„Viele scheitern am Überfluss der Optionen“ // Mädness & Döll Interview

Mädness und Döll sind zu Beginn des vereinbarten Interviewtermins gerade beim Soundcheck im leeren Flex Café. „Es gab eine leichte Verspätung mit dem Bus“, lässt uns die Tourmanagerin wissen und bittet um ein wenig Geduld. Während sich die beiden rappenden Brüder beim Austesten Tracks vom aktuellen  Album „Ich und mein Bruder“ mit einem zufriedenstellenden Sound konfrontiert sehen, machen wir es uns auf einem der unzähligen Sofas bequem und lauschen beim ersten Bier „Alright“, „High5“ und einigen anderen Nummern. Es ist das fünfte Konzert am fünften Tag und das sieht man den beiden Darmstädtern auch an, obgleich die Laune gut und die Motivation vorhanden sind. „Die Auftritte sind das Entspannendste an einer Tour“, stellt ein etwas heiserer Döll klar, während Mädness sich noch einen Tee macht, um sich schließlich auch zu uns zu gesellen.

The Message: Gerade dieses  euer erstes gemeinsames  Album zeichnet sich dadurch aus, dass ihr aus einer sehr persönlichen Perspektive Themen abhandelt und viel Einblick in euer Inneres gewährt. Wie wichtig ist das Verarbeiten von Privatem für authentische Musik?
Döll: Erstmal finde ich es super, dass du es so siehst, weil es für mich genau das ist, was ich machen möchte. Wenn es vonnöten ist zu überspitzen oder zu untertreiben, aber immer vom Erlebten auszugehen, ist das der Kern und Ausgangspunkt meiner Herangehensweise.
Mädness: Ja, bei Döll ist das extrem und noch einen Tick persönlicher als bei mir, wobei wir bei dieser Platte beide ganz schön aus dem Nähkästchen geplaudert haben. Ich habe bei älteren Releases auch mehr Storyteller oder Geschichten aus den Perspektiven anderer erzählt, die nicht zwangsläufig mit mir zu tun hatten.

Enge Weggefährten von euch wie Audio88 und Yassin fahren mit einigen Ausnahmen sehr stark die Beobachter-Schiene und heben, wenn auch selbst-ironisch, gerne den Zeigefinger. Ist es eine bewusste Entscheidung gewesen, es so persönlich zu halten, oder geht es bei euch gar nicht anders?
Döll: Also es geht auch anders, allerdings habe ich vor allem bei Solo-Songs eine sehr persönliche Herangehensweise. Es gibt Gegenbeispiele wie etwa „Mann im Mond“, was eigentlich fast ausschließlich auf Beobachtungen basiert, aber das ist bei mir eher die Ausnahme.

„Jeder kann Fotograf, Maler oder Rapper werden, wenn er das möchte.
Aber viele scheitern an dem Überfluss an Optionen“

Ihr wurdet in vergangenen Interviews immer wieder auf die Zeile „Ich treff ne Entscheidung, die diesmal ne bewusste ist“ angesprochen. Ihr habt öfters erzählt, dass es sich bei dem Release über Four Music nicht um einen großen Masterplan gehandelt hat, sondern, dass vieles einfach passiert ist. Wann war klar, dass „Ich und Mein Bruder“ größer aufgezogen wird als vergangene Projekte?
Mädness: Eigentlich nach einer Woche, die wir uns mit Torky Tork eingeschlossen haben. Das Album war ursprünglich als EP geplant, bis wir gemerkt haben, dass da mehr Tracks entstehen und ein Album Sinn machen würde. Im Verlauf des anschließenden Vierteljahres hat sich die Zusammenarbeit mit Four Music ergeben.
Döll: Wir haben die Platte weitestgehend fertiggemacht und währenddessen überlegt, wie wir es am besten releasen. Kooperationen mit Landstreicher im Booking und Four Music haben sich einfach gut angefühlt, deshalb haben wir dann auch diese Entscheidungen getroffen.

Auf „Passende Zeit“ behandelt ihr ein Thema mit hohem Identifikationspotential, ständig Zielen und Plänen hinterherzulaufen. Ist das ein spezifisches Phänomen unserer Generation?
Mädness: Das ist auch ein bisschen der Luxus der vielen Möglichkeiten. Dadurch, dass viele die Position haben, frei entscheiden zu können, was sie machen möchten. Jeder kann Fotograf, Maler oder Rapper werden, wenn er das möchte, aber viele scheitern an dem Überfluss an Optionen. Man kann sich viel vornehmen, aber wenige entscheiden sich dann für eine Sache.

In älteren Projekten geht es oft um Selbstzweifel und die innere Zerissenheit im Bezug darauf, was man eigentlich aus seinem Leben machen möchte. Mit den Entwicklungen des vergangenen Jahres und der mittelfristigen Entscheidung für Musik als Brotberuf: Seid ihr zufrieden oder gar angekommen?
Döll
: Die Zusammenarbeit für das Album und was zuletzt passiert ist, fühlt sich gut an, aber es fühlt sich eher an, als würden wir am Anfang stehen. Klar bringen wir Erfahrung und Releases mit, aber wir sind lange noch nicht angekommen.
Mädness: Ich glaube aber auch, dass das „nicht angekommen zu sein“ ein gutes Vehikel ist, um was Neues entwickeln zu können. In dem Moment, wo du dich angekommen fühlst, bist du ja oft auch ein bisschen fettgefressen und ruhst dich vielleicht aus, was der Kunst nicht unbedingt guttun muss.
Döll: Ähnlich ist es mit Unzufriedenheit. Klar ist das kein schönes Gefühl, aber ein guter Motor, um einerseits weiterzumachen und andererseits die Suche nach dem möglichen Ankommen nicht aufzugeben.

Döll // Alle Fotos von Alex Gotter

Ihr habt neben Emotionen und persönlichen Herausforderungen immer wieder Referenzen zu Geldknappheit und dem „sich über Wasser Halten“ in euren Tracks. Bei den Wahlen sowohl in Österreich als auch Deutschland  haben jeweils mehr als 50 Prozent gegen ihre eigenen ökonomischen Interessen gewählt. Sind die Leute einfach zu dumm?
Döll: Wenn ich Ja sage, würde ich auf jeden Fall auch für Audio88 und Yassin sprechen. (zögert) Ich glaube leider ja.
Mädness: Ich würde sagen, nicht zwingend dumm, aber so unengagiert, was ihre eigene Sache betrifft. Mann kann sich in die Materie reinfuchsen, aber die Themen, welche dann von vielen als zentrale Eigeninteressen gesehen werden, sind oft oberflächliche. Man lässt sich viel von Parolen einfangen und schaut nicht so genau hin, ob das für einen wirklich passt.

Wenn man sich aktuelle popkulturelle und politische Phänomene ansieht, stellt man fest, dass der egoistische, Ich-bezogene Mann wieder abgefeiert wird. Trump ist da nur die Spitze des Eisbergs. Denkt ihr, dass der Unfähigkeit, gesellschaftliche Phänomene einzuordnen, ein Selbstreflektionsproblem vorausgeht?
Mädness: Das kann sein. Je weniger man sich selbst reflektiert, desto unbefangener ist man im Bezug auf sein Selbstvertrauen und auf die Wahrnehmung anderer. Man hat es, beziehungsweise macht es sich, teilweise einfacher, wenn man sich nicht so viele Fragen stellt.
Döll: Um nochmal auf die Dummheit der Menschen zurückzukommen: Ich glaube nicht, dass die Menschen von Grund auf dumm sind, sondern dass es ihnen auch vorgelebt wird.

Auf „High 5“ geht es um Anerkennung und darum, als die Person gesehen zu werden, die man im sozialen Umfeld darstellt. Stichwort Filterblase: Wie seht ihr den Einfluss von sozialen Medien und dem ständigen Selbstvermarktungszwang und im Speziellen auf Rap und Identität?
Döll: Ich glaube, dass sehr viele Leute die Nutzung sozialer Medien sehr unglücklich macht. Der Druck, der entsteht, weil alle krasse Projekte haben, viele Likes haben und mit Leuten abhängen, die noch mehr Likes haben, führt dazu, dass sich Wichtigkeiten verschieben. Bei vielen Menschen hat das starken Einfluss auf ihr Handeln und ihre Ziele.
Mädness: Das glaube ich auch. Viele stellen die Anerkennung anderer über ihre eigene Zufriedenheit, weil sie denken, dass es das Gleiche ist. Der kurze Push, den soziale Anerkennung gibt, hat in vielen Fällen nichts mit den eigentlichen Bedürfnissen zu tun. Die Meinung des Umfeldes statt wird dann oft statt der eigenen Bedürfnisse zum Gradmesser.

Die #metoo-Debatte wurde gefühlsmäßig von der deutschsprachigen Rap-Szene eher ignoriert. Ironischerweise hier und da auch mit der Argumentation, dass es niemanden betrifft, weil es ja nach wie vor sehr wenige Frauen in der Szene gibt. Wie steht ihr sowohl in als auch abseits der Musik zur Verantwortung, gewisse Dinge zu sagen, beziehungsweise nicht zu sagen?
Döll: Es ist kein unbedingtes Muss, Stellung zu beziehen, und das sollte nicht als Gleichsetzung mit einer Befürwortung von Homophobie, Sexismus und Rassismus verstanden werden.
Mädness: Ein Künstler hat keine Aufgabe in dem Sinn. Die kann er sich selbst auferlegen, wenn er denkt, dass das, was ihn beschäftigt, mal angesprochen werden muss. Wenn sich jemand komplett raushält oder derartiges nur ironisch anspricht, ist das seine Entscheidung. Man sollte nicht erwarten, dass Künstler konkrete Themen ansprechen müssen, nur weil die gerade heiß sind.
Döll: Da komm ich noch mal zurück zu dem Thema der Anerkennung. Als die „sogenannte Flüchtlingskrise“ in Deutschland begonnen hat, fand ich es super, dass viele Leute Stellung bezogen haben und viele haben auch sehr gute Sachen gesagt. Auf der anderen Seite hatte ich bei vielen Leuten den Eindruck, sie machen das nur, weil man das gerade „machen muss“ und einige Aussagen waren davon abgesehen zumindest sehr schwierig.

„Ich represente Hessen und nicht Hawaii“

Die umgreifende Heimattümelei, die wohl auch durch die Flüchtlingssituation befeuert wurde, wird im Rap häufig mit dem Gegenentwurf des Lokalpatriotismus gekontert. Der aufmerksame Hörer weiß auch über eure Herkunft Bescheid. Was bedeutet Hessen, eure Heimat, für euch und warum representet ihr sie?
Döll: Mädness hatte auf einem alten Track mal die Line „Ich lieb die Stadt wo ich wohn, doch bin kein Stadtpatriot“. Ich sehe das auch verknüpft mit der persönlichen Herangehensweise an Rap. Ich bin in Hessen geboren und aufgewachsen und dementsprechend represente ich Hessen und nicht Hawaii.
Mädness: Es ist auch so ein Rap-geschichtliches Ding, wie ich heiße und wo ich herkomm.
Döll: Es ging uns auch nie darum zu sagen: „Hessen ist das beste Bundesland in Deutschland, kommt alle hierher“. Es geht eher darum, das zu repräsentieren was ich bin, wo ich herkomme und was ich erlebe. Um Identifikation eben.

Und warum „bei weitem nicht Stuttgart“? (Line auf „Ich und mein Bruder“, Anm. der Redaktion)
Döll: Erstmal ist der Ryhme fett und zweitens finde ich einfach sehr vieles, was aus Stuttgart kommt, weak. Dazu muss man aber auch sagen, dass es auch super Sachen aus Stuttgart gibt. Das ist einfach auch eine musikalische Unterscheidung. Der Sound aus Frankfurt oder Hessen hat sich immer schon stark von dem abgehoben, was im Süden, speziell in München oder Stuttgart, passiert. Wenn man uns mit ein paar Stuttgarter Rappern vergleicht, kann man schon sehen, dass es da einfach Unterschiede gibt.

Mädness

Mit den vielen Ausdifferenzierungen und Sub-Genres hat sich in den vergangenen Jahren eine nie da gewesene Vielfalt im deutschsprachigen Rap entwickelt. Habt ihr das Gefühl, dass euch das neue Freiheiten gegeben hat?
Döll: Die Entwicklung hin zu dieser Vielfalt ist Mitgrund, dass wir das machen können, was wir grade machen. Es spielen auch andere Faktoren rein, aber das Gesamtinteresse, das es an Deutschrap mittlerweile gibt, ist ein zentraler Punkt.
Mädness: Es führt auch dazu, dass sich die Leute mehr trauen, weil die Akzeptanz für Unterschiede mehr da ist. Man kann heute eigentlich gar nicht mehr nur von „Rap“ sprechen, weder in Deutschland, noch in Österreich, den USA, England oder sonst wo. Es gibt verschiedene Untergruppen, die sich teilweise so stark unterscheiden, dass es fast schon von eigenen Musikrichtungen sprechen kann.

Mit dem Aufkommen dieser enormen Breite muss sich fast zwangsmäßig Klasse in den entstehenden Nischen bilden. Gibt es gänzlich anderes, das euch anspricht, oder seid ihr sehr von ähnlicher Musik beeinflusst?
Mädness: Klar!
Döll: Auf jeden Fall, wir können ja die Mucke machen, die uns ausmacht und gleichzeitig ganz andere Dinge, wie zum Beispiel Salsa hören. Es gibt da ganz viel, was uns anspricht.

„Wenn wir darauf Bock hätten, eine Rolle zu spielen,
wäre es doch eher die Lehre zum Bankkaufmann geworden“

Um noch einmal zum Thema Anerkennung und dem Spielen einer öffentlichen Rolle zurückzukommen. Ab einer gewissen Bekanntheit werden von Künstlern bestimmte Verhaltensweisen und oft auch eine Erhabenheit über Alltägliches erwartet. Habt ihr manchmal das Gefühl, eine Rolle spielen beziehungsweise Erwartungen erfüllen zu müssen?
Mädness: Das ist ne gute Frage.
Döll: Wenn wir darauf Bock hätten, eine Rolle zu spielen, wäre es doch eher die Lehre zum Bankkaufmann geworden. Es gibt für mich eigentlich keinen großen Unterscheid zwischen der Privatperson und dem Künstler Döll. Klar gibt es Grenzen, die ich ziehe oder Sachen, die ich nicht erzähle, aber ich spiele in dem Sinn keine Rolle.
Mädness: Es kommt auch immer darauf an, wie sehr man sich das selber überstülpt. Wenn man ständig jedem gefallen will, fällt man leicht in dieses Rollenspiel rein. Das ist dann meistens eher ein hausgemachtes Problem. Wenn man komplett darauf scheißt, bekommt man hin und wieder vielleicht auch Gegenwind, weil man entgegen der Erwartungen handelt. Da ist immer auch Frage relevant, was einem persönlich wichtiger ist.

Hat euch die Ehrlichkeit, mit der ihr an eure Texte herangeht, schon mal genervt, weil ihr euch nicht in der Lage fühltet, etwas komplett anderes zu machen?
Döll: (überlegt) Schon. Für mich ist es viel schwieriger, aus meiner eigenen Perspektive zu schreiben. Es gibt einige Projekte, die nie veröffentlicht werden, auf denen ich aus anderen Perspektiven rappe, und da fällt es mir schon einfacher, sich an den gedachten Charaktereigenschaften entlangzuhanteln.

Aber es hat dich nie eingeengt in deiner Musik, so sehr du selbst zu sein?
Döll: Es engt mich nicht ein, aber die einzige Schwierigkeit dabei ist, teilweise die Grenze zu ziehen. Zwischen Sachen, die ich nicht erzählen sollte und dem, was man auf meinen Tracks hören kann. Ich geh‘ teilweise sehr tief, aber es gibt Sachen, die ich in der Öffentlichkeit nicht erzählen möchte.

Gab es Momente, in denen du im Bezug auf dir nahestehende Personen unsicher warst, ob du gewisse Zeilen bringen kannst?
Döll: Ich muss ehrlich sagen, dass ich zum Beispiel bei „Alright“ sehr lange mit mir gekämpft und gehadert habe. Ich bin aber irgendwann zu dem Entschluss gekommen, es zu machen und es hat sich im Endeffekt auch gut angefühlt. Meine persönliche Herangehensweise ans Texten kommt auch daher, dass ich Musik hauptsächlich so konsumiere. Einer der Gründe warum ich Musik liebe, ist, dass ich bei anderen Künstlern immer wieder entdecke, dass sie Sachen verarbeiten, die ich genauso erzählen will, beziehungsweise erlebt oder gefühlt habe. Ich hoffe, dass das, was ich mache in dieser Form von anderen nachempfunden werden kann.

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