Schnapp macht der Kroko Jack: „Extra Ordinär“// Review

(Irievibrations/VÖ: 24.11.2017)

Krokodile verfügen über ein perfides Jagdverhalten: Die meiste Zeit verharren sie regungslos unter der Wasseroberfläche, wenn sich jedoch Beute nähert, schnellen die Viecher in Windeseile aus dem Wasser. Es mag zwar Zufall sein, aber Jack Untawega aka Kroko Jack legt ein ähnliches Verhalten an den Tage. Zumindest, wenn man die vergangenen Jahre des Linzers im Rapgeschäft betrachtet. Die verbrachte er nämlich auch unter der Oberfläche, abgetaucht im Nirgendwo. Da sich nun Beute in Form von Whack MCs, Stammtischparolenschleudern und diversen Vertretern der österreichischen Popindustrie in das Jagdrevier des rappenden Reptils begab, musste das Unausweichliche passieren: Das Krokodil ging wieder in den Angriff über, was in diesem Fall die Produktion neuer Musik bedeutet. „Extra Ordinär“ nennt sich so das neue Album der österreichischen Mundartraplegende, gleichsam Nachfolger des 2012er Werks „Beesa Bua“. Eine musikalische Pause von fünf Jahren stellt im Rapmaßstab eine halbe Ewigkeit dar – und obwohl sich in der Zwischenzeit viel (sogar sehr viel) geändert hat: Die exzellente Reputation des Kroko Jack blieb bestehen. Eine These, die sich leicht anhand der Featureliste ablesen lässt, die mit Namen der Marke Raf Camora, Def Ill, Skero und Crack Ignaz zentrale Eckpfeiler der österreichischen Rapelite enthält. Und zwar generations- sowie stilunabhängig. Das beeindruckt.

Doch was theoretisch ein musikalisches Feuerwerk verspricht, muss realiter nicht genauso eintreten. Bei „Extra Ordinär“ ist das aber glücklicherweise überwiegend der Fall. Zeigt sich Kroko Jack hier oft – sehr oft – von seiner besten Seite: Variantenreiche Flows, gepaart mit Toasting-Einlagen, starke Reimketten und Punchlines, die direkt auf die 12 gehen, so kennt und erwartet man den Linzer. Der mit „Test Me!“ den idealen Opener für sein Album auswählte. Obwohl das Feature in Person Raf Camoras sich zwar nett in den Credits macht, den Song allerdings nicht wirklich aufwertet. Ein zweiter Kroko-Part wäre wohl besser gekommen als Zeilen eines Raf Camoras, die wirken, als hätte er sich innerhalb weniger Minuten irgendetwas über Fünfhaus aus dem Ärmel geschüttelt. Ganz anders dagegen Def Ill, der Kroko Jack auf der nachfolgenden Highspeed-Guntalk-Nummer „9mm/Obzugsfinga Pt. 2″ assistiert, und Crack Ignaz, der auf „Fliagn“ gekonnt seinen Teil zum geglückten, Marihuanaduft-verströmenden Gipfeltreffen der Rapkönige aus Linz und Salzburg beiträgt.

Und da wäre von den Big Names noch Skero, der auf „Vadient“ markige Zeilen schmettert. Das passt: „Vadient“ ist nicht nur aufgrund der guten Parts von Kroko Jack und Skero eines der Highlights der Platte, sondern auch wegen des markanten Samples. Trishes bediente sich nämlich bei Bilderbuchs „Maschin“ und baute daraus einen HipHop-Beat, der als Unterlage für die Punchlines der beiden Linzer (auch wenn es Skero schon länger nach Wien verschlagen hat) fungiert. Fein. Ob man davon unbedingt einen Remix auf die Platte packen musste, steht dennoch infrage. Der „Syrix Mix“ weiß zwar durch die dezente Instrumentalisierung zu gefallen, eine Zeile wie „Wir hamse bei den Bilderbuch bedient“, wenn sich hier eben nicht mehr bei Bilderbuch bedient wurde, wirkt jedoch etwas deplatziert. Selbiges gilt für die Sextalk-Nummer „Razzzur“, die in einem rasanten Tempo ins Ekelhafte abdriftet. Erinnert frappierend an die ähnlich eleganten Sexnummern von Celo & Abdi. Dass das Krokodil über Regungen abseits animalischer Triebe verfügt, zeigt es in „Hois uba Kopf“, einem Autotune-geschwängerten Liebestrack. Trotz des gegebenen Unterhaltungsfaktors: Richtig brilliert das Kroko in anderen Disziplinen.

Denn neben der Beschreibung der eigenen Überlegenheit vermag das Kroko vor allem durch absurdes Storytelling („Amadeus“, dessen Basis ein wirrer Dialog mit Andreas Gabalier bildet) oder durch gesellschaftspolitische Botschaften zu überzeugen. Zwar befinden sich diese in der Minderheit, ein Track wie „Bledsinn“, in der Hochphase der Flüchtlingskrise entstanden, hat in der Zwischenzeit aber kaum an Prägnanz und Aktualität eingebüßt. Und eine Nummer wie der „Arbeit nervt“-Track „Kraunknstaund“ lässt sich als systemkritisch einordnen, wenngleich der Humor hier deutlich im Vordergrund steht. Abgeschlossen wird das Album schließlich mit „Blessed“, bestehend aus einer Reihe von Danksagungen an Kollegen aus dem Rapbusiness. Sympathischer Ausklang eines Albums, auf dem nicht nur die rappenden Protagonisten eine überwiegend starke Figur abgeben.

Ebenso gefallen die Beats: Wie erwartet ist der Dancehall-Einfluss omnipräsent, die strikte Abgrenzung zu HipHop sollte diesbezüglich jedoch sowieso längst obsolet sein – zeigten beispielsweise schon Mad Cobra und die Geto Boys oder Shabba Ranks und KRS-One anfangs der 90er-Jahre, wie harmonisch die beiden Stile ineinandergreifen. In diese Tradition schreibt sich „Extra Ordinär“ ein, das zudem Trap-Versatzstücke enthält. Die treten allerdings nur ganz zart und vereinzelt in Form der stilprägenden Percussions auf, die mittlerweile allgegenwärtigen zittrigen Hi-Hats fügen sich nahtlos ins musikalische Gesamtbild ein.

Fazit: Mit seinem neuen Album beweist Kroko Jack, dass ihm der Mundartthron immer noch sicher ist. Zwar finden sich durchaus Leistungsschwankungen zwischen den Songs, denn nicht alles brennt auf eine Weise wie „Vadient“ oder „Amadeus“. Trotzdem ist das Niveau durchgängig ansehnlich, egal ob Raps oder Beats. Schade nur das Fehlen privater Inhalte, einen Track wie das großartige „Voda“ von „Beese Bua“ sucht man diesmal vergebens. Auf „Extra Ordinär“ galt nämlich wohl die Devise: Zeigen, dass die Zähne noch immer scharf sind. Und das sind sie. Die Beute hatte keine Chance, dem Angriff des Krokos zu entkommen. Erwartungen erfüllt.

3,5 von 5 Ananasse

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