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Das tragische Ende eines Provokateurs // R.I.P. Bushwick Bill (1966–2019)

Am 9. Juni 2019 verstarb „Geto Boy“ Bushwick Bill im Alter von 52 Jahren. Ein Porträt einer Person, die sich Zeit ihres Lebens der Berechenbarkeit widersetzte – in und abseits der Musik.

Scarface, Bushwick Bill und Willie D vor einem Krankenwagen
Ausschnitt aus dem Cover zu „Mind Playing Tricks on Me“, 1991 // Fotoquelle: Rap-A-Lot Records

Die Überraschung war geglückt, als Scarface für seinen Auftritt beim „Tom Joyner Fantastic Voyage Cruise“ im April 2019 seine zwei Geto-Boys-Kollegen Willie D und Bushwick Bill auf die Bühne holte. Eine Reunion, die allerdings unter einem tragischen Vorzeichen stand. Das betraf Bushwick Bill, den Scarface und Willie D mit seinen Rap-Parts zu „Mind Playing Tricks on Me“ und „Damn It Feels Good to Be a Gangsta“ sowie seinen Breakdance-Moves zu „Go Bushwick Go Bushwick Go!“-Zurufen in den Mittelpunkt rücken ließen. Bushwick Bill strahlte Freude bei seinen Aktionen aus. Eine Freude, die vermittelte, dass dieser Moment ein besonderer war.

Besonders, weil es sich beim tragischen Vorzeichen um Bauchspeicheldrüsenkrebs im vierten Stadium handelte, der bei Bushwick Bill im Februar 2019 diagnostiziert wurde. Er lebe mit der Gewissheit, dass jeder Tag sein letzter sein könnte, sagte er in einem Radiointerview im Mai. Die Zeit nach der Diagnose verbrachte er mit dem Ausleben seiner großen Leidenschaft. An drei Alben arbeitete Bushwick Bill. Ein Gospel-Album, ein Rock-Album und ein Jazz-Album. Zudem wollte er sich seinen Traum von einem Klassik-Album noch erfüllen.

Geplant war, dass Bushwick Bill mit Willie D und Scarface im Mai vier gemeinsame Konzerte unter dem Titel „The Beginning of a Long Goodbye: The Final Farewell“ spielt, um Geld für seine Behandlung und die Krebsforschung zu sammeln. Kurz vor dem Start in Pontiac, Michigan sagte Bushwick Bill jedoch seine Beteiligung an den Shows ab. Die Organisatoren der Tour würden seine Krankheit ausnützen, so seine Begründung.

Stattdessen kündigte er unter dem Titel „Phuck Cancer“ eine Reihe von Solo-Konzerten an, ebenfalls für einen karitativen Zweck. Dazu kam es nicht mehr. Bushwick Bill verstarb am 9. Juni in einem Krankenhaus in Colorado. Der Rapper, mit bürgerlichem Namen Richard Shaw, wurde 52 Jahre alt. Der traurige Schlussstrich unter einem dramatischen Leben.

„Mr. Big“ in New York

Dieses dramatische Leben nahm seinen Ausgangspunkt in der jamaikanischen Hauptstadt Kingston. Dort wurde Richard Shaw geboren und verbrachte seine ersten fünf Lebensjahre, bevor er mit seiner Familie nach New York, in den Brooklyner Stadtteil Bushwick, zog.

In New York erlebte der Sohn eines Zimmermädchens und eines Marinebediensteten seine prägenden Jugendjahre, mit positiven wie negativen Erfahrungen. Seine auffallende Körperstatur – Shaw war mit einer Größe von 112 cm kleinwüchsig – verlangte Durchsetzungsvermögen auf den rauen Straßen von Bushwick: „I love my mom and dad – I’d die for them – but when my dad told me not to go outside because people would make fun of me, I couldn’t listen. I want to be part of that great big world out there“, erzählte er dem Dokumentarfilmer Steven Delano.

Er wurde Teil dieser Welt. Die Entstehung und Ausbreitung der HipHop-Kultur erlebte Richard Shaw hautnah mit, er selbst versuchte sich als Graffiti-Sprayer und Breaker. Er tanzte als „Mr. Big“ und „IF for Infinite“, wurde Mitglied der Linden Crash Crew und nahm 1982 bei der „Swatch Watch World Breakingdancing Championship“ am Times Square teil.

Diese Zeit in New York endete, als ihn die Familie ans „Redemption Minister Bible College“ nach Duluth, Minnesota schickte. Eine berufliche Laufbahn als Geistlicher sollte Richard Shaw, von seiner Familie stets „Billy“ genannt, einschlagen. Durch einen Besuch bei seiner Schwester in Houston änderten sich diese Pläne auf fundamentale Weise.

„Make noise for the Ghetto Boys!“

Bei einer seiner Erkundungstouren durch Houston entdeckte Richard Shaw den Club „Flames“. Am dortigen Dancefloor verblüffte er mit seinen New Yorker Tanzbewegungen. Zu den stauenden Betrachtern seiner Körperbeherrschung zählte der dortige Resident-DJ Lonnie Mack. Als jener Lonnie Mack einen neuen DJ-Job im Szene-Club „Rhinestone Wrangler“ bekam, nahm er „Billy“, mittlerweile als „Little Billy“ unterwegs, mit. Im „Rhinestone Wrangler“ arbeitete Little Billy als Abräumer, fand aber genug Gelegenheiten, um das Publikum mit seinen rhythmischen Bewegungen zu unterhalten.

Little Billys große Stunde schlug bei einem Battle gegen den lokalen Tänzer Jhaime, der Jahre später die Hook zum Willie-D-Song „Clean Up Man“ trällern sollte. Little Billy triumphierte. Seine Entertainment-Qualitäten drangen bis zu J. Prince vor, dem Eigentümer des Houstoner Labels Rap-A-Lot-Records. Prince erkannte in Little Billy das fehlende Puzzlestück seiner Band Ghetto Boys, für die er zuvor schon mit DJ Ready Red Personal aus dem „Rhinestone Wrangler“ rekrutierte.

J. Prince sah Little Billy in der Rolle eines Hypeman. Für Little Billy war alles nur eine Frage des Geldes: „What’s my salary? First question I asked“, so Bushwick Bill in einem Interview mit dem Radiosender BlessedBeatz Media. Da J. Prince gewillt war, Little Billy gesondert für seine Dienste zu bezahlen, nahm er sein Angebot an.

Ab 1986 heizte Little Billy dem Publikum auf Konzerten der Ghetto Boys mit seinen Breakdance-Skills und HipHop-typischen Publikumsanimationen wie „Make noise for the Ghetto Boys“ ein. Obwohl Little Billy noch nicht als vollwertiges Mitglied der Band wahrgenommen wurde, war er am Debütalbum „Making Trouble“ (1988) beteiligt: Sein Konterfei ziert das Cover des Albums, auf dem Abschluss-Skit „The Problem“ ist seine Stimme zu hören. Seine Beteiligung fiel aber gering genug aus, um nicht als Schuldiger für einen Flop herhalten zu müssen. Das Album blieb kommerziell hinter den Erwartungen, künstlerisch entpuppte sich „Making Trouble“ als müder Run-DMC-Abklatsch. J. Prince war damit nicht zufrieden. Eine Restrukturierung der Band war nötig.

Aus Little Billy wird Bushwick Bill 

Eckpfeiler der geplanten Maßnahmen war Rapper Willie D, der sich bei den „Rap Attack“-Battles im „Rhinestone Wrangler“ einen Namen machte. J. Prince engagierte Willie D zunächst als Solo-Artist für sein Label. Die Rolle änderte sich, als J. Prince Songs seines Debüts „Controversy“ (1989) hörte. Angetan vom harten lyrischen Content, setzte er Willie D als Figur im Hintergrund ein, um den Ghetto Boys damit eine neue textliche Ausrichtung zu verschaffen.

Diese war beim alten Gespann nicht unumstritten und hatte personelle Konsequenzen. Rapper Johnny C wollte explizite Inhalte wie auf „Let a Ho Be a Ho“ nicht mittragen und stieg aus. Für J. Prince war der Abschied von Johnny C nur ein kurzes Problem, war mit Willie D naheliegender Ersatz vorhanden.

Die Neuorganisation der Band war damit noch nicht abgeschlossen. Mit dem damals 18-jährigen DJ Akshen verpflichtete J. Prince eines der größten Raptalente Houstons, das sich später den Künstlernamen Scarface gab. Im Gegenzug verließ mit Sire Jukebox das letzte rappende Mitglied aus der „Making Trouble“-Zeit die Band. Für Little Billy bot sich die Chance, für die Ghetto Boys zukünftig nicht mehr bloß den Hypeman zu mimen, sondern als vollwertiges Mitglied im Line-up der Band aufzuscheinen.

Potenzial als Rapper bekundete Little Billys mit einer Rezitation von Public Enemys „Rebel Without a Pause“, wobei umstritten ist, ob Produzent John Bido oder Willie D auf diese zufällige Kostprobe aufmerksam wurde. Gesichert ist, dass Willie D den Song „Size Ain’t Shit“ für Little Billy, der sich als Rapper den Namen „Bushwick Bill“ gab, schrieb. Mit einer Performance von „Size Ain’t Shit“ konnte er J. Prince überzeugen. Bushwick Bill kam endgültig bei den Ghetto Boys an und mischte beim entscheidenden zweiten Album „Grip It! On That Other Level“ (1989) tatkräftig mit.

„Mind of a Lunatic“ 

Entscheidend, weil J. Prince sein weiteres Engagement im Musikgeschäft von einem kommerziellen Erfolg des Albums abhängig machte. Der Plan mit der Neuausrichtung ging jedoch auf: Mit schockierend harten, misogynen Texten erzielten die Ghetto Boys gute Verkaufszahlen, eine Million Platten wurden verkauft. Die Ghetto Boys erregten auch bei Rick Rubin Interesse. Er nahm die Houstoner auf seinem Label Def American unter Vertrag und modellierte den Bandnamen um. Aus „Ghetto Boys“ wurden „Geto Boys“. Freiheiten, die der Status des Musikproduzenten und der attraktive Vertriebsdeal seines Labels mit Geffen Records erlaubten.

Über Geffen sollte ein Remixalbum von „Grip It!“, „The Geto Boys“, erscheinen. Der radikale Inhalt schreckte das Label jedoch von einer Veröffentlichung ab, was Bushwick Bill in einem 1990er-Interview mit dem Musikmagazin Spin mit den Worten „I hope they all die with dicks up their asses“ kommentierte.

Der hauptsächliche Stein des Anstoßes war der Song „Mind of a Lunatic“, der mit nekrophilen und kannibalistischen Zeilen die Gedankenwelt eines Psychopathen beschreibt und von Bushwick Bill mit unerträglichen Vergewaltigungsfantasien eröffnet wird; ein Part, der noch aus der Feder von Ex-Ghetto-Boy Jukebox stammen soll.

Die verständliche Kritik an diesen Inhalten konnte Bushwick Bill nicht nachvollziehen. Schließlich sei alles fiktiv: „If people believe that the Geto Boys really do stuff like on ‚Mind of a Lunatic‘, they must also believe there’s a real Freddie Krueger and a real Micheal (sic!) Myers“, so Bushwick Bill in besagtem Spin-Interview. Mit Warner fand Rick Rubin einen neuen Vertriebspartner, der das Album in die Läden brachte.

Die hitzigen Debatten und Kampagnen gegen die Geto Boys bewirkten keinen kommerziellen Schaden für die Gruppe, die Anfang der 90er-Jahre US-weit Konzerte spielte. Doch „Mind of a Lunatic“ war nicht der Höhepunkt der Aufregung. Dieser sollte erst noch folgen, mit Bushwick Bill im Mittelpunkt.

Bushwhick Bills Schicksalstag 

Bushwick Bill fiel es schwer, mit dem aufkommenden Erfolg umzugehen: „The same depression and problems that made all the other guys leave I felt when the fame came in. Because now you have a demand where you’re on stage for three months doing a tour and you have to sound like the record every day of the week. And you have to have the same energy you had the night before. That’s where the drugs came in“, sagte Bushwick Bill 2011 in einem Interview mit Armageddon Entertainment Television.

Am 10. Mai 1991 dann die Eskalation. Nachdem Bushwick Bill den Tag zuvor mit dem exzessiven Konsum von Alkohol und Marihuana verbrachte, kamen Suizidgedanken bei ihm hoch. Am Morgen tauchte er bei seiner Freundin auf und flehte sie an, mit ihm feiern zu gehen. Auf deren Weigerung folgte der Wunsch, sie möge doch mit einer Pistole Bushwick Bill erschießen. Auch dieser Aufforderung kam sie nicht nach; selbst, als Bushwick Bill drohte, ihr Baby aus dem Fenster zu werfen. Schließlich zückte er eine Waffe, beim folgenden Gerangel löste sich ein Schuss. Die Kugel ging direkt in Bushwick Bills linkes Auge.

Das ist die gängigste Variante der Geschehnisse vom 10. Mai 1991. Über die Jahre wich er von dieser Version immer wieder ab, Radio-Talker Howard Stern oder dem Magazin Vice erzählte er, dass hinter dem Verlust seines linken Auges ein versuchter Versicherungsbetrug zugunsten seiner Mutter gesteckt hätte. Eine Geschichte mit überschaubarem Glaubwürdigkeitsfaktor.

Zu dem Zeitpunkt des wie auch immer stattgefundenen Unfalls hatten die Geto Boys die Aufnahmen für ihr drittes Album „We Can’t Be Stopped“ gerade abgeschlossen. Nur das Albumcover fehlte noch. Ob die Idee zu einem Covershooting im Vorfeld des Krankenhausbesuchs gefasst wurde oder spontan vor Ort im Houstoner Ben Taub Hospital entstand, darin variieren die Erzählungen von Willie D und Scarface. Alleine an seiner Kleiderwahl ließe sich erkennen, dass er mit dem Wissen über ein zu schießendes Coverbild in das Krankenhaus gekommen war, erzählte Scarface gegenüber dem YouTube-Kanal VladTV. Ein so „cooles“ Outfit wie auf dem Cover wäre bei ihm damals nicht alltäglich gewesen.

Erfolg mit Gewissensbissen 

Da DJ Ready Red an Bushwick Bills Schicksalstag die Band verließ, sind auf dem Cover zu „We Can’t Be Stopped“ nur die übrigen drei Geto Boys zu sehen: Scarface und Willie D, die Bushwick Bill umranden, der mit einem Zack-Morris-Mobiltelefon der ersten Generation in der Hand und mit „5th Ward Posse“-Kappe am Kopf im Krankenbett sitzt. Für das von Rap-A-Lot-Miteigentümer Cliff Blodget geschossene Foto nahm Bushwick Bill seinen Augenverband ab und zog die Infusionsnadel heraus, was zu schweren gesundheitlichen Komplikationen hätte führen können. Das gilt ebenso für das Cover zur Single „Mind Playing Tricks on Me“ (zugleich Backcover von „We Can’t Be Stopped“), das am Tag seiner Augentfernungsoperation gemacht wurde.

Wohl aufgrund der drastischen Darstellung und Hintergrundgeschichte entwickelte sich das Covermotiv zu „We Can’t Be Stopped“ zu einer popkulturellen Ikone. 2017 druckte auch das New Yorker Streetwearlabel Supreme das Motiv auf T-Shirts und Hoodies und machte es so zu einem begehrten Objekt. Trotz aller Legendenbildung kamen bei zwei der drei Geto Boys moralische Zweifel hoch. Scarface äußerte 2010 in einem Interview mit dem Musikmagazin Vibe seinen Unmut, den er 2015 bei VladTV wiederholte: „Look at my face. I was very uncomfortable“, sagte er.

Bushwick Bill hob dessen Widerwillen bereits 2007 in einem Interview für Brian Colemans Buch „Check the Technique: Liner Notes for Hip-Hop Junkies“ hervor: „(…) Face was against it the whole time. That’s why he has that look in his eye in those pictures“. Bushwick Bill bereute ebenfalls, für das Foto seine Zustimmung gegeben zu haben. Nur Willie D vertritt hier eine konträre Sichtweise: „Even if Bill has died, we gonna shoot this fucking album cover. Because we can’t be stopped“, sagte er bei VladTV.

Kommerziell erreichten die Geto Boys mit „We Can’t Be Stopped“ ihren Höhepunkt, bescherte das über Priority Records vertriebene Album den Houstonern eine Platinauszeichnung. Inhaltlich bleibt „We Can’t Be Stopped“ auf weiter Strecke der Linie des Vorgängers treu: Mit Bushwick-Bills-Solonummer „Chuckie“, gemeinsam mit Ganksta N-I-P geschrieben, wird der Horrorcore-Faden wieder aufgenommen, die Scarface-Solo-Nummer „Another Ni**er in the Morgue“ ist ein Exempel für den typischen, konfrontativen Gangsta-Rap der Truppe.

Willie D, Bushwick Bill und Scarface auf dem Krankenhausfloor
(c) Rap-A-Lot

„Quickie“, „The Other Level“ und der Willie-D-Solotrack „I Am Not a Gentleman“ bedienen die Macho-Schiene, „Trophy“ und der Titeltrack sind die erwarteten Stellungnahmen zu den Kontroversen in den Monaten zuvor. Auf „We Can’t Be Stopped“ wagten sich die Geto Boys allerdings auch in neue thematische Gebiete vor. Das während der Zeit des Ersten Golfkriegs entstandene „Fuck a War“ ist dezidiert politisch gehalten und handelt von der Weigerung Bushwick Bills, für die US-Armee im Irak zu kämpfen: „Motherfuck a war, that’s how I feel/Sending a ni**a to a desert to get killed/’Cause two suckas can’t agree on something/A thousand motherfuckers dying for nothing“, rappt Bushwick Bill im ersten Vers des Songs.

Wie alle anderen Songs auf „We Can’t Be Stopped“ wird „Fuck a War“ von der Video-Single „Mind Playing Tricks on Me“ in den Schatten gestellt. Ursprünglich war „Mind Playing Tricks on Me“ als Track für das Scarface Soloalbum „Mr. Scarface Is Back“ geplant und sollte nur ein Feature von Willie D beinhalten. An Bushwick Bill dachte Scarface beim Schreiben des Songs nicht. Das zeigt der originale Einstieg in Bushwick Bills Part, der „This year Halloween fell on a weekend/Me and Willie D are trick-or-treatin“ lautet. Für Bushwick Bill wurde das „Willie D“ durch ein „Geto Boys“ ersetzt.

Die Idee, „Mind Playing Tricks on Me“ zu einem Geto-Boys-Song zu machen, stammt von Labelchef J. Prince. Er überredete Bushwick Bill, den letzten Part des Songs zu rappen. Diesen nahm er in zwei Versionen auf, die auf Anraten von Willie D aufgenommene „Beastie Boys on Crack“-Version, so Bushwick Bill gegenüber BlessedBeatzMedia, hatte bei J. Prince allerdings das Nachsehen.

Der Erfolg gab J. Prince recht. Mit dem introspektiven „Mind Playing Tricks on Me“, in dem Themen wie Depressionen, Suizidgedanken und Schizophrenie thematisiert werden, platzierten die Geto Boys zum ersten Mal einen Song in den US-Single-Charts und konnten sich eine Goldene Schallplatte sichern. Künstlerisch gilt der Song, der auf einem Sample aus der Isaac-Hayes-Nummer „Hung up on My Baby“ basiert, als Klassiker. Eine Nummer für Bestenlisten, die großen Einfluss auf viele nachfolgende Rapper aus den Südstaaten haben sollte.

Musikalische Umtriebe

Der große Erfolg von „We Can’t Be Stopped“ machte die Geto Boys zu einem landesweit gefragten Act. Wenig überraschend daher, dass Bushwick Bill 1992 bei einem weiteren Klassiker auftauchte. Für den Track „Stranded on Death Row“ von Dr. Dres Album „The Chronic“ sprach er das Intro und Outro, in dessen Video zu „Dre Day“ ist er ebenfalls zu sehen. Ein anderer Beleg für die enge Bindung zwischen den Labels Rap-A-Lot und Death Row Anfang der 90er-Jahre war eine Cypher in einem Club in Los Angeles, die infolge der Geburtstagsfeier Bushwick Bills stattfand.

Bei dieser wirkten neben Bushwick Bill selbst, Scarface und Big Mike vom Rap-Duo Convicts die Death-Row-Künstler Snoop Doggy Dogg und RBX mit. In Los Angeles nahmen Bushwick Bill und Scarface auch ihre Parts für die Ost-Süd-West-Kollabo „Two to the Head“ auf: Der von Sir Jinx produzierte Tracks bündelt Parts der beiden Houstoner mit Strophen von Kool G Rap und Ice Cube und landete auf dem Kool G Rap & DJ Polo Album „Live and Let Die“ (1992).

Nach „We Can’t Be Stopped“ verfolgten die Geto Boys ihre jeweiligen Solokarrieren. Scarface veröffentlichte im Oktober 1991 sein Solodebüt „Mr. Scarface Is Back“, Bushwick Bill folgte im September 1992 mit „Little Big Man“, das den Standout-Track „Ever So Clear“, eine musikalische Verarbeitung der Geschehnisse vom 10. Mai 1991, enthält. Zeitgleich zu Bushwick Bill brachte Willie D sein zweites Soloalbum „I’m Goin‘ Out Lika Soldier“ auf den Markt, bevor er sich vorübergehend von den Geto Boys verabschiedete, um sich gänzlich seiner Solokarriere zu widmen.

Für das 1993er Geto-Boys-Release „Till Death Do Us Part“ übernahm daher Fast-Death-Row-Signing Big Mike seinen Slot, die inhaltliche Ausrichtung änderte sich kaum. Die Kräfteverhältnisse wanderten nur deutlicher Richtung Scarface. Auf den zwei stärksten Tracks des Albums, dem emotionalen „Six Feet Deep“ und dem politischen „Crooked Officer“, kann allerdings auch Bushwick Bill sein Können beweisen. Danach trennten sich die Wege der Geto Boys wieder, diesmal für drei Jahre.

In dieser Periode entstand das ausgereifteste Soloalbum von Bushwick Bill, „Phantom of the Rapra“ (1995). Auf dem Album taucht Bushwick Bill erneut in den Horrorcore ab, zieht aber genauso nachdenkliche Seiten auf und gibt sich auf dem Abschlusstrack „Mr. President“ ganz politisch. „Phantom of the Rapra“ sollte das letzte Solo-Ausrufezeichen von „Dr. Wolfgang von Bushwickin the Barbarian Mother-Funk Stay High Dollar Billstir“, ein Name, den er sich in den 90er-Jahren gab, sein. Dieses Niveau erreichten die folgenden Alben „No Surrender…No Retreat“ (1998), „Universal Small Souljah“ (2001), „Gutta Mixx“ (2005) und das Christian-Rap-Werk „My Testimony of Redemption“ (2010) nicht; Alben, die sich alle nicht in den Billboard-Charts platzieren konnten und damit von ähnlichem Erfolg gekrönt waren wie seine Schauspielambitionen.

Die gelungenen musikalischen Momente von Bushwick Bill in der Zeit nach „Phantom of the Rapra“ finden sich stattdessen auf den beiden Geto-Boys-Alben „The Resurrection“ (1996) und „The Foundation“ (2005). Auf dem Willie-D-Comebackalbum „The Resurrection“ verbucht Bushwick Bill mit „I Just Wanna Die“ den verstörendsten Track des Albums für sich; nach Eigenaussage soll Scarface den Song mit Zeilen wie  „I finally look to paint a picture of my whole life/And for me to end it would be so nice“ für Bushwick Bill geschrieben haben.

Für das nachfolgende sechste Album der Geto Boys, „Da Good Da Bad & Da Ugly“ (1998), ein heute weitgehend vergessenes Werk in der Diskografie der Houstoner Gruppe, ersetzten Scarface und Willie D Bushwick Bill durch eine Reihe von Gästen; Bushwick Bill hatte zwischenzeitlich die Band verlassen, sich mit J. Prince verkracht und ihn nach einem Vorfall in einem Comedy-Club um 20 Millionen Dollar verklagt. Musikalisch ging das Konzept mit den Ersatzleuten nicht auf. Bushwick Bill kehrte zurück. Das machte sich bezahlt, das abschließende Geto-Boys-Album „The Foundation“ aus dem Jahr 2005 fällt wieder deutlich besser aus. Ein Album als Beweis, dass Bushwick Bill im Verbund mit seinen beiden Kollegen auch im neuen Jahrtausend funktionierte. Trotz der Misogynie und Homophobie in seinen Zeilen, die einen bitteren Beigeschmack erzeugen.

Selbst der Tod brauchte mehrere Anläufe 

Diese homophoben Ausfälle beschränkten sich nicht nur auf die Musik. In einem 2005er-Interview für HoustonSoReal, einen Blog des Journalisten und Radio-Hosts Matt Sonzala, legte Bushwick Bill mit „I hate homosexuals, that’s the truth“ nach. Eine traurige Kontradiktion zu dem reflektierten Eindruck, den Bushwick Bill in vielen Interviews vermitteln konnte.

Zum Zeitpunkt des Sonzala-Interviews kämpfte Bushwick Bill mit Drogen- und Alkoholproblemen. Mit einer Zuwendung zum Christentum suchte er einen Ausweg, 2006 zelebrierte er seine christliche Wiedergeburt. Rückfälle blieben dennoch nicht aus. 2010 drohte Bushwick Bill die Abschiebung nach Jamaika, nachdem er in Georgia wegen Besitzes von Marihuana und Kokain verhaftet wurde. Nach geglückter Abwendung der Abschiebung widmete sich der Vater von vier Kindern wieder verstärkt der Religion.

Es kehrte Ruhe um ihn ein, die zu einer persönlichen Weiterentwicklung führte. Exemplarisch eine Begegnung mit LGBTQ-Aktivist und Rapper Chris Conde beim „SXSW 2018“. Bushwick Bill reagierte auf Condes Rap-Exkurs über die Bedeutung der Gleichberechtigung der LGBTQ-Gemeinschaft mit den Worten: „That’s what’s up. That’s what hip-hop is all about – expressing your own journey“, wie Conde in einem Beitrag für die Alternativzeitung San Antonio Current berichtete. Eine Reaktion, die auf den positiven Mindstate des späten Bushwick Bill hinweist. Von Hass keine Spur mehr.

War von Bushwick Bill in den vergangenen Jahren die Rede, bezog sich das meiste auf skurrile bis unglaublich anmutende Geschichten, die seine Wegbegleiter über ihn erzählten. Harmlos fällt noch die Geschichte aus, in der Bushwick Bill ein Schläfchen in der Kickdrum von TheRoots-Drummer Questlove machte. J. Prince hingegen erzählte von einer Wette um 10.000 Dollar, die Willie D und Bushwick Bill in San Francisco abgeschlossen hätten. Um diese Summe soll Bushwick Bill bereit gewesen sein, von der Golden Gate Bridge zu springen, wovon ihm J. Prince abhielt.

Auch Bandkollege Scarface erlebte die berüchtigte impulsive Seite von Bushwick Bill: Eines Tages hatte Bushwick Bill heftigen Streit mit Johnny Cs Bruder, den er verprügeln wollte. Scarface, der sich damals mit Bushwick Bill ein Apartment teilte, wollte seinen Geto-Boys-Kollegen zurückhalten und versperrte ihm die Tür. Für Bushwick Bill kein Hindernis, wählte dieser den Weg durch das Fenster und sprang zwei Stockwerke nach unten. „I fucking love Bill and I fucking hate Bill with the same passion“, resümierte Scarface bei einem Gespräch mit dem YouTube-Kanal 247HH.com.

MC Serch von 3rd Bass hatte ebenfalls eine spezielle Begegnung mit Bushwick Bill. Nicht nur, weil Serch bei einem Besuch bei Bushwick Bills „Baby Mom“ entdeckte, dass deren Mutter die „Coke Queen“ von New Orleans ist und kiloweise Kokain im Haus versteckt hielt. Am Abend machten Serch und Bushwick Bill Party, bis sich die Stimmung abrupt wandelte und Bushwick Bill einen Ziegelstein in das Gesicht seines Bruders warf. Die Auseinandersetzung wurde dann von seiner „Baby Mom“ geklärt, die mit einer AK-47 am Ort des Geschehens auftauchte.

Es sind diese Geschichten, die Bushwick Bill zu einer sagenumwobenen Figur machten. In Wirklichkeit handelte es sich um eine Person mit Fehlern, Schwächen und einem Hang zur Kontroverse. In und abseits der Musik. Unklar ist, wie viele seiner provokanten Rap-Parts von ihm selbst geschrieben wurden. Willie D meinte 2016 gegenüber dem Radiosender Breakfast Club, dass er für 80 bis 90 Prozent aller Geto-Boys-Texte von Bushwick Bill verantwortlich wäre. Ob das stimmt oder nicht: Bushwick Bill verkörperte die Texte so authentisch, jede Diskussion über die Urheberschaft der Zeilen wirkt vernachlässigbar, die Konsequenzen auf die Rezeption seines Werks halten sich in Grenzen. Weil das Gesamtprodukt stimmte.

Selbst der Tod hatte Respekt vor Bushwick Bill: Im Juni 1991 wurde er bereits einmal für Tod erklärt und fand sich in einer Leichenhalle wieder. Er kämpfte sich aber zurück ins Leben. Das gab ihm den Optimismus, auch den Krebs zu besiegen. Ein wenig wie bei Geto-Boys-Konzerten. Dort täuschte Bushwick Bill als Showeinlage seinen Tod vor, um nach einem Moment der Schockstarre ganz normal mit dem Programm fortfahren. Dieses Mal wird das nicht der Fall sein, sein letzter Kampf ging endgültig verloren. Bushwick Bill geht justament, als er sein Leben in geregelte Bahnen führen konnte. Ein dramatischer Abgang, der nur zu gut zu ihm passte. R.I.P. Bushwick Bill, eine Ausnahmeerscheinung im HipHop-Geschäft.

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