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Monobrother

Gereifter Grant: Monobrother mit „Solodarität“ // Review

Monobrother

Eine euphorisch dreinblickende Menge, die mit strahlenden Gesichtern die eigene Ausgebranntheit übertäubt. Mittendrin ein entgeisterter Monobrother, der sich am Kopf kratzt und offensichtlich fragt, wo er da schon wieder gelandet ist. Das Cover zu „Solodarität“ könnte aus einem Track des Wiener Rappers stammen.

Monobrother brachte seine Aversion gegen diverse gesellschaftliche Auswüchse und Abgründe wie den neoliberalen Leistungsdruck schon auf den Vorgängerwerken „Haschgiftspritzer“ und „Unguru“ zum Ausdruck. Dabei baute er zunehmend auf bildliche, mit viel Zynismus sowie teils mit originellen Wortschöpfungen ausgestaltete Szenen, die sich in seinem Habitat zwischen Wien und dem idyllischen Mostviertel abspielen, in dem er seine Adoleszenz verbracht hat. Eine Kombination mit hohem Alleinstellungsmerkmal. Spätestens seit dem Release von „Unguru“ Anfang 2013 zählen ihn einige zu den scharfzüngigsten, lyrisch versiertesten Rappern Österreichs.

Dementsprechend hoch waren die Erwartungen an seinen im April erschienenen dritten Streich „Solodarität“. Das Album hatte eine Vorlaufzeit von mehr als sechs Jahren. Eine Zeitspanne, die sich in einer von Schnelllebigkeit, Reizüberflutung und Aufmerksamkeitswettbewerben geprägten Rap-Landschaft wie eine Ewigkeit anfühlt. Sie zeigt allerdings auch, wie hoch Monobrothers Ansprüche ans eigene Schaffen sind: „Aufgrund des Nichtwollens von ‚Unguru 2‘ hatte ich eine Art Schreibsperre, da mich die Kalauer, die ich bis zu einem gewissen Zeitpunkt gesammelt habe, nicht amüsiert haben“, erzählte er uns kürzlich im Interview. Es dürfte eben lange gedauert haben, bis er seine Beobachtungen und seinen aufgestauten gesellschaftlichen Grant wieder gekoppelt auf Papier bringen konnte, ohne sich thematisch zu wiederholen.

Waren auf „Unguru“ noch einige Lines auf hiesige Ausformungen der Fußballwelt und der Popkultur bezogen, geht Mono diesmal besonders einer innerstädtische Feel-Good-Mittelschicht, selbsternannten Vertreter der politischen Mitte und ihrer Scheinheiligkeit an die lyrische Gurgel. Als Grundintention dient seine fehlende Empathie für Menschen, die sich grundsätzlich zwar eh konsumkritisch geben, aber gleichzeitig an einen gesitteten Wettbewerb und gute Spielarten des Kapitalismus glauben – Leute, die in ihrer gut situierten Bubble gefangen sind und sich quasi das Gewissen reinkaufen können.

„Schau, i spend ja manchmal eh für die Versager und die Krüppel, aber müssen die andauernd vor mei’m Biomarkt sandeln? Könnens ned zum Lidl fahren gammeln? Da hams gleichgesinnte. Es kann ned nur Gewinner geben im Reich der Mitte“

Mit den an den Anfang gereihten Tracks „Schu Schu Kolibri“, „Bombileben“, „Solodarität“ und „Stuwerboy“ demonstriert der im Stuwerviertel sozialisierte Rapper seinen Grant auf diese Menschengruppe, die sich seit geraumer Zeit auch in seinem einst verrufenen Heimatgrätzl breitmacht und sinnbildlich für die aktuelle „Solodaritätskultur“ ist. Dabei kommt Monos größte lyrische Stärke gut zur Geltung: Alltägliche Situationen in überspitzter, zynisch-humoristischer Manier verbildlichen, ins hiesige Skurrilitätenkabinett blicken und gesellschaftliche Abgründe wortspielreich zur Schau stellen.

Das gelingt ihm auch nach einem Schauplatzwechsel in ländliche Gefilde, konkret auf „Ehe“, der treffenden Beschreibung widerlich gesinnter „Alpenoligarchen“ mit Unterstützung der rappenden Bergfexe DRK & FOZ sowie einer schaurig-schönen Hommage an seine Zeit im „Mostblock“. Eine besondere Hervorhebung verdient sich der Verlauf bei „Ehe“. Mono handelt zunächst die triste Standardversion des Landlebens ab, bevor sich die weibliche im „Zeitraffer verwesende, fade Leiche“ als Folge von jahrzehntelang aufgestautem gegenseitigen Hass und ewigem Wegschweigen ins Abmaxeln ihres männlichen Pendants flüchtet. Schöne, brutal ausgestaltete Pointe, auch wenn sie ursprünglich als Finale für einen weniger alltagsnahen Track mit einem Verschwörungstheoretiker als Opfer gedacht war.

Trotz einiger sofort einleuchtender Lines nimmt das Hören von „Solodarität“ durchaus Konzentration in Anspruch. Einerseits wegen der fast durchwegs schnell runtergerappten Parts, andererseits, weil jeder der zwölf Tracks thematisch dicht aufgeladen ist. Manchmal macht sich bemerkbar, dass Monobrother immer wieder getrennt voneinander geschriebene Textfetzen zusammengebaut hat. Die vielen dadurch entstandenen Übergänge wirken bei den ersten Durchläufen fordernd, ergeben aber letztlich ein eingängiges Gesamtwerk. Mitunter nutzt Mono diese auch für Szenenwechsel, um von Mitmenschen sowie ihren Denk- und Verhaltensmustern abzuschweifen und sich in Form von selbstironischen, alltagsnahen Lines mit eigenen Schwächen und den Grenzen seiner ausgeprägten Wurschtigkeit auseinanderzusetzen. Eine hohe Qualität, die Abwechslung reinbringt und oft zum Schmunzeln bringende Zeilen hervorbringt.

„I man, i les die Post nur bsoffn, steht des wieselburger tiaf, dann waaß i: RSb steht fia ‚richtig super Briaf‘. Schauen S‘, i les des Klangedruckte ned, i bin a Überflieger, Bundesadler-Briefkopf is immer Psychothriller“

Ausfälle gibt es erwartungsgemäß keine. Zu verkopft ist die Arbeitsweise des Mundartrappers, zu akribisch schleift er an seinen Parts und lässt jede Zeile reifen. Am ehesten fällt noch „Insel“ mit den Featuregästen Kreiml & Samurai ab. Ein solider Track, bei dem die Schweinehund-Bars der Honigdachs-Kollegen zwar durchaus unterhalten, aber im direkten Vergleich nicht mit den ausgefeilteren gemeinsamen Glanzleistungen „Wiener“ und „D.b.M.W.“ mithalten können.

Als eines der absoluten Highlights kristallisiert sich „Zores“ heraus. Mit dem Track lässt er gezielt punkige Inspirationen wie Sleaford Mods durchdringen, gibt sich destruktiv und lässt eine misanthropische Seite durchdringen, die er sonst im Vergleich zu den ersten Alben zurückgeschraubt hat. Der markant wummernde Beat von Trishes ist bewusst gewählt, um auch soundtechnisch eine dreckige, raue Facette zu zeigen. Mono war es schließlich ein Anliegen, diesmal nicht nur über sauber gesampelte Boombap-Unterlagen zu rappen. Dazu tragen auch die restlichen, überwiegend von Fid Mella produzierten Beats bei. Diese fallen größtenteils um einiges entspannter aus und bilden damit einen guten Kontrast zu den mit hoher Intensität einprasselnden Texten von Mono. Im Vergleich zu den Stixx-Beats bieten sie mehr eingespielte Synths und aufpoppende Spuren, womit sie für eine weitere Entfernung vom klassischen Boombap-Charakter und auch auf instrumentaler Ebene für eine klare Abgrenzung zu „Unguru“ sorgen.

Fazit: Mit „Solodarität“ ist Monobrother ein intensiv beladenes, durchwegs rundes Gesamtwerk gelungen. Er stellt damit ein weiteres Mal unter Beweis, dass er ein absoluter Ausnahmekünstler ist. Das manifestiert sich vor allem auf lyrischer Ebene, wo Mono mittels elaborierter Alltagsbeobachtungen an diversen Schauplätzen gesellschaftliche Abgründe beleuchtet. Die Tracks sind mit viel zynischem Humor sowie der ein oder anderen Wortkreation ausgestaltet und bieten in jeder Phase hohen Unterhaltungswert – auch weil Mono immer wieder zwischen den Szenerien pendelt und neben scharfzüngiger Fremd- auch selbstironische Eigenbeobachtung einbaut. Die überwiegend entspannten Beats bilden den passenden Kontrast zur hohen textlichen Schlagkraft. Insgesamt konnte das Album die hohen Erwartungen absolut erfüllen. „Solodarität“ ist somit ein heißer Kandidat für „Album des Jahres“-Auszeichnungen und hat sich einen prominenten Platz in jeder vernünftigen Allzeit-Österrap-Bestenliste verdient. Ob es dort für den Platz an der Sonne reicht, muss aber jeder für sich entscheiden. Vermutlich sind für eine endgültige Bewertung ohnehin noch ein paar weitere Durchläufe nötig.

4,5 von 5 Ananas

Morgen spielt Monobrother als einer der Hauptacts bei „22 Years The Message“ im Fluc. Dass er auch live zu den besten österreichischen Rappern zählt, konnte er bereits vor einigen Wochen bei der Releaseshow unter Beweis stellen.

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