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Für Simz soll’s weiße Rosen regnen // Little Simz live

Fotos: Daniel Shaked

Großes Potenzial war schon 2016 erkennbar, als Little Simz im „Flex Café“ bei noch überschaubarer Zuschauer-Menge in Wien aufgeigte. Bei der nächsten Solo-Show 2018 im „Flex“ ging es im Publikum schon kuscheliger zu. Getoppt wird das vom „WUK“-Gig im Oktober 2019. Die Show ist ausverkauft, mehr als eine Stunde vor Beginn trifft man vor dem Eingang auf manch Verzweifelten mit dem Vorhaben, doch noch ein Ticket ergattern zu können. Das ist heute ein schwieriges, oft unbefriedigendes Unterfangen.

Der Run auf Little Simz ist einerseits logisch, andererseits ein wenig überraschend. Logisch, da Little Simz mit „GREY Area“ dieses Frühjahr ein fast perfektes Album ablieferte und Kritiker-Lorbeeren einheimste. „GREY Area“ brachte ihr eine Nominierung für den renommierten britischen „Mercury Prize“ ein und ließ sie zum Liebling der Feuilleton-Schreiberschaft avancieren, die mit Lob nicht sparsam umging. Auch als Support-Act für die Gorillaz, mit denen sie 2017 in der Wiener Stadthalle gastierte, machte die Nord-Londonerin auf sich aufmerksam.

Überraschend ist der Run, weil sie bei den herkömmlichen Hype-Indikatoren in Form hoher Chartplatzierungen oder den 2019 noch wichtigeren Klick-Zahlen nicht ganz so stark abschneidet. Die Anzahl der Klicks auf YouTube bewegt sich durchschnittlich bei der Grenze von einer Million Aufrufen. Die 10 Millionen Klicks auf „Backseat“ sind ein Ausreißer; das Video befindet sich aber auch auf dem Berliner „COLORS“-Kanal.

Ein wesentlicher Grund, warum sich Little Simz heute vor vollem Haus die Ehre geben darf, sind ihre Live-Qualitäten. Wer sie einmal live erlebt hat, erzählt davon und kommt wieder. Das bestätigen einige Stimmen im Publikum, die Little Simz heute nicht zum ersten Mal einen Besuch abstatten. Und, so die wenig gewagte Prognose: Sie werden in Zukunft wiederkommen. Zumindest unternimmt Little Simz alles, um ihrem Ruf als hervorragende Live-Künstlerin gerecht zu werden.

Als Vor-Act hat sie dieses Mal April + VISTA aus Washington D.C. im Gepäck. Das Sängerin-Producer-Duo sorgt mit elektronischem, mit Jazz-Einsprengseln garniertem Experimental-Pop für Stimmung. Stilistisch passt das zu Little Simz, die um 21 Uhr die Bühne mit Megafon in der Hand und gänzlich in Weiß gekleidet entert. Lautstark eröffnet sie mit „Boss“ ihr Set, das die klarstellende Statement-Zeile „I’m a boss in a fucking dress“ in der Hook enthält.

Unterstützt wird Little Simz von einem Multinstrumentalisten, der zwischen Keyboard und Bassgitarre pendelt, und einem Schlagzeuger. Eine gute Wahl, lebt das Album „GREY Area“ von seiner vitalen, knackigen Live-Instrumentalisierung. Die verliert in der Bühnen-Umsetzung nichts an Wirkung: Das zeigt der grimmige Track „Therapy“ mit mächtiger Bass-Line ebenso wie das soulige „Selfish“ oder das ruhigere, politische „Pressure“.

Der Höhepunkt des Auftritts ist das aggressive „Venom“. Über Horrorfilm-Strings spuckt Little Simz regelrecht Feuer, das Publikum wird zum Ausrasten animiert. Das wäre gar nicht notwendig gewesen, zeigt sich Wien heute sowieso von einer guten Seite. Das Publikum, das sich dank sichtbar höherem Altersschnitt vom HipHop-Standard abhebt, lässt Little Simz knapp 70 Minuten hochleben und bringt ihr viel Energie entgegen.

Der Energie-Level sinkt auch nicht bei den älteren Tracks. „God Bless Mary“ aus dem Debütalbum „A Curious Tale of Trials + Persons“ (2015) – der Track ist eine Danksagung an eine herzensgute Nachbarin – wird ebenso stürmisch aufgenommen wie der „Mental Health“-Track „Backseat“ aus „Stillness in Wonderland“ (2017). Little Simz verblüfft als Rapperin, weil sie auch auf das bekannte Hilfsmittelchen Playback verzichtet. Nicht einmal einen Back-up hat sie mit auf der Bühne. Selbst greift sich immer wieder zu den Instrumenten, bei einer „Big Poppa“-Interpolation spielt sie etwa die Bassgitarre. Egozentrik kann ihr keine unterstellt werden, lässt sie auch ihrer Band immer wieder Raum für Instrumental-Einlagen.

Den vorläufigen Schlusspunkt ihres Sets setzt Little Simz mit „Flowers“, das in der Studio-Version ein Feature von UK-Crooner Michael Kiwanuka enthält. Eingeleitet wird der Song mit Respektsbekundungen an verstorbene Größen des Musik-Geschäfts, den meisten Beifall erntet der Name Amy Winehouse. Zum Ende der Nummer verteilt sie weiße Rosen im Publikum. Damit sollte eigentlich sie beschenkt werden. Das beweist sie auch mit der Zugabe in Form des Openers aus „GREY Area“, „Offence“. „I said it with my chest and I don’t care who I offend“, heißt es darin. An dieser Selbstsicherheit lässt sie keinen Zweifel.

Fazit: Little Simz legte eine mehr als überzeugende Show hin. Der Funke sprang vom ersten Moment von der Künstlerin zum Wiener Publikum über. Das zeigte sich an diesem Abend von seiner guten Seite. Aber bei dem Programm, das Little Simz auf die Bühne zauberte, war anderes gar nicht möglich. Little Simz lebt ihre Musik, sie fühlt jede einzelne Zeile. Das ist ihr Erfolgsgeheimnis, mit dem sie auch so sympathisch wirkt. Nur die Frage ist offen, wo Little Simz beim nächsten Mal in Wien gastieren wird. Das „WUK“ könnte dann schon zu klein sein.

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