„Leipzig ist immer der rote Fleck“ // Trettmann Interview

Trettmann by Daniel Shaked

Sommer ist für alle da“ war 2006 der erste Geniestreik von Ronny Trettmann – obwohl in den Charts, wurde dem Dancehall auf Sächsisch noch sehr skeptisch entgegengesehen. Und so blieb Ronny über viele Jahre eine Instanz im Soundsystem-Umfeld, auch ohne Dialekt. Bis er 2016 nur noch als Trettmann seine musikalische Heimat mit dem Produzenten-Kollektiv KitschKrieg gefunden hat. Die Folgen: Eine Melange aus Rudeboy, Cloud, Autotune und Trap. Trettmann hat sich ein weiteres Mal seinen eigenen Sound geschaffen, eine eigene Ästhetik und nicht erst nach seinem Mitwirken auf der Platin-Platte von Bonez & RAF Camorra auch seinen eigenen Hype. Passend dazu gibt es seit heute die erste Single zum am 29.9. kommenden Trettmann Album „#DIY“, auf welcher niemand Geringerer als Gzuz gastiert.

Fotos: Daniel Shaked
Interview: Wanja Bierbaum

The Message: Noch als Ronny Trettmann gibt es ein Feature von dir mit Sodom & Gomorrah – wie kam das eigentlich zustande?
Trettmann: Das ist schon so lange her. Ich habe BumBum Kunst mal getroffen, das war damals im Riverhouse, auf der Countryside. Wir hatten vorher schon einen Song aufgenommen und im Endeffekt kam das raus. Was mich an ihm fasziniert hat, 2008, dass er den authentischen Dance-Hall-Sound aus Österreich gemacht hat – auch diesen temporären, mit Autotune und Dialekt. Ich war ja auch ein Dialekt-Artist und so kam das halt zusammen. Ich glaube es war auch die MySpace-Zeit, als die mich angeschrieben haben. Auf jeden Fall coole Leute. Big up, Untawega und BumBum Kunst.

Zwischen dir und Sodom und Gomorrah gibt es eine gewisse Parallele – ihr habt viel Sound gemacht, der neue Elemente einbaut – traditionelle aus dem Soundsystem-Reggae und Dancehall Bereich. Geht jetzt die Blüte auf, die damals nur wenige schätzen konnten?
Ja stimmt, das kann man sagen. Ich kann nicht von Österreich sprechen, aber in Deutschland mit dem aktuellen Trap oder Cloud-Sound scheiden sich die Geister schon sehr – und das war damals auch schon so. Ich kann nur von BumBum Kunst reden, weil er mir immer Material geschickt hat. Aber das ist auch so ein Ding, zu tun was man wirklich fühlt und wenn du da drinnen bist und dir quasi die ganze Zeit die Sounds von Übersee fährst, ist es halt schwer, stehen zu bleiben und nur das zu machen, was die anderen zuhause alle machen.

„Vergesslich“ und „Tanz auf dem Vulkan“ sind ja sehr Trap-affine Geschichten und auch schon sehr früh entstanden.
Es ist dasselbe wie beim Separieren von HipHop, RnB, Reggae und Dance Hall. Das gibt’s ja eigentlich gar nicht. Das ist eigentlich eins, wenn du in Jamaika bist und auf einem Dance bist. Ich war 2007 bei einem Vybz Kartel Konzert, bevor er eingefahren ist. Da lief halt nur Ami-Sound: Zwei Stunden lang die frischesten Sachen aus den USA.

Wie geht man denn in Jamaika mit den Genre Verschränkungen um? Prinzipiell sind Reggae und Dancehall in gewisser Weise ein engstirniges Gerne. Der Reggae tritt ja schon recht lange am selben Fleck.
Das Gefühl hatte ich jetzt auch zwei Jahre lang und das war eigentlich auch der Grund, warum ich meinen Sound verändert habe. Du hörst 20 Jahre den Sound, es stagniert irgendwann und es geht immer um die drei Gs – Girls, Guns und Ganja. Wenn du die ersten 10 Sekunden eines Songs hörst und dir vorstellen kannst, wie der Song zu Ende geht – und meistens liegt man da auch nicht falsch – dann ist es vollkommen normal, dass man irgendwann die Nase voll davon hat. Ich komm aus dem HipHop-Ursprung in den 80er, Soul, Funk, die ganzen Rap-Sachen. Zur Jahrtausendwende bin ich erst nach Leipzig.

Wo kam in Chemnitz der HipHop her? Das war ja vor der Wende.
Es gab eine gute HipHop-Szene in der DDR. Es gibt auch ein paar Filme darüber. „Beat Street“ und so lief halt zensiert in den Ostdeutschen Kinos. Das ist einer der wenigen amerikanischen Filme zu der Zeit und das hat was ausgelöst. Der hat reingepasst, weil er sozialkritisch war. Die Leute, die damals auf dem Film hängen geblieben sind, haben sich den auch 20-30 Mal angeschaut, die Moves kopiert und den Lifestyle übernommen. Wir haben uns Stoff gekauft und unsere Adidas selbst genäht.

Es gab auch Stevie Wonder, Aretha Franklin und Funk, Soul und R’n’B-Platten. Wenige, aber es gab eine Kultur, wo Leute, die im Westen Verwandtschaft hatten, Platten besorgt haben. Die wurden dann überspielt. Wenn jemand in Roststock eine Platte von Verwandten geschickt bekommen hat, bist du dann nach Dresden gefahren und hattest die Aufnahme. Mangel-Situation halt und die macht dann erfinderisch.

Ist in Österreich nicht anders gewesen. Es gab zwar nicht die politische Grenze für die Hiphop-Kultur, aber man musste sich trotzdem kümmern, wie die Waxos erzählt haben. Umso kleiner ein Land, umso kleiner wird der Pool.
Frag mal die Schweizer, die haben wirklich so ein Problem. Wie davon leben?

Yung Hurn ist doch ein gutes Beispiel für Mundart oder eben das Wienerische. Ich meine, wann hatten wir das in Deutschland das letzte Mal? Vielleicht mit EAV oder Falco.

Aber bei „Sommer ist für alle da“ hat es auch irgendwie funktioniert. Da war das Sächsische schon fast der Aufhänger. Es gibt ja noch einen Österreicher, der sich in ziemlich gemausert hat. Wie kam es zur Connection mit RAF Camorra?
Ich weiß nicht mehr, wann wir uns kennengelernt haben. Aber er hat mich angerufen, vor einem Jahr und meinte so „Was machst du grad? Was geht ab? Dass er Skyline feiert und im gleichen Atemzug hat er erwähnt, dass er mit Bonez ein Album macht und ich meinte, dass wäre ein Grund für mich, wieder Dancehall zu machen.

Vor allem dann noch die ganze EP dazu. Das scheint nach einem guten Workflow zu klingen.
Sie haben mir Beats geschickt und ich hab mich mit „KitschKrieg“ eingeschlossen und getextet. Bonez und Raf haben das halt gefeiert. Zwei Songs sind dann auf dem Album gelandet und dann habe ich mit KitschKrieg nochmal 5 Dinger gemacht für die EP. Das war schon krass intensiv.

Für dich ist der Dancehall ja nichts Neues – auch die Autotune-Einwürfe. Fühlst du dich ein wenig bestätigt, dass die Rechnung jetzt aufgeht nach all den Jahren?
Es ist dieses typische Deutschland-Phänomen. Ich bin damals eher so aus Zufall darauf gekommen. Ich hatte keinen Plan und wusste nicht, was mich da erwartet und ich hab mich selbst diesem Kulturschock ausgesetzt. Man kann auch nicht erwarten, dass dann alle den selben Film fahren. Das braucht halt seine Zeit. Und ich finde das total gut so, weil früher konnte man den Sound fast nirgendwo hören, man musste nach Hamburg oder Köln fahren. Da gab’s halt ein paar Soundsystems. Heute gibt es das überall.

Viel schwappt ja seit den letzten Jahren auch aus Frankreich zu uns rüber – nicht zuletzt der Afro Trap.
Da habe ich eigentlich wenig Ahnung. Also UK ist natürlich wichtig, da hast du viele Einflüsse wie Caribbean, London, Notting Hill – da verschmelzen ja eh alle. Da kommen die Einflüsse ja auch von den Eltern und deren Ursprung. Frankreich ist da groß, durch die Kolonien, aber ich war noch nie da, ich kann wirklich wenig dazu sagen. Viele schielen da ja rüber – so Richtung PNL und so. Aber mir geht’s gar nicht so, weil ich kein Wort Französisch versteh und ich brauch immer diesen Bezug.

Es hilft auch nicht viel, wenn man Französisch kann – PNL haben ja große sprachliche Einflüsse aus dem Verlan (Slang in den franz. Banlieues, Anm. d. Red.) Das ist sicher vergleichbar mit dem Sächsischen im Bezug auf das Hochdeutsche.
Witzig, weil Leute kamen bei mir an und meinten, du kannst doch nicht Dialekt singen, bist du bescheuert – Reggae auf sächsisch! Aber es war doch nur so eine Phase, ich war damals DJ und habe auch ein paar Partys veranstaltet. Das war lustig und alles Schnellschuss-Sachen ohne Budget, dann war der Song auf einmal irgendwie in die Charts. Das war der beste Job überhaupt, deswegen bin ich dabeigeblieben. Nach zwei Jahren hatte sich das Ganze aber erschöpft. Es ist lustig, dass sich die Leute da immer nur auf diese zwei Anfangsjahre beziehen, denn ich mach das jetzt schon fast 11 Jahre lang.

Aber das hat doch auch alles ins Rutschen gebracht – und ist zudem im Wesentlichen eine persönliche Entwicklung.
Ja stimmt. Manchmal denk ich mir aber auch, dass ich das hätte weglassen können.
Ich bereue es ja nicht, aber heute könnte ich es nicht mehr, einfach weil es sich erschöpft hat. Ich habe da auch so einen Konflikt mit meiner Herkunft, in Bezug auf dieses Sächsische. Also das Land, die Heimat und wie die sich gerade entpuppt.

Sicherlich der Grund für den „No PEGIDA“ Track mit Jens Strohschnieder, dem Sänger von Yellow Umbrella. Woher kam die Entscheidung, wirklich politisch zu werden?
Naja, ich hab schon immer solche Lines gehabt, auch auf „Sommer ist für alle da“.

Der „No PEGIDA“ Track richtet sich aber nun schon an ein anderes Publikum, bzw. ist ein rein politischer Track.
Also Leipzig ist immer der rote Fleck auf der Landkarte, vor allem nach der Wahl. Wir haben hier eine große Antifa und autonome Szene, aber trotz all dem holt einen das PEDGIDA Thema natürlich ein.

Ich musste mehrmals Sachsen verlassen um mir die Vibes wieder zu holen. Ich war noch nie auf so vielen Gegendemos wie in den letzten zwei Jahren. Der Ableger LEGIDA in Leipzig war noch ein bisschen krasser als PEGIDA und hat sich halt nicht gescheut, da irgendwelche Nazi-Bands auftreten zu lassen.

Der Konsens dort ist ja:  Wir sind zwar Nationalisten, aber keine Nazis – wir sind Patrioten. Ich habe mitbekommen, dass auf dem Dresdner Theaterplatz, der damals für die Kundgebungen herhalten musste, nun Open-Air-Theaterstücke aufgeführt werden, um dem Ganzen die Spitze zu nehmen.
Jens Strohschnieder, der Sänger von Yellow Umbrella hat auch Gegenveranstaltungen organisiert und das wird einem verdammt schwer gemacht in Dresden. Man glaubt das gar nicht. Vor allem durch die Landesregierung und die Polizei. Da ist Sachsen halt echt tief in der braunen Suppe drin.

Die Leute wählen da seid 25 Jahren CDU und die hat nichts unternommen, auch nicht in den ländlichen Kreisen, um die Leute in Schranken zu weisen. Das ist inzwischen über Generationen gewachsen. Es gibt in manchen Dörfern Nazis, die dominieren richtig das Dorfgeschehen. Ich würde das jetzt aber gar nicht so massiv ausführen, weil ich schon viel dazu gesagt habe. Und mir wäre es lieber, wenn‘s nicht so sein müsste.

In Österreich haben wir zum Beispiel die Identitären, die neue Form von Rechts.
Ich denke, man muss Flagge zeigen, durchziehen und machen. Ich habe jetzt auch aufgehört mich auf den sozialen Medien damit auseinanderzusetzen, aber auf der Straße oder in meinem Umfeld oder mit dem Taxifahrer führe ich diese Gespräche.

Leipzig ist ein wenig als das „neue Berlin“ bekannt – zumindest in Sachen Trends und Hypes wird der Stadt das oft nachgesagt. Spürst du das selbst?
Das ist so ein geflügeltes Wort um Leipzig herum. Aber Leipzig ist so ein Zwischending zwischen Metropole und Großstadt. Es hat eine gewisse Internationalität, durch die Musikhochschule, Hochschule für Grafik und bildende Kunst. Auch durch die Historie mit Schiller, Bach, bis hin zu Goethe – Auerbachs Keller. Es ist eine schöne Stadt. Nicht zu klein, nicht zu groß – für mich optimal. Auch die Landschaft. Berlin ist mit Leuten zugestopft, das ist natürlich auch cool. Ich habe auch letztes Jahr überlegt, dahin zu ziehen, weil es den Prozess des Musikmachens vereinfachen würde – aber die Umgebung ist nicht so meins. Irgendwie häng‘ ich an Leipzig.

Natürlich hast du Zuzug und es wird immer enger. Es gibt zwar schon noch dieses Brachland mit leeren Fabriken und Wohnungen, der Leerstand. Aber je mehr man Leipzig hypet und daraus „Hypezig“ macht, umso mehr Leute kommen dann auch. Das ist natürlich auch eine Frage der Medien. Es wird darüber berichtet und die Leute kommen dann, um sich das auch anzuschauen. Du hörst es überall.

Im Bezug auf Fußball: Wir prominent ist denn Red Bull in der Stadt platziert?
Es gibt zwar schon diese alteingesessene Chemie der Leipzig Fans, aber es wird immer größer und wird immer mehr angenommen. Ich wohn‘ ja auch gleich neben dem Stadion. Und ich find das halt einfach cool. Ich habe kein Problem damit, weil der Fußball ist kommerziell und wer das leugnet und wer damit nicht klarkommt, muss dann halt in die dritte Liga gehen und sich den originalen Fußball geben.

Wie stehst du dazu, dass das Klischee von Ostdeutschland so negativ ist?
Es sind Fakten, aber es wird auch durch die Medien verstärkt. Negative Sachen kommen nun mal besser an. Aber es hat auch seine Gründe, wenn man da tiefer blickt, ist ja eine ganze Generation arbeitslos geworden, Betriebe wurden geschlossen usw. Da ist halt der Rechtsextremismus auch nicht weit. Ich steck da zwar nicht so weit drinnen, aber es gibt schon auch Statistiken, die zeigen, dass es im Osten extremer ist.

 

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