„Rap ist die Dichtkunst des 21. Jahrhunderts“

Chefket beim Splash!-Auftritt 2013     Foto: IMAGEAGENCY.comC
Chefket beim Splash!-Auftritt 2013 Foto: IMAGEAGENCY.com

Sevket, so sein bürgerlicher Vorname, ist End of the Weak-Sieger, Backup Sänger bei Marteria, selbst Singer & Songwriter und obendrauf noch Conscious Rapper. Kurz nachdem der deutsche Rapper mit türkischen Wurzeln im Juli sein neues Werk „Identitaeter“ veröffentlicht hat, trafen wir das ambitionierte Musik-Allroundtalent am diesjährigen Splash! Festival und plauderten mit ihm über seine Erfahrungen als Sprachrohr des deutschen Rap auf einer amerikanischen Elite-Highschool, seine Pläne für eine türkische Psychedelic Rock-Platte und die momentane Lage in der Türkei, sowie die Auswüchse der deutschen Waffenindustrie.

Interview: Julia Gschmeidler

In „Entscheide Du“ geht es um das Gefühl, das man hat, wenn man zwischen zwei Kulturen steht. Amewu meinte im Interview mit The Message, dass er sich weder als In- noch als Ausländer fühle, sondern als Mensch. Siehst du das genauso?
Genau. Oft fragt man mich, ob ich mich eher türkisch oder deutsch fühle, dann sag ich: Den Namen Chefket könnte man auch zweiseitig interpretieren. Menschsein ist das Wichtigste, das haben mir auch meine Eltern so beigebracht und diese Bedienungsanleitung für die Welt habe ich mitgenommen.

Wie ist generell dein Verhältnis zu Amewu?
Super, er ist mein Bruder. Ich würd alles für ihn tun. Er muss es nur sagen, dann bin ich am Start. Wir haben auch eine Zeit lang zusammengewohnt und machen immer so viel gemeinsam wie es geht. Auf dieser Platte habe ich mir gedacht wir machens nicht, weils die Leute sowieso erwarten würden. Aber jetzt kommt noch ein Mitxtape namens „Ein guter Tag“. Das wird auch von Chrisfader abgemischt und gemastert, ich freu mich schon darauf, das endlich zu releasen. Es wird for free rausgehauen, mit ein paar Videos. Ich hab mir einen Labelcode besorgt, hab es Chefket Records genannt, weil mir kein Name eingefallen ist und jetzt kann ich machen was ich will, das ist voll gut.

Du warst generell eine Zeit lang Couchsurfer – jetzt auch noch?
Ich bin jetzt auch noch immer ein wenig am Bezirks-Hoppen in Berlin, also monatsweise möblierte Zwischenmiete, das ist voll geil. Cool, dass ich es machen kann, ich hab halt auch nicht so viel Stuff. Es ist super, wenn man aus jedem Bezirk irgendwelche Einflüsse mitnehmen kann. Es ist auch voll einfach, wenn ich schreibe: Hallo, ich bin Chefket, ich mach Musik, guck das sind meine Videos. Zack und dann klappt das immer, das ist super.

Du warst ja mit Amewu auch in Manila und hast mit der einheimischen Gruppe Tondo Tribe zusammengearbeitet. Wie hast du das empfunden?
Ich fands sehr spannend. Wenn man da so durchgelaufen ist, war man der Einzige, der europäisch ausgesehen hat. Diese Tondo Tribe-Leute waren eine Gang in Manila und wir konnten in die Slums gehen und wurden von ihnen beschützt, sonst hätten wir diesen Einblick in diese Welt gar nicht gehabt. Das waren auf jeden Fall die schöneren Momente von meinem Aufenthalt. Die ganzen Hochhäuser und die Businessviertel und so Bla, das war natürlich beeindruckend. Aber vom Menschlichen her hat mich was Anderes berührt. Die Armut zu sehen, aber gleichzeitig auch die Hoffnung und den Zusammenhalt zu spüren. Und dass sie versuchen, den Jugendlichen was Positives zu vermitteln, als über Gangsterzeugs zu reden. Das hat mir noch einmal gezeigt, wie wichtig die Macht des Wortes ist. Das war einfach ein krasses Erlebnis.

Wie stark ist deiner Meinung nach die Macht des Wortes in Deutschland?
Ich glaub genauso, es muss einfach nur ein bisschen präsenter sein. Deutsch versteht jeder, vom Kleinkind bis zur älteren Person. Wenn du zu viele Anglizismen drinnen hast, verstehen dich die Älteren schon nicht mehr, aber das ist bei Amewu und mir einfach nie der Fall gewesen. Das versteht man eigentlich alles. Als wir früher noch Straßenmusik gemacht haben, kamen auch manchmal ältere Damen zu uns und meinten: „Ihre Texte sind so gut, so schön, machen Sie weiter so.“ Das ist immer eine coole Bestätigung gewesen, weil das Leute waren, die keinen HipHop hören. Ich war letztens in Leipzig und da kam jemand zu mir und meinte, dass er in der Psychatrie arbeite und dass er Leuten mein Album gegeben hätte. Das hat den Leuten was fürs Leben gebracht, meinte er. Da wusste ich auch ein paar Sekunden nicht, was ich sagen sollte, das ist einfach krass. Man hat ja gar nicht mehr die Kontrolle darüber, wer das jetzt hört. Es ist schön das mitzubekommen. Ich glaub das liegt auch an der Wort- und Themenwahl. Es war jetzt einfach eine lange Zeit sehr plump in der deutschsprachigen Landschaft. Amewu und ich haben schon sehr früh damit angefangen, Wert auf die Texte zu legen, um keine Minderheiten zu beleidigen, sondern versucht positive Texte zu schreiben. Mittlerweile hat uns HipHop eingeholt, wir können einfach so weitermachen wie gehabt und alle wissen es jetzt zu schätzen. Nicht, dass wir jetzt auf einen Zug aufspringen, wie es manche plötzlich machen.

Wie ist deutscher HipHop in den USA angekommen, als du dort an einem College für das Goethe Institut unterrichtet hast?
Er ist sehr gut angekommen. Ich hab auch Songs gewählt, bei denen man viel mitmachen kann und hab viel mit den Leuten interagiert. Das war auch so, dass sie die deutsche Sprache beherrschten. Das Middlebury College ist so ein Elitärding, sehr krass eigentlich. Die Realität war auch ein Vakuum. Ich glaub wenn jeder so eine Bildung genießen dürfte, würden wir in einer anderen Welt leben. Das ist einfach so eine gewisse Art von Brainwash, die da passiert. Die zahlen 10.000 US-Dollar für sieben Wochen Unterricht und sprechen dann auch wirklich Deutsch. Denen wird verboten Englisch zu reden und wenn sie drei Mal erwischt werden, fliegen sie von der Schule. Ich stand dann auf der Bühne und hab gesagt: „Gebt mir ein yes, yes, yo!“ Die haben es nicht gemacht. Dann hab ich gesagt: „Gebt mir ein Ja, Ja, Ja“ – und alle sind voll ausgeflippt. Die reden einfach nicht Englisch, das brennt sich dann in ihr Gehirn ein und sie können richtig Deutsch. Das waren z.B. Opernsänger, die ihr Deutsch verbessern wollen, um die Texte auch zu fühlen, die sie singen, das war echt eine verrückte Zeit. Es gab Harvard-Studenten, es gab Professoren, es gab jüngere Schüler, das war alles gemischt. Viele haben dann auch meine Texte interpretiert, sie haben mich mit amerikanischen Dichtern verglichen, haben „Einerseits, Andererseits“ auseinandergenommen und mit mir über die Themen geredet. Ich war wie ein Dozent vor Professoren und hab mit ihnen über Rap geredet, das war schon Wahnsinn. Ich war in der Schule nie so bemüht gut zu sein, dann bist du plötzlich an so einer Uni und die Leute hören dir bei einer Sache, bei der du dich auskennst, zu. Schon schön. Das hat mir auch gezeigt, dass es richtig ist, das zu machen, was man liebt. Dann wird man auch irgendwann gut und man kann es an Leute weitergeben. Das hat mir gezeigt, dass ich alles richtig gemacht habe.

Kannst du dich noch erinnern, mit welchen amerikanischen Dichtern sie dich verglichen haben?
Ich habe leider seinen Namen vergessen. Es ging in dem Gedicht um zwei Wege. Ich weiß es aber nicht mehr. Oft kann man bei Leuten, die jetzt nicht so viel Respekt vor Rap haben das Eis brechen, indem man kurz Goethe vertont. Das hab ich auch öfters gemacht und gezeigt, was ein Jambus ist. Im Rap gibt es auch verschieden Rhythmen, die ich vorgestellt habe. Ich hab Acapellas gebracht, damit sie auch checken, dass Rap die Dichtkunst des 21. Jahrhunderts ist und dass es da gar nicht so viele Unterschiede gibt. Wenn ich z.B. mit einem Samy Deluxe, MoTrip oder Marteria da sitze, dann sind das Leute, die sich alle mit sich selbst und ihren Texten befasst haben. Das ist ein geiler Austausch, du merkst die Leute haben sich mit Sprache auseinandergesetzt. Ich glaub schön langsam wird das auch wertgeschätzt und vielleicht wird’s auch mal in Schulbüchern gelehrt, wer weiß. Es ist ja alles noch sehr jung, ich kanns mir aber sehr gut vorstellen.

Du meintest einmal, dass du vor hast eine EP mit türkischen Psychedelic-Rock Samples aus den 70ern zu machen. Wie bist du auf die Idee gekommen?
Ich war ja in Middlebury in diesem College und bin von da nach Montreal. Dort hab ich in einer Künstler-WG gewohnt. Da meinte einer: „Do you like to listen to some psychedelic turkish rock?“ Das waren dann dann so Lieder von Barış Manço, Erkin Koray, Cem Karaca oder Moğollar. Das sind Sachen, die ich hörte als ich klein war. Ich hatte die früher als Kassette. Immer wenn ich danach gesucht hab, hab ich nur so ganz schlimm nachgespielte Sachen gefunden. Der Typ hatte die Originaldinger, das war Wahnsinn. „What does he say, what does he say?!“, und dann musste ich alles übersetzen. Als ich zurück in Berlin war hab ich mit Afromaniac ein paar Sachen besprochen und er hatte auch schon die Idee, es war perfekt. Wir haben dann gemeinsam die EP gemacht. Es ist nicht so, dass ich nur auf Türkisch rappe, aber es gibt einen Song, auf dem ich auf Türkisch singe. Trotzdem ging eher um die Vocalsamples und darum, die nochmal aufzufrischen, es ist richtig schön geworden.

Es gibt ja auch die deutsch-türkische HipHop Gruppe Cartel. Fuat meinte einmal, dass Cartel die Szene in der Türkei so beeinflusst hat, dass sie sich bis heute nicht davon erholt hat.
Cartel bir numara en büyük Cehennemden çıkan çılgın türk.“ Als das rauskam dachten wir auch: Boah krass, die sind cool. Es war auch so, dass sie Stadien gefüllt haben und wir mit offenem Mund da gestanden sind und dachten: Was ist das? Türkischer Rap, der in Deutschland entstanden ist? Zwischendrin gabs immer wieder türkischen Rap, wo du an der Betonung gemerkt hast, dass es verfremdet und nicht so ist, wie man es wirklich spricht. Wie wenn man statt Blúmentopferde sagen würde Bluméntopferde oder so. Das ist im Soul auch sehr lange passiert, wo die Leute die Worte so verziehen, dass es nicht so geil klingt. Wie zum Beispiel: „Ich rieche an der Blumeheheee…“, das klingt halt bescheuert. Da hat Xavier Naidoo was Geiles reingebracht, wo du merkst: das klingt natürlich, das ist super. Und dann kam in der Türkei Ceza und der war für mich der Erste, der so gerappt hat wie man auch spricht. Dann hat das aber dazu geführt, dass es so kommerziell erfolgreich wurde, dass Ceza für mich seine Spur verloren hat. Irgendwann hat er Kaugummiwerbung gemacht, ganz schlimm. Es hat aber dazu geführt, dass beim türkischen Superstar oder Supertalent irgendwelche Leute dann genauso klingen wie er. Es gibt da keine Undergroundszene, wo sich Sachen von alleine entwickeln. Alle versuchen so schnell zu rappen wie Ceza, benutzen dieselben Worte und klingen genauso wie er. Das ist ein wenig schade. Aber ich glaube nicht, dass sie sich von Cartel nicht erholt haben. Ich glaub eher, dass es in der Türkei keine Zeit für Hobbys gibt. Die Leute sind voll am Struggeln. Da gibt’s auch kein soziales Netz, das dich auffängt, da kannst du nicht einfach von Hartz IV leben und deine Mucke machen. Da musst du gucken, wie du überlebst und du wirst schon sehr früh erwachsen. Deswegen fehlt da diese künstlerische Förderung vom Staat, mit der eine Untergrundszene heranwachsen kann.

Glaubst du, dass die Politik in der Türkei jetzt liberaler werden könnte?
Ich glaube auf jeden Fall, dass es nie wieder so sein wird wie bisher. Aber was genau passieren wird, ist echt ein Riesen-Fragezeichen. Es ist einfach nie so gewesen. Immer wenn die Gefahr bestand, dass das säkulare und laizistische System gefährdet ist, kam die Armee und hat das unterbunden. Inzwischen sind aber ganz viele Leute, auch Journalisten, im Knast. Man weiß nicht wie viele alte Anhänger und Kemalisten noch in der Armee sind und wie viele Erdoğan schon hat, deswegen weiß ich es nicht. Ich bin mal gespannt, aber das ist auch ein Riesenthema, ich weiß nicht, ob wir da so ein Fass aufmachen können.

Bei „Made in Germany“ prangerst du die deutsche Waffenindustrie an. Was hältst du von der Debatte rund um deutsche Waffenlieferungen an syrische Rebellen?
Allgemein ist es ja sehr heuchlerisch: „Nein, wir unterstützen die Guten…“ Wer weiß, woher die Bösen die Waffen haben. Da sollte man nicht so blauäugig sein, wie die Schlümpfe gegen Gargamel, so ist es nicht. Es gibt nicht schwarz und weiß, es wird einfach stark vereinfacht, um so viele Menschen wie möglich zu beeinflussen. Es ist einfach komisch. Wenn Deutschland einen giftigen Schokoriegel, der Menschen tötet, entwickeln würde, würden alle sagen: Das kann man doch nicht machen! Bei einer Debatte in deutschen Nachrichten sagte einer: „Die Einnahmen von 70 Millionen sind noch im Rahmen.“ Das ist halt krass, dass die das denken. Auch eine Waffe ist schon zu viel. Es ist ja nicht so, dass man einmal abdrückt und dann geht’s nicht mehr. Die ist noch 50 Jahre im Umlauf, da werden einfach Menschen damit getötet, wie kann man das verantworten? Wir brauchen das doch gar nicht, wir sind doch das reichste Land Europas. Wenn das nur 70 Millionen sind, dann brauchen wir das doch gar nicht. Also was soll der Scheiß? Ich weiß nicht, was da dahintersteckt, ich bin ja auch nicht so allwissend, aber irgendwie fühl ich mich komisch, wenn ich darüber nachdenke. Wenn ich Zeit habe, muss ich als Künstler auch darüber reden. Als ich das erfahren habe, wars ein Riesenschock für mich. Ich hab eine Doku über Jürgen Grässlin gesehen und dachte mir: Das ist ja krass, warum weiß ich davon nichts?

Apropos giftige Schokoriegel: Deutsche Überraschungseier sind in den USA verboten, weil sie zu gefährlich sind.
Krass. Das ist echt verrückt.

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