Sierra Kidd – Nirgendwer

Indipendenza/VÖ:04/07/2014
Indipendenza/VÖ:04.07.2014

Begeistert sprach Raf 3.0 letztes Jahr über das neueste Indipendenza-Mitglied mit dem Namen Sierra Kidd. Für den 17-Jährigen begann das jetzige Jahr durchaus spektakulär, wenn auch keineswegs schön. So gelang es RTL 2 ohne Rücksicht auf den Wunsch nach Privatsphäre die wahre Identität des Rappers, dessen Gesicht bis dahin noch niemand kannte, zu enthüllen. Auch danach sank der Hype nicht – ganz im Gegenteil. Bei solch jungen Künstlern stellt sich schnell eine Frage: Ist jene Aufmerksamkeit nur dem jungen Alter geschuldet, oder kann das Produkt auch ohne jeglichen Bonus überzeugen? Die Kopfvilla EP, welche im letzten Dezember erschien, stellte einen soliden Vorboten dar, doch wie überzeugend ist das lang erwartete Debütalbum?

Klang er Ende 2013 noch ein bisschen wie eine depressive, aber lyrisch teilweise versiertere Version von Cro, kann man über ein halbes Jahr später von einem deutlich weniger negativ denkenden Menschen sprechen. Optimismus sucht man zwar trotzdem vergebens, jedoch kann die Stimmung auf Albumlänge niemals so dunkel daher kommen, wie es noch bei Kopfvilla der Fall war. Es scheint beinahe so, als wäre er bei der Entstehung des Projektes mehr aus sich heraus gekommen. Der gesamte Inhalt wird deutlich schwungvoller dargeboten, als es so manch Hörer vielleicht erwartet hätte. Im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen sticht die musikalische Art des Interpreten positiv heraus. Durchaus nachvollziehbar, dass ausgerechnet ein Perfektionist wie Raf 3.0 Sierras Musik möglichst oft lobt.

Zu Beginn holt er in “Sierra“ einen Flow hervor, den er in dieser Form so noch nicht gezeigt hat. Damit zeigt schon der Auftakt, dass man sich zwar für ein Pop-Gewand entschieden hat, ohne dabei aber technische Ansprüche missen zu lassen. Seine stets eingängigen Hooks sind Fluch und Segen zu gleich. Segen insofern, als der Konsum einzelner Tracks dem allgemeinen Zuhörer deutlich erleichtert wird. Da einige Hooks an manchen Stellen wenig innovativ sind, hört sich jedoch zu vieles gleich an. Kidd ist der Fehler passiert, einigen Tracks jegliche Individualität zu rauben. Die einzelnen Lieder funktionieren zwar in ihrer Pop/Rap Nische durchaus, ohne dabei aber wirklich Akzente setzen zu können. Dabei weiß die anfängliche Portion an Intensität sehr zu gefallen. Jene Intensität verliert sich jedoch schnell in dem Einheitsbrei. Auch inhaltlich hebt sich nicht jeder einzelne Track genug von dem Rest ab.

Das Wort „Themenvielfalt“ wird zwar nicht klein geschrieben, Sierra schreibt jenes jedoch auch keineswegs besonders groß. Tatsache wäre jedoch nicht von Belang, wäre zumindest die Präsentation der einzelnen Songs einzigartig. Das er jedoch genau dies eigentlich schaffen kann, beweist er gemeinsam mit Prinz Pi. Außer Kaas hätte wohl niemand das grausame Szenario Amoklauf so gut behandeln können. “Leider“ lieferte Prinz Pi jedoch eine lyrisch dermaßen starke Leistung, dass Sierra Kidd mit seinen, trotzdem guten, Zeilen diesen Vergleich nur verlieren kann. So entsteht gar die Erkenntnis, dass der beste Auftritt auf dem Album nicht vom Hauptact kommt.

Rein handwerklich machen allerdings nur verdammt wenige dem noch jungen Talent etwas vor. Die Technik, die Musikalität und eingängige Hooks – durchaus überzeugend. Ein alleiniger Blick auf jeden Track würde sogar gut ausfallen. Da könnten vielleicht auch Songs wie Welle, welche man so auch auf anderen Alben tausend Mal hören könnte, einem eine positive Reaktion entlocken. Bei der Betrachtung des Gesamtbildes ziehen doch so gut wie alle Lieder sich gegenseitig runter, um letzten Endes einen musikalischen Einheitsbrei darzustellen. Wunderbar harmonisch kommt einem dagegen die Kombination von Raf 3.0 und seinen neuesten Schützling vor. Beide liefern in “Strom“ gute Leistungen ab, wodurch ein in sich funktionierendes Gesamtpaket entsteht.

Stellen Werke wie „Splittermeer“ dank ihrer düsteren Atmosphäre Höhepunkte von “Nirgendwer“ dar, muss man sich als Konsument leider auch mit fragwürdigen Entscheidungen konfrontieren. So wäre eine Begründung für das erneute Verwenden von “Signal“ und “XO“ sehr interessant. Zumindest fällt Letzteres, dank hoher Qualität, trotzdem eher positiv auf. Ausflüge in die Welt der 08/15-Pop-Musik sollten dagegen beim nächsten Mal lieber vermieden werden. Eine gewisse Zielgruppe wird mit diesem Release vollkommen zufrieden sein – ohne dem Künstler vorwerfen zu wollen, das alles gezielt geplant zu haben. Jeder andere wird wohl trotzdem persönliche Höhepunkte unterhaltsam finden.

Fazit: “Nirgendwer“ zu bewerten ist keine leichte Aufgabe, denn dem Problem der fehlenden individuellen Klasse einzelner Tracks steht eine handwerklich mehr als gute Leistung entgegen. Diverse Zeilen sind ebenfalls solide bis gut, werden jedoch zu selten effektvoll in Szene gesetzt. Letzten Endes muss erneut das von mir schon so oft benutzte Resümee gezogen werden: Das Talent ist verdammt groß, doch es wäre einfach so viel mehr möglich gewesen.

(CS)

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