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Perlen und leere Muscheln: Nas mit „The Lost Tapes II“ // Review

Cover "Lost Tapes II" von Nas
(Mass Appeal/VÖ: 19.07.2019)

Ursprünglich wollte Nas den zweiten Teil seiner „Lost Tapes“ im Dezember 2003 veröffentlichen. Daraus wurde nichts, der Release der Sammlung aus unveröffentlichten Tracks, Remixes und Freestyles verzögerte sich um die Kleinigkeit von fast 16 Jahren. Die Zeitspanne des bezogenen Materials hat sich dadurch ebenfalls verändert, landeten auf „The Lost Tapes II“ Songs, die zwischen „Hip Hop Is Dead“ (2006) und „Nasir“ (2018) entstanden sind; also aus Alben, die nicht zu seinen Großwerken gehören.

Was natürlich nicht heißt, dass alle Alben ab „Hip Hop Is Dead“ für den Mülleimer sind. Die Latte ist bei Nas nur besonders hoch, und manch Perle befindet sich auch auf den letzten vier – mal mehr, mal weniger gelungenen – Alben. Zudem ist es dank Nas‘ nicht immer nachvollziehbarer Songauswahl sehr realistisch, dass manche Schmuckstücke bislang nur auf Festplatten herumlungerten. Manche davon vielleicht auf jenen von A-Liste-Produzenten wie Pete Rock, The Alchemist, Kanye West, Pharrell WilliamsDJ Dahi, Swizz Beatz oder RZA, deren Beats auf „The Lost Tapes II“ zu hören sind. Einschränkend haben große Namen bei Nas‘ schrägem Beatgeschmack aber nicht wirklich viel zu bedeuten. Das beweisen große Teile seiner Diskografie.

Die 16 Tracks auf „The Lost Tapes II“ sind hiervon keine Ausnahme. Wild zusammengewürfelt wirken die Songs, die qualitativen Unterschiede sind groß, beides gegensätzlich zum ersten Teil. Die fehlende Kohäsion hängt natürlich mit dem zeitlichen Rahmen des Materials zusammen, der beim ersten Teil deutlich kürzer ist (zwischen „I Am…“ (1999) und „Stillmatic“ (2001) liegen nur zwei Jahre). Nichtsdestotrotz hat Nas einige Songs auf „The Lost Tapes II“, die auch vor fast zwei Jahrzehnten eine gute Figur abgegeben hätten.

Ganz oben auf der Liste der überzeugenden Songs steht „QueensBridge Politics“ mit einem verblüffend nach frühen 90er-Jahren klingenden Vintage-Beat von Pete Rock. Inhaltlich widmet mich sich Nas auf dem Track Queensbridger Hood-Gepflogenheiten und rückt bei seinen Ausführungen die Rezeption des 2017 verstorbenen Mobb-Deep-Rappers Prodigy in dessen Heimatviertel in den Mittelpunkt. Nebenbei gibt es, anders als auf „Everything“ aus „Nasir“ und „What Goes Around“ aus „Stillmatic“, sogar eine impfbejahende Zeile zu hören. Ähnlich stark der mit einem Piano-Loop ausgestattete, The-Alchemist-produzierte, klassische Street-Rap-Track „It Never Ends“, für dessen Hook Nas aus „Come on“ von The Notorious B.I.G. zitiert – paradoxerweise hatte Nas zu seinem 1997 verstorbenen Brooklyner Rap-Kollegen ein gar nicht so gutes Verhältnis. Ebenfalls nicht verstecken braucht sich der Love-Song „You Mean the World to Me“ mit einem dieser typisch souligen, „Late Registration“-Kanye-West-Beats.

Auch in der Conscious-Schiene kann Nas punkten. Das antiimperialistische, von DJ Dahi und DJ Khalil produzierte „War Against Love“ hätte inhaltlich auch auf dem Damian-Marley-Kollaboalbum „Distant Relatives“ (2010) gepasst, nur sein Chemtrail-Hirngespinst hätte er sich sparen können. Das selbstreflektierte „Who Are You“ weiß im Gesamten ebenfalls zu gefallen, bietet aber auch eine sauer aufstoßende Stelle: Was Nas dabei geritten hat, in seinem zweiten Part den mörderischen ugandischen Diktator Idi Amin in eine Reihe mit dem Pan-Afrikanisten Marcus Garvey oder dem Jahrhundertsportler Muhammad Ali zu stellen, ist unklar.

Von solchen Zeilen sind sowohl das nachdenkliche, ordentlich von RZA produzierte „Highly Favored“ und der Abschlusstrack „Beautiful Life“ mit Westcoast-Sängerin RaVaughn in der Hook und einem Beat von No I.D. frei; obwohl Nas auf „Beautiful Life“ seine beiden Scheidungsdramen hochkommen lässt und sich so auf gefährliches Terrain begibt. Auf  „Life Is Good“ (2012) hätte der Track für den idealen Schlusspunkt gesorgt. Nur der Sorgerechtsstreit mit Kelis kann erklären, warum Nas diesen Track damals nicht veröffentlichte.

Auf amtlichem Niveau rangieren die Tracks „The Art of It“ und „Adult Film“, die allerdings das ein oder andere größere Makel enthalten. Auf „The Art of It“, für das Pete Rock exzellent Naughty By Natures „Uptown Anthem“ und einen seiner Tracks mit CL Smooth, „Straighten It Out“, choppte, stört neben Nas‘ ziemlich peinlicher ABC-Aufzählung der Kleidungsmarken in seiner Garderobe die uninspirierte Hook von J. Myers.

Letzteres gilt auch für den erstaunlich unpeinlichen Sex-Song „Adult Film“: Wenn Swizz Beatz nicht die Hook übernommen hätte, wäre aus „Adult Film“ ein richtig guter Song geworden. Bei der Leistungsschau „Jarreau of Rap (Skatt Attack)“ ist es hingegen kein spezifisches Element, das negativ auffällt. Wie Nas über ein schwierig zu berappendes Sample aus „(Round, Round, Round) Blue Rondo a La Turk“ des 2017 verstorbenen Jazz-Großmeisters Al Jarreau flowt, ist Extraklasse. Das können nur wenige. Aber öfter als einmal muss man die hektische, etwas comichafte Flow-Parade nicht hören.

Zu diesen mehr oder weniger schönen Perlen gesellen sich einige leere Muscheln. Auf „Royalty“ langweilen Beat und Inhalt, auf „Queens Wolf“ ist das softe DJ-Toomp-Instrumental gar eine regelrechte Themenverfehlung, da der Beat überhaupt nicht zu der aufgetischten Queens-Adaption des Werwolf-Horrorfilms „Teen Wolf“ passt.

Auch der Beat zu „Tanasia“, für den RZA die imposante Solschenizyn-Tribute-Nummer „Mother Russia“ der britischen Prog-Rock-Gruppe Renaissance sampelte, verleitet einen nicht zu Lobeshymnen; dudelt der Loop mit ein wenig Variation in der Hook lethargisch vor sich hin und erweist sich als klassische Wu-Tang-B-Ware. Noch deutlich schmerzhafter aber der absurde Text, den Nas über eine asiatische Frau zusammenreimt. Höhepunkt des skurrilen Spektakels die Zeile: „Every man originated in Asia/One continent, Africa was a part of Asia“. Zumindest originell.

„Tanasia“ ist nicht der einzige Track mit einer hohen Dichte wirrer Zeilen, „Vernon Family“ spielt in dieser Kategorie mit Lines wie „You wanna be the man or the woman? Play your position/Mornin‘ or night I’m lickin‘ the pudding ain’t I?“ oder „Ejaculatory depression after sex/And that mean after I nut, don’t touch me, no questions“ ebenfalls weit vorne mit. Das verleitet nur zum Kopfschütteln, wie so einiges, was Nas auf dieser Compilation präsentiert. Dennoch: „The Lost Tapes II“ lässt erkennen, warum Nas auch in den vergangenen 13 Jahren zu den bedeutsamsten Figuren des Genres gehörte, musikalische Fehltritte hin oder her.

Fazit: „The Lost Tapes II“ von Nas erweist sich als typische Leftovers-Compilation, auf der starkes Songmaterial, das auf dem jeweiligen Album keine schlechte Figur abgegeben hätte, auf manch Track trifft, der völlig zu Recht einst nicht den Cut schaffte. Mit dem ersten Teil kann „The Lost Tapes II“ nicht mithalten – nicht zuletzt, weil es an ähnlich beeindruckenden Konzeptsongs wie „Fetus“ mangelt. 2003 hätte dieses Album wohl einige Filler weniger gehabt, aber auch 16 Jahre nach dem ursprünglichen Releasedate gibt „The Lost Tapes II“ zumindest noch eine passable Figur ab. Mehr war sowieso nicht zu erwarten.

3 von 5 Ananas

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