LGoony – „Grape Tape“ // Review

LGoony_Grape_Tape
(Live From Earth/VÖ: 15.09.2015)

Eine Gemeinsamkeit zwischen Haftbefehl und LGoony? Ja, die existiert. Diese bezieht sich aber nicht auf die Musik, sondern auf deren Rezeption durch große Teile des Rap-Publikums. Denn ähnlich wie bei den Hafti-Alben vor „Russisch Roulette“, das doch eine gewisse Zäsur darstellt, wird auch LGoony die Ernsthaftigkeit seiner musikalischen Ambitionen abgesprochen. Lustig sei das schon, aber wirklich „Musik“? Never. So lautet das einhellige Fazit der selbsternannten Gralshüter der HipHop-Kultur. Meistens vergeht einige Zeit, bis sich die Wahrnehmung ändert. Bei LGoony wird das bestimmt noch dauern – andererseits kann ihm das auch getrost egal sein. Schließlich macht er das, was er macht, richtig gut, wie bereits auf dem „Spacetape: Goonyverse Vol.1“ zu hören war. Dieser Eindruck erfährt durch das Nachfolge-Mixtape „Grape Tape“ erneut Bestätigung.

Dass es sich bei „Grape Tape“ aber um kein gewöhnliches Mixtape handelt, zeigt sich schon am Cover. Als Hommage an Azads Magnum Opus „Leben“  von Deutschraps-Premium Karikaturisten Graphizzle Novizzle gestaltet, fällt einem direkt die Detailverliebtheit in das Auge, die so manch Kritik an das kontemporäre Deutschrap-Business aufbietet: So nehmen eine brennende Premium-Box und eine Genetikk-Voodoopuppe Deutschraps Boxenwahnsinn gekonnt auf die Schippe. Eine Thematik, der sich LGoony auf dem Track Ultraviolett widmet – eine bessere Szeneabrechnung sucht man zur Zeit vergebens. Aber „Ultraviolett“ ist nur eines von vielen Highlights auf dem „Grape Tape“. Da wären etwa der fulminant von Abaz produzierte Intro-Track „Grape“, der einen pointierten Vorgeschmack auf die weiteren Minuten aufbietet. Und gleichzeitig beweist, dass LGoony seinem Stil treu geblieben ist.

 Diese These findet  auch durch Lobby mit Young Kira seine Bestätigung, wird hier dort angesetzt, wo die beiden mit Swaggy or Nah aufgehört haben. „Sosa featuret den vom Wohlstand verwahrlosten Prinz…. ah Harry Quintana und überzeugt nicht nur durch die Parts, sondern auf gleiche Weise durch einen erneut treffsicheren No Tricks-Beat (der zuletzt mit Bastard Pop“ ein ausgesprochen interessantes Projekt sowie auf dem Vorgänger Ich bin nice“ produziert hat). Die vorab bekannten Songs Nebel“ und „Wasser“ machen, wie erwartet, auf dem Tape eine gute Figur – und bei der Money Boy-Kollabo Lambo Gallardo“ handelt es sich sowieso um ein potentielles Jahres-Highlight, das schon auf Cash Flow“ mehr nach einem LGoony als nach einem MBeezy-Track geklungen hat. Nur logisch, dass „Lambo Gallardo“ in der Tracklist des „Grape Tape“ aufscheint.

Die größte Überraschung besteht aber im Casper-Feature auf „Geboren damit“ – obwohl: Eigentlich ist es gar keine Überraschung, Casper hat den Jungen ja schon lange auf dem Schirm. Hoffentlich handelt es sich bei „Geboren damit“ nicht um die letzte Zusammenarbeit der beiden, stimmt hier doch hörbar die Harmonie. Casper macht mit seinem Part zudem wieder einmal die beste Werbung für sein angekündigtes Trap-Tape. Zwischen „Lambo Gallardo“ und „Geboren damit“ liegt noch das unglaublich atmosphärische Autotune-Abenteuer „Ballon“. Autotune im Deutschrap? LGoony ist zwar nicht der Entdecker, aber er handhabt den Effekt am besten, wie er auf „Ballon“ eindrucksvoll beweist (sorry Fler!).

Das „Grape Tape“ ist vor allem deshalb eine äußerst runde Sache geworden, weil LGoony seine Qualitäten gekonnt ausspielt: Sein unheimliches Händchen für die richtigen Hooks schlagen sich auf jedem Track nieder (so funktionieren Hooks, ohne das gleiche Wort zehn Mal zu wiederholen – #Hookexperte), gleichzeitig spürt man einfach den Hunger und die Lockerheit des Rappers in jeder Silbe. Da macht es  nichts, dass  die Qualität der Beats, trotz kohärenten Soundbildes, doch etwas schwankt. Legen doch nicht alle Produzenten Bretter wie jene von Abaz, No Tricks oder DJ Heroin vor. Aber, und hier wird es gespenstisch: Ist der Beat auch noch so durchschnittlich, LGoony macht etwas Brauchbares daraus. Die alten Vorwürfe des Yung Lean-Bitens, die mittlerweile einen längeren Bart haben als der Chefredakteur dieser einen Zeitung mit vier Buchstaben, entbehren auf dem „Grape Tape“ jeglicher Grundlage; kreierte LGoony doch mittlerweile seinen eigenen Stil. Die bekannten Einflüsse, die in Form der Konterfeis von Gucci Mane, Young Thug, Lil B ihren Platz auf dem Cover gefunden haben, hin oder her.  Zwischen beeinflusst sein und blindlings kopieren besteht nun einmal ein nicht marginaler Unterschied.

Thematisch macht LGoony keine große Kehrtwende, die Line „Manche werfen sich Teile, manche werfen mit Steine, ich werfe mit lilanen Scheinen (…)“ aus „Lobby“ bringt die Attitüde gut auf den Punkt.  Da würden Achtfach- Reime nur stören, ergo wird Technik auch dem Style untergeordnet (wer nur Technik will, kann’s  mit dem VBT versuchen). Ein Faible für Autotune ist weiterhin nötig, sonst wird man auf dem „Grape Tape“ nicht glücklich. Aber das alles soll nicht den Eindruck schmälern, dass es sich bei LGoony um eine der spannendsten Personen im gegenwärtigen Deutschrap  handelt, die hier ein enorm starkes zweites Mixtape vorgelegt hat. Wie Money Boy sagt: „Groß, Motherfucker, wie das Gegenteil von klein“. Und wer diese Musik immer noch nicht ernst nimmt, für den habe ich auch eine gute Nachricht: Der Wolf veröffentlicht bald ein neues Album, vielleicht haben die üblichen Betonköpfe damit mehr Spaß (Lachkick, Mois!)

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4 von 5 Ananas

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