Die tragische Geschichte eines Pioniers // R.I.P. DJ Ready Red (1965–2018)

DJ Ready Red im YouTube-Interview bei TheBeeShine, 2015

Im dicken Schmöker der Popgeschichte finden sich einige Kapitel über Unglücksraben, die den rückblickend fatalen Fehler machten, vor dem großen Erfolg ihre jeweilige Band zu verlassen. Syd Barrett von Pink Floyd ist ein solcher Fall,  Stuart Sutcliffe, der nicht als vierter Beatle weltweite Anerkennung und Bekanntheit erlangte, ein anderer. Auch die HipHop-Szene kann in dieser Thematik einiges beisteuern. Eine besonders tragische Geschichte handelt von DJ Ready Red, der am 24. August 2018 im Alter von 53 Jahren einem Herzinfarkt erlag. DJ Ready Red, bürgerlich Collins Adams Leysath, war erster DJ und früher Produzent der legendären Houstoner Rapgruppe Geto Boys.

In dieser Position prägte Red, der 1965 in Trenton, New Jersey geboren wurden, wesentlich die Herausbildung eines genuinen Südstaaten-Sounds mit. Doch sein Name geriet trotz nachwirkender Leistungen in Vergessenheit. Weil DJ Ready Red den folgenschweren Entschluss fasste, inmitten der Produktion zu „We Can’t Be Stopped“ aus der Band auszusteigen. Ein Album, das den Geto Boys Gold- und Platinauszeichnungen bescherte, durch Hits wie „Mind Playing Tricks on Me“ zu einem Klassiker über die Grenzen Houstons hinaus avancierte und Scarface, Willie D und Bushwick Bill einen Platz in der HipHop-Ruhmeshalle verschaffte.

Natürlich schmerzte das DJ Ready Red, wie er in Interviews später zugab. Aber nicht, weil er seinen früheren Kollegen den Erfolg nicht gönnte. Sondern weil sich in der Öffentlichkeit die Meinung verfestigte, DJ Ready Red wäre nur ein Hemmschuh gewesen, der die Geto Boys vor dem großen Erfolg fernhielt. Eine Darstellung, die jahrzehntelang an DJ Ready Red nagte und ihn an den Abgrund führte.

Von Trenton nach Houston 

Ursprünglich sah Collins Leysath seine Zukunft gar nicht im Musikbereich, sondern im Profi-Sport: Footballspieler wollte er werden, aufgrund seines kantigen Körperbaus eine nicht weit hergeholte Wunschprofession. Mit dem DJing fand sich in den frühen 80er-Jahren jedoch ein anderes Interessensgebiet, zurückzuführen auf seine Cousins aus Long Island und der Bronx, die er regelmäßig besuchte und die ihm die gerade in New York eruptierende HipHop-Kultur näherbrachten. Leysath versank in der Dynamik der Block Partys und machte sich mit den Werken von Grandmaster Flash und Grand Wizzard Theodore vertraut, denen er nacheiferte.

Nachdem er ein Paar Technics SL-B10 Turntables auftreiben konnte und sich autodidaktisch die Künste des DJings beibrachte, gründete er in Trenton die Crew The Mighty MCs, bei denen Prince Johnny C und Brother Radee als MCs anheuerten. Doch das DJ-sein allein reichte DJ Ready Red, damals noch Grand Wizard Ready Red, nicht aus. Mit der Hilfe seines Mentoren Jasper Bradley, der ihm eine Roland TR-606 beschaffte, tauchte er auch in das Feld der Musikproduktion ein.

Dass er die weiteren Schritte nicht in Trenton, sondern im 2.500 Kilometer entfernten Houston vornahm, war der Verdienst seiner Schwester. Im Dezember 1986 hatte diese große Probleme mit ihrem Freund, wodurch sie ihren Bruder um Hilfe bat. Eigentlich sollte die Sache schnell erledigt sein, Leysath plante lediglich einen Monat Aufenthalt in Houston ein. Es kam anders, da sich Leysath in Texas unerwartet schnell heimisch fühlte: Er streckte seine Fühler in die Houstoner HipHop-Szene aus und nahm auch an einem DJ-Battle im Szeneclub „Rhinestone Wrangler“ teil. Dort versetzte er das Publikum mit seiner elaborierten, von den New Yorker Block Partys beeinflussten Turntablism-Technik ins Staunen und lieferte eine regelrechte Machtdemonstration ab.

Gänzlich überraschend war dieses Feuerwerk an Skills nicht, sorgte der talentierte Neuankömmling aus dem fernen Osten schon Wochen zuvor für Gesprächsstoff. Ready Red fand auch Anschluss an eine lokale Gruppe namens Casanova Crew, zusammengesetzt aus in Houston gestrandeten Rappern und DJs. Mit Ready Red im Roster kehrte bei den Casanovas frischer Wind ein, die Crew schärfte ihr Profil, nannte sich in Def IV um und nahm ein Demo-Tape auf. Ein Plattenvertrag war das wenig überraschende Ziel der musikalischen Ambitionen.

Da kam es nur gelegen, dass bei dem Battle im „Rhinestone Wrangler“ mit NC Trahan und Sire Jukebox auch zwei Nahestehende des Houstoner Raplabels Rap-A-Lot anwesend waren. Die zeigten sich ebenfalls beeindruckt vom Dargebotenen. NC Trahan zögerte nicht und machte Ready Red mit dem Eigentümer von Rap-A-Lot-Records, J. Prince, bekannt, eine sagenumwobene Gestalt, die abseits der Musik sein Geld mit Autos machte. Ready Red nutzte die Gelegenheit und warb bei J. Prince für seine Crew und steckte ihm das Demo zu.

Die Reaktion fiel äußerst wohlwollend aus, wobei besonders die Produktionen sowie das Equipment von Ready Red (dieser besaß zu dieser Zeit eine Roland TR-909 sowie eine 50 Platten umfassende Sammlung) Interesse entfachten. J. Prince bot Ready Red deswegen die Rolle als Produzent und DJ der Ghetto Boys an. Ready Red sagte zu.

Der Erste mit „Scarface“-Samples

Die Ghetto Boys hatten 1986 mit „Car Freaks“ einen kleinen Lokalhit, mit dem Ready Red aber nicht wirklich etwas anfangen konnte und jenen stets als „Corn Flakes“ verballhornte. Damals waren die Ghetto Boys eine Teenagertruppe, bestehend aus dem 15-jährigen Sire Jukebox, dem 14-jährigen Raheem und dem 19-jährigen K9/Sir Rap-A-Lot, letzterer gleichzeitig der jüngere Stiefbruder von Labelinhaber J. Prince. Diese Konstellation hatte jedoch nur kurzlebigen Bestand, da sich Raheem bereits ein Jahr nach „Car Freaks“ entschloss, eine Solokarriere anzustreben, und K9/Sir Rap-A-Lot für Einbruch ins Gefängnis wanderte. Von diesem Gespann blieb nur Jukebox übrig, der nun mit Ready Red einen neuen Kollegen zur Seite gestellt bekam.

Reissue von „Making Trouble“, veröffentlicht 1991. Der New-York-Einfluss war auch anhand der Kleidung zu erkennen.

Viele Texte für das kommende Album der Ghetto Boys wurden zu dieser Zeit schon fertig geschrieben, nur an passenden Rapper mangelte es mittlerweile. Da kam Ready Red ins Spiel, der sich an seinen Trenton-Kollegen Johnny C erinnerte und ihn nach Houston holte. Ergänzt wurde das Trio durch den Hypeman Little Billy, ebenfalls ursprünglich von der Ostküste, der bald enge Freundschaft mit Ready Red schloss.

Gemeinsam legte das Quartett das erste Ghetto-Boys „Making Trouble“ vor, das qualitativ als ganz müder Run-DMC-Abklatsch in Vergessenheit geriet. So pendelt das Album unentschlossen zwischen selbstverliebten Prahlereien, politischen Tönen und expliziten Gewaltdarstellungen, der Rap-Stil ist eine schamlose New-York-Kopie, die Produktion schwachbrüstig. Nur zwei Aspekte ragen aus dieser Tristesse mit schlecht gezeichnetem Cover und inspirationslosen Samples von Jimi Hendrix und Elvis heraus: Einerseits „Assassins“ von Johnny C, der sich als einer der ersten Horrorcore-Tracks in die Rapgeschichte einschrieb und 1999 von der Insane Clown Posse gecovert wurde.

Andererseits die „Scarface“-Samples, die auf vier der elf Tracks vorzufinden sind; der Track „Balls and My Word“ besteht dabei gänzlich aus einem Sample aus dem Brian-De-Palma-Streifen, der 1983 erschien: „Then I was playing around, and Bushwick Bill came over, I was watching Scarface, and I just made a bass beat on a TR-808. And the part where Sosa is talking to Tony and he throws my man Omar my man out of the helicopter window … Right around that part, that’s when Bill comes along and sat on my start and stop pedal, which basically recorded ‘All I have in this world is my balls and my word‘ and I heard something“, erinnerte sich Ready Red 2016 in einem Interview auf der Internetpräsenz der Beatjunkies. Samples des Films „Scarface“ waren also bereits auf einem Ghetto-Boys-Release zu hören, bevor der gleichnamige Rapper in die Clique eintrat.

Der große Charterfolg blieb mit „Making Trouble“ zwar aus (nach Ready Red wurden immerhin 100.000 Exemplare verkauft), dennoch begleiteten die Ghetto Boys The Fat Boys auf ihrer „Wipeout“-Tour und eröffneten Konzerte für Salt-N-Pepa oder Ice-T. Doch J. Prince wollte mehr, sah er doch sein Label in erster Linie als Investment an. Ob Zufall oder schlichtweg gutes Gespür, aber J. Prince erkannte, dass die Zeit für eine härtere Gangart im Rap bevorsteht.

Neue Houstoner Härte 

Nach „Making Trouble“ zog DJ Ready Red, der zuvor bei Little Billy und dessen Schwester lebte, in ein Appartement in die Houstoner North-Side und schaffte sich eine E-mu SP1200 für das kommende Ghetto-Boys-Release an. Das in vielerlei Hinsicht anders als der Erstling sein sollte, kündigte J. Prince nach der 12″ „Be Down“ einen Stilwechsel in Richtung Hardcore an. Johnny C konnte sich damit – trotz einer Nummer wie „Assassins“ in seiner Diskografie – nicht identifizieren und verließ die Band.

Zugleich kam K9 aus dem Gefängnis und reklamierte einen Platz bei den Ghetto Boys für sich. J. Prince zögerte, landete in der Zwischenzeit ein 17-jähriger Rapper names DJ Akshen auf seinem Radar, dem damals in Houston wahrlich Wunderdinge zugeschrieben wurden und der mit dem Song „Scarface“ einen Hype in der Szene entfachen konnte. Mit „It’s not personal; it’s just business“ erklärte J. Prince seinen Entschluss, die Angelegenheit in einem Rapbattle klären zu wollen. Austragungsort: das Appartement von DJ Ready Red. Dort spielte sich dann Denkwürdiges ab, zerlegte Akshen seinen Kontrahenten nach allen Regeln der Kunst. Bei J. Prince brannten sich diese Momente ins Gedächtnis ein, wie er 2016 Rolf Potts für dessen Buch „The Geto Boys“ erzählte: „My brother looked at me when they got to going into them deep topics. He looked at me like ‘Damn, I understand‘“.

Akshen, bürgerlich Brad Johnson und kurze Zeit später als Scarface unterwegs, erkämpfte sich so einen Platz bei den Ghetto Boys und schloss sich DJ Ready Red, Hypeman Little Billy, nun Bushwick Bill, Jukebox und Willie D, der mittlerweile dazugestoßen war, an. Jukebox sollte aber nicht mehr lange bei der Gruppe verweilen. Dafür sorgte der Skandal-Track „Mind of a Lunatic“, dessen ersten Vers Jukebox schrieb. Bei Aufnahme des Songs quittierte Jukebox mit „Yo man, this shit is crazy. Man, I ain’t with this“ gegenüber DJ Ready Red seine Beteiligung an der Crew. Eine Darstellung, der Willie D widersprach und auf einen Voodoo-Brief von Jukebox‘ schwangerer Freundin verwies, der dem Rapper so viel Angst einjagte, dass dieser das Mic niederlegte.

„Grip It! On That Other Level“, 1989.

Egal, was der Grund war: Die Ghetto Boys verloren wieder ein rappendes Mitglied, gewannen aber kurze Zeit später ein neues intern dazu, da Bushwick Bill aus der Rolle des bloßen Hypeman heraustrat. Verantwortlich dafür Willie D, der versuchsweise Texte für Bushwick Bill schrieb, die er sich dann von ihm vorrappen ließ. Seine Performance von „Size Ain’t Shit“ überzeugte nicht nur Willie D, sondern auch J. Prince, wodurch Bushwick Bill in die Riege der Rapper aufstieg.

DJ Ready Red produzierte schließlich große Teile des zweiten Ghetto-Boys-Album „Grip It! On That Other Level“, das als Vertreter des neuen „Shock Rap“ für Kontroversen sorgte. Das Konsternieren der Öffentlichkeit war nachvollziehbar, sind Tracks wie „Mind of a Lunatic“, „Trigga Happy Ni**a“ oder „Let a Ho Be a Ho“ aufgrund ihrer Explizität, die Bereiche wie Nekrophilie und Kannibalismus miteinschließt, ein nur schwer zu ertragendes Programm.

Nichtsdestotrotz war „Grip It!“ in multipler Hinsicht ein Erfolg. Die Verkaufszahlen waren gut, wurden eine Million Platten im ersten Jahr abgesetzt. Aber vor allem künstlerisch erwies sich das Album als bedeutender Schritt: Die Ghetto Boys setzten mit der Platte Houston auf die Rapkarte und emanzipierten sich von alten Vorbildern, insbesondere in der Gestaltung der Lyrics, aber auch im Sound. Zum ersten Mal in der Historie wurde mit MC Ren auf der „Scarface“-Neuauflage von Ready Red auch ein Rapact von einer Rapgruppe gesampelt.  „Grip It!“ war zusammenfassend nicht weniger als eine Pionierleistung für den Horrorcore, die auch einem Rick Rubin nicht verborgen blieb.

Kurz nach Albumrelease flog Rick Rubin nach Houston und traf sich mit J. Prince in Ready Reds Apartement, um über ein Signing der Gruppe bei seinem Label Def Americana zu sprechen, das damals mit Geffen Records über einen Majorvertriebsdeal verfügte. Die beiden kamen ins Geschäft, Rick Rubin nahm sich „Grip It!“ an und reproduzierte Songs, indem er beispielsweise für „Gangsta of Love“ das Sample austauschte („Sweet Home Alabama“ von Lynyrd Skynyrd statt „The Joker“ von der Steve Miller Band) und die Tracklist veränderte („Seek and Destroy“ und „No Sell Out“ wurden gestrichen, stattdessen mit „Fuck Em“ und „City Under Siege“ zwei neue Tracks plus mit „Assassins“ einer von „Making Trouble“ hinzugefügt).

Der größte Einschnitt betraf aber den Bandnamen, machte Rick Rubin aus den Ghetto Boys die Geto Boys – und taufte dementsprechend auch das Album von „Grip It!“ in „The Geto Boys“ um.  „So you know, being Rick Rubin, a man with Def Jam, and Russell Simmons, and all the hip hop royalty, so what you gonna do? I ain’t gonna argue with Rick. Cuz after that, damn, we hit it big know, you know?“, so Ready Red bei den Beatjunkies.

Das bekannte Mugshot-Cover zu „The Geto Boys“, 1990.

Doch auch für Rick Rubin hatte sein neues Signing große Auswirkungen: Geffen Records weigerte sich, aufgrund von „Mind of a Lunatic“ die Platte zu vertreiben, und löste zugleich den Distributionsvertrag mit Def Americana auf. Rubin fand jedoch nur kurze Zeit später mit seinem alten Freund George Drakoulias, der für Time Warner arbeitete, einen Ersatz, der mit „Mind of a Lunatic“ weniger Probleme hatte als zuvor Geffen.

Die Geto Boys spielten in der Folge zwar US-weit Konzerte und konnten sich zu dieser Zeit schon einen Namen machen, dem Fadenkreuz der Kritik entkamen sie aber nicht. Doch nicht nur Zensurbefürworter machten der Band damals zu schaffen. Auch interne Spannungen stellten die Geto Boys auf eine harte Probe. Dieses Spannungsfeld existierte vor allem zwischen DJ Ready Red und J. Prince. Ein unrühmliches Ende stand bevor.

Ready Reds leiser Abschied

1989 produzierte Ready Red neben „Grip It!“ auch das erste Soloalbum von Willie D, „Controversy“. Doch trotz seines hohen Arbeitspensums und der ordentlichen kommerziellen Performance der Geto Boys floß Geld nur sehr spärlich in die Taschen von Ready Red. Seiner Ansicht nach war daran einiges faul, und der Schuldige dafür mit J. Prince schnell gefunden. Ihn machte er dafür verantwortlich, dass die Geto Boys zwar Geld einspielten, davon aber nichts sehen würden.

„Controversy“, 1989.

Ready Red versuchte, mit den anderen Geto Boys eine gemeinsame Einheit gegen J. Prince zu bilden – im Endeffekt stand er jedoch alleine da. Sein Ruf wurde zusätzlich beschädigt, nachdem er einen Anwalt und einen Wirtschaftsprüfer beauftragte. Die geforderten 29.000$ wollte J. Prince nur in Raten bezahlen, womit Ready Red nicht einverstanden war. Beim letzten Meeting mit dem Labelchef am 09. Mai 1991  machte er auch eine Begegnung mit der berüchtigten Schlägertruppe, die J. Prince um sich scharte. Eine weitere Zusammenarbeit schien unter diesen Umständen ausgeschlossen.

Die Nacht nach dem Meeting blieb Ready Red auch aus einem anderen Grund stets in Erinnerung. Sein Freund Bushwick Bill wurde ins Krankenhaus eingeliefert, nachdem er sich infolge eines Suizidversuchs ins Auge geschossen hatte. Als ein Vertrauter des Labels mit der Idee aufkam, die Szene eines verwundeten Bushwick Bill mit 5th-Ward-Kappe und Mobiltelefon im Krankenbett, umrandet von Scarface und Willie D, als Covermotiv für das kommende Geto-Boys-Album zu fotografieren, verfestigte sich Ready Reds Entschluss, nicht mehr Teil dieser Crew sein zu wollen. Aus moralischen Gründen konnte und wollte er das nicht mittragen. Vor dem Release von „We Can’t Be Stopped“ war das Kapitel Geto Boys für DJ Ready Red Geschichte.

Berühmt-berüchtigt: „We Can’t Be Stopped“, 1991.

Doch ganz ohne Beteiligung von DJ Ready Red fiel „We Can’t Be Stopped“ nicht aus. Auf dem Opener-Track „Rebel Rap Family“ tritt er in Erscheinung, zusätzlich stammen die gesampelten Alben für „Mind Playing Tricks on Me“ aus seinem Plattenschrank: Scarface sampelte für den Track die Bassline aus „Hung Up on My Baby“ von Isaac Hayes, entnommen dem Soundtrack zu „Tough Guys“, und die Drums aus „Pickin‘ Boogers“ von Biz Markie aus dem Album „Goin‘ Off“, die er allesamt von Red entlieh.

Aber das sind nur Details, in der öffentlichen Wahrnehmung hatte Ready Red nichts mehr mit den Geto Boys zu tun, die mit „We Can’t Be Stopped“ einen Platinerfolg feierten und sich für „Mind Playing Tricks on Me“ Gold an die Wand hängen durften. Der popkulturelle Impact der Nummer wiegt noch ungleich höher, der Track, eigentlich für Scarfaces erstes Solo-Album „Mr. Scarface Is Back“ geplant, wurde mit seiner Darstellung von Suizidgedanken, Depressionen, Einsamkeit, Schizophrenie, Wahnvorstellungen, kombiniert mit politischen und sozialkritischen Untertönen, zu einem Rapklassiker.

Doch nicht nur in den Credits zu „We Can’t Be Stopped“ fand DJ Ready Red keinerlei Erwähnung. Auch auf dem Cover des Scarface-Solodebüts „Mr. Scarface Is Back“ wurde sein Gesicht unkenntlich gemacht. Später nannte Ready Red dies den Preis, den man zahlen muss, wenn man sich mit J. Prince anlegt.

Ursprüngliche Version mit Scarface, J. Prince, Willie D, DJ Ready Red, Bushwick Bill, Steve Salinas und John Bido (v.l.n.r.).
Veröffentlichte Version: Bido und Salinas wurden weggeschnitten, das Gesicht von DJ Ready Red unkenntlich gemacht.

Das Leben nach den Geto Boys 

DJ Ready Red blieb in der Zeit nach seinem Ausstieg bei den Geto Boys zunächst in Houston, musste jedoch schnell die Erfahrung machen, dass sich viele Freunde rasch verflüchtigten. Die Geschäftsmöglichkeiten wurden stark beschnitten, der Zugang zu verschiedenen Örtlichkeiten nicht gewährt. Keine Frage: Ready Red führte ein Paria-Dasein in Houston.

Der freie Fall setzte nach dem riesigen Erfolg von „Mind Playing Tricks on Me“ ein, der eine Welle des Spotts nach sich zog. Nachdem auch Probleme mit seiner Partnerin in diesem Gemengelage dazukamen, suchte DJ Ready Red seine Zuflucht in den Drogen und begann mit dem Konsum von Crack. Schnell verfing er sich in den Fängen der Sucht und verlor alles, was er sich in den Jahren zuvor in Houston aufbauen konnte. Alle Auszeichnungen, die er mit den Geto Boys erzielte. Den Schmuck, die Autos. Alles versetzt auf den Straßen Houstons, eingetauscht für todbringende weiße Golfbälle.

Ready Red verließ daraufhin Houston und kehrte nach Trenton, New Jersey zurück. Sein Rucksack war aber nicht nur gepackt mit den wenigen Habseligkeiten, die noch übrig blieben, sondern auch mit der Crack-Sucht, die er nicht abschütteln konnte. In Trenton lebte Ready Red auf der Straße oder trieb sich in verlassenen Häusern um. In dieser vollkommenen Verzweiflung fand Ready Red Zuflucht in der Religion, die jene Kraft gab, um den Dämon der Drogensucht zu besiegen.

Ein Umzug nach Kalifornien folgte, Ready Red wurde Mitglied der Zulu Nation. Er verdiente sich wieder als DJ und arbeitete als Produzent mit seinen alten Weggefährten Jukebox und Johnny C zusammen. Davon bekam zwar kaum jemand etwas mit, war er in der Anonymität verschwunden. Doch den persönlichen Turnaround, den hat er noch einmal geschafft. Trotz harter Prüfungen wie dem tödlichen Autounfall seiner Schwester 2003. Oder als er in Nevada 2008 einem Rudel Wölfe ausweichen wollte und sich sein Wagen mehrmals überschlug, er sich wie durch ein Wunder aber nur wenige Knochen brach. DJ Ready Red blieb sauber. Auch nach seiner erneuten Rückkehr nach Trenton.

Über die Jahre hielt Ready Red, dessen Gesichtszüge in den letzten Jahren seines Lebens nichts an Weichheit einbüßten, Kontakt mit Willie D. Bei der Geto-Boys-Reunion in den 2000er-Jahren hätte er mitmachen sollen, wenngleich nicht als DJ, sondern in einer weitaus kleineren Rolle. Doch Ready Red weigerte sich, die Beziehung zu J. Prince war irreparabel. Via Instagram gab Willie D den Tod seines Kollegen bekannt, in den Kommentaren kondolierten Größen wie DJ Premier, Mr. Mixx oder Project Pat.

Gegenüber dem Houston Chronical erklärte Willie D die musikalische Stärke der Produktionen von Ready Red mit dessen kultureller Vielseitigkeit, hatte dieser eine große Affinität zu Comics und Kung-Fu-Filmen. „If you listen now, all these indusries cross-promote into hip-hop. But Red had this marriage of hip-hop to movies and television well before the mainstream started accepting hip-hop. It’s commonplace now. Then it was groundbreaking“, so Willie D. Schade nur, dass DJ Ready Red dafür nie den gebührenden Ruhm einfahren konnte. Ruhe in Frieden, du Pionier des Südstaaten-Sounds.

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