Rote Bullen, lange Schlangen // Red Bull Music Festival Review

Eine Runde mit Yung Hurn im Riesenrad drehen? Der größte heimische Aufputschmittelproduzent macht’s möglich. Das „Red Bull Music Festival“ feiert sein Debut im Wiener Wurstelprater. Am Tag vor der Veranstaltung gehen die letzten Vorverkaufskarten über den Tisch. Ausverkauft – bei nur 19€ pro Ticket kein Wunder. Das Line-Up kommt dafür überraschend hochkarätig und breit gefächert daher. Wo sieht man schon mal Nino aus Wien, die Wiener Sängerknaben, Money Boy und Kruder & Dorfmeister an einem Tag? „Celebrating Sounds of Austria“ lautet der Untertitel der Veranstaltung. Ein genreübergreifender Querschnitt durch die österreichische Musiklandschaft ist den Bookern definitiv gelungen. Austragungsort des eintägigen Festivals ist das Areal rund ums Riesenrad.

Als besonderes Schmankerl spielen einige Acts exklusive Waggonkonzerte. Da in den Gondeln lediglich Raum für etwa 20 Personen ist, wurden die Plätze verlost. Dank Presseprivileg kann ich das Waggonkonzert der Rapperin Ebow miterleben. Etwas nervös heißt sie uns in der engen Kabine willkommen. Ebow hat leichte Höhenangst und spielt die ersten Lieder mit Blick auf den Boden. Nach einer halben Umdrehung verfliegt die Spannung. Passend dazu eine Textzeile aus Ebows „Vogel & Meer“:

Einer von uns muss die Grenzen besiegen
Hab Angst vor den Höhen
Du hast Angst vor den Tiefen

Ein Konzert auf engstem Raum, mit so wenigen Zuhörern, fühlt sich manchmal seltsam intim an. Normalerweise spielt die Künstlerin zu einer anonymen Masse. Im Waggon wird geantwortet, jede Tanzbewegung, jede Reaktion des Publikums von der Künstlerin wahrgenommen. Gebannt folgen die Gäste Ebow, ihrer Backuprapperin Esi und den gutgelaunten DJanes von Bad & Boujee. Die Singles „Punani Power“ und „Das Wetter“ bilden die Höhepunkte des Konzerts. Weil die zweite Umdrehung deutlich länger dauert als geplant, legen Bad & Boujee noch etwas auf.

Leider verpasse ich wegen der Verspätung das Konzert von Meydo, der zum ersten Mal mit Liveband auf der Bühne steht. Auch T-Ser spielt bereits die letzten Songs. Vor dem Eingang zur HipHop-Stage drängen sich unzählige Fans, die versuchen, einen Platz bei Money Boy zu ergattern. Leider ist die Indoorbühne zu klein und nicht wenige müssen draußen blieben. Der sagenumwobene Sebastian Meisinger liefert eine irre Show ab. Die Fans kennen jede Hook auswendig, was besonders eindrucksvoll ist, da im Minutentakt neue Songs angespielt werden. Der Boy hat sich in den vergangenen acht Jahre eine passable Technik angeeignet. Das Niveau der Texte hat sich allerdings kein Stück verändert. Ob das ein Grund zum Feiern oder Heulen ist, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Meine nächste Station wird spontan wieder eine Gondel. Musik gibt’s dieses Mal von Ashida Park, einem Künstlerkollektiv, welches das Riesenrad mit einer genialen Mischung aus Plastik-Pop und futuristischem Electro-Geplänkel beschallt. Am Boden sinkt derweil die Stimmung. Viele Gäste kritisieren die Organisation des Events. Lange Schlangen vor dem Klo und Riesenrad, wo am späteren Abend nach „first come, first serve“ eingelassen wird, sorgen für Unmut. Dabei ist die Idee mit den Waggonkonzerten nichts Neues. Die Veranstaltungsreihe „Prater Unser“ bespielte schon mehrfach die Techno & HipHop-Gondel. Zum Abschluss des Abends schaue ich mir noch Kruder & Dorfmeister im Autodrom an. Interessante Location, nur leider schwammiger Sound und wieder einmal mangelnde Kapaziät.

Fazit: Das grandiose Lineup, die kreative Location und der unschlagbar günstige Preis werden leider von der chaotischen Organisation überschattet. Ich hatte dank meines Pressepasses einen schönen Abend mit einzigartigen Konzerten. Als „normaler“ Festivalgast hätte ich aber kein einziges dieser Konzerte gesehen. Sowohl HipHop- als auch Elektrostage waren viel zu klein, was für langes Schlangestehen und Frustration statt Festivalstimmung sorgte. Waggonkonzerte konnten nur mit Glück oder annähernd unendlicher Geduld besucht werden. Wer eine kurze Auszeit auf der Praterwiese nehmen wollte, scheiterte an der One-Way-Ticket-Politik. Das Konzept hat dennoch Potential. Auf eine durchdachtere Wiederholung bleibt zu hoffen.

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