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Kraftklub-Interview: „Ich bin großer Fan von deutschem Rap“

Kraftklub---Pressefotos-2014
Christoph Voy

Gerade von einer Fahrt durch die Stadt zurückgekommen, schwärmt Frontmann Felix Brummer von diesem Ernst Palicek aus Wien. Er wird ihn später am Abend auch noch den 3.000 Konzertbesuchern im ausverkauften Gasometer empfehlen. „Das ist ein Mega-Hit!“, ist sich der Sänger bei dem Hanuschplatzflow-Mitglied sicher. Während der Koch im Nebenraum noch die Schnitzel mit der Rückseite einer Pfanne bearbeitet, erzählen Felix und Gitarrist Steffen über ihre Vorliebe für Bushido, Zugezogen Maskulin und Wanda, über Gegenwind aus der rechten Szene und warum sie lieber kein Konzert mehr am Karfreitag spielen.

Interview: Julia Gschmeidler

In einem älteren 16Bars-Interview meint ihr, dass deutschsprachiger HipHop seit 2000 stagniert und ihr der letzte Strohhalm seid. Würdet das heute auch noch so passen?
Felix:
Ne, würden wir nicht. Deutschland hat sich am eigenen Schopf rausgezogen, es gibt gerade kaum eine größere, relevantere, interessantere Musikströmung als deutschen Rap.

Welche Rapper gefallen euch besonders?
Felix:
Da wirst du gar nicht mehr fertig. Über Bushido kann man jede Woche trefflich diskutieren. Hier in Österreich ist auch Sido ganz groß, Cro, Casper, Marteria – alles Leute, die für das was sie machen, richtig krass gut sind. Das ist irgendwie neu, geil. Ich bin großer Fan von deutschem Rap.

Neu sind sie aber nicht.
Felix:
Ne, aber vor ein paar Jahren war noch nicht abzusehen, dass sie sich neu erfinden und nochmal eine Entwicklung stattfindet. Bei Bushido könnte ich stundenlang darüber diskutieren, wie faszinierend ich das finde, dass er wirklich einen unglaublichen Popularitätsschub bekommen hat. Dadurch, dass er einfach „Fickt euch alle!“ gewagt hat und voller Wut ein Album aufgenommen hat. Das war auf einmal unglaublich erfolgreich, weil man jeder Zeile angehört hat, dass er auch wütend ist. Wenn Gangsterrap, dann wütender Gangsterrap von Leuten, die einfach alle hassen.

Habt ihr schon Carlo Cokxxx Nutten III gehört?
Felix:
Ne, das will ich mir auch eigentlich gar nicht mehr anhören, weil ich glaube, dass diese Wut von Sonny Black weg ist. Wo er sich verraten und getäuscht gefühlt hat von Kay One und der Springer Presse. Das ist jetzt wieder weg und er hat Spaß am Leben gefunden, das hör ich mir nicht so gerne an. Ich will ihn wütend und böse hören.

Was sagst du zu dem Comeback von Prinz Porno? Als Bass Boy hast du ihn bei Aggro TV noch gedisst …
Felix:
Das ist ja schon eine ganze Weile her. Das war 2009. Ach, es gibt Sachen, die mich mehr kicken. Da hör ich lieber Zugezogen Maskulin. Das find ich spannender, als wenn jemand sein Alter Ego von vor zehn Jahren ausgräbt. Wobei bei Bushido hat’s funktioniert. Ich weiß auch nicht, warum ich das gut finde. Ich bin einfach Fan in der Hinsicht. Dafür habe ich gar keine Begründung.

Ihr hattet Zugezogen Maskulin auf Tour mit. In der Juice habt ihr gemeint, dass sie derzeit die besten Newcomer sind. Was macht die Faszination ZM aus?
Felix:
Ausschließlich der Inhalt. Beats sind mir egal, es geht nur um den Inhalt.
Steffen: Die Performance find ich auch gut von den beiden. Besonders von Grim104. Wir haben sie bei uns im Atomium, einem kleinen Club gesehen. Wir waren wirklich nur 20 Leute und das war denen auch egal. Sie haben eine gute Show gemacht.
Felix: Wenn man auf die Bühne kommt und sich in den ersten 30 Sekunden heiser schreit und kreischt, und so voller Energie ist, dann kann man das schwer haten.

Euer neuer Support Act in Deutschland ist Wanda. Warum habt ihr euch für diese Wiener Band entschieden?
Felix:
Weil wir bei Bilderbuch zu spät dran waren. (lacht)
Steffen: Wanda sind nicht die zweite Wahl, wir finden die gut.
Felix: Wir haben sie zum Glück mal zuerst entdeckt – vor unseren Kollegen. Ich sag euch, in einem halben Jahr nehmen die Beatstakes sie mit. Bilderbuch wurden von allen mitgenommen, dann wollten wir sie nicht auch noch fragen. Wir brauchen unsere eigene österreichische Band, die wir hypen. (lacht)
Steffen: Wir haben gerade noch Glück gehabt. Ich weiß gar nicht, ob die überhaupt noch als Support spielen in einem halben Jahr.
Felix: Wir sind große Fans. Es ist abgefahren, ohne dass gesagt wird, es ist ein Comeback von Austropop. Aber Wanda und Bilderbuch sind einfach so die freshesten Sachen, die im letzten Jahr passiert sind. Mit Zugezogen Maskulin noch. Interessant, dass sie beide aus Wien kommen. Kennen die sich überhaupt?
Steffen: Ich glaube nicht so persönlich, hat der Sänger von Wanda in einem Interview gesagt.

Christoph Voy
Christoph Voy

Was gefällt euch an den beiden Bands?
Felix: Wir sind sehr oft anti, Wanda ist sehr oft pro. Wanda bejaht das Leben, wir finden es manchmal ganz schön scheiße. Die Leute gehen positiv in den Abend rein, bevor sie von uns gesagt bekommen, dass das Leben doch scheiße ist. Das ist ganz cool.
Steffen: Zuerst werden sie aufgebaut von Wanda und dann machen wir wieder alles kaputt.
Felix: Liebe ist schön und dann kommen wir: Nein, Liebe ist schlecht (Mit Heavy Metal Stimme, Anm.), Liebe ist böse, Liebe tut weh. So werden dann die Abende. Und Gin Ga sind auch noch mit am Start, die finden wir auch megagut. Die kommen auch aus Österreich. Wir haben es auf den letzten Metern der Tour nicht geschafft, noch eine österreichische Band zu finden. (Es spielen auch noch Still Trees und Playfellow als Support, Anm.) Wie gesagt, dieser Ernst Palicek. Es gibt nur einen einzigen Song von ihm, aber das ist ein Mega-Hit.

Ihr kennt K.I.Z. ganz gut. Zugezogen Maskulin werden sehr oft mit ihnen verglichen. Was ist eurer Meinung nach der Unterschied zwischen den Acts?
Felix:
Ach, da gibt’s schon Unterschiede, das sind dann halt Nuancen. Das ist so, wie wenn mir wer erklären wollen würde, was die Unterschiede zwischen Metal Band A und Speed Metal Band B sind. Jemand, der sich mit Metal auskennt, der hört eindeutig die Unterschiede. Und jemand der außensteht, sagt: „Das hört sich alles gleich an, Krach und laut und schnell.“ Ich höre schon die Unterschiede zwischen Zugezogen Maskulin und K.I.Z., kann sie aber schwer prägnant runterbrechen. Die machen beide gesellschaftskritischen, ironischen Straßen-Deutschrap.

Ihr wart mit K.I.Z. für ARTE bei „Durch die Nacht“ unterwegs und habt mit ihnen am Karfreitag ein Konzert in Chemnitz gespielt …
Felix:
Das war ein großer Fehler!

An einem Karfreitag sind in Sachsen öffentliche Tanzveranstaltungen und öffentliches Vergnügen verboten …
Felix:
Ist das bei euch nicht so?

Nein. Bei uns ist es nicht mal ein Feiertag.
Steffen:
Der Feiertag ist nur im Osten.
Felix: Warum sollte ein kirchlicher Feiertag nur im Osten stattfinden? Das ergibt keinen Sinn. Das ist ja die ehemalige DDR, da war nix mit Kirche. Deswegen wundert mich das gerade sehr.

Und warum war das Konzert ein großer Fehler?
Felix:
Weil es dadurch noch viel mehr Ärger gab.
Steffen: Das war nicht so geplant. Wir hatten den Termin mit ARTE und die Idee, dass wir da spielen wollen. Uns war das vorher auch gar nicht so bewusst.
Felix: Es war einfach total schwierig, einen Termin zu finden, wo wir und K.I.Z. auch konnten. Wir waren den Tag vorher noch bei Harald Schmidt und dann sind wir hochgedüst … Und in Chemnitz haben auch alle frei und konnten hinkommen. Dann hast du gemerkt: Ah, da war irgendwas mit Musik und Tanzverbot. Wir haben’s dann verstanden und gesagt wir machen das nicht noch einmal. Wir haben das nicht aus Provokation der Kirche gegenüber gemacht, aber ein Tanzverbot? Das hört sich richtig Mittelalterlich an.

Welche Probleme gab’s denn dann?
Felix:
Wir haben versucht, so wenig wie möglich zu tanzen. Ganz konnten wir es auch nicht lassen. Deswegen haben wir dann Strafe bezahlt, mussten aber nur den Polizeieinsatz zahlen. Da war die Stadt noch sehr kulant.
Steffen: Das hatte auch was Rock’n’Rolliges, so wie die Stones damals irgendwo auf Dächern gespielt haben …

Auch in Chemnitz gibt’s Märsche der Pegida, ihr habt ein Foto von euch auf einer Gegendemo gepostet. „Jetzt wo sich viele politisch weiter rechts positionieren, gibt es genug Gegenwind gegen uns“, meinte Felix in einem Interview. Wie macht sich der bemerkbar?
Felix:
Es gibt Menschen, die scheinen im Internet zu leben. Da liest man dann die Kommentare und Morddrohungen wie „Wenn ich dich treffe, dann stech ich dich ab!“. Glücklicherweise glaube ich nicht, dass es die in Wirklichkeit gibt, das sind so Internet-Rambos. Die wollen ärgern und Angst machen. Die sagen dann: „Du linke Zecke, ich klatsch dich um.“ Die gibt’s halt. Es ist normaler geworden, nicht so „Huch, das hat er jetzt gesagt im Internet.“ Eher „Why not, fickt euch doch, ich schreib jetzt hier den ultra rechten Bullshit hin“. Wahrscheinlich gab’s schon immer Leute, die so gedacht haben und das mit ihren Kumpels hinter vorgehaltener Hand gesagt haben, aber diese Plattform und Selbstverständlichkeit, mit der das auf Facebook Bahnen bricht, die ist mittlerweile beeindruckend.

Sollte man gegen diese Trolle gesetzlich vorgehen?
Felix:
Nö, die gab’s wahrscheinlich schon immer. Man muss in den sauren Apfel beißen und sich dem stellen. Es gibt Dummheit und Idioten, das heißt aber nicht, dass man die alle wegsperren muss. Das find ich als den falschen Ansatz. Man muss ihnen zeigen, dass es auch andere Möglichkeiten gibt zu leben. Dass die Welt nicht nur aus dummen Menschen besteht.
Steffen: Auf die Dauer macht die das auch nicht glücklich.

Welche Alternativen siehst du denn?
Felix: Ein bisschen wie Wanda. Einfach positiv vorgehen – nicht auf die anderen versteifen. Das mussten wir auch erst lernen. Nicht immer dagegen sein, sondern positiv nach vorne. Anders funktioniert es auch nicht. Wir sind seit Monaten am drüber diskutieren, aber wir haben leider keine Lösung parat.

Beim anschließenden Konzert zu ihrem aktuellen Album „In Schwarz“ zeigen die fünf Musiker dann, dass sie zu den derzeit besten deutschen Live-Acts gehören. Spielereien mit den Besuchern und deren Eltern, ein Stagedive-Contest, Bengalen, Konfetti und rotierende T-Shirts. Und mittendrin eine Pogo-Haufen, der sich wie ein Kreisel dreht. Kein Wunder, dass bei so viel Action zwölf Securitys vor der Bühne platziert sind, um die per Luftpost kommenden Fans wieder von den Armen der Menge runterzubekommen. „Das beste Konzert seit Langem!“, hört man die aufgeregten Fans nach der Show nach Luft schnappen.

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Vier der fünf Musiker beim Stagedive-Contest per Luftpost gen Bühne. Nur der Drummer hat die Stellung gehalten.

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