Eine Sache der Stimme: serpentwithfeet mit „soil“ // Review

(Secretly Canadian/VÖ: 08.06.2018)

Jahrelang kämpfte Josiah Wise aka serpentwithfeet mit seiner ungewöhnlichen Stimme. Als Kind machte ihn sein schnelles Vibrato zu einem Außenseiter im Kirchenchor, auf der High School bekam er Vergleiche zu den Lauten eines Lamms zu hören. Erfahrungen, die große Auswirkung auf Josiah Wise hatten. In der Folgezeit versuchte er sich an einer Veränderung seiner Stimme, immer verbunden mit dem Wunsch, nicht mehr länger aus der Masse herauszustechen und endlich Akzeptanz zu erhalten. Sein Instrument setzte er in diesem Wahn fast aufs Spiel, malträtierte er seine Stimme ab dem Alter von 12 Jahren. Irreparable Schäden zeichneten sich ab, wäre nicht ein neuer Gesangslehrer auf der Universität noch rechtzeitig eingeschritten.

Für Wise läutete dies eine Phase der musikalischen Neuorientierung ein: Die Ausbildung zum Opernsänger brach er ab, stattdessen suchte er nach seinem Sound in Paris und in der Neo-Soul-Szene Philadelphias. Fündig wurde er schließlich in New York, 2014 veröffentlichte Josiah Wise als serpentwithfeet seine erste Single „Curiosity of Other Men“, die einen Labelvertrag bei Tri-Angle Records zur Folge hatte. Fortan bewegte sich serpentwithfeet musikalisch zwischen R’n’B, Avantgarde-Pop, Gospel und klassischer Musik.

Der nächste Schritt folgte 2016 mit der EP „blisters“, produziert von Björk-Intimus The Haxan Cloak: „blisters“ erregte als postmodernes Popwerk Aufsehen, das sich durch poetische Herzschmerz-Lyrics ebenso auszeichnet wie durch die Komposition, dem Zusammenspiel zwischen der Stimme serpentwithfeets und dem sakral anmutenden musikalischen Korsett. Das Ergebnis fällt so hörenswert aus, weil Produzent und Sänger auf dem Projekt ausgesprochen gut harmonieren. Dass in dieser Beziehung der Schlüssel für den Erfolg des nachfolgenden Debütalbums liegt, erkannte auch serpentwithfeet.

Das erklärt das Bemühen, auf dem mit „soil“ betitelten Erstling nicht nur namentlich große, sondern vor allem passende Produzenten zu versammeln. The Haxan Cloak ist nicht mehr vertreten, in dessen Rolle schlüpften Clams Casino, MmphPaul Epworth und Katie Gately. Mit Gately arbeitete serpentwithfeet besonders intensiv zusammen. Ihr erteilte er sogar die Erlaubnis, die Vocals zu bearbeiten, was für serpentwithfeet eigentlich ein No-Go darstellt. Ein Vertrauen, das sich jedoch auszahlt, da großartige Songs die Folge davon sind. Songs, die von serpentwithfeets stimmlicher Bandbreite, die von den Produzenten gekonnt ausgespielt wird, leben.

Ein Beispiel hierfür der Opener „whisper“, ein Feuerwerk stimmlicher Wandlungen, das eben nicht nur auf den Sänger selbst, sondern auch auf Produzentin Gately zurückzuführen ist. Dies gilt ebenso für die Tracks „messy“, „mourning song“ oder „cherubim“, wo Gately der Stimme serpentwithfeets durch den Einsatz von Verzerrern eine kryptische Fasson verleiht. Geisterhaft klingt serpentwithfeet auf dem Album. Nicht fassbar, regelrecht übernatürlich. Ein dicker, unüberhörbarer Anstrich von Spiritualität ist „soil“ inhärent.

Für diese Stimmung sorgte auch die Entscheidung, hinsichtlich der Lautstärke beim Mix den Fokus auf die Vocals und Drums zu legen, wodurch eine besondere Dynamik entsteht. Dass sich serpentwithfeet mit seinem Gesang häufig wenig um rhythmische Beatvorgaben schert, trägt nur zur geheimnisvollen Atmosphäre des Albums bei. Auf den Einsatz von Live-Instrumenten wurde verzichtet, „soil“ ist ein in allen Teilen synthetisch hergestelltes Werk. Im Vergleich zur EP fällt der Sound diesmal aber deutlich heller aus, was nicht zuletzt eine Reflexion der lyrischen Ausrichtung ist.

Steht auf „blisters“ das Ende einer Beziehung im Mittelpunkt, widmet sich „soil“ den Sehnsüchten: So singt serpentwithfeet auf „fragrant“, wie er die Exfreunde seines Exfreundes küsst, um auf diese Weise zum Verflossenen Nähe aufzubauen („I called all your ex-boyfriends and asked them for a kiss/I needed to know if they still carried your fragrance“), grast auf „slow syrup“ das Terrain zwischen Friendzone und Liebesverhältnis ab und kredenzt mit „cherubim“ und „whisper“ Manifeste vollumfänglicher Liebe. Nur „bless ur heart“ weicht vom Programm ab, legt serpentwithfeet auf der Piano-Ballade seine Zweifel als Künstler mit Zeilen wie „When I give these books away will my ink betray me?/Will my stories resist wings and grow feet and convince men that I’m boasting?“ auf den Präsentierteller.

Die Zeilen bewegen sich dabei durchwegs auf einem poetischen Niveau. Das Songwriting der Platte fällt geradezu exzellent aus, seine Passion für Gospel zeigt sich nicht nur im Gesang, sondern auch in den Texten: Wenn serpentwithfeet über Liebe schreibt, was er die meiste Zeit auf „soil“ macht, erinnert die Inbrunst an Gospeltexte. Statt die Liebe zu Jesus Christus thematisiert serpentwithfeet aber die Liebe zum Weltlichen, die Liebe zu einem Mann. Die Worte sind blumig, aber nicht kitschig, serpentwithfeet bewegt sich stets im Bereich des Sinnlichen. Der geglückte Umgang mit textlichen Gefahrenquellen ist ein weiteres Auszeichungsmerkmal starker lyrischer Fähigkeiten.

Fazit: serpentwithfeet liefert mit „soil“ ein eindrucksvolles, intensives Album ab, das in erster Linie von der immensen stimmlichen Begabung und den wortgewandten Texten seinerseits lebt. Der reduzierten Produktion kommt die Aufgabe zu, das Organ bestmöglich einzusetzen. Das funktioniert in jedem Song. Ein besonderes Lob gilt somit jenem Gesangslehrer, der während serpentwithfeets Destruktionsphase eingeschritten ist. Nicht auszudenken, wenn dieser seine Stimme für immer ruiniert hätte.

4,5 von 5 Ananas

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