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„MTHRFCK THE GOVERNMENT“ – Saul Williams live @ Brut

Saul Williams
Saul Williams im „Brut“

Nach Jahren des Schweigens erlebt die US-amerikanische Rapmusik wieder eine Renaissance der Politisierung. Gezwungenermaßen, verlangt die gegenwärtige Situation in den Vereinigten Staaten mit rassistisch motivierten Übergriffen seitens der Polizei („Racial Profiling“) und einer sozio-ökonomischen Marginalisierung großer afro-amerikanischer Bevölkerungsteile eine lautstarke Antwort des CNN der Schwarzen, wie einst Chuck D den Status von Rap für die „Black Community“ beschrieb. Kendrick Lamar und Killer Mike sind zwei der prominentesten Figuren, in deren Musik die politische Komponente besonders starke Züge annimmt – und die damit den Weg direkt in den Mainstream der Unterhaltungsindustrie schafften. MTV, Complex, Pitchfork, Late Show with Stephen Colbert – you name it.

Über ein solch großes Publikum verfügt Saul Williams, für den die Begrifflichkeit des Rappers deutlich zu kurz greift, nicht. Leider, möchte man sagen. Denn Saul Williams ist einer der intelligentesten politischen Künstler der Gegenwart. Ein kurzer Einblick in seine Performance bei NPRs „Tiny Desk“ genügt, um zu diesem Entschluss zu gelangen. Scharfsinnig, intellektuell, selbstreflektierend – mit diesen Eigenschaften ausgestattet, legt der Universalkünstler/Globetrotter den Finger tief in die Wunde des hegemonialen kapitalistischen Systems. So webte Williams auf seiner letzten Platte „MartyrLoserKing“ ein dichtes Netz an Statements, die zusammen eine anspruchsvolle Kritik an den kontemporären postdemokratischen Zuständen ergaben: „Burundi“, „Down for Some Ignorance“ oder „Think Like They Book Say“ bieten mehr als nur eine Handvoll an zitierfähigem Material. Berechtigt aber die Frage, wie solche komplexen Inhalte live umgesetzt werden sollen. Dass Saul Williams keine Schüchternheit auf der Bühne auszeichnet, dürfte bekannt sein. Am „National Poetry Slam“ nimmt man schließlich nicht mit zittrigen Händen am Mic teil. Aber die Ausmaße das Spektakels, welches Saul Williams am Freitag im „Brut“ abliefert, sind dennoch überraschend.

Dabei ist Williams „zu zweit allein“ auf der Bühne, wirkt einzig sein VJ/DJ unterstützend mit. Keine Band, 20161025_SaulWilliams_NikoHavranek-19kein Back-Up. Nur Saul Williams und sein Partner mit MacBook. Der allerdings eine nicht zu vernachlässigende Rolle einnimmt, untermalt er Saul Williams‘ gewaltige Performance mit stilsicheren Visuals – Kollagen, die ebenso zum Nachdenken anregen wie die Texte des Künstlers. Sätze wie „MTHRFCK THE GOVERNMENT“ und „We Paid with Oil and Blood“ leuchten in grellen Farben über den Kopf Saul Williams‘ auf das Publikum hinab. Ein ähnliches Konzept verfolgt auch sein Freund Trent Reznor, der bei den Shows von Nine Inch Nails gerne auf dieses Mittel zurückgreift. Allerdings verweilt Williams nicht starr auf der Bühne, sondern sucht nach dem umjubelten „Horn of the Clock-Bike“  auch den Weg in das Publikum, um dort weitere Nummern aus seinem letzten Album zu präsentieren. Besonders in Jubelstimmung versetzt das Publikum die erste Single aus „MartyrLoserKing“, die Pro-Demokratie-Hymne „Burundi“. Mit „This song is called Austria“ kann er sich bei der Ankündigung auch einen kleinen Kommentar zur politischen Lage in Österreich nicht verkneifen. Einen Tag vor Nationalfeiertag äußerst passend.

Ein Saul-Williams-Gig ist vor allem aber ein Kontrastprogramm zu vielen Rapshows, bei denen man sich einfach berieseln lassen kann. Saul Williams fordert zum Mitdenken auf. Besonders seine Spoken-Word-Einlagen, an denen er messenscharfe Zeile an messenscharfe Zeilen packt, beeindrucken – und verlangen höchste Konzentration. Ein äußerst intensives Programm. Ebenfalls keine Komfortzone sind die Beats, die aus den Boxen dröhnen: Industrial-Rock, Leftfield-HipHop und ein breites Spektrum an elektronischen Tönen bieten einen variantenreichen Sound, den Saul Williams ebenso zu nutzen weiß wie die Räumlichkeiten des „Brut“. Mit der Zugabe „List of Demands (Reparations)“ endet zunächst die Show. „I want my money back„, heißt es im Song. Auf die Show von Saul Williams trifft das sicher nicht zu. Und als die Lichter schon angehen, findet er noch einmal den Weg auf die Bühne. Für eine weitere, abschließende Spoken-Word-Einlage. Der optimale Abschluss eines fordernden Konzertabends.

Fazit: Die Show im „Brut“ glich nicht einem gewöhnlichen Rap-Konzert. Was nicht nur an Saul Williams lag, sondern auch am bunt gemischten Publikum, das in großer Menge erschien. Und die Show des Amerikaners wohl für längere Zeit im Gedächtnis behalten wird. Dafür haben die verbreiteten Messagen, egal ob auf der Leinwand oder via Musik, schon gesorgt.

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Fotos: Niko Havranek

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