Kein Platz für vorgefertigte Passformen // Klangfestival 10

Das Klangfestival findet dieses Jahr zum zehnten Mal im oberösterreichischen Gallneukirchen statt. Neben einem ehemaligen Geschäftslokal („Alte Nähstube“), das seit 2016 vom Kulturverein „Klangfolger“ als Konzert- und Ausstellungsraum genutzt wird, steht dem Veranstaltungsteam des Vereins dieses Jahr eine weitere Leerstehung im Herzen der Gemeinde zur Verfügung („HALLE X“). Darüber hinaus gibt es für interessierte Besucher am zweiten Tag die Möglichkeit, eine interaktive Performance auf dem Schloss Riedegg zu besuchen.

Eröffnet wird die dreitägige Veranstaltung in den zur „HALLE X“ transformierten, ehemaligen Räumlichkeiten der Freiwilligen Feuerwehr, welche aus einem weitläufigen Foyer mit Sitzmöglichkeiten, Merchstand sowie Bar einerseits und dem angrenzenden Konzertsaal andererseits besteht.

Alle Fotos: David Lindengrün

Die Umbauarbeiten der „HALLE X“ wurden innerhalb von zwei Wochen durchgeführt und verwandelten den vormals kargen Raum in eine sehenswerte Location, die durch einen zum Sitzen einladenden roten Teppichboden sowie einigen Vorhängen an den Wänden und Decken für ein verhältnismäßig trockenes Klangbild sorgt.

Im Freien finden die Besucher unter einem Zelt vor dem immer wieder an- und abklingenden Regen Zuflucht. Neben dem Zelt gastiert ein Food-Truck, dessen einziger Koch eine Vielzahl von Gerichten zu leistbaren Preisen anbietet. Sichtlich von den abklingenden Temperaturen erleichtert, sammeln sich gut 260 Personen im und vor dem Eingangsbereich. Der Altersdurchschnitt des Publikums liegt bei gefühlten 30 Jahren.

Nach einführenden Worten des Festivalleiters Thomas Auer wird im Zuge der Eröffnungsoffizialitäten das Ergebnis eines Jodel-Workshops präsentiert, dessen bemühte Teilnehmer unter der Leitung von Ingrid Schmoliner die Darbietung aber eher nach einer Gesangsaufwärmübung klingen lassen. Sei’s drum, letztendlich zählt der Wille und nicht nur den älteren Besuchern im Publikum gefällt dieser Einstiegsbeitrag offensichtlich gut.

In voller Lautstärke folgt dann der vielseitige Auftritt des Schweizer Duos Ester Poly, der aus einer Mischung von hastigen Punk-Songs („Slutwalk“), dröhnenden Post-Rock-Passagen („Be Loud“) und beinahe wavigen Elementen („72 Vierges“) besteht. Martina Berther sorgt am Bass mit überwiegend sauberem Riffing für das geeignete Fundament, auf dem Béatrice Graf ihr zeitweise vertraktetes Schlagzeugspiel streut – das zwar nicht immer genau am Punkt liegt, aber dennoch für eine besondere Note im Klangbild der Frauen sorgt. Zudem übernimmt Graf streckenweise Songpassagen auf einem kleinen Keyboard.

Zweistimmig äußern sie verschiedene Kritikpunkte am männlichen Geschlecht, die deren Gehirne dank plakativer Textelemente („Wash your brain if you think that we are bitches“ aus „Slutwalk“) zur Weiterentwicklung verhelfen sollen. Im Kontrast dazu wird mit „Pique Dame“ die körperliche Liebe auf onomasiologische Weise gefeiert, wie es etwa Serge Gainsbourg und Jane Birkin mit dem Titel „Je t‘aime“ 1969 vorgezeigt haben.

Kaltes Knistern macht sich anschließend in den Pausen des nächsten Beitrages, zwischen den schwebenden und bebenden Sphären von Fågelle, im Raum bemerkbar. Gebändigt von solch akustischer Ehrlichkeit bleibt das Publikum die gesamte Dauer dieser makellosen Vorstellung über erstarrt, wie hypnotisiert. Das Gefühl beschleicht einen, als stünde ein lächelnder Ben Frost nicht weit entfernt im Raum. Glasklar trifft die Stimme der Schwedin jeden Ton und fügt sich zu den rhythmisch genau platzierten Molltönen ihrer Gitarre.

Saubere Subregister runden das Klangbild der Noise-Landschaft ab, die mit einem solchen Feingefühl gestaltet ist, dass es einem noch tagelang danach im Nacken kratzt. Da stört es auch nicht weiter, dass die Klangwolke aus einem Sampler läuft. Ein Mensch kann schließlich nicht alles alleine machen. Abseits der Bühne wird Klara Andersson vom Produzenten Henryk Lipp unterstützt, der das Studio „Music A Matic“ in Göteborg gegründet hat, in welchem bereits die herausragende schwedische Komponistin und Sängerin Anna von Hausswolff oder aber auch die schwedische HipHop-Band The Stonefunkers ihre Produktionen in Zusammenarbeit mit Lipp gefertigt haben.

Abgeschlossen wird der Abend mit einer phänomenalen Projektions-Performance von Roy Culbertson III. Auf einem noch aus Schulzeiten bekannten Gerät improvisiert der gebürtige Amerikaner mithilfe unterschiedlich farbiger Flüssigkeiten, die jeweils miteinander verschmelzen oder sich abstoßen, eine faszinierende visuelle Darbietung, die naheliegende Assoziationen mit einem Overhead-Projektor verblassen lassen.

Die musikalische Untermalung des Spektakels liefert das Duo Wien Diesel. Eine Ansammlung verschiedener elektronischer Klangerzeuger und Modulatoren, die liebevoll miteinander verknüpft sind, lassen die Erwartungen vor Konzertbeginn ansteigen. Nach einer etwa 20-minütigen Aufwärmphase, die sich großteils aus basslastigen Feedbackgeräuschen unter den Händen von Marie Vermont einerseits und einem wiederholt verzerrten, von MC Rhine urgiertem „Pssst!“ andererseits zusammenfügt, erklimmt der erste Beat gemächlich den Raum – und er bleibt.

Darauf folgen Streicher, die sich einreihen zwischen dem seit gefühlten 15 Minuten stampfenden Konstrukt, bestehend aus einer massiven Bassdrum und einer eher unsicheren Hi-Hat. Diese füllen die ehemalige Garage nach und nach mit einer andächtigen Fußballstimmung. Als schließlich am Höhepunkt des eingeblendeten Stückes verkündet wird, wer hier gerade am Werk ist (die Champions!), beschleicht einen das malmende Gefühl, die ganze Hörzeit über einer der vielen neuzeitlichen Varianten adoleszenter Ironie aufgesessen zu sein. Und dieses Gefühl bestätigt und manifestiert sich im nächsten Moment, als plötzlich Walgesänge auftauchen und durch dieses Meer aus wanderndem Feedback nach einem möglichst schnellen Ausweg aus dem Dada suchen. Es möge ihnen geglückt sein.

Slow Slow Loris färben den Beginn des zweiten Abends in düsteres Rauschen. Mit einer mikrofonierten Feder, die über das Gesangsmikrofon gestrichen wird, begrüßt ANY die ersten Gäste mit wenigen Klicks und Klacks. Diese wachsen nach und nach über ein Delay zu einem kalt synkopierten Loop an. G6PD folgt der klaren Stimme seiner Bandkollegin und fügt allmählich staubige Dissonanzen zwischen ihre vollen Klänge.

Nachdem das untere Spektrum zunehmend den Raum einnimmt und die Stimmung in demselben sich dahingehend neigt, wie es sich wohl im Inneren eines Sarges anfühlen würde, da erbebt wie aus dem Nichts die ganze Halle durch einen tiefen Trommelschlag. Das überraschende Moment wiederholt sich glücklicherweise mehrmals. Und ehe das Hörempfinden die nächste Wiederholung bereits vorausahnen hätte können, schlittert die Klangwand wieder in das staubige, verzerrte Rauschen von eben zurück.

Eine schrille Stimmung insgesamt, die keinesfalls aufgesetzt wirkt und im Nachhinein ein wenig an die Dunkelheit des späten Scott Walker erinnert. Zudem kommen einem die Stücke von Maria Jiku im Zuge der Performance immer wieder in den Sinn. Hoffentlich auf bald.

Einige Minuten an Umbauzeit später betreten die Mitglieder der Wiener Formation Villalog die Bühne, welche im Faust-Studio Hans Joachim Irmlers ihr bereits viertes Studioalbum produzierten („Space Trash“, 2014). Bernhard Fleischmann versorgt die beiden Solisten Michi Duscher und Marc Muncke mit soliden Beats aus dem Bereich des schnelleren Psychedelic- und Space-Rock der 70er-Jahre.

Darüber schichten der Gitarrist Duscher und Keyboarder Muncke abwechselnd eingängige Loops, die sich einander im Großen und Ganzen gut ergänzen, jedoch zeitweise sich etwas zu sehr ziehen. Muncke zeigt sich zusätzlich für den Sprechgesang auf Deutsch und Englisch mit einprägsamem Akzent verantwortlich, durch den die Musik zunehmend den Eindruck erweckt, als stünde sie unter dem nicht unerheblichen Einfluss der NDW.

Insgesamt ergibt die routiniert vorgetragene Mischung aus repititiven Rock-Elementen von Seiten des Schlagzeugs sowie der Gitarre, gemeinsam mit den Synthsounds, die sich am Klang von Kraftwerk orientieren und die im Laufe des Konzerts bis hin zu EBM-ähnlichen Regionen – im Sinne der D.A.F. – vordringen, einen eher oberflächlichen Gesamteindruck. Über längere Zeiten fehlt es an Steigerung und Variation in den gestreckten Stücken.

Die nächste Umbauphase wird (endlich!) dazu genützt, im Foyer der „HALLE X“ ebenfalls für spürbare Musik zu sorgen, die zugleich das Highlight des gesamten Festivals bildet. Drei Rasenmäher begleiten die pulsierenden Klänge am Beginn der multimedialen Darbietung von Murmler. Der in Salzburg lebende Sounddesigner und Tontechniker Martin Loecker verknüpft seine ausgefeilten Produktionen mit einer Performance, die im Publikum gleichsam für Lachen wie Schrecken sorgt.

Zwei an einem Strohhut montierte Schweinestücke, die Loecker an seinen Backen mit zwei Bügeleisen zum Brutzeln bringt, flankieren den Anfang vom Ende seiner Vorstellung. Nachdem verschiedene Sphären ineinander geschichtet werden, schließt der Murmler seine Spielzeit mit einem steinharten Blast ab, den er zur Freude beziehungsweise zur Beklemmung des Publikums nochmals in der Zugabe zurückkommen lässt. Zu weiteren Pointen seines Auftritts zählen die von ihm offensichtlich als Einspieler ausgewiesenen Vocals sowie das Herumhämmern auf einem Midi-Controller, dessen einzige Aufgabe es ist, zu leuchten.

Auf die Bomben folgt der Regen. Nicht nur draußen vor dem Foyer beginnt es in ewiger Regelmäßigkeit zu tröpfeln, auch drinnen im großen Konzertbereich springen einzelne Töne wiederkehrend aneinander gereiht auf und ab. An einem präparierten Flügel erzeugt Ingrid Schmoliner ein wellenartiges Tonmeer, das über die Dauer der Darbietung zunehmend an düstere Varianten der Werke eines Steve Reich erinnert. Hut ab vor den originellen Kompositionen und deren ausdauernder Vorführung.

Mit großer Spannung wird dann dem Projekt MOTHERDRUM des heimischen Schlagzeugers Alexander Yannilos zugehört. MOTHERDRUM fordert von seinen wechselnden Protagonisten, neben minimalistischer Kreativität, vor allem rhythmische Brillianz. Das Ergebnis bleibt vor dem Auftritt offen, aber es ist jedesmal nicht weniger als eine reine Freude, solch talentierten Musikern zuhören zu dürfen.

Überraschend ist der Anblick eines vertrauten Gesichtes: Jakob Schneidewind von ELEKTRO GUZZI hobelt am Bass schwere Brocken ins rhythmische Dickicht A. Yannilos. Stellenweise stellt er sich  aber etwas zu wenig in den Vordergrund, oder umgekehrt formuliert: Yannilos bietet demselben nicht genügend Platz, zwischen dem dichten Konglomerat aus verschobenen 16-tel Noten einmal das geradere Ruder in die Hand zu nehmen.

Ähnlich ergeht es auch Bernhard Höchtel an den Synthesizern, der ebenso hofft, seinen Platz im Notengewimmel zu finden. Der Eindruck mag trügen, jedoch wird man den Gedanken nicht los, dass komplexe Strukturen erst dann ihre volle Wirkung entfalten können, wenn es vorher und nacher etwas simpler zur Sache geht.

Dennoch ist die Stimmung, die zwischen dem Spiel der Musiker entsteht, über große Teile ihres Konzertes packend. Zeitweise schrammen die Frequenzbänder der Musiker im Live-Mix aneinander, was den Druck der Performance in der Mitte des Raumes etwas abdämpft. Ein potentieller Flow, der im Schaffen der Protagonisten des Improvisationsensembles über weite Strecken des Konzertes hätte entstehen können, wird zugunsten äußerst anspruchsvoller Elemente von Seiten des Leaders geopfert.

Den Abend schließt ein eher unspektakuläres Live-Set der Wiener Produzentin Fauna ab. An den Prater erinnernde Synths reihen sich zwischen simplen Beats ein und werden zeitweise von gehauchten Gesangspassagen ergänzt. Obwohl sich die Spannung in Grenzen hält, reagiert das Publikum äußerst positiv und bewegt sich mehr als an den Tagen zuvor. Begeistert verlangt jenes am Ende mehrmals nach einer Zugabe, die letztlich widerwillig abgespult wird.

Am Sonntag finden die restlichen Konzerte in einem kleinen Seitenraum der „Alten Nähstube“ statt. Die für den frühen Nachmittag angesetzte Eröffnung lässt aufgrund technischer Probleme eine Zeit lang auf sich warten. Als dann endlich die Herren von Gorilla Mask ihre Instrumente in die Mangel nehmen, fühlt es sich an, als rolle eine mit unterschiedlich eckigen Rädern versehene Dampfwalze über das Trommelfell hinweg. Die Einlagen des Saxophonisten Peter van Huffel lassen instinktiv an die saftigen Polymeter der schwedischen Meister Meshuggah denken, obwohl es hier klanglich dann doch in eine viel freiere Richtung geht.

Zum dritten Mal in drei Tagen umgibt einen das glückliche Gefühl, dem Spiel wahrer Talente beiwohnen zu dürfen. Rudi Fischerlehner hält am Schlagzeug gekonnt die Waage zwischen ausgefallener Akzentuierung und stimmiger Begleitung. Hinreichend ergänzt wird er durch die stabilen Bass-Riffs von Roland Fidezius.

Levie dürfen dann das Festival mit Cold-Wave-ähnlichen Klängen in dichtem Nebel beenden. Anstelle von Synthesizern bemühen sich eine Gitarre und ein Bass darum, die zurückgelehnten Wiederholungen rhythmisch ineinander zu schichten. Als wäre der erste Auftritt noch ein Stück weit entfernt, umspielt sich das im Nebel getränkte Duo mit melancholischen Melodien. In seiner besten Ausführung hätte das angepeilte Ergebnis wohl an die Bemühungen von Linea Aspera oder Ähnliche erinnern sollen.

Usprünglich eher am Punk orientiert, hat sich das klangliche Spektrum des Festivals über die Jahre hin zu experimentelleren Varianten moderner Musik geneigt. Mit wenigen Ausnahmen hinterlässt die Summe aller Eindrucke das befriedigende Gefühl, neue Musik kennengelernt zu haben, die sich nicht leicht in eine der vielen vorgefertigten Passformen quetschen lässt.

Wann und wo genau die nächste Ausgabe des Klangfestivals stattfinden soll bleibt vorerst noch ungewiss; dass die 11. Auflage kommen wird, das sichern die KuratorInnen Musik-Interessierten bereits jetzt zu.

 

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