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Gereifter Grant: Monobrother mit „Solodarität“ // Review

Gereifter Grant: Monobrother mit „Solodarität“ // Review

Monobrother

Monobrother

Eine euphorisch dreinblickende Menge, die mit strahlenden Gesichtern die eigene Ausgebranntheit übertäubt. Mittendrin ein entgeisterter Monobrother, der sich am Kopf kratzt und offensichtlich fragt, wo er da schon wieder gelandet ist. Das Cover zu „Solodarität“ könnte aus einem Track des Wiener Rappers stammen.

Monobrother brachte seine Aversion gegen diverse gesellschaftliche Auswüchse und Abgründe wie den neoliberalen Leistungsdruck schon auf den Vorgängerwerken „Haschgiftspritzer“ und „Unguru“ zum Ausdruck. Dabei baute er zunehmend auf bildliche, mit viel Zynismus sowie teils mit originellen Wortschöpfungen ausgestaltete Szenen, die sich in seinem Habitat zwischen Wien und dem idyllischen Mostviertel abspielen, in dem er seine Jugend verbracht hat. Spätestens seit dem Release von „Unguru“ Anfang 2013 gilt er als einer der scharfzüngigsten Rapper Österreichs.

Dementsprechend hoch waren die Erwartungen an „Solodarität“. Das Album hatte eine Vorlaufzeit von mehr als sechs Jahren. Eine Zeitspanne, die sich in einer von Reizüberflutung, kurzlebigen Hypes und Aufmerksamkeitswettbewerben geprägten Rap-Landschaft wie eine Ewigkeit anfühlt. Sie zeigt allerdings auch, wie hoch Monobrothers Ansprüche ans eigene Schaffen sind: „Aufgrund des Nichtwollens von ‚Unguru 2‘ hatte ich eine Art Schreibsperre, da mich die Kalauer, die ich bis zu einem gewissen Zeitpunkt gesammelt habe, nicht amüsiert haben“, erzählte er uns kürzlich im Interview. Es dürfte eine Weile gedauert haben, bis er seine Beobachtungen und seinen aufgestauten Grant wieder auf Papier bringen konnte, ohne sich inhaltlich zu sehr zu wiederholen.

Nahmen auf „Unguru“ noch mehrere Lines auf die Popkultur und hiesige Ausformungen der Fußballwelt Bezug, geht Mono diesmal besonders einer innerstädtische Feel-Good-Mittelschicht, selbsternannten Vertretern der politischen Mitte und ihrer Scheinheiligkeit an die lyrische Gurgel. Als Grundintention dient seine fehlende Empathie für Menschen, die sich grundsätzlich zwar eh konsumkritisch geben, aber gleichzeitig an einen gesitteten Wettbewerb und gute Spielarten des Kapitalismus glauben – Leute, die es sich in ihrer gut situierten Bubble gemütlich machen.

„Schau, i spend ja manchmal eh für die Versager und die Krüppel, aber müssen die andauernd vor mei’m Biomarkt sandeln? Könnens ned zum Lidl fahren gammeln? Da hams gleichgesinnte. Es kann ned nur Gewinner gebm im Reich der Mitte“

Mit den an den Anfang gereihten Tracks „Schu Schu Kolibri“, „Bombileben“, „Solodarität“ und „Stuwerboy“ demonstriert der mit dem Stuwerviertel verbundene Rapper seinen Grant auf diese Art von Menschen, die sich seit geraumer Zeit auch in seinem einst so verrufenen Wiener Heimatgrätzl ausbreitet und sinnbildlich für die „Solodaritätskultur“ ist. Dabei kommt Monos größte lyrische Stärke gut zur Geltung: Alltägliche Situationen in überspitzter, zynisch-humoristischer Manier verbildlichen, ins hiesige Skurrilitätenkabinett blicken und gesellschaftliche Abgründe wortspielreich zur Schau stellen.

Das gelingt ihm auch nach einem Schauplatzwechsel in ländliche Gefilde, konkret auf „Ehe“, mit den Bergfexen DRK & FOZ beim Sezieren von „Alpenoligarchen“ sowie der schaurig-schönen Hommage an seine Zeit im „Mostblock“. Eine besondere Hervorhebung verdient sich der Verlauf bei „Ehe“. Mono handelt zunächst die triste Standardversion des Landlebens ab, bevor sich die weibliche im „Zeitraffer verwesende, fade Leiche“ als Folge von aufgestauter Wut die letzte Ausflucht in drakonischen Gegenmaßnahmen findet.

Trotz einiger schnell einprägsamer Lines und Storys nimmt das Hören von „Solodarität“ viel Konzentration in Anspruch. Einerseits wegen der fast durchwegs schnell gerappten Parts, andererseits, weil jeder der zwölf Tracks thematisch dicht aufgeladen ist. Manchmal macht sich dabei bemerkbar, dass Monobrother immer wieder getrennt voneinander geschriebene Textfetzen zusammengebaut hat. Mitunter nutzt Mono diese Übergänge auch für Szenenwechsel, um von Mitmenschen sowie ihren Denk- und Verhaltensmustern abzuschweifen und sich in Form von alltagsnahen, oft selbstironischen Lines mit eigenen Schwächen, Problemen und Sorgen zu befassen.

„I man, i les die Post nur bsoffn, steht des wieselburger tiaf, dann waaß i: RSb steht fia ‚richtig super Briaf‘. Schauen S‘, i les des Klangedruckte ned, i bin a Überflieger, Bundesadler-Briefkopf is immer Psychothriller“

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Ausfälle gibt es erwartungsgemäß keine. Zu verkopft ist die Arbeitsweise des Mundartrappers, zu akribisch schleift er an seinen Parts und lässt Zeile für Zeile reifen. Am ehesten fällt noch „Insel“ mit den Featuregästen Kreiml & Samurai ab. Ein solider Track, bei dem die Schweinehund-Bars der Honigdachs-Kollegen zwar durchaus unterhalten, aber im direkten Vergleich nicht an die gemeinsamen Glanzleistungen „Wiener“ und „D.b.M.W.“ herankommen können.

Als eines der Highlights kristallisiert sich „Zores“ heraus. Monobrother gibt sich punkig-destruktiv und lässt eine misanthropische Seite durchdringen, die er sonst im Vergleich zu den ersten Alben zurückgeschraubt hat. Der markante, wummernde Beat von Trishes ist bewusst gewählt, um auch soundtechnisch eine dreckige, raue Facette zu zeigen. Generell war es Mono ein Anliegen, sich von sauber gesampelten Boombap-Unterlagen wegzubewegen. Dazu tragen auch die restlichen, überwiegend von Fid Mella produzierten Beats bei. Diese bilden oft einen entspannten Kontrast zu den mit hoher Intensität einprasselnden Texten. Im Vergleich zu den Stixx-Beats bieten sie mehr eingespielte Synths und aufpoppende Spuren, auch auf instrumentaler Ebene eine Abgrenzung zu „Unguru“.

Fazit: Mit „Solodarität“ liefert Monobrother ein intensiv beladenes Werk, mit dem er ein weiteres Mal unter Beweis stellt, dass er ein Ausnahmekünstler ist. Das manifestiert sich vor allem auf lyrischer Ebene, wo Mono mittels elaborierter Alltagsbeobachtungen an urbanen und ländlichen Schauplätzen gesellschaftliche Abgründe beleuchtet. Die Tracks sind mit viel zynischem Humor ausgestaltet und bieten in jeder Phase hohen Unterhaltungswert – auch weil Mono immer wieder zwischen den Szenerien pendelt und neben scharfzüngiger Fremd- auch selbstironische Eigenbeobachtung einstreut. Die oft entspannten Beats bilden den passenden Kontrast zur hohen textlichen Schlagkraft. Insgesamt konnte das Album die hohen Erwartungen erfüllen. „Solodarität“ ist ein heißer Kandidat für „Album des Jahres“-Auszeichnungen, ein prominenter Platz in jeder vernünftigen Allzeit-Österrap-Bestenliste sollte gesichert sein. Ob es dort auch für den Platz an der Sonne reicht, muss aber jeder für sich entscheiden. Vermutlich sind ohnehin noch weitere Durchläufe nötig, um das Einordnen zu können.

Morgen spielt Monobrother als einer der Hauptacts bei „22 Years The Message“ im Fluc. Dass er auch live zu den besten österreichischen Rappern zählt, konnte er bereits vor einigen Wochen bei der Releaseshow unter Beweis stellen.

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