Rap ist mehr als Sex mit Aliens // Sido & Savas Interview

Fotos: (c) Boogie

Wird über Deutschrap gesprochen, fallen irgendwann mit Sicherheit die Namen Sido und Savas. Zu groß waren schließlich die Verdienste der beiden für das Genre: Sido katapultierte als Aushängeschild von Aggro Berlin spaßigen Junkie-Rap mitten ins Popbusiness, Savas setzte hinsichtlich Flow und Technik neue Maßstäbe. Fernab großer kommerzieller Erfolge sind Gemeinsamkeiten zwischen den beiden aber Mangelware, der kleinste gemeinsame Nenner liegt im „Royal Bunker“, wo die beiden mit Rap sozialisiert wurden. Wenig überraschend lautet so auch der Titel des Kollaboalbums, mit dem Savas und Sido kommerziell alle Erwartungen übertreffen konnten. Wir sprachen mit den beiden über frühe Begegnungen beim Splash!, das mögliche Platzen einer HipHop-Blase und Geschlechtsteile von Aliens (ja, wirklich). 

The Message: „Royal Bunker“ entpuppte sich als großer kommerzieller Erfolg. Ganz ehrlich: Habt ihr mit dem Erfolg gerechnet? 
Kool Savas: In erster Linie wollten wir ein gutes Album machen. Ein Album, das sich gut anfühlt und so anhört, wie wir das haben wollten. Alles, was danach passiert, liegt sowieso nicht mehr in unseren Händen. Natürlich freut es uns, dass das Album den Leuten gefällt – allem Anschein nach sogar noch viel besser gefällt, als wir das erwartet hätten. Wenn die Leute euphorisch auf die Musik reagieren und sich die Platte auch noch gut verkauft, dann ist das natürlich eine Bestätigung für uns. 

Ihr habt beide schon einiges an Kollabo-Erfahrung gesammelt, Kool Savas mit Azad, Sido unter anderem mit Bushido. Welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten gab es bei den jeweiligen Kollabos, im Vergleich zu „Royal Bunker“?
Sido: Da gab es schon einen Unterschied. An „Royal Bunker“ haben wir fast ein halbes Jahr gearbeitet, bei „23“ sind Anis (Bushido, Anm.) und ich nach Los Angeles geflogen, haben dort aufgenommen und waren in einem Monat durch damit. Aber grundsätzlich kann man beide Projekte nicht miteinander vergleichen. Beide Alben haben ihre Berechtigung im deutschen HipHop. 

„Die HipHop-Szene schreibt dieser Kollabo einen viel größeren Wert zu“

Bist du mit dem Medienecho diesmal zufriedener als bei „23“?
Sido: Die Aufmerksamkeit ist an sich dieselbe. Nur die Fans haben das Album nicht so ernst genommen wie jetzt „Royal Bunker“ mit Savas. Die HipHop-Szene schreibt dieser Kollabo einfach einen viel größeren Wert zu.  

Wann habt ihr euch entschieden, ein gemeinsames Album machen zu wollen?
Sido: Im vergangenen Jahr, als wir erstmals gemeinsam Musik machten. Zunächst „Masafacka“ für mein Album, dann „Triumph“ für Savas‘ Mixtape. Vorher hatten wir musikalisch nicht viel gemeinsam zu tun. 

Ist ab diesem Zeitpunkt auch das Interesse an die Musik des jeweils anderen gestiegen? 
Sido: Wir haben schon immer gut gefunden, was der jeweils andere macht. Wir sind schließlich beide HipHop-Fans. Natürlich ist es gerade in Berlin so, dass man sich extrem in seiner Stehen bewegt und mit dem anderen Lager nichts zu tun hat. Dadurch sind immer kleinere Reibungen entstanden. Aber das war nie ein ernsthafter Streit oder so. Man hatte einfach nichts miteinander zu tun. 

„Das war alles keine Blutfehde, sondern nur Competition“

Seid ihr euch 2003 auf dem Splash! eigentlich begegnet, als sowohl Aggro Berlin als auch Optik dort spielten? 
Kool Savas: Wenn man gleichzeitig auf dem Splash! aufgetreten ist, hat man sich schon gesehen. Man hatte ja auch immer schon gemeinsame Freunde. Ich erinnere mich auch an ein Splash!, an dem ich an einem Stand von Aggro Berlin stand. Mit den einen war man total herzlich, die anderen hat man nur gegrüßt. Das war alles keine Blutfehde, sondern nur Competition. Wenn es keine Reibung gibt, merkt man nicht, dass da etwas passiert. Es ist ja auch geil, dass so viele Styles von Rap aufeinanderkrachen. Gerade auch in Deutschland. Wenn alles nur Einheitsbrei wäre und total harmonisch miteinander verknüpft, dann hätten die Leute auch keine Wahlmöglichkeiten. Das ist daher schon gut gewesen, dass wir früher in zwei verschiedenen Lagern waren. 

Erkennt ihr gerade jemanden im Deutschrap, der die Rolle von Aggro Berlin oder Optik Records momentan auslebt?
Sido: Eigentlich nicht. Sicherlich gibt es Leute, die sich an der Blaupause, die wir vor Jahren erschaffen haben, orientieren. So etwas wie die 187 Strassenbande, das sieht für mich schon sehr nach Aggro aus.
Kool Savas: Ja, aber 187 ist auch ein Camp. Heutzutage sind alle zu Camps geworden, jeder hat seine Leute um sich herum und will irgendwo dazugehören. Das ist sicherlich die Blaupause von uns damals, die wir mit Aggro und Optik setzten. 

Was findet ihr am momentanen Deutschrap langweilig?
Kool Savas: Heute ist Deutschrap viel abwechslungsreicher und interessanter als damals bei uns. Das ist gar nicht zu vergleichen. Es gibt auch kein Feindbild mehr, wie wir es damals hatten. Ich fand zum Beispiel Fettes Brot super albern und richtig unangenehm. Jetzt gibt es so viele unterschiedliche Styles und alle machen das, was sie machen, auf einem sehr hohen Niveau – ganz egal, was für einen Sound sie fahren. Da machen heute alles sehr gut und extrem professionell.
Sido: Natürlich gibt e s auch sehr viel Schwachsinn. Wenn es erstunken und erlogen klingt, ist es für mich nicht gut. Aber ansonsten ist HipHop doch wunderschön geworden. Eine wunderschöne Blume ist gewachsen mit vielen Ästen, Zweigen und Blüten. Bitte schreibt das genau so (lacht). 

„Von dieser Blase spricht man, seit ich rappe“

Also keine Spur von einer Deutschrap-Blase, die bald platzen könnte?
Kool Savas
: HipHop ist nicht die Wallstreet. Diese Musik wird trotzdem „da“ sein, egal, ob sie gekauft wird oder nicht. RAF Camora zum Beispiel hat schon vor zehn Jahren Musik gemacht und seinen eigenen Sound gefahren, ohne damit viel zu verkaufen. Und jetzt verkauft er krass. Viele fangen gerade erst an. Die haben Spaß daran und richtig Bock darauf. Da kann man nicht von irgendeiner Blase sprechen. 
Sido: Von dieser Blase spricht man, seit ich rappe. Es kommen und gehen Leute, das ist normal, aber da wird nix platzen. HipHop ist derzeit die angesagte Musikrichtung schlechthin in Deutschland, Österreich und der Schweiz. In keinem Genre werden mehr Platten verkauft. 

Wie habt ihr die Veränderungen in der Musikindustrie wahrgenommen?
Kool Savas: Der Wandel der Musikindustrie vollzieht sich vor allem durch die Streamingportale. Man kann inzwischen auf dem ersten Platz der Charts landen, ohne ein physisches Produkt oder einen Download verkauft zu haben. Da hat sich natürlich total viel verändert. Wenn man früher eine Goldene Platte hatte, war damit klar, dass man die nächsten zwei Jahre quasi „safe“ ist und auf einem guten Standard leben kann. Heute ist das nicht mehr so. 

Wie reagiert man als Künstler darauf?
Kool Savas: Wir haben in der ersten Woche 40000 Alben in Deutschland verkauft, davon waren nur 3500 Streams und 8000 digital verkaufte Tonträger. Es sind also mehr als 30000 CDS in der ersten Woche über den Ladentisch gegangen und verkauft worden. Da kommt ja wirklich kaum einer heutzutage nach. Das passiert aber auch nur, weil unsere Fans eben noch CDs kaufen und diese im Regal stehen haben wollen. 

„Ich habe tatsächlich mit Apple wieder Frieden geschlossen“

Ihr beide seid auf Twitter sehr aktiv, wie wichtig ist diese Plattform im Deutschrap?
Kool Savas
: Naja, eigentlich ist es gar nicht wichtig. Man nutzt die sozialen Netzwerke, weil einem langweilig ist oder man Bock hat, irgendwelchen Quatsch von sich zu lassen. Bei Siggi ist das zum Beispiel so, dass  Schwachsinn auf Twitter kommt und Werbung auf Facebook. Ich habe bei Facebook zum Beispiel auch Administrationen. Die ganzen Werbedinge übernehmen die, das steht dann auch immer unter den dementsprechenden Postings. Es fühlt sich immer an, als ob man es ernster nehmen würde, als man es eigentlich nimmt.

Sido: Wichtig ist es gar nicht. In erster Linie geht es um Musik und ums Musik machen. Wenn du dann ein Album gemacht hast, kannst du überlegen, ob du es den Leuten auf Twitter erzählen möchtest. Okay. Aber zum Musikmachen brauchst du die Scheiße nicht.

Savas, was hast du eigentlich mit deinem „Alienfotzen-Tweet“ gemeint, den du damals gepostet hast?
Kool Savas: Was war da denn nochmal? Achja, das war nur eine Frage und keine Meinung. Mich hat das einfach interessiert.
Sido: Würdest du?
Kool Savas: Wenn du damit die Welt retten könntest oder deine Nachbarschaft – sie würden alle verschont werden , wenn du ihre haarige Fotze lecken würdest, würdest du das machen? Aber die hat Tentakel, die dich reinziehen. Würdest du dich dennoch dafür opfern und deine Nachbarschaft retten?

So viel bedeutet mir meine Nachbarschaft wahrscheinlich nicht. Also nein.
Kool Savas: Oh shit.
Sido: Das sagen wir deinen Nachbarn (lacht). 

Konntest du mit Apple mittlerweile Frieden schließen, Savas?
Kool Savas: Du bist voll auf meinem Twitter unterwegs aus, oder? Du kennst mich besser als ich mich selbst.  Bei mir ist Twitter die Weitergabe dessen, was ich in dem Moment, wo ich etwas poste, denke. Ich poste auch meistens morgen, weil ich morgens die Welt hasse und am Abend meine Gefühle sich wieder beruhigt haben. Aber ja, ich habe tatsächlich mit Apple wieder Frieden geschlossen. Es haben sogar Verantwortliche von Apple diesen Tweet gelesen und sich bei Leuten von uns gemeldet. Insofern bin ich ja eigentlich ganz glücklich, dass ich das gemacht habe. Wenn ich so etwas schreibe, dann kommt das in irgendeiner Form auch so an. Das ist auch eine tolle Form der Bestätigung, dass das nicht verpufft in den Weiten des World Wide Web, sondern auch bei Leuten ankommt. 

Über Politik äußerst du dich auch oft. Was ist dein Resümee zur Bundestagswahl?
Kool Savas
: Der Rechtsruck war augenscheinlich. Das ist doch interessant, war aber abzusehen. Ich habe das eh schon vor langer Zeit prognostiziert. Wenn man den Osten so lange vernachlässigt und den Leuten dort a Möglichkeiten und Chancen entzieht, vernünftig zu leben und die Leute das merken, dann schlägt sich das dementsprechend nieder. Die Leute haben sich aus einer allgemeinen Unzufriedenheit heraus gerächt und die AfD gewählt, um der CDU und der SPD eines auszuwischen. Das ist natürlich Betrug und diese Leute wissen noch nicht, dass diese Partei ihnen nicht die gewünschte Veränderung bringen kann. Viele machen das aus so einer Anti-Haltung. Das kommt leider alles so, wie es kommt.

 Interview: Catherine Hazotte & Thomas Kiebl

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