Provokant und zynisch: Prezident mit „Du hast mich schon verstanden“ // Video

Der Wuppertaler Prezident ist seit jeher dafür bekannt, sich kein Blatt vor den Mund zu nehmen und gediegen in sämtliche Richtungen auszuteilen. Bislang beschränkte sich das überwiegend auf Kritik an der Szene, bisweilen auch an Oberflächlichkeiten der Gesellschaft. Das sorgte in der Vergangenheit stets für Beifall. Doch die Zeiten haben sich geändert, weil Prezident auch das Themenspektrum seiner Songs geändert hat: Kritisiert wird noch immer, aber diesmal bekommt es nicht nur die HipHop-Szene ab. Linke Identitätspolitik steht nämlich momentan im Visier von Prezident.

Und das sorgt für Kontroversen, wird er durch seine Kritik am Juste Milieu gegenwärtig gerne in die ganz rechte Ecke gestellt. Daran ist er nicht ganz unschuldig, spielt Prezident mit Doppeldeutigkeiten und Ironie herum, die mancherorts schwierig zu entlarven ist. Er selbst weist nicht nur jegliche Vorwürfe von sich, sondern sieht im Wirbel darum eher eine Bestätigung der von ihm angeprangerten Doppelmoral: „Wenn’s nach Pegida klingt, ist da was schiefgegangen, vielleicht von meiner, aber vielleicht, ganz vielleicht auch von Hörerseite aus.“ Er verortet sich dabei in der Tradition eines George Carlin, dem US-amerikanischen Comedian, der mit seiner zynischen Art häufig Aufsehen erregte. Ein bisschen erinnert er auch an Giacomo Leopardi, der sich schon im 19. Jahrhundert an den Widersprüchlichkeiten von „Weltverbesserern“ abarbeitete. Von allen Genannten werden richtige und wichtige Probleme angesprochen, ob die Art und Weise lässt sich bekanntlich streiten.

Mit der Veröffentlichung des Videos „Du hast mich schon verstanden“ geht auch die Ankündigung des gleichnamigen Albums einher, das sich vorwiegend mit ähnlichen Themen beschäftigen und am 20.07 erscheinen wird. Zwischen absurden Sequenzen diversen Memematerials von Frauengold bis Spongebob und South Park echauffiert sich Prezident im Track über (Pseudo-)“Gutmenschentum“ – zu dem er sich schon in unserem Interview ausführlich geäußert hat – und Erste-Welt-Probleme. Ob es wirklich notwendig ist, sich so prominent jenen Auswüchsen der Postmoderne zu widmen, von denen man ohne Internet (respektive Twitter) und fernab der hintersten akademischen Zirkeln sowieso nichts mitbekommen würde, ist eine andere Sache.

Provokant und anti war der Wuppertaler schon immer, wenngleich das früher auf subtilere Art und Weise nach außen kommuniziert wurde. Insofern ist es nur folgerichtig, sich über gewisse Entwicklungen und Misstände in Textform auszukotzen. Mit dem Feuer spielen? Okay. In politisch brisanten Zeiten ein Album zu droppen, auf dem hauptsächlich innerlinke Konflikte und Doppelmoral behandelt werden und sich über deren Erste-Welt-Probleme mokiert wird? Zumindest diskutabel. Aber nicht in Form von beleidigten Tweets und Meinungsartikeln von ebenjenen, die kritisiert werden, sondern fundierte Auseinandersetzung mit den tatsächlich angesprochenen Themenkomplexen. Dann kann diese Debatte durchaus gewinnbringend sein. Auch wenn es Prezident einem nicht immer leicht macht – etwa durch die NS-Ästhetik im Artwork, in Tradition der Terrorgruppe oder von K.I.Z., die doch ein recht müder Versuch ist, Aufmerksamkeit zu erhaschen. Denn das hat er aufgrund seiner Eloquenz und seinem seit Jahren gefestigten Status innerhalb der Szene eigentlich nicht nötig.

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