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Maeckes und seine reale Traumwelt // „Tilt“ Review

Maeckes-Tilt
Chimperator/Vertigo Berlin // VÖ: 21.10.2016

Maeckes ist es gewohnt, im Kollektiv zu arbeiten. Nach Platten mit Plan B, seiner Ex-Freundin Celina und natürlich der Orsons-Familie ist der Stuttgarter Rapper auch auf seinem neuem Album „Tilt“ nicht ganz alleine vertreten. Gemeinsam mit dem Komponisten sowie Gitarristen Tristan Brusch und dem Produzenten wie Grafiker Äh, Dings hat Maeckes ein filigranes Konstrukt geschaffen, das auf teils experimentellem HipHop, Akustik-Gitarren, dem Geräusch eines Geigenzählers wie bei „Atomkraftwerke am Strand“ und einem Problem unserer Zeit, der Entscheidungsunfähigkeit, aufbaut. Diese Unfähigkeit, die uns so oft auf der Stelle verharren lässt. „Du erklärst deiner Lethargie den Krieg, doch sie sie Pazifist„, heißt es auf „Inneres / Aeußeres“.

Auf „Tilt“ nimmt uns Maeckes mit auf eine Reise in sein innerstes Äußeres, in seine intimen Gedanken voller Versagensangst, die auch mal mit Sitcom-Gelächter hinterlegt wird („Der Misserfolg gibt mir Unrecht“). Er nimmt uns mit nach Marie-Byrd-Land, einem menschenleeren Gebiet in der West-Antarktika, um Einsamkeit in bisher ungeahnten Dimensionen in uns freizusetzen und uns zu zeigen, wie man – auf ganz zufällige Weise – Platz für Neues schaffen kann.

„Manchmal stellt man Dinge auf ein Podest
Und kommt nie wieder ran
Und die Dinge fangen Staub
Und man sitzt einfach darunter und betet sie an – jahrelang
Doch irgendwann muss man niesen
Wegen dem ganzen Staub – und ‚Hatschi!’
Niest die Dinge vom Podest
Und wenn die Trauer vergeht, ist Platz für Neues“
– Mackes in „Marie-Byrd-Land“

Generell spielen nachdenkliche Songs mit philosophisch anmutenden Themenkomplexen eine wichtige Rolle auf „Tilt“. Maeckes rappt – manchmal spricht er sogar nur, manchmal schreit er zermürbt ins Mikrofon – viel über zwischenmenschliche Beziehungen mit all ihren Hochs und Tiefpunkten; über Spaziergänge entlang der Alpen, bei denen man versucht, an dem kleinen Bisschen Zuneigung zueinander festzuhalten. Auch wenn das Bisschen abrutscht und in den Gletscherspalten endet („Die Alpen“). Er erzählt aber auch von verliebten, aber unschlüssigen Menschen, die den anderen verlieren, bevor sie überhaupt eine Chance hatten, ihn besser kennen zu lernen. („Kreuz“). Und auch sein österreichischer Vater wird thematisiert, der „kein rollender Stein“ war, also im Gegensatz zu vielen anderen Musikervätern Zeit hatte, den Urlaub mit der Familie zu verbringen und die Erinnerungen fotografisch festzuhalten („Urlaubsfotograf„). Dabei stellt Maeckes auch Verknüpfungen zu anderen Songs her, verweist also innerhalb des Albums auf Textzeilen anderer Tracks, was für den Hörer eine spannende Erzählweise ist und den Konzept-Charakter des Albums unterstützt.

Aber auch Gesellschaftskritik bleibt nicht aus: In „Atomkraftwerke am Strand“ moniert Maeckes, dass wir statt zu lenken lieber Airbags erfinden, die uns auf den nächsten Planeten katapultieren – nur dass wir dort wieder in die Scheiße zu treten. Aber hey, so ist das eben. „Denn das Beste auf der Welt sind wir Menschen. Und das Schlechteste der Welt sind wir auch“ heißt es dazu passend auf „Gettin Jiggy With It“. Doch trotz dieser ganzen negativen Charakterzüge, die uns so anhaften, sollten wir keine Angst davor haben, unsere Talente anzunehmen. „Jetzt scheiß di‘ net ah, vor woas host du Angst?„, fragt Josef Hader, der einzige Feature-Gast, der nicht aus Maeckes‘ direktem Band-Umfeld stammt, etwa auf „Kino“. Jede von Maeckes gesungene Zeile spricht Hader auf dem Song nach. „Dadurch wird alles entzaubert„, beschreibt das Chimperator-Mitglied sein Traum-Feature mit dem österreichischen Kabarettisten und Schauspieler.

„Man rät, die Ärmel hochzukrempeln
Komm wir schneiden sie gleich ab
Ist es halt in einem zukünftigen Winter halt ein kleines bisschen kälter, während man einen Schneeengel macht.“
– Maeckes in „Kino“

Fazit: Maeckes erschafft mit „Tilt“ ein außergewöhnliches und äußerst abwechslungsreiches Deutschrap-Album, auf dem die Sprachkunst nur so aufblüht. Auf organischen Melodien beschreibt Maeckes eine komplizierte Welt mit all ihren schicksalshaften Fügungen – während NLP zur neuen Weltreligion wird. Ein musikalisches Werk, um darin einzutauchen, zu schmunzeln, Schmerz zu empfinden und diesen wieder zu lindern. Für alle Sprachverliebten, die ihre Freude an sinnveränderten Sprüchen und Zitaten haben, und für alle verkopften Twitter- und Tagebuch-Philosophen, die sich gerade im Alltag existenzielle Gedanken über das Sein von Mensch und Gegenständen machen.

4 von 5 Ananas
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