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Zwischen Rausch und Kontrollverlust: Majan mit „Oh Boi“ // Review

Zwanzig Jahre alt, schon ein eigenes Label und eine anstehende Tour Im Oktober. Der Rapper Majan aus Schorndorf, einer Kleinstadt in der Nähe von Stuttgart, gehört zu einer neuen Generation an aufstrebenden Künstlern. Pashanim, Kasimir144 und Yin Kalle, um nur ein paar zu erwähnen, sind alle Anfang zwanzig und entwickelten sich jeweils dank eines Hits zu aufsteigenden Newcomern. Auch Majans Karriere hat schlagartig begonnen, nachdem er mit Cro den Song „1975“ aufgenommen hatte und sich nach diesem Startschuss innerhalb eines Jahres immer mehr in den musikalischen Mittelpunkt rücken konnte.

Dass Cro und Majan viele stilistische Parallelen aufweisen, ist beiden klar. „1975“ ist überhaupt erst entstanden, weil Majan ständig zu hören bekam, wie ähnlich er und der Rapper mit der Pandamaske klingen – und er Cro kurzerhand anschrieb. Wie der einstige „King of Raop“ setzt Majan auf einen sehr poplastigen Sound. Doch anstelle von Radiomelodien und kommerziellen Texten experimentiert er mehr mit Musikstilen und Beats, er bewegt sich dabei zwischen HipHop, Pop und Gesang.

„Oh Boi“ ist Majans erstes Album, es erschien in zwei Etappen über die separaten EPs „Oh“ und „Boi“. In beiden Teilen bewegt er sich thematisch zwischen im-Rausch-aufgehen und unterschwelliger Drogenkritik. Diese macht er aber nicht an anderen fest, sondern bezieht sich auf sich selbst und reflektiert seinen Konsum. Es wirkt, als wäre er hin- und hergerissen zwischen „Got a pool full of liquor and I dive in it” und “Hab nichts zu tun und mach‘ immer nur den gleichen shit“. Ganz ohne Drogenverherrlichung kommen seine Texte aber nicht aus. Im selben Song „Pool“, aus dem auch die zuvor erwähnten Passagen stammen, singt er etwa:

Energy im Glas und mein Weed / Ich habe alles, was ich will, wenn ich durch die Hood flieg‘ / Dieser Weg hier war mein Ziel und ich glaub‘ ich bin verliebt“

MAJAN auf „Pool“

Majan liebt den Rausch und versteckt das nicht. Aber hinter Lobgesängen auf das Delirium steckt auch ein Bewusstsein für die damit einhergehende Vernebelung. Dieses spiegelt sich zum Beispiel auf „Monoton“ wider. Auf dem Track rappt er zusammen mit Megaloh und Schmyt, den einzigen Featuregästen des Albums, über Drogennebel aus Langeweile und den Kontrollverlust.

„Mitgehang’n, mitgefang’n, ich hab‘ Angst vor der Angst / Sag‘ ‚Alhamdulil‘, langsam wird’s helfen / Vor mei’m Fenster zwischen heute und gestern / Glücksgefühle – Silvester / Und dann kommt das Ende – Fin“

MAJAN auf „Monoton“

Auf den insgesamt zehn Tracks singt und rappt Majan aber über mehr als nur den Drogenkonsum. Das Album gibt einen Einblick in seine Gefühlswelt und seinen Werdegang. In einem Interview sagt Majan, dass Musik seiner Meinung nach vom Schwäche zeigen und von Intimität lebt. Ein Ansatz, den er offenbar verinnerlicht hat, denn „Oh Boi“ ist definitiv ein intimes Album. Im gleichen Interview spricht Majan auch über seinen Schreibprozess: „Der einzige Ort, wo Musik zusammen mit Sprache entsteht, ist für mich am Klavier.“ Dass der Ursprung jedes Songs in Klaviertasten liegt, ist oft nicht mehr rauszuhören. Majans Liebe fürs Klavier und die damit verbundene Gefühlswelt aber sehr wohl. So sind die zwei emotionalsten Songs auf Klavierbeats aufgebaut. „Bruder“ ist eine Liebeserklärung an seinen kleinen Bruder, „Ich hasse dich“ dreht sich um vergangene Liebe und Gegensätze.

„Ich hasse dich nicht, weil du mich nicht magst / Ich hasse dich dafür, was du mir mal gabst“

MAJAN auf „Ich hasse dich“

Einen tieferen Einblick in seinen Umgang mit dem musikalischen Schaffen und seinen Lebensstil liefert „Leben lassen“. Statt wie seine Schwester zu studieren oder wie sein Bruder beim VfB Stuttgart zu spielen, macht er sich bereit für den nächsten Pisstest. Auch die Reaktion seines Vaters auf seinen Lebensweg thematisiert er kurz.

„Und mein Vater schreit mich an / Sagt mir Mari, du fährst das an die Wand“

MAJAN auf „Leben lassen“

Doch Marian, wie Majan mit bürgerlichem Namen heißt, lässt sich nicht von anderen einreden, welchen Weg er zu gehen hat und ist bereit, Fehler zu machen. Schließlich wächst er an ihnen.

Die Highlights des Albums sind die Tracks „Guantanamera“ und „Taxi“. Während „Taxi“ ein leicht melancholischer, aber einfacher und melodiöser Banger ist, schwingt in „Guantanamera“ abseits des mitreißenden Beats auch eine politische Message mit. Es ist ein Mittelfinger an die Politik und Staatsanwaltschaft, verdeutlicht den Hass am System und dient als Aufruf zum Aufstand. Majan macht damit aus einem kubanischen Klassiker einen Randalesong. Angelehnt ist der Track an die Schorndorfer Woche 2017, bei der Jugendliche anfingen zu „randalieren“ und einige Zwischenfälle von Polizei und Journalisten medial aufgebauscht wurden. Durchaus möglich, dass Majan damals selbst vor Ort war, schließlich kommt er aus Schorndorf.

Sämtliche Beats stammen vom Produzentenduo Killian & Jo, mit denen Majan das DIY-Label Schere, Stein, Papier gegründet hat. Musikalisch sind die Pop-Einflüsse und die Affinität zur Klaviermusik nicht zu überhören. Die Stärken der zehn Tracks liegen letztlich vor allem in den Melodien und der Stimme, weniger in den Texten. Majan sagte in einem Interview: „Ich schreib ganz oft in Blöcken und setz sie dann zusammen. Deswegen ist es manchmal voll schwierig zu sagen, um was es geht. Hört euch den Track an und macht euch eure Gedanken dazu.“ Natürlich haben Reviews immer einen individuellen, subjektiven Charakter. Es erscheint jedoch eindeutig, dass sich Majan bis jetzt mehr auf Melodien und Gesang konzentriert hat, anstatt auf tiefgehendere Messages in seinen Songs zu achten. Aber es ist sein erstes Album und er dürfte bereits seinen melodischen Stil gefunden haben. Ihm bleibt also noch genug Zeit, um auch textlich nachzuziehen.

Fazit: Mit „Oh Boi“ liefert Majan ein kompaktes Album mit genug Stimmungs-Variationen, um es nicht zu eintönig klingen zu lassen, aber genug Zusammenhang, um einen roten Faden erkennbar zu machen. Majan bleibt jenem Stil treu, der schon auf seinen Singles funktioniert hat. Es geht zwar viel um Drogen, aber nicht in Form von generischen Schreien nach Xannys, sondern mit einem gewissen Ansatz an Selbstreflektion. Majan versteht Melodien und hat ein gutes Gespür für Hooks. Wer aber nach einem besonders system- oder gesellschaftskritischen Album sucht, ist hier definitiv falsch, denn den Texten fehlt es noch ein wenig an Tiefe.

3 von 5 Ananas
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