Keine historische Kompetenz: Kollegah und die „Holocaust Inversion“

Quelle: Screenshot Kollegah @hiphopde

Die Gemeinsamkeiten zwischen dem 2010 verstorbenen Literaturnobelpreisträger José Saramago und Felix Antoine Blume, besser bekannt als Kollegah, scheinen zunächst lediglich von oberflächlicher Natur. Die Biografie beider weist keine einfachen Jugendjahre auf, das Geld war sowohl bei der Familie des Portugiesen als auch bei der des Deutschen knapp. Kollegah kam immerhin noch in den Genuss von Hochschulbildung, bei Saramago hingegen reichte das Geld dafür nicht. Abseits der biografischen Betrachtung liegt in der Passion für Lyrik ein verbindendes Element. Jedoch mit unterschiedlichen Ergebnissen, hat Kollegah ein Werk mit einem solch faszinierenden Erzählstil wie Saramagos „Stadt der Blinden“ in seinem künstlerischen Œuvre nicht aufzubieten. Schon gar nicht in Buchform, wenn man sich seinen im September erschienenen, höchst erfolgreichen Ratgeber „Das ist Alpha! Die 10 Boss Gebote“ in Erinnerung ruft. Die stärksten Parallelen zwischen den beiden finden sich, wenn der Blick in Richtung des Konfliktes zwischen Israel und Palästina gelenkt wird. Ein Thema, bei dem Saramago und Kollegah einen nahezu identischen Standpunkt einnehmen.

Dieser liegt im Gebrauch einer Analogie des Konfliktes zwischen Israel und Palästina mit dem Holocaust. Saramago verglich 2002 Ramallah mit Auschwitz, Kollegah begibt sich nun 16 Jahre später auf dasselbe Terrain und vergleicht in einem vor wenigen Tagen veröffentlichten Interview mit hiphop.de den Nahost-Konflikt mit dem Holocaust. „Sag ma wie’s ist, wenn du nach Palästina gehst, dich Pro-Palästina äußerst als Prominenter, und dich da stark für die unterdrückte Minderheit der Palästinenser einsetzt, wo im Prinzip genau das Gleiche passiert, was bei uns mal passiert ist in Deutschland – nämlich während des Holocausts“, erzählt Kollegah dort, angesprochen auf die Antisemitismus-Vorwürfe, die früher in diesem Jahr für großen Wirbel sorgten.

Ein bisschen Widerspruch 

Im Interview herrscht nach dieser Aussage gespenstische Ruhe, Kollegah vergisst sogar darauf, seinen Satz zu beenden. Die Sekunden vergehen, bis Tobias „Toxik“ Kargoll, einer der Interviewer, sich um Widerspruch bemüht. Die Gleichsetzung zwischen „Im Industralisierungsstyle Leute in Zügen packen und in Lager bringen und sie gezielt in Duschen umzubringen“ und „was die machen“ sei so eine Sache, die im Endeffekt auch nicht wirklich etwas bringe, so „Toxik“. Doch bei Kollegah kommt der Einwand kaum an. „Das systematische Töten ist der Punkt“, fährt dieser fort. Auf die anschließende Frage, ob beim Israel-Palästina-Konflikt Absichten eines Völkermordes vorhanden sind, meint der Rapper dann voller Überzeugung: „Natürlich. Es weiß doch jeder, der sich ein bisschen mit Politik beschäftigt, wie der ganze Laden läuft.“

Kollegah hat damit noch nicht alles gesagt. Anschließend verortet er Heuchelei unter den Deutschen, da jene einerseits bekräftigen, aus der Geschichte lernen zu müssen und ein Bewusstsein für Auschwitz zu schaffen, anderseits aber nicht die Konsequenz daraus ziehen würden. „Sich auch gegen anderen Völkermord einzusetzen?“, fragt „Toxik“ nach. Kollegah verweist mithilfe der anekdotischen Evidenz in Form seiner „Omma“ auf das zweifelhafte damalige Unwissen der Bevölkerung hinsichtlich der NS-Gräuel, eine Ausrede, die durch das Internet heutzutage nicht mehr gelte. „Und das sollte die Lehre sein aus so einem Ereignis wie dem Holocaust bei uns. Dass wir gucken, wo passiert so etwas oder Vergleichbares oder Ähnliches. Und nicht nur sagen in Deutschland: Wir dürfen den Juden nix mehr tun. Das muss für alle gelten, für jedes Unrecht auf der Welt. Das ist die Konsequenz, die wir anfangen lernen müssen zu ziehen. Das ist meine einzige Intention gewesen bei der Palästinareise, sagt Kollegah. Zeilen, die „Toxik“ spürbar unangenehm sind. Mit dem Einwurf, dass es doch noch ein paar andere Konflikte auf der Welt gebe und mit der hastig geäußerten Interpretation, dass es Kollegah doch um Völkermord generell, und nicht um Israel gehe, will dieser die Brisanz aus dem Gespräch nehmen. Nur: Der Schaden ist schon längst angerichtet. Und mit seiner Übernahme des von Kollegah in den Raum gestellten Begriffs des Völkermords vergrößert sich dieser sogar noch.

Von Arnold Toynbee zu Jeremy Corbyn 

Kollegahs Analogie der Rolle Israels im Nahost-Konflikt mit dem Holocaust war schon bei Saramago nicht neu. Die Vorläufer des Vergleichs reichen vielmehr bis in das Großbritannien der 1940er-Jahre zurück und zielten damals auf den Zionismus ab. Wirtschaftswissenschaftler Arnold Toynbee verglich in der achten Ausgabe seiner „A Study of Historyden Umgang der Zionisten mit den Palästinensern im und nach dem israelischen Unabhängigkeitskrieg mit jenem der Nazis mit den Juden, Sir Edward Spears, als Leiter des „Committee for Arab Affairs (CAA)“, reklamierte Ähnlichkeiten im politischen Zionismus mit der Doktrin Hitlers. Ab den 1950er-Jahren gedeihte dieser Vergleich zu einem populären Propagandamittel in der Sowjetunion. Nicht nur in Comics wurde der Davidstern und das Hakenkreuz gleichgestellt. In den Jahren unter Leonid Breshnew, unter dessen Zeit als Generalsekretär der kommunistischen Partei sich 1967 Israels Sechstagekrieg ereignete, bedienten sich höchste politische Kreise an diesem Sujet. So stellten der sowjetische UN-Chefdelegierte Nikolai Fedorenko oder Premier Alexej Kossygin das Agieren Israels im Sechstagekrieg in eine Linie mit dem Nationalsozialismus.

Eine Rhetorik, mit der die Sowjetunion den arabischen Verbündeten zur Zeit des Kalten Krieges ihre Unterstützung zusicherte. Diese propagandischen Kniffe flossen anschließend in die muslimische Welt ebenso ein wie in linke Bewegungen sowie namhaften Universitäten in der westlichen Welt. Der an der Columbia lehrende Professor für Iran-Studien und vergleichende Literaturwissenschaft, Hamid Dabashi, um nur einen zu nennen, stellte beispielsweise 2014 in dem Artikel „Gaza: Poetry after Auschwitz“ einen Konnex zwischen Gaza und Auschwitz respektive dem Holocaust her. Als Vertreter des Kultur- und Medienbereichs sprach der nordirische Dichter und Kulturkritiker Tom Paulin in seinem Gedicht „Killed in Crossfire“ (2014) von einer „Zionist SS“, der australische Journalist und Dokumentarfilmer John Pilger nannte Israels Krieg im Gaza 2009 einen Holocaust Denied und Independent-Kolumnistin Yasmin Alibhai-Brown machte in einem Kommentar zum selben Thema ebenfalls einen Rekurs zum Holocaust. Am gegenwärtig präsentesten sind jedoch die Aussagen vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan, der die Situation im Gaza-Streifen erst kürzlich wieder mit dem Holocaust verglich, und die 2018 bekannt gewordene Affäre um den britischen Labour-Party-Chef Jeremy Corbyn, der 2010, just am Holocaust Memorial Day, eine Veranstaltung mit dem Titel „Never Again for Anyone – Auschwitz to Gaza“ abhielt.

Kein Vergleich zu NS-Monstrositäten 

Kollegah hat bei seinen Gedanken also eine Reihe von teils illustren Mitstreitern. Dennoch überraschen diese Worte aus seinem Mund, da er zuletzt in einem Interview mit dem Stern bekräftigte, welch Spuren sein Besuch von Auschwitz bei ihm hinterlassen habe. Eine weitere Parallele zu José Saramago, der nach seiner Ramallah-Auschwitz-Aussage Yad Vashem besuchte, dort in Tränen ausbrach, um dann aber dennoch an seiner Aussage festzuhalten. Warum daher diese Vergleiche gezogen werden, darin besteht die große Frage. Denn eigentlich müsste jeder der Genannten die Kompetenzen aufbringen, um zu erkennen, dass diese Vergleiche nicht zulässig geschweige historisch akkurat sind.

Der Grund für diese Nichtzulässigkeit erscheint als leicht verständlich: Die Nazis verfolgten das Ziel, ausnahmslos alle Juden zu töten, einzig begründet durch ihren Rassenantisemitismus. Ein „Zivilsationsbruch“, wie von Dan Diner beschrieben. Der Konflikt zwischen Israel und Palästina ist anders gelagert, es geht um Land und Souveränität, mit einer von Komplexitäten durchzogenen Historie, die sich gegen jegliches Schwarz-Weiß-Denken sträubt. Doch genau das wendet Kollegah an, wenn er vom Völkermord in diesem Zusammenhang spricht. Ein Völkermord, der keine wissenschaftlichen Voraussetzungen dafür erfüllt: Anders als in Ruanda oder bei der Shoa nimmt die Bevölkerung in Palästina nicht ab, sondern konstant zu. Von Vernichtung ist in diesem Konflikt zwar die Rede, die findet sich aber in der Charta der terroristischen Hamas, und nicht in Israel. Dort, wo die arabische Bevölkerung in den vergangenen Jahren einen eindrucksvollen sozio-ökonomischen Aufstieg hinlegen konnte. Das im Juli verabschiedete „Nation-State Law“ ist ebenso kritikwürdig wie manche Aktionen der IDF-Soldaten an der Gaza-Grenze. Doch zu den Monstrositäten der Nazis gegenüber den Juden gibt es keinen Bezug. Keine Gaskammern, keine Massenerschiessungen, keine Arbeitslager. Nichts dergleichen wird von der Netanyahu-Regierung betrieben.

Der rhetorische Trick der „Holocaust Inversion“

Warum also dieser Vergleich, der, wie Historikerin Deborah Lipstadt aufzeigt, dazu führt, die Verbrechen der Israelis um den Faktor einer Zillion zu erhöhen, die Verbrechen der Nazis um eine Zillion zu reduzieren? Es ist auszugehen, dass jeder der Genannten genau weiß, dass die Situation in Palästina nicht mit dem Holocaust vergleichbar ist. Erklärung für die Anwendung der Taktik der „Holocaust Inversion“, also dem Porträtieren von Juden, Israel sowie Israelis als Nazis, bietet der amerikanisch-israelische Wissenschaftler Martin Kramer, der in seinem Buch „The War on Error“ zwei zentrale Motive nennt: Einerseits fordert der Vergleich mit dem Holocaust die Gegenseite, die Unterstützer Israels, dazu auf, die Unterschiede der israelischen Palästina-Politik zu den NS-Verbrechen hervorzuheben. Ein Vorgang, der gleichzeitig zum Aufzeigen oberflächlicher, und mögen sie noch so trivial sein, Gemeinsamkeiten führt. Andererseits öffnet diese Analogie die Tür für andere historische Vergleiche, die ähnlich absurd sind, aber angesichts des ultimativen Nazi-Vergleichs angemessener erscheinen. Israel ist demzufolge zwar kein Nazi-Staat, aber würde etwa Südafrika unter dem Apartheidsregime ähneln. Das ist das eigentliche Ziel dieser Analogie, der die Rolle eines rhetorischen Tricks zukommt, mit dem der Diskurs beeinflusst werden soll.

Die Methode der „Holocaust Inversion“ fällt mit einer neuen Form des Antisemitismus zusammen, in der nicht die Religion oder Ethnie in den Fokus rückt, sondern Israel als jüdischer Staat. Wie Saramago greift auch Kollegah in seiner Aussage auf drei bekannte Techniken des Antisemitismus zurück: Auf eine Dämonisierung und Dehumanisierung von Juden, die Übernahme eines Begriffs, der für die Vernichtung von Juden steht, und die Verwendung dieses Begriffes gegen Juden. Eine solche Analogie geht über den Rahmen der Israelkritik hinaus, wie der dreimalige Pulitzer-Gewinner Thomas Friedman erklärt: „Criticizing Israel is not anti-Semitic, and saying so is vile. But singling out Israel for opprobrium and international sanction – out of all proportion to any other party in the Middle East – is anti-Semitic, and not saying so is dishonest“.

Dieser Ehrlichkeit muss auch im Falle Kollegahs aufgebracht werden, bei dem sich ein ähnliches Fazit schließen lässt, wie es damals das Simon Wiesenthal Center bei José Saramago formulierte. Die verurteilte die Aussage als „an absurd comparison, which clearly shows that excellence in literature is absolutely no guarantee of competence in history“. Ähnliches lässt sich für Kollegah konstatieren, der wieder einmal den Erweis erbrachte, dass außerordentliche Fähigkeiten als Rapper keine Garantie für historische Kompetenz darstellen.

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