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30.000 Menschen // Splash! 2019

Wie es schon in der Review zur vorigen Edition des „Splash!“-Festivals gesagt wurde: Festival ist nicht Festival. Obwohl jedes ein immenser organisatorischer Aufwand ist und die meisten Organisatoren am Ende Profit machen wollen, lässt sich die Festival-Erfahrung selbst nicht so einfach pauschalisieren. 

Seit 1998 ist das „Splash!“ ein Fixpunkt im Festivalkalender. Der Name nimmt Bezug auf die Lage direkt am Wasser. Zwar ist das Festival vor zehn Jahren umgezogen, doch die Namensgebung passt bis heute. Auf der Halbinsel Ferropolis befinden sich die Bühnen teils unmittelbar am Wasser, der Boden ist sandig und lädt zum Baden während der Konzerte ein. Büsche dienen als Raumteiler für kleinere DJ-Hütten und Bühnen am Ende des Geländes. Die Ferropolis ist ein ehemaliges Gebiet für Braunkohlebergbau, das Ambiente abseits des Strandes ist geprägt durch die Vergangenheit des Ortes. Neben den Bühnenkonstruktionen zieren riesige Maschinen und Container die “Stadt aus Eisen”.

Fotos von Ronja Neger

30.000 Menschen, 200 Acts

Auch dem Aufsehenerregen wird das “Splash!” gerecht. Rund 30.000 Besucher feierten zwischen 11. und 13. Juli täglich auf dem Gelände. Das Programm ist  gestopft voll mit über 200 bekannten Namen aus der deutschen und internationalen HipHop-Szene. Wer viele Favoriten hat, muss beim Bühnenwechsel schnell sein eine organisatorische und körperliche Herausforderung. Einmal um die Mainstage herum konnte einen schon mal zehn Minuten und einen blauen Fleck kosten. Obwohl der Presseverteiler stolz von den vielen Tausenden Besuchern berichtet: Mehr ist nicht immer besser. 

Das gilt auch beim Thema Moshpits. Ufo361 möchte bei jedem Song einen „noch größeren“ Moshpit und räumt damit kurzzeitig fast den gesamten Bereich vor der Mainstage leer. Auf der etwas kleineren Playground Stage macht Ahzumjot im Rahmen einer gut geplanten Bühnenshow zwar auch mal ein Moshpit auf, bei den ruhigeren Songs merkt er aber an: Ein Moshpit passt nicht immer. Trotzdem ist das ganze Festival hinweg immer wieder zu beobachten, wie sich ein Loch in der Menge auftut, sich dann aber nur allmählich und in peinlicher Berührung wieder schließt, weil der erwartete Drop ausbleibt. Bei BHZ aus Berlin ist das Programm ganz klar: „Ich will kein‘ Moshpit, ich will, dass ihr euch tötet.“ Bereit wäre das Publikum gewesen, doch der Andrang auf die Stage ist so hoch, dass sich schon am Rande des Publikums niemand mehr bewegen kann. Schon am Campingplatz zeugten die vielen BHZ-Shirts von einer beachtlichen Fanbase. Auch die 808-Factory, ein Rap-Kollektiv und Event-Veranstalter aus Wien sorgte im Baumhaus für so viel Party, dass die Location selbst nicht ganz glimpflich davon kam und kurzzeitig geschlossen wurde.

US-Rapper J.I.D überrollt das Publikum mit einer Welle an Flow und Reimen, er löst damit wildes Händefuchteln und Geschrei aus. Unversöhnlich gespittet wird auch beim Grime-Vertreter Skepta, der allerdings ohne Features keine ganz so spannende Palette anzubieten hat. Wer bei den Suicideboys am Strand keinen richtigen Platz mehr bekommt, muss sich zwar durch Sand und Headbanger wieder hinaus kämpfen, kann dann aber bei DUCKWRTH mit viel Platz im Grünen zu funky Vibes tanzen.

Mit OG Keemo, Trettmann, Luciano, LGoony, Haiyti und vielen mehr ist auch die Deutschrap-Szene in verschiedenen Stilen vertreten. Die Auswahl ist so groß, dass der geheime Act fast in Vergessenheit gerät. Am Freitag nach 1 Uhr sind schon alle ein wenig fertig und wollen die Stage verlassen, ein Moderator gibt wie beiläufig kund: „Bleibt noch hier, wir haben heute Abend noch eine Überraschung für euch!“ Wer genug Empfang hatte, um Updates zu empfangen oder dieser Ansage vertraute, durfte 20 Minuten später ein riesengroßes Hologramm von Shindy sehen. Damit kündigte er vor dem Auftritt sein neues Album „Drama“ an. Wir waren leider schon im Camp. Auch Trettmann kündigte ein neues Album für den 13. September an und machte mit der neuen Single „Du weißt“ neugierig.

Camping

Nun doch etwas zum Organisatorischen: Auf den Shuttle ist bei so einer Menschenmenge kein Verlass. Wer nichts verpassen möchte, sollte sich zeitig auf den Fußmarsch vom Campingplatz zum Festivalgelände begeben. Auf dem Weg warten Essensstände mit Käsespätzle, Burger oder Nudeln auf die hungrigen Mägen der verkaterten, Cloud-Brillen tragenden Meute. Dass hier früher oder später jeder vorbeikommt, hat auch eine Gruppe Männer in Jeans verstanden. Starke vier Tage hintereinander nutzen sie den örtlichen Vorteil, um ihre Rap-Künste darzubieten oder Passanten zum Limbo zu zwingen. Ihre Euphorie steht im Kontrast zu den drei Billie-Eilish-Lookalikes, die nur einen Meter weiter mit ihren Handys bei den Steckdosen festsitzen und ziemlich fertig dreinschauen. Gegenüber hängt an einem Pavillon ein Pappkarton mit der Aufschrift: “Zeig deine Titten für A$AP Rocky”. Dieser musste seinen Auftritt übrigens absagen, weil er seit einer Schlägerei in Stockholm am 3. Juli hinter schwedischen Gardinen sitzt.

Wer es lieber ruhiger mag, kann in der [Fair]opolis am Campingplatz bleiben. Hier gibt es eine kleine, mit Tuch überdachte Fairo Stage, auf der Podcasts aufgenommen und Rapbattles von DLTLLY ausgetragen werden. Organisationen wie Foodsharing oder Jugend gegen Aids helfen mit Essen oder Kondomen aus, ein Graffiti-Workshop lockt kreative Köpfe vor Leinwände und in der Green Berlin Lounge kann man einen Ofen mit Aktivkohlefilter sponsored by Marteria rauchen. Ein Highlight auf der Fairo Stage ist der Newcomer-Contest “Who got the Heat”. Heat hatte fast jedes der Stage-Talente und so überlegte Ahzumjot als Teil der Jury schon, ob Newcomer überhaupt das passende Wort ist. Einer der Gewinner des Wettbewerbs, WizTheMC, war ohnehin schon im Vorjahr dabei. Mit einer sympathischen Performance brachte er das überschaubare Publikum zum Moshen und überzeugte ganz nebenbei mit stimmlichen Talent. Zur Belohnung durfte er am Samstag den Jägermeister Platzhirsch bespielen – ein kleiner Balkon, der unweit der Mainstage als Pausenfüller dient. Apropos Jägermeister: Dem Anschein nach wurden pro Tag ebenso viele Jägermeister „Chains“ ausgegeben wie Gäste eintrafen.

Fazit: Von internationalen Größen bis hin zu Newcomern mit kleinerer Fanbase finden Acts hier ein motiviertes Publikum. Das Splash! ist geil für alle, die viele Acts in kurzer Zeit sehen wollen. Das Ambiente ist grob und erfordert viel Gelassenheit, hohen Alkoholkonsum und/oder gute Orientierung für die Suche von Chill-out-Areas. Dafür bietet die Fairopolis sowohl einen Ort der Ruhe auch kulturelleren Programms.

 

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