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Gewebte Decke von Kelela: „Take Me Apart“ // Review

(Warp Records/VÖ: 06.10.2017)

Nachdem Kelela 2013 mit ihrem Debüt-Mixtape „Cut 4 Me“ das erste Mal richtig für Furore im Feuilleton sorgte, machte sie für das Musikgeschäft etwas sehr Unübliches. Die Gunst der Stunde und der medialen Aufmerksamkeit ließ sie nämlich so richtig verstreichen. Nach „Cut 4 Me“, das eigentlich schon als Debüt gelten kann, aber for free im Netz angeboten wurde, brauchte die US-amerikanische Sängerin mit äthiopischen Wurzeln zwei ganze Jahre, um erneut Material zu veröffentlichen: „Hallucinogen“ nannte sich die sechs Tracks starke EP, die 2015 nur als Vorspiel für das bald zu erscheinende, wirkliche Debüt gelten sollte. Aber nach „Hallucinogen“ war wieder zwei Jahre Ruhe bei Kelela eingekehrt, sieht man von Feature-Parts auf Alben von Danny Brown („From the Ground“) und den Gorillaz („Submission“) ab. Im Gespräch blieb Kelela trotzdem: Die Modewelt hatte in der Zwischenzeit richtig Gefallen an ihr gefunden, bei Calvin Klein legte sie diesen Sommer einen denkwürdigen Auftritt in der ersten Reihe hin,  für Eckhaus Latta begab sie sich wenig später selbst auf den Laufsteg. Man bekam damit fast den Eindruck, dass sich die Prioritäten bei Kelela gewandelt hätten.

Falsch. Denn Anfang Oktober serviert Kelela mit „Take Me Apart“ endlich ihr erstes großes Album, veröffentlicht über die Electro-Instanz Warp Records.  Fashion Week hin, Fashion Week her, Kelela arbeitete trotz Mode-Trubels stets an ihrer Musik. Die einfach Zeit benötigte. „Take Me Apart“ sollte schließlich kein schlampiges Irgendwas werden, sondern einer gewebten Decke gleichen, wie sie im Interview mit iHeartRadio im entschuldigenden Tonfall versicherte. So eine Decke webt sich nun nicht an einem Tag, und über helfende Hände ist man auch nicht undankbar. In Kelelas Fall waren das einige, sei es beim Songwriting oder bei den Beats. Vertrauen setzte sie dabei überwiegend in alte Bekannte, Jam City, an den meisten Beats beteiligt, hauchte bereits „Cut 4 Me“ 90er-Jahre-Club-Ästhetik ein. Arca trat auf „Hallucinogen“ in Erscheinung und lässt seinen Alien-Techno auch auf „Take Me Apart“ freien Lauf. Zwar nicht ganz so ungezügelt wie auf seinen Solo-Alben, aber dennoch verschroben genug, um für seine Sounds den gerne gesehenen Stempel der Progressivität verliehen zu bekommen.

Warum Kelela bislang so aus dem Meer an R’n’B-Künstlern herausstechen konnte, war eben auch ihrem mutigen Umgang mit den Beats geschuldet. Dabei greift sie gerne ganz tief in die Electro-Kiste und lässt 90er-Jahre-House mit dem Esprit von 80er-Jahre-R’n’B, also der ganz klassischen Sorte, verschmelzen. Das funktionierte bisher fabelhaft – und ja, das funktioniert auch auf „Take Me Apart“ auf ganz vorzügliche Weise. Der Opener „Frontline“ ist dahingehend ein kleines Meisterwerk, bestehend aus nebeligen Synthies, die sich nach und nach auflösen und abschließend von den Percussions in den Hintergrund gerückt werden – und da wäre noch der Gesang Kelelas, der sich wunderbar in die musikalische Umgebung integriert. Ganz groß. Und weil das alles so hervorragend klingt, lässt es sich leicht verschmerzen, dass thematisch das Rad so gar nicht neu erfunden wird. Selbstbewusste Trennungssongs sind gegenwärtig sowieso sehr in Mode, frag nach bei Taylor Swift. So geheimnisvoll wie Kelela und ihr „Cry and talk about it, baby, but it ain’t no use/I ain’t gonna sit here with your rules“ klingt es dabei aber nur selten.

Diese opake Aura umgibt auch Songs wie „Blue Light“ oder „Truth or Dare“, ganz zu schweigen von den Arca produzierten Nummern „Enough“, „Onanon“ und „Turn to Dust“; allesamt futuristische Beats, über die Kelela Geschichten vom Ver- und Entlieben erzählt. Ihr großes gesangliches Talent kommt jedoch auf „Bluff“ am stärksten zum Ausdruck. Der Track ist zwar nur wenig mehr als eine Minute lang, aber bietet genug Raum für Kelela, um über ein langsames Piano-Instrumental (eine der wenigen Nummer, auf denen das Instrumental klar in den Hintergrund rückt) den vollen Fokus auf ihre Stimme zu lenken. Die hat aber nicht nur auf „Bluff“ einiges zu bieten. Ob kristallklar oder rauchig, ob hoher (diese Sopranstimme!) oder tiefer Ton: Kelela meistert das alles gekonnt. Die Hooks gehen zudem locker ins Ohr (vor allem „Onanon“), das Songwriting ist durchgängig auf einem hohen Niveau. Also sorgfältig gewebt, diese Decke.

„Take Me Apart“ enthält viele verschiedene Stilelemente, was bei der langen Credits-Liste nicht verwundert. „LMK“ bietet beispielsweise Spuren von Miami Bass auf, der Schlusspunkt „Altadena“ ist hingegen eine musikalische Ode an Quincy Jones und Michael Jackson.  Trotzdem klingt das Album ungemein homogen. Weil es Kelela schafft, sich selbst in das Zentrum ihres Werkes zu rücken. Das macht „Take Me Apart“ zu einem ganz besonderen Album.

Fazit: Mit „Take Me Apart“ legt Kelela ihren ersten „richtigen“ Longplayer vor – und macht darauf alles richtig. Beats, Songwriting, Gesang bewegen sich alle auf einem eindrucksvollen Niveau. Ein Release von gespenstisch hoher Qualität. Wenn so etwas dabei rauskommt. wartet man gerne mehrere Jahre. Besser konnte Kelela gar nicht zeigen, dass die Musik bei ihr immer noch oberste Priorität einnimmt. Vogue-Coverage zum Trotz.

4,5 von 5 Ananas

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