MySpace, Gucci und Quantenchemie // Rapper lesen Rapper #7

Fotos: Moritz Nachtschatt

Rapper lesen Rapper, in den vergangenen zwei Jahren zur Institution gewachsen, lädt ein weiteres Mal zur Lyriklesung. Mit der Urania wird diesmal nicht nur die bisher größte, sondern auch eine besonders edle Lokalität gewählt und standesgemäß bis auf den letzten Platz gefüllt. Unter dem ehrwürdig-eleganten Slogan „Literatur ins Face“ wartet die siebente Ausgabe der Erfolgsstory mit großen Namen im Programm auf: Neben Appletree, Ebow und Jahson the Scientist geben sich 5/8-in-Ehrn‘-Fünftel Max Gaier und die Kaisermühlner Produzentengröße Brenk Sinatra die Klinke – beziehungsweise den obligatorischen Tetrapack-Rotwein – in die Hand. Eine gewohnt beschwingte Perfomance des Moderatoren-Duos David Scheid und Heinrich Himalaya rundet den Abend ab. Aber alles der Reihe nach.

Erst kurz vor 21 Uhr, als der Ansturm auf die verbliebenen Resttickets sowie der Erwerb von Popcorn, Bier und Spritzer bewältigt ist, geht in der Urania der Vorhang auf. Nach einem kurzen Willkommensgruß und vor dem ersten Gast starten die beiden Moderatoren als Lil K und Grandmasta Grab (mit Handpuppen und hinter der Couch versteckt) einen ersten gelungenen Angriff auf die Lachmuskeln. „Das war jetzt einmal doper Kasperlrap“, wie Scheid verlautet.

Dann darf es sich Appletree auf der Bühne gemütlich machen. Im Eingangsgespräch erklärt er, warum eine spontane Änderung seines Lesebeitrags notwendig war. Die Lesung und anschließende Dekonstruktion von Lil Pumps „Gucci Gang“ soll verkrampften Realkeepern die Augen öffnen und die sozialkritische Komponente dieses lyrisch anspruchsvollen Werks freilegen. Dass ihm das gelingt ist unbestritten, herauszuheben ist die elegante Distinktion zwischen Text und Adlibs. Das Publikum dankt es ihm mit tobendem Beifall.

Es folgt mit Jahson the Scientist der englischsprachige Beitrag des Abends. Bevor dieser jedoch eine eigene textliche Brücke zwischen seinen Betätigungsfeldern (Lyrik und Quantenchemie) sowie einen Text des großartigen Saul Williams zum Besten gibt, stellt er das Moderations-Duo vor eine Herausforderung. Die beiden meistern das Interview in Fremdsprache jedoch bravourös und beglücken das Publikum ganz nebenbei mit einigen sprachlichen Schmankerln. Der anschließende Lesebeitrag sorgt im Publikum ob seiner sprachlichen Komplexität für rauchende Köpfe und bringt, trotz mitgebrachter Texttafeln, selbst anglophile Gäste an ihre sprachlichen Grenzen.

Dann schließlich ist es Zeit für Betty-Ford-Boys-Member Brenk Sinatra, der zunächst klar stellen muss, dass er sich gegen jede genretechnische Schubladisierung verwehrt. Auf die Frage nach den Preisen seiner Instrumentals erklärt er im breiten Kaisermühlner-Dialekt, dass Produktionen für Österreicher durchaus als reduzierte Ware bezeichnet werden können: „Die verkaufen ja nix!

Sein Beitrag, gelinde gesagt recht frei übersetzt, avanciert dann auch zum Highlight des Abends. 2 Chainz„I’m Different“ glänzt in Brenks Version mit Zeilen wie „Das Dach fehlt“ oder „Ich und arme Hawara vertragen uns nicht“. Das Publikum tobt. Auf die abschließende Frage, wo Brenk demnächst zu sehen ist, verweist dieser auf das Bloom Festival und seine MySpace-Seite. Ein gelungener Verweis darauf, wie lang er schon dabei ist.

Nach der Pause eröffnen Scheid und Himalaya mit einem Ratespiel, in dem HipHop-Klassiker übersetzt und als Minnesang vorgetragen werden. Als Walther von der Vogelweide und Blondel zeigen sie sich dabei begeistert vom Wisdom des Publikums. Dann darf es sich Wahlwienerin Ebow auf dem Lehnsessel gemütlich machen und muss sich erstmal für ihre deutsche (beziehungsweise Münchner) Herkunft rechtfertigen.

Die Frage nach dem Hauptmotiv für Diskriminierung in Österreich beantwortet sie eindeutig mit: „Deutsche zu sein. Obwohl ich Frau bin und türkische Wurzeln habe“. Der Text, den sie anschließend zum Besten gibt, stammt von Keny Arkana und ist aus dem Französischen übersetzt. Auch wenn einige lyrische Raffinesse wohl „Lost in Translation“ ist, zeigen sich Publikum und Moderatoren bewegt von der Tiefe des Dargebotenen.

Zum Abschluss des Abends wird mit Max Gaier schließlich ein HipHop-fremder Künstler auf die Bühne geholt, der sich laut eigener Aussage für die Veranstaltung intensiv mit HipHop beschäftigt hat. David Scheid, der den ganzen Abend nicht um zeitgenössische Begriffe wie „burr“, „fly“ und „wicked“ verlegen ist, will wissen, wie viel MDMA nötig war, um die derartig lieblichen Alben von 5/8erl in Ehrn‘ zu schreiben. Die Replik: „Chemie ham wir eigentlich nie genommen, aber kifft a bissi.“

Gaier wagt sich schließlich mit „Er will Sex“ von SXTN an den einzigen deutschsprachigen Beitrag des Abends und verleiht diesem, auch durch seine leichtfüßige Leseweise, einen besonders frechen Touch. Weil auch die schönste Lesung irgendwann einmal zu Ende geht, wird das Publikum im Anschluss unter Beifall verabschiedet und zur Afterparty gebeten. Ein runder Abend, der einen weiteren RLR-Slogan erneut bestätigt: „Wir sind das lit in Literatur.“ Am 20.04.2018 darf sich das Literaturhaus Graz über den eleganten Melange aus Rap und Literatur freuen. Sheesh!

Kommentar

  • Heinrich Himalaya sagt:
    Mrz 19 at 07:22

    Es war uns wiedermal eine Ehre! Vielen Dank für die schmeichelnden Worte und tollen Fotos von Moritz Nachtschatt. Wir freuen uns auf ein nächstes Mal! Viele Liebe Grüße Heinrich Himalaya im Namen von #rlr

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