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Brenk

Ein „Midnite Ride“ mit Brenk Sinatra

„Weit kann ich heut nicht gehen“, sagt Brenk Sinatra, als wir ihn in seiner Kaisermühlner Heimat begrüßen. Beim kurzen Weg zum Bankomaten klagt er über seinen hatscherten Gang, der aus einer kürzlich zugezogenen Basketballverletzung resultiert. Gut also, dass ohnehin geplant ist, ihn mit dem Auto mitzunehmen und Richtung Kahlenberg zu fahren. Dort möchten wir an diesem regnerischen Montagabend den Ausblick aufs nächtliche Wien genießen und über sein am 06. September erschienenes Instrumentalalbum „Midnite Ride II“ plaudern.

Nachtmensch

Dass Brenk nach dem Einsteigen andeutet, selbst kein Auto mehr zu haben, überrascht im ersten Moment. Denn wie beim 2015 erschienenen ersten Teil von „Midnite Ride“ ist es für die Aufmachung zentral. Zierte damals ein Cadillac das Cover, ist diesmal eine Felge abgebildet. „Natürlich spiele ich damit, aber ich habe seit einer legendären Panne vor paar Jahren kein Auto mehr. Ich bin am meisten Fußgänger, Fahrradfahrer und sitze oft lange im Zug“, erklärt er. Bei der Instrumental-Reihe gehe es ohnehin mehr ums Kopfkino. Dieses komme am besten zur Entfaltung, wenn es dunkel ist und in irgendeiner Form Bewegung drin ist – ganz egal ob im Auto, am Rad, im Zug, am Skateboard oder eben zu Fuß.

Brenk
Fotos: Daniel Shaked

Eine besonders große Bedeutung schreibt Brenk der Finsternis zu: „Die Nacht ist spannender als der Tag. Sie macht irgendwas mit mir, seit ich klein bin. Sie setzt in mir Moods frei, die so eine Musik produzieren. Dieses nicht greifbare Element komme auch beim nächtlichen Hören zur Geltung: „Wenn du die Platte so anhörst, ist sie cool. Aber in der Dunkelheit entfaltet sie eine gewisse Wirkung. Das hört sich vielleicht esoterisch an oder ist Voodoo-Shit, aber die Dunkelheit ist wie das Gewürz, das vorher gefehlt hat.“

Angekommen am Wiener Stadtberg, ergattern wir kurz vor Sperrstunde noch eine Runde Bier im Café Kahlenberg. Wir platzieren uns bei einem Tisch unter dem Vordach, das bei Brenk Erinnerungen an die alte Heimat seiner Mutter weckt: „Wie das Café in Bratislava schaut’s aus mit dem Kommunismus-Dachl.“  Für weitere Ablenkung sorgt der gegenüber platzierte Waggon der vor rund 100 Jahren eingestellten Kahlenbergbahn.

Weniger BPM, schneller rausgeballert

Nach dem Umschwenk aufs Musikalische entwickelt sich ein entspanntes Gespräch. Brenk redet schnell, bleibt aber verständlich, pointierte Ausführungen scheinen aus ihm herauszusprudeln. Er wirkt fokussiert und lässt gleichzeitig immer wieder den Schmähbruder raushängen. Angesprochen auf den grundlegendsten Unterschied im Vergleich zum ersten „Midnite Ride“-Teil, sagt er: „Es ist die aktuellste Platte, die es je von mir gegeben hat. Bis auf paar Grundgerüste habe ich in den vergangenen sechs, sieben Monaten gezielt darauf hinproduziert. Fast jeder Beat, den ich fertig gemacht habe, hat es raufgeschafft.“ Auf einen zu verkopften Zugang, der einem Release des finalen dritten Teils seiner „Gumbo“-Reihe bisher im Weg stand, wollte er verzichten: „Ich habe mir vorgenommen, viel mehr aus der Hüfte rauszuballern. Die Musik entsteht ja auch total intuitiv.“

Hinzu kommt, dass „Midnite Ride“ noch am Anfang eines stilistischen Umbruchs stand. Lange waren Brenks Produktionen sehr samplelastig, bis er vor ein paar Jahren dem Synthesizer-Wahn verfallen ist und in einige analoge Flagschiffe investiert hat. Diese möchte er wie ein Feinmechaniker bedienen. So möchte er einen organischen Vintage-Flavour kreieren, der dem Equipment gerecht wird: „Ich sage jetzt nicht, dass ich der große Mozart bin. Ich zocke halt eine Minute, nehme mir die besten zehn Sekunden und schneide sie wieder zusammen. Ich sample mich selbst.“ Fremde Samples sind nach wie vor vertreten, allerdings weniger prominent: „Die liegen oft drunter. Wenn du fünf Layers hast, ist der unterste das Sample und alles wabbelt rundherum.“

Auf „Midnite Ride II“ pendeln sich fast alle Beats zwischen 70 und 75 BPM ein und sind damit deutlich langsamer getaktet als beim ersten Teil. Brenk schätzt dieses Tempo, weil er sich darauf gut austoben kann: „Abseits der Trap-Schablone kann ich viel mehr mit Percussions und Hi-Hats spielen als bei 90 BPM. Der Vibe ist derselbe, aber das Soundbild ein anderes.“ Seit einiger Zeit ist er hauptsächlich in diesem Tempo unterwegs, das zunehmend auch bei Produktionen für Rapper zur Geltung kommt – etwa dem kürzlich erschienenen „Ratzen & Rennen“ von Donvtello & Tightill.

Sein ausgeprägtes Gespür für Soundästhetik hat sich der Kaisermühlner über die Jahre selbst angeeignet und stetig weiter geschärft. Das Rezept klingt simpel: Konsequentes Musik hören, immer über den HipHop-Tellerrand hinaus. „Es fragen mich viele Leute, aber ich war auf keiner SAE oder sonst wo. Ich bin einfach ein Musiknerd, der Musik frisst und jeden Tag extrem viel verschiedenes Zeug hört. Ich schaue mir zum Beispiel bei irgendwelchen New-Wave-Sachen an, wie die Drums gemischt sind“, erklärt er.

Brenk

Zwischen zwei Welten

Obwohl die BPM-Zahl niedrig ausfällt und die Beats einen starken Südstaaten-Einschlag haben, war es Brenk ein Anliegen, eine Brücke zwischen Trap und Boombap zu schlagen. Auch als Reaktion auf das Schablonendenken vieler Musikerkollegen und Freunde, die das jeweilige Gegenstück nicht respektieren: „Beide Seiten schalten auf Stur. Aber dazwischen ist so ein riesen Spektrum, du kannst dir so geil von beiden Welten was nehmen. Ich bin in der Mitte, die Platte zeigt das für mich wie keine andere.“ Sein Ziel sei es, damit die Fronten ein wenig aufzulockern: „Ich habe es schon Boombap-Nazis und Hardcore-Trappern vorgespielt und gemerkt, dass alle irgendwie damit warm werden. Das war genau meine Absicht, finde ich geil.“

Für ein Instrumentalrelease eher ungewöhnlich, unterstützen auf „Midnite Ride II“ einige befreundete Produzenten. So scheinen Fid Mella, Lex Lugner, Saiko, Dexter und der „extrem talentiertesymtex128 als Featuregäste auf. Entstanden seien die Beat-Kollabos erst in der Finalphase. Zu Lex Lugner und Fid Mella habe Brenk etwa gesagt: „Ich hab in zwei Wochen Abgabe, flankts mir noch paar Baustellen rüber?‘ Anschließend sei er bei einer zehnstündigen Studio-Session in einen Wahn verfallen, nachdem ihm die Idee für das Outro „Pure (LLNH)“ kam. Dieses ist dem im März erschossenen Rapper Nipsey Hussle gewidmet.

Auch von den anderen Kollegen bekam Brenk einige ungeschliffene Entwürfe: „Das können irgendwelche Loops, ganz fertige Sachen bis hin zu kompletten Baustellen sein, wo dir aber der Vibe taugt und du sagst: Das ist es!“ Teile davon habe er anschließend im Alleingang weiterbearbeitet: „Ich habe dann die Spuren bekommen und davon genommen, was ich verwenden will. Dann habe ich alles in einen Topf gehaut, verrührt und dazugewürzt.“ Dabei tauschte er etwa Drums aus oder spielte etwas drüber. Dass die Kollabos erst kurz vor der Abgabe fertig geworden sind, habe für Brenk kein Problem dargestellt: „Das Glück ist, dass mir die Leute soundtechnisch schon blind vertrauen. Sie wissen, dass ich nie einen Scheißdreck machen würde oder etwas, das sie nicht vertreten können. Ich sehe das als Privileg, habe es mir aber auch hart erarbeitet.“

Brenk

Den finalen Sound der 20 analog gemasterten Beats bezeichnet Brenk als rund. Er sei richtig zufrieden mit dem Album, was bei früheren Releases meist nicht der Fall war – auch weil die Beats dann meist schon nicht mehr ganz aktuell waren. So seien ihm bei Teil von „Midnite Ride“ eine Woche nach dem Release einige Kleinigkeiten aufgefallen: „Wenn ich etwas auf einer Platte höre und es nicht mehr ändern kann, werde ich wahnsinnig. Da bin ich drei Tage grantig und zucke aus, weil ich dann fix irgendeinen Scheiß höre, der mir zu leise oder zu laut ist, oder mir eine Kompressor-Einstellung nicht passt.“ Das beste Mittel dagegen? Die eigenen Platten einfach nicht anhören, wie er schmunzelnd sagt. Ohnehin stünden zum Zeitpunkt eines Releases immer schon wieder vier, fünf neue Projekte an, denen Brenk seine Aufmerksamkeit widmen wolle.

Ausklang

Als der Regen aufhört, schlendern wir für eine Fotosession zum windigen Kahlenberg-Parkplatz. Während ein übender Fahrschüler um uns kreist, beschließen wir, am Rückweg noch auf ein zweites Bier zu gehen. Da wir in Kaisermühlen an der mitternächtlichen Abrechnungspause einer Tankstelle scheitern und Freiluft-Alternativen zu später Stunde in der Vorstadt rar gesät sind, versumpern wir unverhofft im Außenbereich des nahegelegenen Schachtelwirts. Dort verleiben wir uns noch je ein kleines Bier und einen eher farblosen Veggie-Burger ein, bevor der „Midnite Ride“ langsam zu seinem Ende kommt. Am nächsten Morgen heißt es für Brenk schließlich früh aufstehen – das Studio ruft.

„Midnite Ride II“ ist über HHV-Shop als „Standard Vinyl“ und CD erhältlich. Eine limitierte „Deluxe Edition“ und die Tapes waren bereits am Releasetag vergriffen. Auf YouTube gibt es eine Playlist zum Album, die mit einem begleitenden Video versehen ist. Die von Clefco und Simp umgesetzten Bilder sind entstanden, als sie drei Tage und Nächte mit Brenk durch Wien gefahren sind: „Ich habe mir gedacht, dass sowieso jemand das ganze Album auf YouTube hochladen wird und so ist es wenigstens mit Video oben. Es sollen einfach schöne, stimmige Bilder sein. Eher als Mood, jetzt nicht mit irgendeiner Story“, sagt er.

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