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„Kapitalismus abschaffen!“

Maik Carstensen
Maik Carstensen

Diese Welt ist nicht perfekt. Eine Erkenntnis, alles andere als neu. Bei manch einen mögen schon Ermüdungserscheinungen, bedingt durch all die medialen Schreckensmeldungen, eingetreten sein. Passivität und steigende Teilnahmslosigkeit bilden die logische Folge dieses Ohnmachtsgefühls. Einer, der sicher nicht alles so hinnehmen will, ist der Hamburger Rapper Captain Gips, der zuletzt mit „20.000 Meilen unter dem Yeah“ ein ziemlich reflektiertes und nicht nur deswegen überzeugendes Album ablieferte. Die Fähigkeit, auch die unschönen Seiten unserer Gesellschaft anzusprechen, bewies der Kapitän nicht nur auf dem Album, sondern auch im The Message-Interview: Denn egal ob über Kapitalismus, Flüchtlinge und Rechtsextremismus – der Kapitän hat was zu sagen….

Interview: Thomas Kiebl

TM: Der Titel deines neuen Albums lautet „20.000 Meilen unter dem Yeah“. Der ein oder andere wird darin eine Anspielung auf den Weltroman „20.000 Meilen unter dem Meer“ von Jules Verne vermuten – inwiefern diente dieses Werk als Einfluss? Gehst du mit den revolutionären Inhalten im Werk wie „Dieser Inder, Herr Professor, ist Bewohner eines unterdrückten Landes, und das bin auch ich, und, bis zu meinem letzten Atemzug, werde ich ein Bewohner dieses Landes sein!“ d’accord?
Captain Gips: Ehrlich gesagt, ging es mir mehr um den Titel. Ich habe das Buch zwar vor Jahren mal gelesen, aber könnte jetzt auch gar keine Inhaltsangabe oder ähnliches machen. Der Titel „20.000 Meilen unter dem Yeah“ war einfach deshalb so perfekt für mein Album, weil er gleichzeitig einen gewissen Captain-Bezug hat und die sich durch das Album ziehende melancholische/depressive Grundstimmung beschreibt, aber einen durch das Wortspiel trotzdem noch irgendwie grinsen lässt. Genau so sehe ich mein Album.

Eine Zeile aus dem Titeltrack, die besonders im Gedächtnis bleibt, lautet „Ich bin nicht mutig/nur ein tragischer Clown/Mutig sind für Freiheit kämpfende iranische Frauen“. Welche Intention steckt dahinter?
Mit dieser Zeile wollte ich meine Bewunderung für die für Freiheit kämpfenden Frauen in islamistischen Staaten ausdrücken. Ich habe gute Freunde, deren Eltern ursprünglich aus dem Iran kommen und daher habe ich da besonderen Bezug hin. Die Bilder von den demonstrierenden Frauen, die dort während der „grünen“ Revolution trotz Achmadinedschads Schergen auf die Straße gingen, haben mich schon beeindruckt. Das ist halt eine ganz andere Nummer, wenn du nicht weißt, ob du von der Demo nach Hause kommst, als bei uns, wo man ja ungefähr abschätzen kann, was passieren wird. Noch jedenfalls.

Denkst du, dass in naher Zukunft  dort Veränderungen stattfinden können?
Ob sich dort in naher Zukunft was ändern wird, kann ich natürlich nicht einschätzen. Ich glaube, dass die islamistischen Kräfte noch ziemlich stark sind, was der Freiheit natürlich entgegensteht. Wäre natürlich am besten, wenn der Aufstand gegen solche Regime aus dem eigenen Land geführt wird. Unterstützenswert ist das allemal.

„Wir buchen – Sie fluchen. Ihre Ausländerbehörde.“

Ein anderes wichtiges Thema, besonders auch in deiner Heimatstadt Hamburg, sind die sogenannten „Lampedusa-Flüchtlinge“. In den letzten Monaten kam es zu großen Solidaritätsbekundungen und Unterstützungsaktionen seitens der Bevölkerung. Als jemand, der selbst Sozialarbeit studiert hat und dem Thema daher besonders nahesteht: Welche Meinung vertrittst du einerseits bezüglich der Wanderungsbewegungen aus dem subsaharischen Afrika, anderseits hinsichtlich der Reaktionen der ortsansässigen Bevölkerung in den Ankunftsländern, die von Staat zu Staat variieren?
Ich bin wirklich kein Lokalpatriot, aber es hat mich schon sehr gefreut, dass es in Hamburg eine so große Welle der Solidarität mit den Flüchtlingen gab/gibt. Der Umgang mit den Menschen ist in Hamburg (und bundesweit) völlig inakzeptabel. Ich habe eine Zeit lang mit Flüchtlingen gearbeitet und hatte so direkten Kontakt mit der Ausländerbehörde. Ich habe in der Zeit wirklich großen Hass gegen diese Behörde und ihren Mitarbeitern entwickelt. Da wird einem schlecht. Da werden Duldungen immer wieder nur kurz verlängert und ganze Familien leben in der ständigen Angst, dass morgen Früh ein paar Beamte kommen und sie in wenigen Stunden wieder in das Elend zurückschicken, aus dem sie es glücklicherweise geschafft haben zu fliehen. Die Mitarbeiter in der Behörde sind teilweise so rassistisch und ekelhaft, dass sie sich auch noch über diese Menschen lustig machen. In einem Bericht über Abschiebung sah man, wie ein Mitarbeiter der Ausländerbehörde einen Bildschirmschoner hatte, auf dem stand: „Wir buchen – Sie fluchen. Ihre Ausländerbehörde.“ Genauso habe ich es auch wahrgenommen. Ich wünschte mir damals nur, dass die Mitarbeiter der Ausländerbehörde und die ausführenden Beamten und ihre gesamten Familien mal genau in solcher Angst leben. Insgesamt bin ich gegen Flüchtlingslager und für eine dezentrale Unterbringung über das ganze Stadtgebiet verteilt.

Der ehemalige Bundesinnenminister Friedrich meinte, man solle versuchen, die Bedingungen in den Herkunftsländern zu verbessern – ist das deiner Meinung nach ein realistisches Vorhaben?
Natürlich wäre es auf lange Sicht schön, wenn sich die Lage in den Herkunftsländern verbessert. Das ist aber leider nicht Realität und wird sich auch in den nächsten Jahren nicht ohne Weiteres machen lassen.

Als jemand, der dem Genre „Zeckenrap“ zugerechnet wird, befinden sich auf „20.000 Meilen unter dem Yeah“ vermehrt kapitalismuskritische Aussagen. Denkst du, die Zeit ist reif für einen abrupten Systemwechsel und wenn ja, wie könnte dieser aussehen?
Naja, ich denke es ist definitiv Zeit, den Kapitalismus abzuschaffen. Ich habe zwar gewisse Hoffnungen, aber auch sehr große Zweifel, dass ich das noch erleben werde. Es müsste weltweit passieren und dafür müssten sich die Menschen erstmal von Nationalstaaten und Religion befreien. Die solidarische Weltgemeinschaft, die ein besseres Leben für alle möglich macht, muss das Ziel sein … Bis dahin spielen wir mit und versuchen das Spiel, was wir gerne abschaffen würden, möglichst gut mitzuspielen, um uns selbst ein gutes Leben zu ermöglichen. Vielleicht ist ja auch „bedingungsloses Grundeinkommen“ ein Schritt in die richtige Richtung und vielleicht kommt auch alles ganz anders…

„Die Partei“ hat immer recht

Wie stehst du generell zur Politik, zum Beispiel wenn du an die letzte Bundestagswahl denkst?
Ich hatte keinerlei Erwartung an die Bundestagswahl, daher hat es mich auch weder schockiert, noch gefreut. Es ist mir recht egal. Ich wähle entweder gar nicht, oder, wenn ich an einem Wahlsonntag gerade Zeit habe, wähle ich „Die Partei“. Denn „Die Partei“ hat immer recht.
Im Ernst: Ich hatte kurz vor der Wahl mal wieder die Diskussion über „geringeres Übel“ SPD und so weiter … ich habe schon da gesagt, dass die SPD nicht das geringere Übel ist. Jetzt (und nicht erst jetzt) sieht man in Hamburg, dass sie mindestens genauso dreckig sind, wie deren Gegner.

Europa befindet sich in einer paradoxen Situation: Auf der einen Seiten nimmt die Bedeutung von Grenzen immer stärker ab, auf der anderen steigt in vielen Ländern die Popularität rechtsextremer Parteien. Da steht natürlich die Frage nach den Gründen ganz wesentlich im Raum …
Die Gründe dafür sind in den verschiedenen Ländern natürlich unterschiedlich. Sowas hat ja immer mit Angst zu tun. Oft in Kombination mit mangelnder Bildung. Das ist echt beängstigend und ich hoffe, dass die antifaschistischen Menschen vor Ort stark genug sind, dagegen anzukämpfen.

Letztes Jahr jährte sich die Nacht des Novemberpogroms zum 75. Mal. Hältst du solche Entwicklungen wieder für möglich?
Ich halte das durchaus für möglich und wichtig immer wieder daran zu erinnern und solche Entwicklungen mit allen Mitteln zu bekämpfen.

Lastet auf unsere Generation immer noch eine Art von Schuld für die Vorgänge vor 70 Jahren?
Natürlich waren wir nicht direkt daran beteiligt, aber unsere Großeltern waren die Tätergeneration und ich finde, dass ist nicht so weit weg. Du musst aber auch nicht in irgendeiner direkten Verbindung dazu stehen, um zu dem Entschluss zu kommen, dass so etwas (das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte) nie wieder passieren darf.

Nicht nur der NSU-Prozess zeigt: Rechtsextremismus ist auch in Deutschland ein brandaktuelles Thema. Siehst du irgendwelche Strategien, womit diese Entwicklungen gestoppt werden könnten?
Bildung und Aufklärung ist auf lange Sicht natürlich das Wichtigste. Auf den Staat kann man sich offensichtlich im Ernstfall nicht verlassen. Deshalb brauchen wir eine große Szene, die sich wehren kann.

Hast du das Gefühl, dass Begriffe aus dem Duktus des Nationalsozialismus vermehrt als Provokationsmittel im Rap verwendet werden?
Ich habe eigentlich den Eindruck, dass es gerade etwas weniger wird, was allerdings auch daran liegen könnte, dass halt schon alle erniedrigenden und menschenverachtenden Beleidigungen schon so oft benutzt wurden, dass sie nicht mehr nur „einfach scheiße“, sondern auch wirklich langweilig sind. Damit kann man ja heutzutage niemanden mehr schockieren oder provozieren. Ich finde es erfreulich, dass es wieder mehr RapperInnen gibt, die ohne den ganzen Quatsch auskommen.

 Auf „20.000 Meilen unter dem Yeah“ sprichst du dich auch gegen Homophobie aus. Nahm diese deiner Meinung nach in den letzten Jahren, in der Post-Aggro-Ära, ab?
Ich glaube schon, dass sich da in den letzten Jahren was zum Positiven verändert hat, aber Homophobie ist in unserer Gesellschaft immer noch sehr weit verbreitet und dagegen sollten wir weiterhin angehen. Wir stehen da noch ziemlich am Anfang. Wenn man sich zum Beispiel anguckt, was für ein riesiges Problem es heutzutage noch ist, sich als Fußballer zu outen, dann sieht man dass da noch sehr viel passieren muss.

 Welche Rolle nimmt Hamburg deiner Meinung nach in der derzeitigen Deutschrapszene ein?
Ich weiß gar nicht, ob Hamburg da so eine besondere Rolle hat. Es ist einfach insgesamt so viel größer geworden als es früher war, als wir anfingen. Anfangs war Hiphop in Deutschland eher Musik von Mittelstandskids. Dann kam irgendwann Savas und Aggro und so weiter. Da hatten dann auch plötzlich ganz andere Gruppen Zugang zu Rap. Jetzt ist es mittlerweile ja in allen Schichten angekommen und hörbar. Deshalb ist es wohl jetzt so riesig.

Wenn wir über Hamburg sprechen,müssen wir uns auch mit dem Thema „Gentrifizierung“ und steigenden Mieten befassen. Welche Erfahrungen hast du damit gemacht?
Ja, also ich zahle unglaublich viel Miete für ein WG-Zimmer in einem alternativen Viertel. Das ist kaum noch finanzierbar, aber ich versuche zu bleiben, weil ich hier meine Leute sind und ich mich hier zu Hause fühle.

Hältst du Vorhaben wie eine Mietpreisbremse für sinnvoll?
Mietpreisbremse wäre vielleicht ganz gut. Aber letzten Endes ist es „ganz normal“ Kapitalismus. Also müsste man mal wieder diesen kritisieren. Von diesem „Yuppie-Hass“ halte ich eigentlich nicht so viel. Das kommt mir sehr verkürzt vor.

 

Der letzte Stinkefinger, den wir hochhalten.

Auch die „Rote Flora“ in der Sternschanze geriet wieder in die Medien, nachdem Pläne laut wurden, ein Veranstaltungszentrum aus dem ehemaligen Varieté-Haus zu machen. Welche Auswirkungen würde die Umsetzung solcher Pläne mitsichziehen und existieren etwaige persönliche Bezugspunkte zur „Roten Flora“?
Die Flora ist für mich ein sehr wichtiges Haus. Abgesehen davon, dass ich dort schon sehr viele gute Partys gefeiert habe, ist es natürlich das letzte besetzte Haus. Quasi sowas wie der letzte Stinkefinger, den wir hochhalten. Was bei einer Räumung passieren würde, ist ja relativ klar. Ich möchte das ungern erleben müssen, aber es würde eskalieren, wie nie zu vor. Die Leute haben schon so die Schnauze voll und wenn das passiert, explodiert hier was. Das weiß die Stadt auch und deshalb glaube ich eigentlich, dass sie die Flora in Ruhe lassen. Vielleicht? Auch nicht?

Wie bist du eigentlich zum Rap gekommen?
Ich habe so Mitte der 90er angefangen mich für Graffiti und Rap zu interessieren. Dann bin ich auch relativ schnell selbst aktiv geworden und habe es bis heute irgendwie nicht geschafft, damit aufzuhören. Es ist immer noch meine größte Leidenschaft.

Gibt es zur Zeit im Rap Künstler oder Alben, die du besonders feierst?
Gerade heute habe ich mir die Lyricist Lounge Vol.1″ auf Vinyl gekauft. Ich feiere gerade wieder die ganzen alten HipHop-Sachen. Ich habe auch das Gefühl, dass der alte BoomBap-Sound wiederkommt und das ganze Synthie-Geballer wieder abnimmt. Das letzte Album, was ich wirklich sehr oft von vorne bis hinten durchgehört habe, war das von NMZS (R.I.P.) – „Der Ekelhafte“.

Bist du auch offen für andere Genres?
Ich höre schon noch sehr viel HipHop, überwiegend englischsprachig, aber eigentlich bin ich sehr offen für jegliche Richtungen. Außer Volksmusik natürlich. Auf meinem MP3-Player ist auch Punk, Elektrokram oder das Album von Sóley habe ich auch hart gefeiert. Ich stehe in letzter Zeit total auf so ganz weiche, entspannte, schöne Musik. Ist ja auch sonst alles schon stressig genug.

Willst du uns abschließend noch ein paar Locations nennen, die man unbedingt in Hamburg gesehen haben muss?
Also, ich sag mal: Rote Flora, Gängeviertel, Park Fiction, Grüner Jäger (Flavor of the Month), Pudel, Strand in Altona geht auch immer, Plattenladen Groove City, Dosenladen Under Pressure, Millerntorstadion, Landgang, Karo Ecke, St.Pauli insgesamt, aber bitte meiden sie die Reeperbahn (zumindest am Wochenende)… Vielen Dank! AHOI!

Zur Zeit arbeitet Captain Gips an einem neuen Neonschwarz-Album mit Kollegen Johnny Mauser. Bevor es soweit ist, erscheint erstmal ein neues Video, zu dem ihr hier schon den Teaser sehen könnt:

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