„Twitter ist eine Form von geistiger Behinderung“ // Prezident Interview

Fotos: Vivien Schulte

Fans des deutschen Untergrund-Rap hatten es in den vergangenen Monaten nicht leicht: Nachdem Absztrakkt seine Reinkarnation als „Austro-Piefke“ mit „Blut und Boden“-Rhetorik feierte und damit endgültig abzuschreiben ist, entstanden auch einige Sorgenfalten hinsichtlich des neuen thematischen Films von Prezident, eingeläutet mit dem Track „Ich geh dir liebend gern die Extrameile auf den Sack“ und einem Interview mit Toxik auf hiphop.de, in dem belastete Vokabeln wie „linksgrünversifft“ oder „rechtsintellektuell“ fielen. Vokabeln, die eine mediale Hellhörigkeit zur Folge hatten und zu einer Kontroverse führten, die mit den Tracks „Über die zwei Arten des Gutseins“ und „Du hast mich schon verstanden“ auf die Spitze getrieben wurde.

Erst eine Reihe nachfolgender Interviews und das Album selbst brachten Licht ins Dunkel: Nein, Prezident mutierte nicht zum rappenden Sprachrohr der Neurechten. „Du hast mich schon verstanden“ ist vielmehr ein Album in der Tradition von Stand-up-Comedians wie George Carlin und Louis C.K. oder der Satireserie „South Park“. Da Humor keine objektive Angelegenheit ist, bleibt jedem selbst überlassen, ob er das lustig findet – oder dieses Durch-den-Kakao-ziehen bevorzugter Themenfelder der Neuen Sozialen Bewegungen als furchtbar unnötig abstempelt. Nur triggern lassen sollte man sich nicht, will man Prezident keine Freude bereiten. Dieser Eindruck verfestigt sich mit unserem Interview. Ein Interview, welches wir zeitintensiv via Prezidents präferiertem Kommunikationsmedium, dem Facebook-Messenger, führten.

The Message: Vor knapp einem Monat wurde dein Album „Du hast mich schon verstanden“ veröffentlicht, das im Vorfeld für reichlich Wirbel sorgte. Wie fällt dein Fazit hinsichtlich der Reaktionen auf das Album, aber auch auf die gegebenen Interviews aus?
Prezident: Ach, die Reaktionen – also die ablehnenden vor allem – sind ja erwartbar und von mir auch so erwartet gewesen. Aktuell fühlt es sich so an, als sei die Aufregung fast ein wenig zu schnell abgeklungen, als hätte ich es vielleicht doch noch etwas weiter treiben sollen und die eher beruhigenden Interviews und Tracks ein wenig später bringen können. Aber jut, hat man ja auch nicht komplett in der Hand, wann man vor so ‘nem Release Zeit findet, nach Berlin zu fahren und wann dann die Interviews veröffentlicht werden.

Im weiteren Promoverlauf änderte sich die Rezeption deiner Person: Weg von Bezeichnungen wie Rechtspopulist, stattdessen trat der Vorwurf der Misogynie in den Mittelpunkt der Kritik. Wie gehst du mit diesem Vorwurf um?
Ja, das mit dem Rechtspopulismus – was ich im Übrigen grundsätzlich als dummen Vorwurf erachte, wenn man ihn an einen Künstler richtet – war schnell abgefrühstückt. Man scheint sich ja jetzt darauf geeinigt zu haben, die Provokation, auf die man so stumpfsinnig hereingefallen ist, für im Nachhinein total durchschaubar und langweilig zu erachten.
Was bleibt, ist jetzt dieses Diskutieren über „#MeToo“, wobei ich gar nicht das Gefühl habe, dass mir in erster Linie Misogynie vorgeworfen wird, sondern eher so eine Form von Autismus: Man könne meine Kritik auf einer logischen Ebene oder wie man es nennen will ein Stück weit nachvollziehen, aber emotional oder grundsätzlich dann irgendwie doch nicht.

Warum erachtest du den Vorwurf des Rechtspopulismus gegenüber einem Künstler grundsätzlich als dumm?
Weil ein Künstler kein Politiker ist. Dabei ist der Vorwurf des Populismus, selbst wenn er sich an einen Politiker richtet, zumindest zwiespältig: Demos heißt ja nichts anderes als Populus, also Volk, in einer Demokratie ist das Volk der Souverän. Insofern ist es ja ein etwas absurder Vorwurf an einen Politiker, sich seinem Volk zu sehr anzubiedern, ihm zu sehr nach dem Mund zu reden. Was hinter dem Populismusvorwurf steckt, ist also meist eine eher zwiespältige Beziehung zu diesem Volk: Es soll der Souverän sein – man ist ja Demokrat –, aber man traut ihm doch nicht so recht, man hält es doch für dumm und verführbar und Populisten würden diese Dummheit und Verführbarkeit perfide ausnutzen. Während der Populismusvorwurf also schon in seiner ureigenen Sphäre zumindest fragwürdig ist, macht er, auf Künstler angewendet, gar keinen Sinn mehr: Der Künstler hat ein Publikum und er hat vielleicht etwas zu sagen in seiner Kunst oder gar darüber hinaus, aber als Künstler hat er ja keine Agenda, er will keine Masse mobilisieren. Wenn er auf die dümmsten und niedrigsten Masseninstinkte abzielt, dann ist er meinetwegen Pop, aber der Vorwurf des Populismus ist immer unangebracht. Der Vorwurf des Rechtspopulismus ist aber auch quasi nie wörtlich gemeint, sondern wird von denk- und differenzierungsunfähigen Journalisten dafür verwendet, sich nicht auf „rechtsextrem“ festnageln lassen zu müssen.

Abseits dieser Begriffsdefinition steht Populismus gegenwärtig doch vor allem für das Propagieren einfacher Antworten auf die großen komplexen Fragen der Gesellschaft.
Als jemand, dessen Mantra es immer gewesen ist, dass es keine einfachen Antworten auf „komplexe Fragen der Gesellschaft“ gibt und unter dessen Interviews in den Kommentarspalten stets mit großer Zuverlässigkeit rumgeheult wird, dass bei mir immer alles so furchtbar kompliziert sei und ich ja auch mal einfache Antworten geben könne, amüsiert mich diese, natürlich gängige, Populismusdefinition ein wenig. Letztlich besagt sie auch nur, dass Populisten immer die anderen sind. Was ja auch mit dem bemerkenswerten Umstand zusammenfällt, dass es zwar Rechts- und auch Linkspopulismus geben kann, aber offenbar keinen Populismus der Mitte. Die politische Mitte scheint offenbar immun gegen einfache Antworten auf komplizierte Fragen.

„K.I.Z. kamen mir in dem Moment richtig wie intellektuelle Benjamin Buttons vor“

Wenn man das letzte K.I.Z.-Album „Hurra die Welt geht unter“ heranzieht: Gibt es darauf nicht auch populistische Inhalte, nur in die linke Richtung?
Aber hallo, wobei ich nur den Titelsong kenne. Aber der ist in meinen Ohren geradezu infantil, diese Schlaraffenlandfantasie und die Kapitalismus-, Politik- und Religionskritik. K.I.Z. kamen mir in dem Moment richtig wie intellektuelle Benjamin Buttons vor. Dafür war das Mixtape davor („Ganz oben“, Anm. d. Red.) aber gut.

Ist das jene Form des „Links-Seins“, die du auf „Du hast mich schon verstanden“ thematisierst?
Nah, nicht primär, eher nebenbei. Was K.I.Z. da gemacht haben, ist ja irgendwie schon wieder niedlich und als, ähm, U-Musik grundsätzlich legitim. So nach dem Motto: „Man wird ja noch träumen dürfen“. Bei mir persönlich war halt der Cringe hoch und auch die Verblüffung, weil ich anhand der bisherigen Diskografie einen anderen Umgang mit Widersprüchlichkeiten erwartet habe. Kann mir aber vorstellen, dass das letztlich das Reizvolle für die Jungs war, nach all dem Sarkasmus und der bösartigen Überzeichnung mal etwas eindeutig Hoffnungsvolles und Positives zu machen. Ist ja legitim, ich fand es misslungen. Aber das ist nur meine Meinung und ich kann ja gar nicht genug betonen, dass die einem auch sehr egal sein kann.

Bezüglich „#MeToo“: Da wurde dir vor allem das Fehlen jeglicher Empathie für die Opfer unterstellt. Kannst du diese Kritik nachvollziehen?
Klar verstehe ich, was die Leute meinen. „#MeToo“ ist aber nicht ein konkreter Fall oder etwa ein konkretes Vergewaltigungsopfer, das bei mir auf der Couch sitzt und das ich mit Augustinzitaten erschlage. #MeToo“ ist das hochabstrakte Reden über immerhin nicht weniger als die Gesamtheit aller sexuellen Übergriffe überhaupt, inklusive Erklärungsversuche, die dann noch Macht-, Gewalt-, Status-, Geschlechterrollen mithineinbringen. Jemandem vorzuwerfen, er ginge an dieses Monsterkonstrukt zu abstrakt, zu analytisch, zu vernünftig ran, ist richtig grotesk. Und umgekehrt bedenklich, wenn gerade Medienprofis die Gemachtheit ihrer Medienwelt komplett vergessen und Geschichten, die sie ja auch nur Texten und Textfetzen, Artikeln, Tweets, wasauchimmer entnehmen, behandeln, als hätte sie ihnen ihre beste Freundin erzählt.

Fällt für dich „#MeTwo“ in dasselbe Schema?
Ich habe mich mit „#MeTwo“ nicht weiter beschäftigt, ich interessiere mich auch nicht so für Fußball.

Hat ja eigentlich nur wenig mit Fußball zu tun. Auf Twitter berichteten User über rassistische Erfahrungen, ähnlich wie bei „#MeToo“. SPIEGEL Online meinte daraufhin, die Geschichten unter „#MeTwo“ werden Deutschland verändern. Können solche Aktionen nachhaltig etwas bewirken?
Naja, ging ja anscheinend davon aus, dass Özil Erdoğan getroffen hat und sich mit ihm ablichten ließ, so viel weiß ich. Inwiefern das ein Skandal ist, kann ich nicht beurteilen, da ich nicht weiß, was Fußballer sonst so machen. Wahrscheinlich ist die Aufregung wie immer bei allem übertrieben. Twitter ist aber insgesamt Abfall für mich und Menschen, die sich lange genug darauf herumtreiben und den Kanal ernsthaft benutzen, sind geistig behindert. Journalisten tendieren natürlich dazu, Twitter Relevanz zuzuschreiben, weil dadurch in zehn Minuten zusammengestümperte Artikel à la „Das denkt Deutschland über Özil“ ein bisschen mehr nach ernstzunehmendem Journalismus aussehen. Twitter ist eine Form von geistiger Behinderung, das meine ich ganz im Ernst und durchaus wörtlich.

Die Art der Kritik, die auf dem Album stattfindet, ist nicht weit von Zugezogen Maskulin entfernt, die mit „Agenturensohn“ oder „Was für eine Zeit“ ähnliche Sujets aufgegriffen haben.
Schön, dass du die erwähnst, ich hätte die ja gerne in meinen Skandal hineingezogen (lacht). Aber dafür ist es wohl zu spät, die Wogen scheinen sich ja bereits geglättet zu haben.

Der Song „Rites des Passage | Pissen in den Ozean“ erinnert an ein Kontra-K-Statement infolge eines Interviews bei rap.de, in dem er sinngemäß meint, dass sich Deutschrapper nicht zu wichtig nehmen sollen, Musik sei nämlich Luft, nichts Handfestes. Kannst du diese Aussage unterschreiben?
Durchaus. Das mit der Luft verstehe ich nicht, aber meinetwegen.

Er meint wohl damit, dass Musik seiner Ansicht nach nichts Überlebenswichtiges ist.
Na, gib einem Mann einen Fisch und er hat einen Tag zu essen. Gib einem Mann einen Kontra-K-Song und er ist motiviert, Hürden zu überwinden und ab da jeden Tag fischen zu gehen.

„Es ist dann halt Straßenrap und da gehört es ein Stück weit dazu“

Ein interessantes Sample auf dem Album ist jenes aus „Peace of Mine“ von Gang Starr. Das drückt bei näherem Hinsehen mehr aus, als auf den ersten Blick auszumachen ist.
Das hat DJ KB gepickt, ich habe nur einen Spruch aus der Cutline runternehmen lassen, den ich inhaltlich nicht passend fand. Aber ich fand den Spruch witzig, weil man als Kenner natürlich den darauf folgenden Reim weiterdenkt und es so ein schön überraschendes Moment erhält.

Ist die Wahl des Sample auch als verstecktes Statement auf den deutschen HipHop-Journalismus zu verstehen? Wenn man daran denkt, wie vielen verschwörungstheoretischen Blödsinn ein Säulenheiliger wie Guru gerappt hat, ohne dabei auf Empörung zu stoßen.
An der Stelle habe ich das nicht so im Blick gehabt und KB glaube ich auch nicht. Die Beobachtung stimmt natürlich: Faszinierend, wie man gewillt ist, noch den allerdümmlichsten strukturell antisemitischen Rotz über vom CIA in die Ghettos gebrachte Waffen als wichtiges politisches Statement abzufeiern, sobald er von irgendeinem schwarzen Rapper aus den Staaten kommt. Wobei etwa die Reaktionen auf die aktuelle Nas-Kanye-EP („Nasir“, Anm.) anzeigen, dass so etwas mittlerweile auffällt.

Existiert ein verzerrtes Bild der US-amerikanischen HipHop-Szene in Deutschland? Ein Bild, in dem Gestalten wie der glühende Antisemit Louis Farrakhan, der mit vielen prominenten Rappern abhängt, oder Gruppen wie Menace Clan oder Brand Nubian nicht vorkommen?
Absolut. Das ist ja auch etwa Fionn Birr (JUICE-Redakteur, Anm.) mit seinem Artikel über mich in den Kommentaren um die Ohren geflogen: Etwas von einer antirassistischen, progressiven Grundidee von HipHop zu erzählen, der ich angeblich entgegenarbeiten würde und dann nicht nur Acts wie die von dir genannten zu unterschlagen, sondern noch glatt Ice Cube zu zitieren, als hätte der keinen Song wie „Black Korea“ in seiner Diskografie, zeugt schon von einer arg beschränkten Wahrnehmung beziehungsweise einem stark verklärenden Blick auf HipHop.

Interessant ist auch, wie beispielsweise „Drück Drück“ von GZUZ und LX behandelt wurde. LX‘ Part ist an Chauvinismus schwer zu übertreffen, groß gestört hat sich daran aber keiner. Wie lässt sich das erklären?
Das ist das, was ich mit der zweiten Strophe von „Extrameile“ hauptsächlich ausdrücken wollte. Es sei der Genauigkeit halber eingeschoben, dass „keiner“ natürlich auch nicht stimmt, sondern dem einen oder anderen der Hypersexismus bei 187 durchaus aufstößt. Aber das Phänomen, dass du beschrieben hast, also dass das insgesamt schon irgendwie ohne größere Aufregung und Diskussion durchgewunken wird, ist natürlich erstaunlich. Es ist dann halt Straßenrap und da gehört es ein Stück weit dazu. Ein Oliver Marquart (rap.de-Chefredakteur, Anm.), wie es Graphizzle Novizzle schön karikiert hat, schreibt dann einen völlig bizarren Aufsatz darüber, dass ein GZUZ eigentlich das Grauen hinter der bürgerlichen Ordnung verkörpere, es wird also die Schicksal-Gerichtsaal-Erzählung ausgepackt, die nicht mal primär für „Kanacks“, sondern in erster Linie für Männer, die im Genre Straßenrap tätig sind, reserviert ist und damit ist der Fall dann erledigt. Skinny (rap.de-Redakteur, Anm.) macht dann noch einen Videoblog darüber, dass das alles auf gar keinen Fall irgendeinen Einfluss auf irgendeinen Fan haben kann und das Wichtigste, wie im Fall Kollegah, ist dann auf jeden Fall immer, das Genre oder die Szene nach außen hin zu verteidigen und klarzustellen, dass ein Campino keine Ahnung und das Maul zu halten habe, wenn er Witze über Holocaustopfer geschmacklos findet. Witze über Grünenwähler oder das Thematisieren genau solcher Widersprüche seitens biodeutscher Rapper ohne Straßenbackground sind dann aber definitiv jenseits aller Grenzen des Sagbaren.

Zwischen rap.de und dir scheint das Tischtuch ordentlich zerschnitten zu sein.
Wenn das darauf abzielt, ob da irgendetwas hintergründig gelaufen ist: Da war nix. Ich hab die „Extrameile“ gemacht, darauf diverse Szeneportale und die Berichterstattung insgesamt angegriffen und rap.de beziehungsweise Oli war halt ganz besonders beleidigt. Das ist eigentlich schon alles, ohne die persönlichen Animositäten hätte Skinny auch kaum seinen albernen, wohl auch von sonst keinem wirklich nachvollzogenen Rassismusvorwurf ausgepackt. Es sollte übrigens noch ein Interview geben an den beiden Tagen, an denen ich in Berlin war und mich mit Marcus Staiger und Lisa Ludwig traf, aber das hat Oli abgesagt, weil ich im MZEE-Forum Lügen über ihn verbreiten würde. Was übrigens nicht stimmt, ich habe dort lediglich seinen albernen Artikel darüber, wie er anderthalb Jahre SPD-Mitglied war und jetzt wieder austritt, geteilt.

Glaubst du wirklich, dass ein routinierter Journalist wie Oliver Marquart aus dem genannten Grund ein Interview absagt?
Ach, ganz ehrlich halte ich das für vorgeschoben. Der Typ ist ja nun wirklich nicht die hellste Kerze auf der Torte und wird wohl ahnen, dass er sich im Gespräch mit mir einfach blamieren würde. Man merkt ja auch, dass der Dude diese intersektionalen, postkolonialen, postgender-, post-allesmöglichen Theorien, mit denen er um sich wirft, überhaupt nicht verstanden hat in den ein, zwei Jahren, die er sich jetzt mit denen beschäftigt. Eigentlich ist man auf so ‘nem Politfilm wie der mit 16 oder 17, wenn man anfängt, das jugendliche Kiffen in das örtliche AZ zu verlagern. Mit allerspätestens 25 ist man dann wieder raus aus der Nummer. Dass der jetzt mit Mitte 40 auf ze:tt emotionale Abschiedsbriefe an die SPD schreibt, in die er anderthalb Jahre zuvor explizit wegen Schulz eingetreten ist, ist ja schon … witzig irgendwie.

Ein Screenshot eines Kommentars von Oliver Marquart zur Danger-Dan-Review auf rap.de hat es auch auf deine Facebook-Wall geschafft.
Ja, die Review an sich war ja schon völlig absurd. Ob es so supernotwendig ist, dass Koljah Antikopftuchlines („Das Frauenbild von Rappern ist so fortschrittlich wie Kopftücher“, Anm.) droppt, sei mal dahingestellt, aber locker 70% einer Review einer solche Line in ‘nem Featurepart zu widmen und sich dann dazu versteifen, zu behaupten, das Album insgesamt bekomme deshalb „einen bitteren Beigeschmack“ … wie krass gereizt man reagieren kann ist schon erstaunlich. Und das bei einem Medium, welches es wörtlich als „nachvollziehbar“ und als legitim wütenden politischen Rap abfeiert, wenn Fard Claus Kleber wünscht, dessen Frau solle von Flüchtlingen vergewaltigt werden („Scheiß auf Klaus Kleber und scheiß auf Klaus Strunz/Ich bete dafür, dass ein Flüchtling deine Frau bumst“ auf „Anti“, Anm.). Schon ein wahnsinnig hängengebliebener Verein.

Was war deine erste Reaktion, als sein Kollege Skinny dir „lupenreinen Rassismus“ vorgeworfen hat?
Breites Grinsen. Ein wenig überraschend, dass es Skinny ist, der mit so ‘nem Blödsinn um die Ecke kommt, aber insgesamt habe ich ja mit Empörung, die sich ja irgendwie, und sei es noch so absurd, artikulieren muss, gerechnet. Es ist ja so: Natürlich schreibt keiner, dass er sich ertappt fühlt und deswegen die Songs scheiße findet. Alle beteuern artig, dass Kritik an linken Positionen und an ihnen selbst natürlich und selbstverständlich immer legitim ist, aber doch bitte nicht so (weil böse) und bitte nicht jetzt (weil Rechtsruck) und ganz abgesehen von all dem muss man ja doch anmerken, dass sich bei aller legitimen Kritik der „lupenreine Rassismus“ irgendwo in einer bestimmten Formulierung in Zeile 47 versteckt halte.

„Chimperator kann mich nicht droppen“

Lisa Ludwig von VICE meinte in eurem Interview und anschließend auf Twitter, dass Positionen wie deine nicht unbequem seien, da sie durchaus im Mainstream stattfänden, wie etwa die ZEIT-Titelstory „Schäm dich, Mann“ zeigen würde. Hast du es dir mit „Du hast mich schon verstanden“ folgerichtig leicht gemacht?
Ja, kommt immer auf das Diskursuniversum an, was wo wie Mainstream ist. Innerhalb der Rapszene ist meine Kritik in der Schärfe komplett einzigartig. Vergleichbar sind nur noch Zugezogen Maskulin, dann kommt lange nichts mehr und dann könnte man irgendwann vereinzelte linksinterne Streitpunkte benennen, sowas wie „Kommentarfeld“ von den Antilopen oder wenn etwa Pöbel MC rappt, dass viele Emanzen auch nur Macker ohne Schwanz seien (auf „Toyanisches Pferd“, Anm.). Und dass ich es mir leicht gemacht hätte, ist erstens künstlerisch – angesichts der aktuellen Flut an gleichklingenden Shisha-Trap-Songs mit Fußballernamen im Titel oder auch den Massen an 0815-Retro-Boombap-Songs mit Saxofonsamples und Texten darüber, wie man sich mit Blick durchs S-Bahnfenster Probleme von der Seele schreibt und dann in Cyphers steppt – und zweitens persönlich und karrieretechnisch angesichts der Reaktionen, die ich gar nicht groß dramatisieren will, aber die doch auch anstrengend sind, schon ‘ne ziemliche Frechheit.

Ein Prezident-Auftritt beim „Splash!“ ist mittlerweile tatsächlich schwer vorstellbar.
Ja, aber „Splash!“ hat mich eh noch nie gefragt, ebenso wenig irgendein anderes der renommierteren Festivals. Die „Tapefabrik“ mit ihrer mehr als saloppen Zahlungsmoral ist jetzt auch kein großer Verlust für mich. Ich war niemals in dieser Szene angekommen, Chimperator kann mich nicht droppen, insofern ist der Schaden für mich nicht unabsehbar gewesen.

Im VICE-Interview gibt es eine Stelle, in der du über den Machtbegriff bei Foucault erzählen willst, Lisa Ludwig dich dann aber unterbricht und fordert: „Ich möchte das ganz jetzt ganz konkret von dir wissen.“ Im Text wirkt das so, als hätte sie dich hier bloßgestellt.
Das hätte man als Zuschauer sicherlich auch als ihrerseits gut gelungen reingegrätscht interpretieren können, ja. Die Szene macht auch Sinn im Text als schön pointierte Zusammenfassung dieses ganzen „Jetzt mal fernab aller Theorie, was denkst du wirklich?“-Ansatzes, der mir ja immer wieder entgegengeschlagen ist in den Interviews. Das aus meiner Perspektive Absonderliche und oftmals auch Frustrierende hinsichtlich dieses Ansatzes ist halt, dass dann im Regelfall mein Gegenüber gar nicht checkt, wie theorieaufgeladen seine gesamte Weltsicht ist. Etwa all das, was heute Feminismus ist. Das Gerede über Rollenbilder und -stereotypen, über Sexismus in Sprache, Gendertheorie ist ja alles hochgradig akademisch geprägt und eben von den von mir genannten Autoren. Es ist total bizarr, dann überfahren zu werden mit: „Ich will aber nicht über Bourdieu und Foucault diskutieren!“ Mal davon abgesehen, dass ich vor einigen Jahren noch den Eindruck hatte, dass mittlerweile jedes Pornosternchen Foucault gelesen hat und es also gar nicht mehr als so ‘ne superakademische Protzerei rüberkommt, dessen Analysen zu rezitieren. Anscheinend waren das dann aber doch nur Sasha Grey und Stoya und Leute kucken immer noch wie Autos, wenn die Names gedroppt werden.

Auch im Schasabi-Podcast warst du Thema. Hast du das mitbekommen?
Ja, das hat mich amüsiert.

Jule Wasabi hatte vor dem Podcast einen Tweet abgesetzt, in dem sie ihre Sorge äußerte, dass viele „junge Menschen“ „Extrameile“ und „Du hast mich schon verstanden“ nicht als „gefährliches Gedankengut“ einordnen könnten.
Engagierte Millenialjournalisten halt. Jule ist ja ganz objektiv dumm wie Brot und ohne Plan von irgendetwas, wie szeneweit bekannt ist, hält sich aber anscheinend trotzdem für eine Torwächterin, die den dummen, verführbaren Pöbel vor perfiden Meinungen, die zwar superduper rechts sind, aber schockierenderweise irgendwie nicht mehr dumm klingen oder daherkommen, schützen müsste.

Wenn du zusammenfassend noch einmal überlegst: Welche Reaktion ist dein Favorit?
Jedes meiner Kinder ist mir gleich lieb.

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