Gefühlschaos aus Wut, Verzweiflung und Aufbruchstimmung // OK Kid live

Einer besonderen Herausforderung ist bei (fast) jedem Konzert der Support ausgesetzt. Spielt dieser doch vor einem Publikum, das sich großteils für einen anderen Act eingefunden hat. Bestenfalls ist der Support-Act in einem artverwandeten Genre des Main-Acts unterwegs, im Idealfall sind die Fans des Main-Acts auch Teil der eigenen Fanbase. Im Idealfall. Kontrastreicher hingegen könnten OK Kid und ihr dazugehöriger Support in der „Arena Wien“ auf dem ersten Blick nicht sein. Zum Auftakt ihrer „Lügenhits & Happy Endings“-Tour haben sie sich für Unterstützung durch den selbstbetitelten „Romantic Trap “ der Schönbrunner Gloriettenstürmer entschieden.

Bei näherer Betrachtung aber nicht so weit hergeholt, schließlich waren die Stürmer bereits im Line-up des „Stadt ohne Meer Festival“ vertreten und ihre aktuelle Single „Neonlicht“ ist von OK-Kid-Member Raffi Balboa produziert. „Ich glaube, das ist unser bisher größtes Konzert“, kommentiert Stürmer1 das noch überschaubare Publikum. Während sich ein Großteil der Konzertbesucher entweder noch auf Höhe der Bar aufhält oder bereits hinten auf den Treppen sitzt und geduldig wartet, zeigt sich die Stürmer-Fanbase beständig und textsicher. Mit der Liebe tausender roter Rosen in „Lass heute Nacht“ und dem sehr elektronischen „Machtlos“ bieten sie unterhaltsames Warum-up.

Alle Fotos von (c) Alex Gotter

Bei OK Kid sind zunächst auf der Bühne über ein Dutzend menschlicher Silhouetten platziert, das Bühnenlicht durchdringt deren durchscheinendes Material und wird zwischen den Figuren reflektiert. Die Bühne selbst ist meist in dichtem Rauch gehüllt, nur einzelne Spots beleuchten die Bandmitglieder. „Damit ihr wisst, was heute alles passiert: Wir haben volles Programm! Die Show dauert rund sieben bis neun Stunden, wir spielen einfach alle Songs und noch ein paar andere, wir haben von allem etwas dabei – auch ein bisschen Hansi Hinterseer.“ Ganz so umfangreich, wie Bandleader Jonas Schubert verspricht, wird die Show dann doch nicht.

Dennoch durchaus abwechslungsreich, OK Kid beschränken sich nämlich keineswegs auf das aktuelle Album „Sensation“, sondern bringen immer wieder ältere Nummern ins Programm ein. Der Bass versetzt die Luft mehr und mehr in Vibration, durch den Rauch sieht man die Schwingungen. Jonas Schubert steht am vorderen Bühnenrand, atmet tief durch, blickt zur Decke, springt nach dem ersten Refrain von „Grundlos“ in die Menge und lässt sich bis zur Technik vor den Stufen tragen. Von der Saalmitte aus stimmt er „Bombay Calling“ an, währenddessen bildet sich ein Moshpit. Als nach Songende das Licht angeht, steht er wieder auf der Bühne.

Ab der zweiten Strophe wird „Gute Menschen“ komplett vom Publikum gesungen, Jonas Schubert befindet sich an der Bühnenkante und dirigiert dabei immer energischer. Die Luft wirkt nun regelrecht geladen, OK Kid greifen diese Stimmung auf und nähern sich dem Siedepunkt: Die Nebelmaschinen blasen mehr Rauch auf die Bühne, von den einzelnen Bandmitgliedern selbst sind nur noch die Silhouetten zu sehen. Der Bass wird immer stärker, die Gitarren intensiver und härter, die hohen Klänge der Keys zerreißen die Luft. OK Kid füllen die Arena mit den Emotionen aus „Wolke“, ein Gefühlschaos aus Wut, Verzweiflung und Aufbruchstimmung.

Geht’s euch noch gut? Wir machen jetzt mal einen gute-Laune-Song“, meint Jonas nur kurz und zerschlägt so die entstandene Stimmung innerhalb von Sekunden. Cocktails werden von der Bühne gereicht und Blumenketten in die Menge geworfen. Zu den ersten Takten von „Pattaya“ fliegen bunte Wasserbälle durch die Halle. Bei „Hinterher“ beweist das Publikum erneut seine Textsicherheit. In diesem Bereich haben OK Kid heute jedoch selbst manchmal ihre Probleme. Vereinzelt stimmen die Einsätze der einzelnen Instrumente nicht ganz oder Jonas Schubert singt kurz die falsche Strophe. Allerdings ist es auch das erste Konzert der neuen Tour, mit neuer Show und völlig neuem Set. Was kleine Patzer durchaus verzeihbar und auch sympathisch macht. Im Übrigen lassen sie sich nichts anmerken und zeigen sich durchwegs energisch und mit überschwänglicher Freude bei der Sache.

Passend zum Albumcover ist die Bühne bei „Sensation“ in gold-gelbes Licht getaucht, die Stimmung ist auf dem Höhepunkt, Schüsse ertönen und goldenes Konfetti regnet zu Boden. Das markiert gleichzeitig das Ende der Show. Die Zugabe beginnt Jonas versteckt, erst nach dem zweiten Refrain von „Blüte dieser Zeit“ tritt er ins Rampenlicht. Beim Intro zu „Stadt ohne Meer“ blickt er sich noch andächtig um und streichelt dem Gitarristen nochmals ruhig über den Kopf, ehe er mit einem großen Satz an den Bühnenrand springt. Seine Performance endet unten, in der Menge.

OK Kid sind bereits von der Bühne und das Saallicht ist an. Die Arena ist noch zur Hälfte gefüllt und langsam ertönen „Zugabe“-Rufe. Der Publikumsbereich füllt sich erneut, immer mehr schließen sich dem fordernden Chor an, der minutenlang sein Begehren intoniert. Mit Erfolg, ein Bühnenarbeiter stellt schließlich einen Barhocker auf. OK Kid kommen erneut auf die Bühne, sie wirken überrascht und überwältigt. Jonas Schubert, Zigarette in der linken und Bier in der rechten Hand, blickt abwechselnd zu der Menge und zu seinen Bandkollegen. Er lässt sich auf den Barhocker fallen. Zugleich haben alle ihre Plätze, es wird „Es ist wieder Februar“ gespielt. Hierzu gibt es keinerlei Bühnenshow oder Licht. Nur OK Kid und das Publikum, bei voller Beleuchtung.

Fazit: OK Kid zeigen mit diesem Konzert nicht nur, wie spielerisch leicht sie Emotionen aufbauen, sondern auch in Sekunden die kollektive Stimmung von einem Extrem ins andere umschwenken können. Und wenn die Show eines lehrt, dann, dass sich Geduld und Durchhaltevermögen lohnen. Ein Blick auf die Setlist zeigt zwar, dass die zweite Zugabe im Grunde doch eingeplant, aber auf die Reaktionen der Band schließend, in der Form nicht ganz vorhergesehen war. Aber auch eine semi-spontane Performance bleibt in Erinnerung. Bis auf einen kurzen Kommentar über den „scheiß Echo“ sparen sich OK Kid während des Konzerts jegliche politische Message. Ungewöhnlich, aber so sprechen die einzelnen Songs wieder für sich. Trotz Hoppalas eine durchdachte und mehr als gelungene Show, die – bis zum Zusatzkonzert, am 22. März in der „Ottakringer Brauerei“ – noch genug Zeit zum Reifen hat.

Weitere Fotos des Abends:

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