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Fremd im eigenen Land // R.I.P. Manu Dibango (1933–2020)

Manu Dibango ist tot. Der Multi-Instrumentalist und Sänger ist am 24. März 2020 nach einer Coronavirus-Infektion in Paris gestorben. Er wurde 86 Jahre alt. Mit Dibango ging ein musikalischer Freigeist, der Pop-Geschichte schrieb – und trotzdem in seiner Heimat Kamerun nie den verdienten Respekt bekam. Ein Nachruf.

Quelle: London Records

Im dicken Geschichtsbuch des Pop befinden sich einige Sätze, die ein Eigenleben entwickelten und sich von ihren Urhebern abkapselten. „Mama-se, Mama-sa, Ma-Ma-ko-ssa“ gehört dazu. Michael Jackson verwendete 1982 den Satz für seinen Song „Wanna Be Startin‘ Somethin'“. Der „King of Pop“ macht das Mantra damit weltbekannt. Jahrzehnte später fragte die moderne Pop-Prinzessin Rihanna bei Michael Jackson an, als sie „Mama-se, Mama-sa, Ma-Ma-ko-ssa“ für „Don’t Stop the Music“ (2007) sampeln wollte.

Michael Jackson gab seine Zustimmung. Rücksprache mit Manu Dibango aka „Papa Groove“, Größe des African Soul & Jazz und Schöpfer des „Soul Makossa“, hielt er nicht. Das wäre angebracht gewesen, bediente sich Jackson doch einst bei Dibango. Mit Michael Jackson fochte Dibango einen juristischen Streit aus, die Einigung erfolgte außergerichtlich. Auch im Falle Rihannas wollte Manu Dibango vor Gericht ziehen, die Klage wurde jedoch abgewiesen. Der Fall „Ma-Ma-ko-ssa“ beschäftigte aber nicht nur die Gerichte, sondern auch die Wissenschaft: So beschreibt der amerikanische Literaturwissenschaftler John Trimbur in „Call to Write“ (2008) „Soul Makossa“ aufgrund dieser popkulturellen Mutationsgeschichte als Beispiel für den „Finance Capital Pop“. Ein Sample als Politikum.

Michael Jackson und Rihanna sind nicht die einzigen Künstler von Weltrang, die sich bei Manu Dibango bedienten. Gerade im HipHop hinterließ er seine Spuren: Dort, wo die funkig-jazzigen Rhythmen oder die „Ma-Ma-ko-ssa“-Beschwörungsformel des begnadeten Saxofonisten als Sample bei unter anderem A Tribe Called Quest, Kanye West, Jay-Z, Geto Boys, Slick Rick, The Fugees, DMX oder Childish Gambino zu hören sind. Manu Dibango war ein Visionär. Sein Schicksal war aber, immer im Schatten jener gestanden zu sein, die sich bei ihm bedienten.

Drei Kilogramm Kaffee

Geboren wurde Manu Dibango als Emmanuel N’Djoke Dibango 1933 in der kamerunischen Stadt Douala, damals noch Teil des französischen Kolonialreiches. Der Vater, ein Staatsbediensteter, war Angehöriger der Yabassi, die Mutter, eine Musiklehrerin und Designerin, Angehörige der Douala; eine familiäre Konstellation mit Konfliktpotenzial. In seiner Autobiografie „Trois kilos de café“ (1990), die er gemeinsam mit der französischen Journalistin Danielle Rouard verfasste, beschreibt sich Dibango daher als „divided man“, als „broken bridge between two worlds“; ein Sentiment, das später weit über das Familiäre hinausging und die generelle Gefühlslage eines Mannes zwischen Afrika und Europa benannte.

Musik spielte in Manu Dibangos Leben früh eine wichtige Rolle: Seine Mutter leitete den Chor in einer protestantischen Kirche, Manu Dibango durfte sich dort musikalisch betätigen. 1949 schickten die Eltern den 15-jährigen Manu Dibango zur Schulbildung nach Frankreich, ins verschlafene Dorf Saint-Calais (dort kam er mit drei Kilogramm Kaffee an, woher der Titel seiner Autobiografie rührt). Seine Eltern ermöglichten ihm die versprochenen Musikstunden, Dibango lernte vier Jahre lang das Spiel des klassischen Klaviers. Seine Liebe gehörte aber schnell dem Jazz. In Frankreich vertiefte er sich in den Werken Louis Armstrongs, Duke Ellingtons, Count Basies oder Sidney Bechets.

Durch Zufall kam er 1953 bei einem Urlaub zum Saxofon, das zu seinem präferierten Instrument wurde. Mit dem kamerunischen Poeten Francis Bebey gründete Dibango seine erste Jazzband. Nach erfolgreichen Runden in französischen Jazz-Klubs führten die Wege Dibangos nach Brüssel.

In Belgiens Hauptstadt arbeitete er als Bandleader im Nachtclub „Ange Noir“, musikalisch erweiterte er sein Repertoire um das Schlaginstrument Vibrafon. In Brüssel traf er nicht nur seine künftige Ehefrau Marie-Josee, sondern auch den späteren ersten Premierminister des unabhängigen Kongos, Patrice Lumumba, der für Unabhängigkeitsverhandlungen in Belgien weilte. In seinem Schlepptau hatte Lumumba die Band African Jazz rund um Bandleader Joseph Kabasele. Kabasele war angetan von den musikalischen Fähigkeiten Dibangos. Da African Jazz gerade einen Saxofonisten benötigten, lud Kabasele Dibango nach Léopoldville (heute Kinshasa) ein.

 „Soul Makossa

Joseph Kabasele war zu dieser Zeit federführend bei der Etablierung des Souskous, einer pulsierenden Mischung aus kongolesischer Folklore und kubanischen Rhythmen. Zudem war er einer der ersten afrikanischen Musiker mit einem eigenen Label. Ideale Bedingungen für die Zusammenarbeit zwischen Dibango und Kabasele, die sich als äußerst fruchtbar erwies: An über 100 Aufnahmen von African Jazz mischte Manu Dibango mit, unter anderem beim „Indépendence Cha Cha“, der Hymne zur Entkolonalisierung.

Nach zwei Jahren in Belgisch-Kongo, in denen Dibango zur Popularität des Souskous beitrug und mit „Tam Tam“ einen eigenen Nachtclub führte, nahm er eine neue Aufgabe in der Elfenbeinküste an. Mit dem Segen des ivorischen Präsidenten Felix Houphouët-Boigny ausgestattet, übernahm er die Leitung des „Ivorian National Broadcast Orchestra“. Anfang der 60er-Jahre kehrte Dibango nach Kamerun zurück. Eine wenig befriedigende Rückkehr: In seiner Autobiografie bescheinigt er dem Land zu dieser Zeit eine „harmful atmosphere“. „I really wanted to rejoin the society from which I had come. But I had lived in another society, with other rules. It’s hard to go back to your country after being away for so long“, sagte Dibango daher 1991 in einem Interview mit dem UNESCO-Magazin Courier.

Nach 16 Monaten verließ Dibango Kamerun wieder Richtung Frankreich. Trotz der Frustration über die Bedingungen in Kamerun riss die Verbindung zu seinem Heimatland nicht ab: 1972 beauftragte ihn das Sportministerium, die Hymne zur Fußball-Afrikameisterschaft in Kamerun zu schreiben. „Soul Makossa“, Douala für „Ich will tanzen“, sollte Dibangos größter Hit werden. Die Mischung aus dem Makossa der Douala, Jazz und Soul wurde zunächst als B-Seite zur „Hymne de la 8e Coupe d’Afrique des Nations“ veröffentlicht. Nach dem enttäuschenden Abschneiden des kamerunischen Fußballteams (ein Aus im Halbfinale gegen VR Kongo) verlor der Titel in Kamerun aber an Popularität. Das traurige Los von Songs, die mit Großveranstaltungen in Verbindung stehen.

Einen wesentlichen Anteil an dem internationalen Erfolg von „Soul Makossa“ hatte dann der amerikanische DJ David Mancuso. Dieser entdeckte die 7-Inch-Platte in einem westindischen Plattenladen in Brooklyn. Fasziniert von dem Song, legte er den „Soul Makossa“ im New Yorker Club „The Loft“ auf. Das Publikum im „Loft“ reagierte begeistert. Darunter auch Frankie Crocker vom Radiosender WBLS, der die Nummer wenig später auf „Heavy Rotation“ nahm. „Soul Makossa“ wurde so zu einem Hit, Mitglieder der Disco-Funk-Veteranen Kool & the Gang bezeichneten „Soul Makossa“ gar als Initialzündung für ihre Singles „Funky Stuff“ und „Jungle Boogie“ (1973).

Manu Dibango gelang es mit „Soul Makossa“ als ersten Afrikaner, in die Top 40 der amerikanischen Billboard-Charts einzusteigen (Platz 35). Bei den Grammy Awards 1973 wurde der Song in der Kategorie „Best Instrumental Composition“ nominiert. Dabei sind die Lyrics des Songs, die vom kamerunischen Poeten Samuel-Martin Eno Beling verfasst wurden, bis auf wenige englische Ausnahmen im Douala gehalten. Doch das „Mama-se, Mama-sa, Ma-Ma-ko-ssa“ ist universell verständlich. Der funky Song zielt zudem auf jene Körperregion ab, die Manu Dibango am wichtigsten bei seiner Musik war: auf die Füße, die er in Bewegung bringen wollte.

Ein Meister aller Klassen

Das schaffte er auch mit seinem 1972 veröffentlichten Solo-Album „O Boso“, das eine elektrisierende Mischung aus Afro-Folk („Lily“), Afro-Beat, Funk und Jazz-Fusion („Hibiscus“) aufbietet. „O Boso“ zeigt Dibangos Stilvielfalt, die sich wie ein roter Faden durch seine Diskografie zieht.

In den 70er-Jahren begann er mit dem Produzieren von Filmmusik, etwa für „Ceddo“ (1977) des großen senegalischen Regisseurs Ousmane Sembène. Diese Zusammenarbeiten verliefen nicht immer reibungsfrei, vor allem mit Sembène kollidierten die künstlerischen Visionen. Musikalisch entwickelte sich Dibango durch diese Erfahrungen weiter. Das beweist sein 1976 erschienenes Album „Afrovision“, das mit „Baobab Sun“ auch eine Vibrafon-Nummer enthält.

Ende der 70er Jahre richtete Dibango seinen Blick gen Jamaika. Für das Album „Gone Clear“ arbeitete er mit jamaikanischen Größen wie Robbie Shakespeare und Geoffrey Chung zusammen, der „Soul Makossa“ wurde zum „Reggae Makossa“. Veröffentlicht wurde das Album über Chris Blackwells prominentem Label Island Records.

In den 80er-Jahren schlug Dibango erneut neue stilistische Wege ein. Das 1985 erschienene Album „Electric Africa“ steht im Zeichen des von Dibango entworfenen Konzepts des „Afro-European“. Dieses beschreibt die Identität eines Menschen als Afrikaner und Europäer zur selben Zeit. „Electric Africa“ überrascht aber auch durch seinen futuristischen Sound. Dafür war maßgeblich der New Yorker Produzent Bill Laswell verantwortlich. Als Feature ist auf dem Album Meisterpianist Herbie Hancock vertreten, mit „Abele Dance“ gelang Dibango ein weiterer Chart-Hit. „Electric Africa“ war nicht die einzige Zusammenarbeit mit Laswell, der auch das nachfolgende, wieder traditioneller klingende Album „Afrijazzy“ (1986) produzierte.

Die 90er-Jahre begannen für Manu Dibango mit einer eigenen, wöchentlichen Primetime-Sendung im französischen Fernsehen („Salut Manu“ auf France 3) und dem HipHop-lastigen Album „Polysonik“ (1990). 1994 veröffentlichte er schließlich mit „Wakafrika“ eines seiner ambitioniertesten Projekte, aufgenommen in Paris, London, Los Angeles and New York. Gemeinsam mit renommierten Kollaborateuren wie Youssou N’Dour („Soul Makossa”), Salif Keita („Emma”), King Sunny Adé („Jingo”), Papa Wemba („Ami Oh!“) sowie Peter Gabriel und Sinéad O’Connor („Biko“) interpretierte Dibango afrikanische Klassiker neu.

Aufsehenerregend ist neben der Vielfalt an musikalischen Stilen, die auf „Wakafrika“ zusammenfinden, das Cover: Manu Dibango drehte für die Aufnahme seinen Körper auf eine Weise zur Kamera hin, mit der er die Umrisse des afrikanischen Kontinents abbildet. Für Madagaskar musste ein Schuh herhalten. Ein ikonisches Motiv.

Nach „Wakafrika“ veröffentliche Dibango unter anderem ein Album mit Gospel-Anleihen („Lamastabastani“, 1995) sowie mit „Cubafrica“ (1998) eine Melange aus afrikanischen und lateinamerikanischen Rhythmen. Bis zuletzt war der Musiker mit der charakteristischen Hornbrille und der Vorliebe für bunte Hemden aktiv. Bei Live-Auftritten begeisterte er auch im fortgeschrittenen Alter mit ungebremster Energie weltweit das Publikum. „When you are gone, it is finished, it is not up to me to say, ‚I want this.‘“, meinte Manu Dibango 2013 in einem Interview mit der BBC auf die Frage, wie er in Erinnerung bleiben wolle. Es war auch diese Art der Bescheidenheit, die den Menschen Manu Dibango stets auszeichnete.

Musikalische Diplomatie

In Erinnerung wird er nicht nur durch seine musikalischen Taten bleiben, sondern auch durch sein zivilgesellschaftliches Engagement. Schockiert von der Hungerkatastrophe in der Sahel-Zone in den 70er- und 80er-Jahren, setzte Manu Dibango eine Vielzahl von Hilfsaktionen in Gang, darunter den Song „Tam Tam Pour L’Ethiopie“. Bei der 1985 als afrikanische Antwort auf Bob Geldofs „Band Aid“ veröffentlichten und von Dibango produzierten Charity-Single beteiligten sich dutzende afrikanische Künstler. Die Einnahmen der Single brachte Dibango selbst in die äthiopischen Flüchtlingscamps, um sicherzugehen, dass diese auch tatsächlich vor Ort ankommen. 2004 zeichnete ihn die UNESCO als „Peace Artist of the Year“ aus, später war Dibango als Botschafter für UNICEF unterwegs.

Gerade in seinem Heimatland versuchte sich Dibango an einer Förderung junger Künstler, scheiterte aber immer wieder an dem Unwillen der politischen Eliten des Landes. Seine Musik blieb trotz dieser Frustration mit wenigen Ausnahmen wie „Ah! Freak Sans Fric“ (1979) oder „Pour une poignée de CFA“ (1982) frei von dezidiert politischen Tönen. Anders als etwa bei seinem nigerianischen Kompagnon Fela Kuti, was Manu Dibango auch Kritik in Kamerun einbrachte. Dabei wird oft übersehen, dass Dibangos Mission schlichtweg eine andere war: Er betrachtete seine Musik als Mittel zum Eskapismus vom harten Leben, von den Enttäuschungen in einem von Korruption, Armut und ethnischen Spannungen geplagten Land. So fröhlich und positiv sollte sie daher auch klingen.

Seinen Unmut über die Politiker in seinem Heimatland äußerte er aber in „Trois kilos de café“ sowie bei öffentlichen Auftritten: Etwa 1988, als er angesichts der Verleihung des Titel eines „Knight of Order and of Valour“ das kunstfeindliche Verhalten der Autoritäten Kameruns kritisierte. Die Enttäuschung darüber, dass er in Kamerun nicht den Respekt bekam, den er im Ausland verspürte, konnte er nie verbergen; noch mehr hat ihn aber geschmerzt, dass viele talentierte Künstler in Kamerun ihre Profession nicht ausleben konnten.

Sein schwieriges Verhältnis zur Politik hatte dabei eine größere Dimension und ist Ausdruck ethnischer Spannungen im zentralafrikanischen Land. Nachdem das amtierende Staatsoberhaupt Paul Biya 1982 Präsident wurde, förderte dieser die Musik seiner eigenen Ethnie, den Bikutsi der Beti. Das Gegenstück, der Makossa der Douala, wurde hingegen marginalisiert, was somit auch die Musik Dibangos betraf.

Selbst der Tod Manu Dibangos konnte das schwierige Verhältnis nicht kitten, Paul Biya äußerte sich auf Twitter nur mit einem Standard-Text zum Ableben des Musikers. Eine enttäuschend Reaktion, war Manu Dibango doch ein Musiker, der Kamerun einen Eintrag im dicken Buch des Pop bescherte. Doch zur Charakteristik seiner Person gehört ebenfalls dazu, dass er sich in seinem Heimatland immer fremd fühlte.

https://twitter.com/abidjanbuzzoff/status/1243845059742699520?s=20
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