Cudis Werk und Kanyes Beitrag: „Kids See Ghosts“ // Review

(GOOD Music/DefJam/VÖ: 08.06.2018)

Der mittlerweile zehnjährigen Beziehung zwischen Kanye West und Kid Cudi mangelt es nicht an Bewegung. 2008 führte das Schicksal die beiden zusammen, als Kanye West den New Yorker „BAPE“-Store, in dem ein gewisser Scott Mescudi arbeitete, aufsuchte. Kurze Zeit später nahm West musikalisch das erste Mal vom aufmerksamen „BAPE“-Verkäufer Notiz. Verantwortlich dafür sein damaliger Manager Plain Pat, der zugleich stark in Cudis „A Kid Named Cudi“ involviert war und dafür sorgte, dass West das Mixtape zu Gehör bekommt. Kein schlechter Zug, war Kanye West ganz fasziniert vom Rap-Gesang-Gemisch und dem weiten musikalischen Horizont auf „A Kid Named Cudi“, so dass er Kid Cudi kurzerhand bei seinem Label GOOD Music unter Vertrag nahm. Zum Einstand durfte Cudi gleich an großen Projekten wie Wests Autotune-Blueprint „808s & Heartbreak“ mitmischen.

Ein Jahr später veröffentlichte Cudi über GOOD Music sein Debütalbum „Man on the Moon: The End of Day“, auf dem Kanye West zwei Tracks produzierte und die Single „Make Her Say“ mit einem Vers bereicherte. Die Anfangsphase einer äußerst fruchtbaren Zusammenarbeit, bei der sich Kid Cudi an einer stetigen künstlerischen Weiterentwicklung übte, obwohl nicht alles von Erfolg gekrönt war. 2013 verließ er schließlich das Label, verzichtete zunächst aber auf das übliche Post-Trennungs-Drama.

Das erfolgte erst drei Jahre später, als er seinen Unmut gegenüber der Rapszene via Twitter freien Lauf ließ – und zugleich seinen alten Mentor Kanye West ins Visier nahm. Bei Kanye West perlte der Vorwurf fehlender Loyalität nicht ab, eine Antwort folgte prompt, jedoch mit überraschenden Tönen. Denn nachdem die Worte Cudis zunächst mit einer gewissen Angriffslust erwidert wurden, ging Kanye West in den Modus des Verständnisses über. Dass die Beziehung schnell wieder gekittet war, zeigte sich im November 2016, als Kid Cudi, nur wenige Wochen nach seinem Klinikaufenthalt aufgrund von Depressionen und Suizidgedanken, bei einem Konzert von West in Sacramento auftrat. Gemeinsam performten sie „Father Stretch My Hands Pt. 1“, Kanye brach in Tränen aus und revanchierte sich Monate später, ebenfalls nach einem Klinikaufenthalt, mit einem Gastauftritt bei Kid Cudis Tour.

Eine Vorgeschichte, die erklärt, warum das gemeinsame Album „Kids See Ghosts“ kein gewöhnliches Kollaboprojekt darstellt. „Kids See Ghosts“ ist vielmehr die Zusammenkunft eines brüderlichen Gespanns, das sich nach schwierigen Jahren auf die Gemeinsamkeiten besinnt und die Kräfte bestmöglich bündeln will. Gemeinsamkeiten, die eben nicht nur musikalischer Natur sind, sondern im Durchleben schwieriger Lebenssituationen ihre Fortsetzung erhalten. Dementsprechend fällt die lyrische Orientierung dieses Projektes aus, das bereits anhand des Covers, gestaltet vom renommierten japanischen Künstler Takashi Murakami, seinen Stellenwert unter den Werken, die während Kanye Wests Releasemarathon entstanden, erahnen lässt. Kein Schnellschuss wie bei „ye“, sondern alles wesentlich akribischer.

Als detailverliebte Mischung mit dem Hang zum Eklektischen präsentiert sich gleich der Opener „Feel the Love“, bestehend aus einer Hook von Kid Cudi („I can still feel the love“), einem gewohnt staubtrockenen Rap-Part von Pusha-T und Kanye West, der in „Lift Yourself“-Manier Gewehrschüsse imitiert. Sein „Grrat-gat-gat-gat“ als Symbol grassierender Gewalt, die dennoch das Weltbild von Kid Cudi, der immer noch die Liebe fühlen kann, nicht zerstört? Durchaus plausibel, dass sich diese Aussage hinter „Feel the Love“ verbirgt. „Feel the Love“ ist auch eine von zwei Nummern, bei denen Justin Vernon von Bon Iver als Produzent mitmischt, der auf Kanye-West-Projekten allerdings schon ein alter Bekannter ist.

Die Producer-Beteiligung von André 3000 auf „Fire“ verfügt hingegen über einen wesentlich höheren „Wow“-Effekt. Hier sampelt das Produzententeam rund um West und André 3000 die Percussions aus der Klamauk-Nummer „They’re Coming to Take Me Away“ von Napoleon XIV, die sie mit gnatzenden Gitarren und Kid Cudis charakteristischen „Hums“, die im Fortlauf des Tracks eine immer tragendere Rolle einnehmen, kombinieren. Ein fast spirituell wirkender Sound, der nicht besser zum soteriologischen Inhalt passen könnte, ist „Fire“ eine lyrische Projektionsfläche für die Makel und Fehler der beiden. Cudi bittet zudem um Verzeihung und offenbart Religiosität: „It’s so many days I prayed to God/All this pain, I couldn’t seem to find a way“, rappt Cudi, der den Song mit einem „Heaven lift me up“ beendet.

„Fire“ enthält nicht die einzigen religiösen Bezüge auf „Kids See Ghosts“. Auf dem transzendentalen Titeltrack, unterstützt vom fabelhaften Yasiin Bey in der Hook, rappt Kanye West beispielsweise „Got a Bible on my bed, oh yes, I’m very Christian/Constantly repentin‘, cause yes, I never listen, und auch auf „Reborn“, dem längsten, atmosphärisch dichtesten Song des Albums mit „Man on the Moon“-Vibe, lassen sich religiöse beziehungsweise christliche Referenzen erkennen, die mit einer Bewältigung mentaler Krisen in Verbindung gebracht werden.

Von deren Bewältigung handelt schließlich die überwiegende Mehrheit der Lyrics. Ein Gebiet, das besonders Kid Cudi liegt. Der somit das Projekt an sich reißen kann und Kanye West etwas die Show stiehlt, wenngleich dessen Rapleistung deutlich über jener von „ye“ liegt; unüberhörbar, dass West im Schatten von Kid Cudi nicht nur deutlich motivierter ans Werk geht, sondern auf „Reborn“ und „Cudi Montage“ („Everybody want world peace/’Til your niece get shot in the dome piece“) sogar zwei seiner stärksten Parts seit Ewigkeiten abliefert.

Ebenfalls gelungen ist die Produktion des Albums, das Erfolgsrezept liegt zu großen Teilen in der Sampleauswahl und deren gefinkelten Handhabung. Neben dem bereits Erwähnten enthält „Kids See Ghosts“ Samples von Louis Prima, Shirley Ann Lee (um eine Brücke zu „ye“ zu schlagen) oder Kurt Cobain, dessen Gitarrenriff aus „Burn the Rain“ für den fulminanten Abschlusstrack „Cudi Montage“ zum Einsatz kommt. Das Sprachsample von Panafrikanist Marcus Garvey auf „Freeee (Ghost Town Part 2)“ gibt dem Song noch eine ganz besondere Richtung mit, erhält der Freiheitsbegriff mit dem Konnex zu Garvey eine politische Komponente.

Der Soundbild von „Kids See Ghosts“ ist insgesamt geprägt von gitarrenlastigen Instrumentals, die auf „Freeee (Ghost Town Part 2)“ eine psychedelische Schlagseite aufweisen, während auf dem Titeltrack in Industrial-Gewässer abgetaucht wird. Die Lyrics und die Beats bilden eine griffige Symbiose, trotz der kurzen Produktionszeit wirkt vieles ausgesprochen ausgereift. Ganz anders als das sich unfertig anfühlende „ye“ oder das durch seine Überlänge ungemein frustrierende letzte Kid-Cudi-Album „Passion, Pain & Demo Slayin“. Die Gästeauswahl, allen voran Yasiin Bey, Mr Hudson (auf „Cudi Montage“) und Pusha-T, verstärkt den positiven Eindruck, den Kid Cudi und Kanye West hinterlassen. „Kids See Ghosts“ lässt damit nur einen Wunsch offen: nach mehr. Mit sieben Tracks scheinen die Inhalte, welche die beiden transportieren wollen, noch längst nicht auserzählt.

Fazit: Für Kanye West ist „Kids See Ghosts“ ein weiteres geglücktes Werk in seiner Diskografie, für Kid Cudi aber nach Jahren künstlerischer Irrungen die Rückkehr zu den Glanzlichtern, die er bei Karrierebeginn hinlegte. „Kids See Ghosts“ ist sein Album – und Kanye West scheint kein Problem damit zu haben. Raffinierte, gitarrenlästige Beats mit überraschenden Samples, äußerst persönliche Inhalte und eine feine Auswahl an Gästen machen „Kids See Ghosts“ zu einem hörenswerten Projekt, das durchaus einen zweiten Teil verträgt. Diese Form der Harmonie zwischen Kanye und Cudi war nach der bewegten Vergangenheit nicht zu erwarten. Umso besser, dass „Kids See Ghosts“ in dieser Hinsicht gar verblüfft.

4 von 5 Ananas

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