Ein Nachruf auf Prodigy, 1974 – 2017

Prodigy in „Shook Ones“ // Screenshot

Nahezu grotesk, aber ich bin traurig wegen des Tods von Prodigy. Obwohl ich die Person weder persönlich kannte noch irgendwelche Gemeinsamkeiten in unseren beiden Biografien bestehen (Faible für Rap und Philosophie ausgenommen). Aber Albert Johnson aka Prodigy hat unweigerlich die vergangene Dekade meines noch relativ jungen Lebens geprägt. Denn gemeinsam mit Partner Havoc produzierte er jene Art Musik, die nahezu auffordert, sein Gesicht tief in die Kapuze des Carhartt-Hoodies zu vergraben und die Fäust in den Hosentaschen zu ballen. Also für jene Situationen, in denen dir alles zu viel wird und du der Welt ein lautes „Fuck You“ entgegenschmettern willst. Immer dann griff ich auf seine Raps zurück. Als Teil des legendären – diesmal ist der Titel wirklich angebracht – Rapduos Mobb Deep verbreitete Prodigy schließlich eine Sicht auf die Welt, die wenig mit bunten Larifari-Fantasien zu tun hatte. Auf einem recht unausgegorenen Debüt „Juvenile Hell“ (1993), das spätere Großtaten nur erahnen ließ, folgte das Magnum Opus im Form von „The Infamous“ (1995), ein knallhartes Gangsta-Rap-Album, gesegnet von brutaler Authentizität. Reportagenartig schmiedeten sich die Tracks auf dem Album aneinander, auf scheppenderen, melancholischen Beats posaunte das Duo eine wenig frohe Botschaft über den Zustand eines Amerikas Mitte der 90er-Jahre in die Welt – ein Ort, an dem der „Sozialdarwinismus“ herrscht, nur der Starke überlebt, du bis auf deiner Crew keinem Vertrauen schenken darfst und sich alles sowieso nahe am Untergang befindet. Scheiß drauf, wir sterben sowieso. Aber bis dahin sollte man noch das Beste rausholen, egal ob mit Gewalt oder ohne (eher mit).  So lautete das Credo. Diese schonungslose Härte, die auch bei zahlreichen Kollegen aus dem Mobb-Deep-Umfeld vorzufinden war (Big Twins beziehungsweise generell der Infamous Mobb oder die Jungs von Hard White, die kurz auftauchten und danach wieder ins Gefängnis marschierten), faszinierte mich. Hart wie ein Gaspar-Noé-Film, schonungslos wie Literatur von Emil Cioran. Dafür standen Mobb Deep.

„So far into my troubles it’s hard for me to get back/
To my everyday self and composure/
Catch you when you open then I bring you to a closure“
(Prodigy in „Party Over“)

Umso erfreulicher, dass Prodigy und Havoc für lange Zeit ihrem Programm treu blieben. Der Nachfolger „Hell on Earth“ (1996) stand „The Infamous“ bezüglich Härtegrad in keiner Facette nach, Tracks wie „Animal Instinct“ mit Twin Gambino und Ty Nitty oder das berühmt-berüchtige „G.O.D. Pt. III“, für dessen Beat „Tony’s Theme“ von Giorgio Moroder gesampelt wurde, waren kompromisslose Fortsetzungen des Spirits von „The Infamous“. Nach den beiden Klassikern ging die Qualitätskurve jedoch langsam nach unten: Konnte „Murda Musik“ (1999) noch überzeugen („Quiet Storm“ mit fulminantem Video sei hier besonders hervorgehoben) pendelten sich die Folgealben nur noch auf mittlerem Niveau ein. Tiefpunkt war schließlich „Blood Money“ (2008), dem ein Signing bei 50 Cents Imprint „G-Unit“ vorausging. Mobb Deep in der Welt der Klingeltonästhetiker? Die Strassenjungs aus Queensbridge plötzlich mit poppigen Club-Hits? Nein, das passte nicht und war von Anfang an ein veritabler Fehler. Die Kritiken zu „Blood Money“ fielen vernichtend aus, in der Retrospektive aber zu vernichtend. Vielleicht hätte der Kontext stärker bei der Bewertung hinzugezogen werden sollen, denn so richtig schlecht machten Mobb Deep ihre Sache auf „Blood Money“ nicht. Aber es war eben  nicht mehr der gewohnte Mobb-Deep-Standard. Ein Ausflug, der zum Glück ein rasches Ende nahm. Auf dem nachfolgenden, 2014 erschienen und für immer letzten Mobb Deep Album besinnten sich die beiden wieder auf ihre Wurzeln und lieferten über zwei Stunden lang trockenen Straßenrap. Der Vergleich mit den großen Anfangstaten ist unfair. Nichtsdestotrotz geht „The Infamous Mobb Deep“ als überaus annehmbares letztes Album eines großen Rap-Duos in die Geschichte ein.

„I thought step back look at my life as a whole/
Ain’t no love it seems the devil done stole my soul“
(Prodigy in „Give Up the Goods (Just Step)“)

Musikalisch gehörten Mobb Deep als Soundtrack gesellschaftlicher Außenseiter (und die, die sich dafür hielten), zweifelsfrei zum Spannendsten an US-Rap. In einer Ära, die von rappenden Superhelden strotzte, gingen Mobb Deep ihren eigenen Weg und setzten sich gegen harte Konkurrenz durch. Dafür alleine gebührt Prodigy, der als Rapper seinen Partner Havoc immer ausstach, der größte Respekt. Seine Solowerke konnten jedoch weniger für Aufregung sorgen: Die H.N.I.C.-Reihe war ordentlich, „Albert Einstein“ mit The Alchemist sogar ausgesprochen gut. Doch so wirklich wollte man Prodigy nur in Verbindung mit Havoc hören. Zuletzt veröffentlichte Prodigy noch „The Hegelian Dialectic“ (!), ein passables Album, dessen Titel aber zugleich zu den oft seltsam wirkenden Gedankengängen des Albert Johnson führt. Für Verschwörungstheorien und dem Ergründen allerlei absurd konstruierter Zusammenhänge hatte der Mann nämlich leider ein außerordentliches Faible, das mit der Zeit immer stärker Überhand gewann. Gleichzeitig verlor auch Prodigys Flow immer mehr an Strahlkraft, der Schwenk zur Langsamkeit trat fortan verstärkt auf. Gewöhnungsbedürftig und nicht selten ein springender Punkt, doch lieber die alten Scheiben aufzulegen als sich in die neuen Ergüsse des technisch versierten MCs aus den Projects einzuhören.

Gegenüber seinen Kollegen war Prodigy nicht immer zurückhaltend, sondern teilte gerne kräftig aus, beispielsweise beim Eastcoast-Westcoast-Beef. Seine Fehden mit Def Squad, Saigon, Tru Life und Crooked I hatten ebenso einen nicht bestreitbaren Unterhaltungsfaktor. Den größten Gegner fand Prodigy aber nicht im Rapgeschäft, sondern in den Männern in Blau vor: Das Gefängnis wurde zu seinem zweiten Zuhause, illegaler Waffenbesitz bald sein zweiter Name. Aber es wäre nicht Prodigy gewesen, wenn er nicht auch aus dieser Situation das Optimum herausgeholt hätte: So veröffentlichte er  2016 mit „Commissary Kitchen: The Infamous Cookbook“, ein, ja, Buch über Essen im Gefängnis. Ein ungewöhnlicher Weg, aber deutlich besser zu Mobb Deep passend als das Signing bei G-Unit.

Gestern wurde bekannt, dass wir keinen Nachfolger davon zu lesen bekommen. Albert Johnson verstarb aus bisher unbekannten Gründen im jungen Alter von 42. Seit Geburt  litt er an Sichelzellenanämie, eine Erbkrankheit, bei der die Bildung von roten Blutkörperchen nicht funktioniert und die Gefahr von Infarkten deutlich erhöht ist (in 2Pacs „Hit ‚Em up“ gibt es eine Anspielung auf Prodigys Krankheit zu hören). Was auch immer der Grund für sein Ableben war, ist eigentlich nebensächlich. Ich werde Albert Johnson vermissen. Zeit, etwas Alkohol auf dem Bordstein zu vergiessen. Danke für alles (für die Masse an schlechtem Deutschrap, der durch dich inspiriert wurde, kannst du ja nichts) und R.I.P.

Kommentar

  • Mark sagt:
    Jul 17 at 01:01

    sorry aber einfach nicht ein satz über das solo debüt album von p? wirklich?
    keep it thoro?

    kein satz wie wichtig the alchemist für mobb deep und prosigy war?

    also ich wollte prodigy auch mit alc hören. nicht nur mit havoc. alc hat modd beep alben später gerettet. murda muzik besonders.

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