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Little Brother Interview

Das erste Treffen mit Little Brother ergab ein absurdes Bild: Zwei Großraumtaxen, vollbeladen mit einem Haufen Koffer und der Little Brother/Justus League-Crew. Die Jungs wollen nicht aussteigen, weil das Hotel nur so von Harley Davidson-Fahrern wimmelt. Big Dho: „Back home, we don’t mix with those people and they don’t mix with us.“ Das alljährliche Harley Davidson-Treffen meets HipHop aus North Carolina – und letztendlich ist es dann doch allen mehr oder minder egal…aber ein komisches Bild ist das schon. Eine riesige Gruppe volltätowierter bärtiger Motorradfahrer in Lederkluft und dazwischen eine Hand voll Afroamerikaner mit dicken Ketten, weiten Hosen und den obligatorischen Caps. 9th Wonder ist leider nicht mit von der Partie, er geht grundsätzlich nicht mit auf Tour. Das ist zwar schade, aber dafür haben Phonté und Rapper Big Pooh Verstärkung aus der Justus League Crew mitgebracht. Für das Konzert gibt es als Live-Schmankerln Chaundon (upcoming und sehr vielversprechend!) und Joe Scudda an den Mics, DJ Flash an den Turntables. Die Justus League wurde 2003 von Big Dho gegründet. Sie besteht aus ungefähr 15-20 verschiedenen MC’s/Produzenten, die sich gegenseitig featuren und deren Ziel es ist, einen unvergleichlichen Sound zu kreieren. Die Musik steckt voller Soul, Konzeptalben sind keine Seltenheit. Durch das Little Brother-Album „The Listening“ zieht sich wie ein roter Faden ein imaginärer Radiosender. Die Grundidee der Justus League ist klar. Unabhängigkeit von den Major’s, gegenseitiger Support, HipHop-Biz im Komplettpaket: Tourmanagement, Plattenlabel(Hall Of Justus), eigenes Studio… Jeder der Musiker wird aufs Musicbiz vorbereitet, es ist nicht tabu, bei einem Major zu signen, solange man es schlau anstellt. Während des Interviews sind Rapper Big Pooh und Phonté bester Dinge, es wird viel gelacht…

TM: Als ihr drei euch 1998 an der North Carolina Central University begegnet seid, gab es da so etwas wie einen magischen Moment? Rapper Big Pooh: Nein, es gab nie einen magischen Moment zwischen uns (lacht)!

Phonté: Es war einmal, als wir zu dritt im Bett lagen…

Rapper Big Pooh: Time Out!

Phonté: Den magischen Moment gab es jedenfalls nicht gleich am Anfang. Wir drei hingen schon ziemlich lange zusammen rum, haben es aber nie als Band versucht. Der erste Song, den wir zusammen als Little Brother aufnahmen und der dann später auf unserem ersten Album „The Listening“ landete, war „Speed“. Das waren dann Pooh und ich als Rapper auf demselben Track. Als wir uns nach der Session „Speed“ zum ersten Mal anhörten, dachten wir uns: „Damn!“ Wir hörten den Track immer wieder und fühlten uns richtig gut! Wir wußten einfach, daß es das Beste war, das jeder von uns je zustandegebracht hatte. „Damn, that shit is crazy“ und nicht nur das: es war ein ganz besonderer Sound darin. An diesem Punkt fiel die Entscheidung, als Little Brother zusammenzubleiben und dem Projekt eine Chance zu geben. Wenn es einen magischen Moment für LB gibt, dann während dieser ersten Aufnahmesession.

Rapper Big Pooh: Um 4 Uhr morgens…

TM: Noch mal zu 1998…wie würdet ihr eure persönliche Situation zu dem Zeitpunkt eurer ersten Begegnung beschreiben?

Rapper Big Pooh: Als ich Phonté traf, war musikalisch bei mir noch gar nichts los. Ich war Freshman am College und begegnete ihm durch einen gemeinsamen Freund. Phonté kam im College vorbei und hing im Seminar ab – was ziemlich amüsant und unterhaltsam, aber eben auch sehr real war. Ich ging einfach zu ihm hin und stellte mich vor. Bis ich Phonté traf, hatte ich in musikalischer Hinsicht keine ernsthaften Pläne. Ich spürte aber sofort seine Leidenschaft dafür und auch, daß er schon immer gewußt hatte, daß er nichts anderes machen wollte. Nur zu sehen, daß er so hundertprozentig davon überzeugt war, änderte meine eigene Einstellung zur Musik. Es wurde mir ebenfalls sehr ernst damit. So weit zu meinem Leben damals…

Phonté: (zieht eine riesen Show ab) Pretty much, son! That’s how it went down, you know what I’m sayin‘! I’m straight off the streets, you know what I’m sayin‘. I was out there doin‘ all kinds of shit. Robbin N*****, cuttin‘ N*****. Yo son, I just got to rhyme. My man got send up and had a brick, you know what I’m sayin’…

TM: Genau, mmmhhhh (alle lachen)

Phonté: I’m just playin‘! Zu der Zeit hörte ich mir alles mögliche an und bin von einem Projekt ins andere gerutscht. Ich arbeitete schon eine ganze Zeit lang als Solokünstler, als ich Pooh und 9th Wonder traf. Aber das Label, mit dem ich arbeitete, war finanziell nicht sehr fair zu mir…

Rapper Big Pooh: They folded up bills!

Phonté: …also wurde daraus nichts. Ich nahm sehr viele Features für andere Artists auf und nahm an sämtlichen Freestyle Battles teil. Battles waren damals total mein Ding! Ich machte einfach alles, um mir meinen Wunsch zu erfüllen, von und mit Musik zu leben. Ich haßte die Jobs, die ich für den weißen Mann machen mußte. Ich behielt keinen Job wirklich lange, hatte dafür aber sehr viele verschiedene. Ich brauchte abseits davon etwas wirklich befriedigendes in meinem Leben und es war klar, daß das nur Musik sein konnte. Dafür war ich bereit, alles Nötige zu tun.

TM: Konnte man zu dieser Zeit überhaupt von so etwas wie einer richtigen HipHop-Szene in North Carolina sprechen?

Phonté: Früher war sie wirklich sehr klein, nicht nennenswert. Dank uns sieht das heutzutage anders aus. Eigentlich waren wir diejenigen, die anderen Leuten Mut gemacht haben, es selber zu versuchen. Die haben uns gesehen und sich gedacht: „Wenn die das schaffen, dann können wir das auch!“ Am meisten passierte damals an den Colleges, weil da die ganzen jungen Leute waren, die sich Sachen anhören wollten, die sie noch nicht kannten. Außerhalb der Colleges war nicht viel bis gar nichts los.

TM: Verbringt ihr abseits der Touren und der Zeit im Studio privat viel Zeit miteinander? Oder geht jeder von euch eher getrennte Wege?

Big Pooh: Es ist mittlerweile natürlich nicht mehr ganz so wie zu der Zeit, als wir Little Brother starteten. Das Leben geht ja immer weiter. Phonté und 9th Wonder sind verheiratet und haben beide Kinder. Wir lassens also nicht mehr ganz so krachen wie früher (Phonté schüttelt die ganze Zeit den Kopf)…aber natürlich hängen wir ab und an noch zusammen ab. Durch LB klebe ich ja sowieso schon die meiste Zeit mit den Jungs zusammen. Wenn ich jetzt von der Tour nach Hause komme, verspüre ich nicht das Bedürfnis, ihn (Phonté) zu sehen. Schließlich mußte ich mir sein Gesicht die letzten zwei Wochen von morgens bis abends angucken (die beiden fangen an, miteinander zu reden)…Wir drei reden ständig so miteinander. Wenn ich nach Hause komme, möchte ich meine anderen Homies sehen – the homies I’ve neglected while being on the road (lacht). Phonté, 9th und ich haben die Musik gemeinsam, aber da gibt es vieles andere, was wir nicht miteinander teilen. Ich mag zum Beispiel Sport, Phonté steht da gar nicht drauf. Warum sollte ich ihn also fragen, ob er mitkommt? But I still call up everybody and we kick it!

Phonté: Sonst wäre es ja nichts als eine Geschäftsbeziehung. So unter dem Motto: Du bist ein Rapper, ich bin ein Rapper, laß uns rappen! Es ist ein fester und wichtiger Bestandteil des Entstehungsprozesses unserer Alben, daß wir viel miteinander reden. Wir sind definitiv gute Freunde.

Rapper Big Pooh: Früher haben wir zusammen gewohnt, es waren noch keine Kinder da oder sie waren noch sehr klein. Das waren andere Lebensumstände, jeder von uns hatte mehr Zeit, einfach die Jungs anzurufen und auszugehen. Wir sind jetzt erwachsen und müssen entsprechend erwachsene Dinge tun (beide nicken und grinsen)!

TM: Inwiefern hat das Touren Einfluß auf die Musik, die im Studio entsteht?

Phonté: Bei manchen Songs, die im Studio entstehen, da weiß ich sofort: „This is gonna kill them live!“. Bei anderen Songs fühlt man zwar, daß sie fürs Live-Set nicht unbedingt geeignet sind – aber man kann da live so viel extra Energie reinstecken, daß sie letztendlich genauso bühnentauglich sind. Im Endeffekt ist es wie bei einer Probefahrt mit deinem neuen Auto. Es hilft. Du siehst ein Auto und denkst dir, daß es verdammt cool aussieht – aber bevor du dich nicht reingesetzt und damit rumgefahren bist, schließt du keinen Deal ab. Das Touren ist so eine Probefahrt, auf der man Erfahrungen sammeln kann. Das geht dem Publikum mit uns genauso. Denen gefallen die Songs auf Platte, aber erst wenn sie uns live sehen, schließen sie sozusagen ihren Deal mit uns ab. Sie sehen, daß wir real sind und das halten, was wir ihnen auf Platte versprechen. Da stehen nicht nur Typen auf der Bühne, die auf dicke Hose machen und unverständliches Zeug ins Mikrophon brüllen (Phonté macht es vor und man versteht wirklich kein Wort).

TM: Wenn ihr etwas an der heutigen Radio- Fernseh- und Printmedienlandschaft ändern könntet, was wäre das?

Rapper Big Pooh: Wir würden versuchen, endlich wieder ein Gleichgewicht in die HipHop-Musikkultur zu bringen! Die Medien sind leider sehr einseitig, zeigen nur einen klitzekleinen Aspekt des Ganzen, nur eine Seite der Story im Leben der afroamerikanischen Gesellschaft. Drogen, Schießereien, Mord, Sexismus. Das ist alles, was du hörst. Nichts über die Typen, die Tag für Tag zwischen 9 Uhr und 17 Uhr zur Arbeit gehen, sich für den weißen Mann abrackern. Nichts über die Leute, die ihre Kinder großziehen. All diese Aspekte sind im Moment komplett ausgeblendet und wir müssen versuchen, wieder eine Balance herzustellen. Make it a full circle!

Phonté: Make sure, the cats get the whole story! Versteh mich nicht falsch – vieles von dem, was im Radio gespielt wird, gefällt mir, ich bin ein Fan davon. Ich tanze genau wie jeder andere zu 50 Cent und Lil John. Es kommt aber leider immer zu dem Punkt, wo man das alles nicht mehr hören kann, weil man einfach nichts anderes vorgesetzt bekommt. So wäre es mit allem anderen auch. Würden sie den ganzen Tag nur De La Soul und A Tribe Called Quest spielen…

Rapper Big Pooh: …dann würde es uns am Ende des Tages zum Hals raushängen.

Phonté: Genau! Es wäre ähnlich ermüdend und viel zu einseitig. Stell Dir das mal vor: den ganzen Tag lang „Electric Relaxation“…

Rapper Big Pooh: When do the N***** get shot??? (lacht)

Phonté: BITTE, kann mal endlich wieder jemand schießen?! BITTE! Zu viel „Electric Relaxation“ macht krank, das bedeutet für mich Balance: zeigt uns alle Seiten, I want a N***** to die (lacht). Try to even things out and give people a choice to choose…

TM: Wenn ihr ein Benefiz-Konzert spielen würdet, wohin sollte das Geld gehen?

Rapper Big Pooh: An die „Rapper Big Pooh-Foundation“. Ihr gebt mir die Kohle, ich spiele das Benefiz-Konzert (lacht).

Phonté: Vielleicht an den New York College Found, der schwarzen Kids ermöglicht, zur Schule zu gehen.

Rapper Big Pooh: Jemand hat mir ermöglicht, zur Schule zu gehen. Ohne seine Hilfe, wäre das niemals möglich gewesen. Also war mir schon immer klar, daß ich das auch für jemanden tun möchte, sobald ich es mir finanziell erlauben kann. Ich würde gerne ein Stipendium an meiner alten Schule finanzieren. Ich möchte mich auf diese Weise für die Chance, die mir gegeben wurde, revanchieren.

Phonté: Der Little Brother Found Scholarship…

Rapper Big Pooh: Auch wenn ich meinen Abschluß am College nie gemacht habe – ich habe angefangen und bin sogar fast fertig geworden – ohne das College Stipendium würde ich jetzt nicht hier sitzen und meine Geschichte erzählen…

Die wichtigsten Werke auf Vinyl & CD:

Little Brother: „The Listening“, „The Chittlin‘ Circuit 1,5“, „The Minstrel Show“
L.E.G.A.C.Y.-Project
Project Mayhem
Cesar Comanche „Squirrel And The Aces“
Rapper Big Pooh: „Sleepers“
Phonté: The Foreign Exchange „Connected“

9th Wonder produzierte schon für Murs, Masta Ace, Jay-Z, De La Soul, Memphis Bleek, DJ Flash, Destinys Child

www.hallofjustus.com
www.thejustusleague.com
www.littlebrother.com
www.chaundon.com
www.cesarcomanche.com

Interview: Cut-Ex & Jasmin Hashemi

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