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MoTrip & Ali As: „Ali ist der Abou-Chaker mit Skills“ // Interview

MoTrip
MoTrip by Vitali Gelwich

Manchmal kommt der große Erfolg erst, wenn du deine Ideen allein umsetzt. MoTrip und Ali As sind Beispiele für diese These. MoTrip arbeite bereits mit Kool Savas, Samy Deluxe, Fler und Bushido zusammen, den große Mainstream-Erfolg brachte erst das Album „Mama“ mit der Hit-Single „So wie du bist“, die mittlerweile stolze 34 Millionen Aufrufe auf YouTube vorweisen kann. Ali As, lange Zeit als Münchner Punchline-Wunder mit fehlendem Output abgestempelt, legte letztes Jahr mit „Amnezia“ ebenfalls seinen künstlerischen-kommerziellen Befreiungsschlag vor. Anhand dieser Parallelen war eine Zusammenarbeit zwischen dem Aachener und dem Münchner nur logisch. Vor wenigen Wochen besuchten die beiden Wien, wo sie die Grelle Forelle zum Beben brachten. Wir trafen MoTrip und Ali As im Tourbus und sprachen über Themen wie King Orgasmus One, Syrien, Sentino, Kritik von Samir Köck und Sponsoring.

Interview: Emil Delivuk & Thomas Kiebl

„Mama“ hat mir den Arsch gerettet

The Message: MoTrip, dein letztes Album „Mama“ war dein größter kommerzieller Erfolg bisher. Wie bist du nach diesem langen Weg mit dem Erfolg umgegangen?
MoTrip:
Alles, was ich mir mit meiner Freundin geleistet habe, geht in eine bescheidene Richtung. Was sich aber aktiv für mich geändert hat, sind die Hallen, wo ich auftrete. Wenn deine Konzerte nicht mehr von 100, sondern von 1000 Menschen besucht werden, tut das einfach der Künstlerseele gut. Ich hatte drei Jahre Pause zwischen meinem Debüt und „Mama“. Die Gefahr war da, vergessen zu werden. Aber „Mama“ hat mir den Arsch gerettet.

Früher schwankte die Besucherzahl bei deinen Konzerten stark.
MoTrip: Diese Unterschiede in den Besucherzahlen gibt es sogar heute noch. In manchen Städten haben wir 400 Besucher, in anderen 2000. Früher stand ich in Erfurt vor nur 50 Gästen. Das passiert einfach. Das Geheimnis liegt darin, bei solchen Konzerten genauso viel Gas zu geben wie bei einem Splash!-Auftritt. Die Zuschauerzahl darf sich nicht auf die Show auswirken. Und beides hat seinen Charme. Ein Auftritt beim Splash! vor tausenden HipHop-Heads ist natürlich irre, aber dort geht viel Energie verloren. In einem 50-Mann-Raum siehst du die Menschen direkt. Das hat seinen ganz eigenen, intimen Charme.

Dennoch leidet die Künstlerseele, wenn kaum jemand zu einem Konzert kommt.
MoTrip: Stimmt. Wenn ich an einem Tag in Köln vor ein paar tausend Leuten spiele und den nächsten Tag in Erfurt vor 50 Mann verbringe, denkt man schon darüber nach, warum es hier nicht so gut läuft. Die Sache bleibt einem nicht erspart, dagegen ist man nicht immun. Man sollte in solchen Momenten nicht die Bodenhaftung verlieren und sich daran erinnern, wo man herkommt. Früher gab’s auch Gigs mit sieben Gästen. Deswegen sind 50 Leute, die dich sehen wollen, ein Grund zur Freude. Am Ende des Tages hat jeder einzelne Gast, der dein Ticket kauft, das Recht die Show zu erleben, die er sehen will. Das darf man nicht von der Menge abhängig machen.

Was hilft dir dabei, nicht die Bodenhaftung zu verlieren?
Ali As:
Nice Spikes (lacht).
MoTrip: Ketten an den Schuhen (lacht). Ernsthaft: Ich würde sagen, dass ich in Aachen geblieben bin. Das ist ein wichtiger Punkt. Denn egal wie das Konzert und der Trubel um dich herum ist, wenn du nach Hause kommst und dort  deine Eltern und deine Freunde triffst, ist alles – unter Anführungszeichen – normal. Dann siehst du wieder die ganz normale Realität. Das gibt schon Bodenhaftung. Wobei ich denke: Wenn man umzieht, bedeutet das nicht gleich, dass man abhebt. Aber es ist schon sehr wichtig für mich, nach langen Ausflügen nach Hause zu kommen.

„Entweder wollen sie „Kanacken“ oder Deutsche“

Spürst du Genugtuung,  dir kein „Straßen-Image“ zulegen zu müssen, um erfolgreich zu sein?
MoTrip:
Das ist tatsächlich eine Genugtuung. Ich kann mich noch erinnern, wie ich bei Silla war und wir über erfolgreiche Rapper sprachen. Wir bemerkten gleich, dass eigentlich nur die Assis damals erfolgreich waren. Die, die richtig laut in den Wald hineinbrüllten. Wir stellten uns daher die Frage, ob es nicht sinnvoll wäre, ebenfalls auf diesen Zug aufzuspringen. Das war quasi der Scheideweg, wo eine härtere Schiene im Raum stand. Ich bin aber sehr, sehr glücklich darüber, dass ich meinen eigenen Weg weitergegangen bin. Und so ein persönlicher Song wie „So wie du bist“ im Endeffekt den größten Erfolg gebracht hat und nicht irgendetwas, was mir unangenehm wäre. Weil ich das gar nicht verkörpern möchte, kann und will. Ich bin sehr froh, dass ich mich quasi selbst vermarkte und nicht ein Produkt. Auf dieses „Kanacke mit Grips“-Image, das mir immer wieder zugeschrieben wird, bin ich nicht stolz. Eigentlich war das nur ein Song, womit sich die Sache für mich erledigt hat.
Ali As: Dieses Image ist eine Außenbetrachtung. Manche Deutschen meinen dann, er sei ein „Kanacke mit Grips“, weil er in geraden Sätzen rappt. (überlegt) Wobei: Diese „Gerade-Satz-Bildung“ kann auch negativ aufgefasst werden. In der Art: „Der macht auf extraschlau, den ficken wir erst recht“.
MoTrip: Bei mir war diese Zuschreibung eher etwas Negatives. Ich wurde oft von den anderen so angesehen: „Ja, der kann auch Deutsch“. Das hat mich geärgert. Ich habe eigentlich nur diesen einen Song gemacht und seitdem lese ich ganz oft: „Ja, MoTrip ist dieser selbsternannte Kanacke mit Grips“. Aber wenn überhaupt der „Kanacke mit Grips“, der diese Zuschreibung in eine Waffe verwandelt hat.
Ali As: Das Problem ist, dass viele Leute gar keine „Kanacken“ mit Grips wollen. Entweder wollen sie „Kanacken“ oder Deutsche. Damit das alles in die gebildeten Schubladen hineinpasst. 

Ich habe auf YouTube einen Kommentar gelesen, der lautete: „Wenn einer von den Abou-Chakers so rappen könnte wie MoTrip, dann hätten wir den besten Straßenrapper überhaupt“. Wie ist deine Meinung dazu?
MoTrip:
 (überlegt) Das stimmt. Ich wollte gerade Kollegah als Beispiel nennen, weil der rappt über Straße, Koks und Nutten, ist aber eigentlich ein ganz normaler, anständiger, intelligenter Bursche. Also quasi das Gegenteil von dem, was wir suchen: einen, der Schläge verteilt, aber trotzdem spitten kann wie Kollegah oder Ali. Ehrlich gesagt, ist das Ali. Ali ist der Abou-Chaker mit  Skills. Er weiß es nur nicht (lacht).
Ali As: Was? (lacht)
MoTrip: Die wissen alle nicht, was für ein „G“ du bist (lacht). Aber es ist Gott sei Dank Musik, was wir machen, und kein Faust- oder Ringkampf. Mir geht es tatsächlich nur um die Musik. Dass ich schwarze Haare habe, sehe ich nur, wenn ich in den Spiegel gucke. Ich denke auch nicht den ganzen Tag daran, dass ich jetzt bräunlichere Haut habe. Das sehe ich eher bei Menschen, die leider manchmal merkwürdig auf mich reagieren. Aber das ist kein Grund, Musik zu machen oder nicht Musik zu machen. Und auch kein Erfolgsgarant. Im Gegenteil: Cro kann Erfolg haben, Kollegah kann Erfolg haben und ein Curse kann ein Comeback starten (lacht). Es geht nicht mehr darum, ob wer aus Köln kommt oder Türke ist. Das ist alles vernetzter und neutraler geworden.

Ist diese Form der Selbstvermarktung eine Gemeinsamkeit, die euch zur Zusammenarbeit bewogen hat?
Ali As: Anfangs war es sogar so, dass wir gegenseitig dachten, wir werden nie etwas miteinander zu tun haben (lacht).
MoTrip: Eigentlich hat’s wenig mit der Musik zu tun, dass wir zusammengefunden haben. Eher die Musik hat uns, als wir uns kennengelernt haben, überzeugt. Also ich halte ihn für den Krassesten.
Ali As: Wir haben damals wirklich einen kleinen Spaziergang gemacht, als wir uns getroffen haben (lacht).
MoTrip: Damals hat Samy Deluxe Workshops an Schulen gegeben. Da gab es Rap, Graffiti, Tanz. Und wir waren die Raplehrer. Wir haben gemeinsam Tee getrunken in der Pause und uns gut verstanden.
Ali As: Wir hatten beide Lunchboxen dabei mit nicen Vollkornbroten …
MoTrip: … und nicen Teesorten!
Ali As: Und wir haben dort einfach ein Picknick gemacht.
MoTrip: So kamen wir eigentlich zueinander.
Ali As: Er sprach mich auch gleich auf das Silla-Posting an (lacht).
MoTrip: Die beiden hatten damals einen kleinen Zwist.
Ali As: Ich habe irgendwas getwittert gegen den, total unnötig. Auf der Crossover-Tour haben wir dann einen Halt in Berlin gemacht. Dort wollten wir wieder eine Teerunde machen. Silla war auch dort. Wir wussten in dem Moment nicht, ob wir jetzt Beef haben (lacht). War aber alles schnell sehr entspannt.

Ali As, der Release von „Euphoria“ steht bevor. Worauf weist der Titel des Albums hin?
Ali As: Auf die Stimmung. War bereits beim letzten so: „Amnesia“ ist zwar eine Weed-Sorte, allerdings auch der Ausdruck für Gedächtnisschwund. Diese Doppeldeutigkeit habe ich verwendet. War ja nicht besonders innovativ, aber der Titel hat einfach das Album gut widergespiegelt. Bei „Euphoria“ ist es ähnlich. Erneut eine Weed-Sorte, aber zugleich Euphorie auf Englisch. Und zusätzlich eine Bezeichnung für Crystal Meth auf Hawaii.

Was ist anders im Vergleich zu „Amnesia“?
MoTrip
: Flowmäßig kann ich sagen: Ich war großer „Amnesia“-Fan, da gibt es auch Facetten an Deepness. Aber er wird nicht privat, er wird nur ernst. Er behandelt die Welt, die Umwelt, aber lässt Privates außen vor. Auf „Euphoria“ habe ich aus Fan-Perspektive endlich private Einblicke in Ali As‘ Leben, die man so noch nie gehört hat. Das hat mich sehr berührt.
Ali As: Ich habe drei Schlagwörter ins Leben gerufen, die fand ich ganz cool: Poet, Prolet, Prophet. Und „Amnesia“ war eher poetisch und ein bisschen Prophet, da war der Prolet weniger dabei. Bei „Euphoria“ hört man eine Mischung aus Prolet-Prophet. Es ist prolliger, aber die Poesie ist auch da.

„Die empfinden uns alle als proletenhaft“

MoTrip, du warst im Sommer in Wien beim Open Air Festival mit Snoop Dogg. Nachher wurde in der österreichischen Zeitung „Die Presse“ eine umstrittene Kritik dazu verfasst. Samir Köck hat geschrieben: „Penetrant wie ein Fitnesstrainer hat er (MoTrip, Anm.) wieder und wieder verlangt, dass alle Hände hoch gehen mögen. Welch Elend! Das war um nichts besser als das, was den Leuten im Musikantenstadl an „Begeisterung“ abgerungen wird“. Deine Antwort zu diesen Zeilen?
MoTrip:
Da war offensichtlich jemand zum ersten Mal auf einem HipHop-Konzert. Und wenn nicht zum ersten Mal, dann auf dem falschen. Ich glaube nicht, dass das seine Musikrichtung ist. Ich weiß nicht, ob man mit einem Metzger über Physik reden sollte. Da sind ganz verschiedene Universen, in denen wir uns bewegen. Jetzt kann man sich darüber streiten, ob ich an diesem Tag wirklich überdurchschnittlich oft „Bitte hebt eure Hände hoch“ gerufen habe (lacht), aber das gehört für mich tatsächlich zu einem HipHop-Konzert dazu. Außenstehende verstehen das vielleicht nicht. Daher tangiert mich die Kritik gar nicht.

Dazu muss man sagen, dass er in der Kritik den „wahren“ US-Rap dem deutschen gegenübergestellt hat.
MoTrip:
Aber er hat selbst den US-Rap scheinbar nicht richtig verstanden. Egal. Wir sind ganz normale Leute, obwohl wir nicht von hier stammen, kommen wir auf so große Bühnen. Und dann gibt es Menschen, die nichts tun, außer das Negative daraus zu ziehen. Dabei gibt es soviel Positives, wenn du einfach an meine Geschichte denkst: Ein Kriegsflüchtling, der mit zwei Jahren nach Deutschland gekommen ist, spielt heute im Nachbarland Österreich auf großen Festivals. Ich reib mich jetzt nicht an dem „Hebt eure Hände hoch“ oder an „proletenhaft“. Die empfinden uns alle als proletenhaft. Auch wenn Ali das selbst sagt, ich finde meine Musik überhaupt nicht proletenhaft. Trotzdem wird mir das oft nachgesagt.
Ali As: Genau diese Schubladen. Irgendwann wird man dann dem gerecht, was die Leute erwarten.

Wie steht ihr zu Deutschrap im Jahr 2015, wo Amazon-Boxen, RapUpDate und YouTube-Ansagevideos sich endgültig als Facetten des Genres etabliert haben?
MoTrip:
Zwiegespalten. 2015 war ein starkes Jahr, wenn man an die Künstler und die Platten denkt. Allerdings kam es zu einem neuen Level an Perversion, was Verkaufsmaschen anbelangt. Keiner kann sich gänzlich frei davon machen. Ich rappe auf meinem Album gegen diese Mechanismen, habe aber selber eine Box. Aber das war nicht meine Idee, sondern die des Labels. Ich habe eine EP und ein Album abgegeben und die vermarkten das auf ihre Weise. Generell sind mir die Verkaufsmaschen vieler Rapper ein Dorn im Auge. Dass jeder, der sich für ein bisschen witzig hält, einen Blog macht. Und die Musik dann gar nicht mehr wichtig ist. Zwar ist ein witziger, guter Blog nicht allgemein zu verurteilen. Wenn die Musik cool ist und man das noch gut vermarktet — prima. Es gab nur oft den Fall, dass die Vermarktung gut war und die Musik nicht.

Was sagt ihr zu Al-Gears Promo-Aktionen?
MoTrip:
Das ist ein gängiger Running-Gag bei Ali. Jeder, der frech wird, muss mit seinem Bruder ins Café kommen und die Polizei mitbringen (lacht). Nichts gegen Al-Gear im Speziellen, aber der ist ein gutes Beispiel für jemanden, der für seine verrückten, kranken Sachen gefeiert wird — und nicht wegen seiner Musik. Der Junge rappt nebenbei, bringt auch ein Album raus, aber bekannt sind eigentlich nur die Unterhaltungssachen.

Daran sind einige Deutschrap-Medien nicht ganz unschuldig, wenn ich mich daran erinnere, wie großspurig über Al-Gears letzte Aktion berichtet wurde.
MoTrip: 
Ja, das gibt ihm noch einen Flash, wenn darüber groß berichtet wird. Am Ende leben aber alle davon. Die Rapper haben was davon. Diese Menschen, die sich so promoten, verdienen dadurch Geld. Und selbst die Plattformen, die das supporten, kassieren daran. Das muss man auch nachvollziehen können. Läuft in jeder Berichterstattung so. Es wäre krass, wenn das im HipHop anders wäre.

Kannst du es nachvollziehen, dass die Außenansicht auf HipHop negativ geprägt ist, wenn du an solche Sachen denkst?
MoTrip:
 Jein. Ja, weil: Wenn man sich nicht damit beschäftigt, kann ich das richtig krass verstehen. Dass man sogar Upturn darauf schiebt und seinen Kindern Deutschrap verbietet. Aber eigentlich ist es, als ob ich als Nicht-Fachmann sage: Wein ist scheiße. Wein schmeckt mir persönlich nicht, hat er nie gemacht und wird er auch nicht. Aber ich kann dennoch einem Weinliebhaber nicht weismachen, dass Wein scheiße ist. Nur weil es mir nicht gefällt. Das ist eine ganz große Geschmacksfrage. So verhält es sich auch in der Musik. Wenn man den Wein gar nicht erst probiert und sagt „Wein ist scheiße“, dann würde ich das verurteilen. Machen aber viele, die sagen: „HipHop ist doch diese eine Musik mit den Ausländern und den Kriminellen“. Dann verurteile ich das. Aber wenn jemand sagt, dass es einfach nicht seines ist, dann finde ich das okay.

Wie hat das Label deine Single-Auswahl beeinflusst?
MoTrip:
Ich durfte das natürlich mitgestalten. Das macht man Hand in Hand. Sind auch nicht meine Feinde im Label, sondern Freunde. Die unterstützen und helfen mir bei den Entscheidungen. Ali As war bei diesem Album extrem viel mit mir im Studio und hat jeden einzelnen Song begleitet. Schon in diesem Prozess kristallisiert sich eine Meinung in Richtung Single heraus. Dann hören das meine Label-Leute und machen Vorschläge. Oft ist man sich schon einig, manchmal wird noch gerungen. Das ist ein gesunder, schöner Kampf. Reibung erzeugt Energie, wie man weiß. Das bereichert dich eher, als dass es im Weg steht. Und da war keiner, der meinte: Du musst unbedingt „So wie du bist“ rausbringen.

Ihr habt ja beide Reality-TV-Erfahrung. Wie siehst du deine Performance bei „Cover My Song“ in der Retrospektive?
MoTrip:
Ich habe noch das ein oder andere TV-Format gemacht, die haben mir aber alle nichts gebracht. Aber „Cover My Song“ hat mir beschert, dass wir jetzt hier sitzen und ein Interview führen. Vielleicht wäre ich auch über andere Wege zu meinem Ziel gekommen, wer weiß. Aber nach dieser Sendung hat jedes Major-Label in Deutschland bei mir angerufen und mir ein Signing angeboten. Das hat natürlich mein ganzes Schaffen verändert. Dafür war das sehr wichtig. Eigentlich wurde ich davor sogar gewarnt. Leute von der JUICE und viele andere meinten, dass das mein Karriereende vor meiner Karriere wäre (lacht). Noch dazu, da es um Schlager ging. Aber meine Facebook-Seite hat sich verzehnfacht an dem Abend. Sony, Warner etc. haben wenig später alle bei mir angerufen. Das war sehr wichtig, hat mir einen großen Motivationsschub gegeben.

War es eigentlich Absicht, dass du damals ein King-Orgasmus-One-T-Shirt getragen hast?
MoTrip:
(lacht) Nein. So bin ich einfach: Deswegen sitze ich in einem zu engem Shirt und einer Jogging-Hose vor dir. Ich bin nicht der Mode-Zar, der Hipster, der von Marken Bescheid weiß. Ich war mit JokA eine Zeit lang die Vorgruppe von Orgi. Dort haben wir ein paar T-Shirts bekommen. Und das war einfach in meinem Schrank ganz oben (lacht). Hatte keinen weiteren Hintergrund. Viele haben sich darüber gefreut, dass ich das anhatte. So richtige Orgi-Fans, die man schon auf der Straße erkennt (lacht).

Wie stehst du zu King Orgasmus One?
MoTrip:
Privat mag ich ihn. Da kann ich echt gar nichts gegen ihn einwenden, er hat noch nie etwas Negatives mir gegenüber gemacht. Aber ich muss schon ganz ehrlich sagen, dass ich das nicht vertreten kann, was er musikalisch macht. Ich kann auch nur bedingt über sein Zeug lachen. Ich weiß gar nicht sicher, ob er überhaupt will, dass man darüber lacht. Wie ernst er das meint. Nicht böse sein, aber die meisten seiner Songs sind unfassbar unter aller Sau. Raptechnisch und thematisch. Es gibt Leute, die machen mit so einer Raptechnik noch etwas Positives, dann kann ich dem noch etwas abgewinnen. Aber bei Orgi geht es nur um Huren, Koks und Ficken — auf schlechtester Raptechnik. Trotzdem mag ich ihn. So verrückt ist es manchmal.

Seinem Frauenbild kannst du also nichts abgewinnen.
MoTrip: Nein, und ich glaube auch nicht, dass das sein Frauenbild ist. Das ist mehr Image. Aber wenn er seine Frau wirklich so behandelt wie in den Tracks dargestellt, dann tut sie mir leid. Aber das vertritt in gar keiner Weise mein Weltbild – was Drogenkonsum und Gewalt gegen Frauen angeht.

„Wenn du das herunterbrichst, ist das alles Nerdtum“

Ali As, du hast den von dir geschaffenen Begriff „Neuzeithippie“ einst definiert als „Jemanden, der das Weltbild der Hippies repräsentiert, sich aber gut kleidet und wäscht“. Wie genau darf man sich das vorstellen?
Ali As:
Ja, natürlich schon ein bisschen spaßig formuliert, aber heute wird „Hippie“ meist als Beleidigung verwendet, so im Stile von „Ich box dich zurück in die 70er“ (lacht). Aber eigentlich war das ein cooler Lifestyle, die haben niemandem etwas angetan. Ich bin aus einer Zeit, wo viele ein relativ bürgerliches Leben eingeschlagen haben. Da bin ich eher der Neuzeithippie.
MoTrip: Und er ist viel stylisher als wir alle.
Ali As: Ich feiere das selbst, wenn ich das bei anderen Leuten sehe. Die Klamotten müssen gar nicht teuer sein, ich finde es einfach cool, wenn sich jemand Gedanken macht und etwas zusammenstellt. im Endeffekt ist das genauso behinderte Nerd-Mathematik wie beim Rappen. Wenn du das herunterbrichst, ist das alles Nerdtum. Selbst wenn du in einem Bikerclub bist, bist du in dem Moment ein Nerd. Eigentlich eine geile Aussage, vielleicht machen wir darüber mal ein Album.

Haben euch die Geschehnisse der letzten Monate rund um die Flüchtlingsdebatte künstlerisch beeinflusst?
Ali As:
 Ich war in den letzten Monaten schon fertig mit dem Schreiben, aber ich bin schon ein bisschen auf die Flüchtlingsthematik eingegangen.
MoTrip: Ich nehme demnächst einen Song mit Samy und Eko auf, der sich im Groben um diese Thematik dreht. Ich sitze also zu Hause und schreib diesen Song, habe meine ersten vier Bars fertig, mit denen ich ziemlich grob alle Deutschen angreife und denk mir: „Komm, das ist zu hart, das haben nicht alle Deutschen verdient“. Am selben Tag erlebe ich in der Videothek einen so heftigen rechten Vorfall, wie ich ihn seit Jahren nicht mehr erlebt habe. Danach hab ich mir selbst gesagt: „Weißt du was, du musst das sagen!“

Der deutsche Kabarettist Volker Pispers hat Kleinkunst als „modernen Ablasshandel“ bezeichnet. Glaubt ihr an die Wirkung politischen Raps, oder ist das eher eine Art Seelenerleichterung?
MoTrip:
 Diese Art von Musik ist eher negativ fürs Geschäft. Es gibt viele, die nach einem Song wie „Selbstlos“ sagen: „Ey, du denkst doch selber nicht, dass du mit so einem Song die Welt retten kannst!“ Es gleicht einer Bürde, die man trotzdem auf sich nimmt. Die Kids wollen lieber „Mach dir nie mehr Sorgen um Geld“ und nicht „Was für ’ne verdorbene Welt“.
Ali As: Ich habe einmal gehört, dass diese Entwicklungen tendenziell zyklisch ablaufen. Wenn es der Gesellschaft gut geht und die Wirtschaft läuft, dann haben die Leute auch Bock auf ein bisschen „abgefucktere“ Musik. Und wenn’s nicht ganz so rosig läuft, brauchen die ein bisschen etwas Netteres, Aufheiterndes. Macht Sinn, so Hobby-psychologisch.

Sentino verfasste kürzlich auf Facebook ein Statement, in dem er Deutschen im Rapbusiness Rassismus vorwirft und unterstellt, dass „die falsche“ (nämlich von Deutschen gemachte) Musik von Journalisten und Label-Bossen gepusht wird. Eure Meinung dazu? MoTrip: Ich habe leider zu viele Sekunden und Gehirnzellen daran verschwendet. Also machen wir uns nichts vor: Wenn jemand rassistisch ist in diesem Game, dann die „Kanacken“.
Ali As: Wenn irgendwer statt „Hey, du Otto“ „Hey, du Murat“ sagen würde, würden die Ausländer doch sofort die Nazi-Keule schwingen. Aber ich finde das auf beiden Seiten lustig!
MoTrip: Ich gebe Sentino jedenfalls in keinem Punkt Recht. Klingt eher nach Frust. Ich würde ein „Was los, du Martin“ mehr ankreiden. Ich kenne auf jeden Fall keine Gegenbeispiele.

Bei Haftbefehl wurde auch einige Male kritisiert, dass er regelmäßig deutsche Namen als Schimpfwörter nutzt und so stereotypisiert.
MoTrip: Ich kann das nachvollziehen. Aber wir können uns die Realität nicht schöner reden als sie ist. Haftbefehl ist tatsächlich das Sprachrohr einer ganzen Generation, es gibt ganz viele Menschen, die so reden. Ob man das jetzt gut findet, ist eine andere Sache. Aber er spiegelt einfach die Realität wider. Ich finde, er ist einfach sehr authentisch.

Ihr schreibt ja beide auch als Ghostwriter …
Ali As
: Ich würde gerne das nächste Mal Interviewfragen ghostwriten und diese Frage „rauswriten“ (lacht).

Das war noch nicht die Frage. Um noch einmal an politische Themen anzuschließen: Wie wäre es, wenn euch jemand um einen politischen Track bitten würde?
Ali As:
Ist schon öfter passiert und  überhaupt kein Problem. Im Endeffekt ist die Frage, was der für eine Gesinnung hat, ist er rechts?
MoTrip: Falls du das meinst, er würde bestimmt keinem Nazi einen rechten Song schreiben.
Ali As: Kommt drauf an für wie viel Kohle. Wenn ich damit wiederum seiner Organisation schaden könnte, indem ich es investiere, um dagegenzuwirken. Nein Quatsch, natürlich hat alles seine Grenzen. Ich wurde doch auch total zerfetzt, weil ich für Jimi Blue diesen Soundtrack geschrieben habe. Da denk ich mir: Juckt doch keinen! Wenn ich diesen Text nicht schreibe, schreibt ihn irgendwer anderer. Bei mir ist eben die Chance größer, dass er nicht ganz so whack wird.
MoTrip: Im Rap ist das eben nicht gang und gäbe. Wir wissen, dass das in vielen anderen Musikgenres ganz anders ist. Jimi Blue ist für die Rapszene wahrscheinlich das personifizierte Feindbild gewesen. Und dann kommt ein talentierter Rapper und gibt ihm so krasse Zeilen. Da ist auch Neid auf die Millionen Klicks  ein wichtiger Punkt.

„Der Krieg ist nicht mit Waffen zu gewinnen“

MoTrip, du hast vor einiger Zeit getweetet, dass der Bundeswehreinsatz in Syrien ein Fehler ist und kein Krieg durch Waffen beendet werden kann.
MoTrip:
Richtig, ich habe in den Nachrichten gesehen, dass die Deutschen jetzt Jets und eventuell bald Truppen entsenden wollen und habe sofort, aus der Emotion heraus, darauf reagiert. Ich kann das zwar nicht so gut formulieren wie ein Friedensphilosoph, aber es muss doch jedem bewusst sein, dass wenn ich  jemanden erschieße, dessen Brüder mich hassen und sich rächen werden. Wenn wir das ein paar Mal machen, wird irgendwann jeder jeden erschießen wollen. Das ist auf gar keinen Fall ein Weg, um einen Krieg zu beenden. Klar bin ich nicht so naiv zu sagen, auf eine terroristische Vereinigung dürft ihr auch nicht schießen. Bombt die meinetwegen weg. Aber wenn dann Truppen in ein Dorf geschickt, Schulen und Krankenhäuser angegriffen werden …wie viele Jahrhunderte müssen wir noch dieselben Fehler machen? Der Krieg ist nicht mit Waffen zu gewinnen, das verschlimmert nur die Situation. Ist wie Feuer mit Feuer zu bekämpfen.

Wie sollte man dann deiner Meinung vorgehen? Beispiele wie der Genozid in Ruanda zeigen, dass Zusehen auch keine Lösung ist. Gibt es Ausnahmen für militärische Interventionen?
MoTrip:
Man würde eine wirklich faire Weltpolizei brauchen. Lass jeden sein Ding machen, aber wenn irgendwo wirklich jemand anfängt, sein Volk umzubringen, dann geht man dagegen vor. Aber machen wir uns nichts vor, ich glaube nicht, dass das der Hauptgrund ist, warum man irgendwo reingeht. Das ist doch nur der Vorwand! Lass uns nicht zu politisch und verschwörungstheoretisch werden, aber es geht doch viel mehr um Bodenschätze, Waffenverkäufe und Machtinteressen. Mir kann doch niemand erzählen, dass ein Assad seit vielen Jahren an der Macht ist und plötzlich zum Problem der Welt wird. Ich spreche den nicht heilig und kann nichts über seine Politik sagen, aber entweder mach ich da eine Großoffensive und beende das, oder ich halte mich raus. Aber lass nicht das Volk über Jahre leiden und wunder dich dann, dass Millionen von Flüchtlingen zu Fuß zu uns kommen. Es gäbe hunderte Dinge, die man tun könnte, bevor man denen Waffen oder Soldaten schickt. Nehmt denen die Mittel – hört auf, ihr Öl zu kaufen!

Eine weitere Gemeinsamkeit von euch beiden ist, dass ihr von Modemarken gesponsert werdet und wurdet. MoTrip von Cleptomanicx, Ali As von K1X.
Ali As:
Die Sache mit K1X ist schon sehr lang her. Aber wir können uns darauf einigen, dass wir beide von Nike supportet werden.
MoTrip: Das sind aber keine unterschriebenen Verträge. Man kriegt ein Paket zugeschickt und trägt dann die Kleidung bei öffentlichen Anlässen.
Ali As: Das ist vielmehr ein gegenseitiges Übereinkommen. Ich krieg jetzt zum Beispiel Cazalbrillen. Ein Schmankerl! (lacht)
MoTrip: Das steigt unfairerweise mit dem Fame. Ab dem Moment, wo du dir das kaufen kannst, kriegst du alles umsonst.
Ali As: Das finde ich richtig unverschämt, ehrlich gesagt!

Ali, du hast redaktionelle Arbeit gemacht, bist Musiker, Ghostwriter und hast zudem bereits als Schauspieler gearbeitet. Was steht denn als Nächstes auf dem Plan, wenn dir Rappen irgendwann zu langweilig werden sollte?
Ali As:
Jetzt macht’s erst richtig Spaß! Lustigerweise hat sich grade vorher jemand beschwert, dass ich als Newcomer 2015 bezeichnet wurde. Was heißt denn Newcomer? Ich glaube, Rooz (von hiphop.de, Anm.) hat einmal den Begriff „Upcoming Artist“ verwendet. Das finde ich ganz cool. Weil ein „Upcoming Artist“ kannst du auch nach fünf Alben sein, wenn du mit dem sechsten deinen Durchbruch schaffst. Natürlich verändert man sich, aber ich hatte schon immer eine große Schnauze. Das zieht sich bei mir durch. Ich finde das auch wichtig. Ich habe mich zum Beispiel sehr für 2Chainz gefreut. Der hat  jahrelang als Tity Boi gerappt und keinen hat’s interessiert. Dann kommt er auf einmal als 2Chainz um die Ecke, generiert einen Riesenhype und haut 100x16er Feature-Verses in einem Jahr raus.
MoTrip: So viele hatte nicht einmal ich! (lacht)
Ali As: Stimmt, aber du warst eigentlich das deutsche Pendant dazu.

„… dieser Dreckssong kam aus irgendeinem Grund nie raus.“

MoTrip, wie stehst du eigentlich dazu, dass dir manchmal vorgeworfen wird, du würdest zu viele Features machen?
MoTrip:
Da ist immer die Frage, wer das kritisiert. Wenn Ali sagen würde: „Ich mache kein Feature mit Mo, weil der hat zu viele gemacht“, dann wäre das mein Problem. Ich habe jedes einzelne gerne gemacht, obwohl ich manche heute vielleicht nicht mehr machen würde.
Ali As: (unterbricht MoTrip und versucht eine Line von Laas Unltd. zu rezitieren, die auf MoTrips Featurehäufigkeit eingeht) „MoTrip sagt, er mache Feature, halbes Jahr später, Feature mit der halben Szene“.
MoTrip: Selbst die Anschuldigung stimmt nicht. Laas hat in dem Fall entweder gelogen oder etwas vergessen. Der Witzbold hat mich sogar einmal nach einem Part gefragt. Ich habe ihm diesen Part auch geschickt, aber dieser Dreckssong kam aus irgendeinem Grund nie raus. Aber so viel dazu, selbst er hat einen Part von mir bekommen, und er hat nicht nur einmal danach gefragt! Aber scheiß drauf, ich habe jedes Feature aus Überzeugung gemacht, ob es Sinan G oder Bushido war, für mich gab es immer Gründe, das zu tun. Und da gibt es keinen außer mir selbst, den das jucken sollte.

(c) M.Nachtschatt-4436
MoTrip live by Moritz Nachtschatt

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