Monobrother

Monobrother ist ein „Stuwerboy“ // Video

Monobrother

Das im zweiten Wiener Gemeindebezirk liegende Dreieck zwischen Venediger Au und Vorgartenstraße, auch bekannt als Stuwerviertel, verfügt über eine vergleichsweise junge Grätzlgeschichte. Diese ist dafür umso bewegter. Im noch unbebauten Gebiet neben dem Wurstelprater unterhielt im 18. Jahrhundert der Pyrotechniker und spätere Namenspatron Johann Georg Stuwer auf der Feuerwerkswiese Schaulustige, 1784 sorgte er dort mit dem Aufstieg eines selbst entwickelten Heißluft-Fesselballons für den Beginn der bemannten Luftfahrt in Österreich. Ab den 1870er-Jahren machte dank der ersten Donauregulierung und dem Verschwinden der Sumpfgebiete rund um den Strom eine umfassende Bebauung Sinn. Nach dem Wiener Börsenkrach – und damit just in der Zeit der Großen Depression – siedelten sich gegen Ende der Habsburgermonarchie zahlreiche Arbeiter mit überwiegend tschechischen Nachnamen an, die meisten von ihnen waren in umliegenden Industriebetrieben tätig. Damit stellte das Stuwerviertel den Kontrapunkt in der sonst bürgerlich geprägten Leopoldstadt dar. Seit jeher zählt es zu den ärmsten Gegenden Wiens.

Dank der Nähe zur Donau, dem heute als Praterstern bekannten Nordbahnhof sowie dem Nordwestbahnhof entwickelte sich das Grätzl rasch zum Umschlagplatz für Waren aller Art, der angrenzende Mexikoplatz wurde zum Zentrum des Wiener Schwarzmarkts. In Verruf geraten ist das Stuwerviertel aber vor allem dank zahlreicher Rotlichtbars, offener Prostitution und allerlei herumflankierender Pücha, die eine hohe Dichte an Puffn, Feitln und Polizeieinsätzen garantierten. Naturgemäß wollte die Stadt Wien in den vergangenen Jahrzehnten dem Schmuddelimage einiges entgegensetzen, Erfolg in Form eines in Gang gesetzten Gentrifizierungsprozesses schlich sich allerdings erst spät ein. Neben der gezielten Verlagerung der Straßenprostitution in Stadtrandgebiete zeigte in den vergangenen Jahren vor allem die Übersiedlung der Wirtschaftsuniversität in den Prater Wirkung. Dass das Stuwerviertel einen hohen Bestand an sanierungswürdigen Altbau-Zinshäusern aufweist, befeuert die Aufwertung nur weiter.

Ein gefundenes Fressen für einen Rapper wie Monobrother, der ein Faible dafür hat, Alltagsbeobachtungen und austriakische Abgründe scharfzüngig zu verpacken. Obendrein ist er seit seiner Kindheit tief mit dem Stuwerviertel verbunden, auch wenn er Teile seiner Jugend etwa 100 Donaukilometer stromaufwärts in der Mostviertler Idylle verbracht hat. Sein Wiener Heimatgrätzl erwähnte er bereits auf dem Track „90s Nostalgier“ einleitend: „Klappe auf, Stuwervial, Kuschelbars vua da Tia und trotzdem mehr Charakter ois dei künstlicher Kulturbezirk.“

Nach sechs Jahren ohne Solotrack sorgt Monobrother nun mit „Stuwerboy“ für eine umfassende Hommage. In der Zwischenzeit wurde offenbar schon gehörig am erwähnten Charakter der Gegend genagt. Zwar ist das Stuwerviertel nach wie vor weniger farbenprächtig als etablierte Bobo-Zonen, doch Luxus-Studentenheime und Mietpreise à la 1.000 Euro für eine Garçonnière bleiben eben nicht ohne Auswirkungen. So infiltrieren immer mehr „Außerirdische vom Campus“ die Gegend. Da erscheint der zyklisch auftretende „Nationalhymnenseeligkeitszinnober“ der „Stiegl-Fahnen-Grölfiguren“ rund um Fußball-Länderspiele im Ernst-Happel-Stadion schon erdiger, wenngleich nicht weniger belastend. Immerhin gibt es mit Institutionen wie dem Dezentral oder einem Dönerstand noch ehrwürdige Grätzloasen, in denen es sich mit den richtigen Stimulanzien im Tank vorzüglich über Nervensägen aller Art auskotzen lässt.

Bei seiner Hommage an das „Paradies zum Selberbasteln“ harmoniert Monobrother fein mit dem jazzig-smoothen Instrumental von Fid Mella. Im dazugehörigen Video gehen die beiden – inklusive der Honigdachs-Clique – auf Grätzltour. „Stuwerboy“ ist der erste Vorbote zum Album „Solodarität“, das am 12. April erscheint.

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