHop-Kultur?
PMC:
Die Medien wollen immer polarisieren, aber es geht nicht nur um die heimische HipHop-Szene, sondern über die heimische Musikszene im Allgemeinen. Im Metal ist es sicher auch nicht einfach. Ich schau mir manchmal Die Große Chance an und da sind öfter einmal Bands dabei, wo ich sage „Bisd deppert, das ist nicht schlecht!“ Aber die gibt es wahrscheinlich auch schon 15 Jahre und ihre „größte Chance“ ist es, einmal in so einer behinderten Casting-Show aufzutreten? Ist das die einzige Möglichkeit, wie ich jemals darüber aufmerksam werden könnte? Das ist ziemlicher Beschiss. Und auf Facebook gibt es wieder zu viel Musikangebote, sodass man Sachen sehr leicht übersieht. Das ist der Punkt, an dem man anhaken müsste und sagen, dass das komplette Musikbewusstsein Österreichs sich wieder stärker ausbauen muss. Da gehört HipHop dazu, aber auch andere Musikrichtungen sind davon nicht ausgeschlossen.

 

Eastblock by Daniel Shaked-9305

Inwieweit helfen dann Auftritte wie von Hasan und Hueseyin (Rapterror) bei derGroßen Chance“? Kann so etwas für den Österreichischen HipHop fördernd sein?
Manijak:
Weder noch. Ich fand es gut, dass sie sich im Fernsehen gezeigt haben und sich represented haben – aber falsches Publikum.

PMC: Ganz ehrlich, sie haben sich selber dargestellt mit dem Track und keinen extra sanften genommen. Sie haben extra ein Lied genommen, wo sie Hardcore spitten.

Manijak: Sie sind zwei sehr gute Techniker, Texter, Flower – und das haben sie mit dem Track auch präsentiert.

PMC: Sie sind auf die Bühne gegangen und haben provoziert.

Manijak: Man müsste viel mehr solche Sachen machen, damit das eine Wirkung hätte. Ein Auftritt von zwei talentierten Künstlern bringt leider fast nichts.

Wenn jemand Straßenrap nicht versteht, sollte er davon die Finger lassen. Und jetzt kommen zwei Jungs und präsentieren der großen Masse des konservativen Österreich genau das, was sie schon von Rap gedacht haben?
Manijak:
Sollen sie das doch denken. Wenn jemand etwas nicht kapieren will, wird er es niemals kapieren. Sie hätten noch etwas Schlimmeres liefern sollen.

PMC: Das ist vielleicht auch eine Art, wie sich das etablieren kann. In den Mainstream-Medien muss man polarisieren, aber wer sich mit HipHop ein wenig auseinandersetzt, wird sicher feststellen, dass da auch Sachen für ihn dabei sind, die er feiern kann. Aber die Mainstream-Medien sind mir scheißegal. Es geht mir nicht darum, dass ich mich dort etabliere, um ein A-, B-, C-Promi zu werden. Auf irgendwelchen Galas zu sein und Fragen zu beantworten. Scheiß darauf, das interessiert mich alles nicht. Ich will aber, dass die Medien HipHop kennen, es schätzen, dass geile Videos produziert werden, dass dieser innere Kreislauf so richtig zu ticken anfängt. Bis sich die HipHop-Szene so stark etabliert hat, dass kein Weg mehr an ihr vorbeiführt.

Für euch begann Straßenrap in Wien mit Platinum & Mevlut Khans „Balkanaken“. Wie würdet ihr euch selbst in diese Riege des Wiener Straßenraps einordnen?
Manijak:
Ich habe etwas sehr großes mit Wien vor – und ich will es so machen, dass die Leute sagen: „Verdammt, wir müssen nach Wien.“ Ich will, dass man den Hut vor Wien zieht. Rap-technisch und was überhaupt die Musik angeht. Wien hat extrem Potenzial, eine Hochburg für Rap zu werden. So wie es früher Berlin war.

PMC: Ich als Produzent kann tun was ich möchte. Ich muss die Person, mit der ich arbeite, aber respektieren können. Ich will nur so richtig fette Sachen machen. Wir haben schon ein paar Mal Ausrufezeichen gesetzt, uns auch schon ein bisschen etabliert. Aber es ist immer Luft nach oben. Hundertprozentig, das weiß ich. Die Leute realisieren teilweise auch gar nicht, was schon alles am Start ist.

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Smally: Raising his families

Smally

Smally von der Wiener Eastblok Family ließ in den vergangenen Monaten immer wieder mit durchdachten Raps aufhorchen. Bei der ersten Auflage des Krunk-Festivals war er nun der einzige Act, dem man eine Nähe zum Straßenrap nachsagen könnte. Auf die Frage, wie das zu erklären sei, antwortete bei gemütlicher Nachmittags-Wiesen-Atmosphäre nicht nur er, sondern im zweiten Teil des Gesprächs auch zwei andere Eastblok Mitglieder: PMC und Esref. Für seine echten Familienmitglieder, Bruder und Vater, die einem Großteil des Interviews beiwohnten, hatte Smally zwar nicht die gewohnte Zeit, dafür bezog er aber zu einigen anderen Themen Stellung…