„Wir leben in einer seltsamen Welt“ // Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi Live

Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi live im WUK // Alle Fotos von Alexander Gotter

Alles voller Rauch. Nur einzelne Scheinwerfer sind auf die Bühnenmitte gerichtet, während Lemur versucht, das Publikum in Gang zu bringen. Als Support jemanden vom eigenen Label, Kreismusik,  zu nehmen, scheint eine gute Idee. Das WUK ist bereits fast voll, die Menge am Tanzen. Das monochrome Licht wechselt nach jedem Song seine Farbe. Mit der Frage: „Ist noch Energie im Raum?„, startet er für „Abendlandboogie“ eine Wall of Death. Immer wieder tönen laute Tierrufe aus dem Publikum, denn Lemur wünscht sich „mehr Ziegen“ und noch mehr Interaktion. Ein letztes Mal, fordert er zum größtmöglichen Lärm auf, zu dem das Publikum im Stande ist und verabschiedet sich.

Der Rauch verdichtet sich. Laute Peng-Rufe vom Publikum, die Bühne ist dunkel. Nach und nach nehmen Die Tentakel von Delphi ihre Plätze ein und schalten die Stirnlampen ein. Käptn Peng beginnt mit „Pförtner“, er selbst ist aber noch nicht zu sehen. Beim Refrain springt er schließlich auf, die Stirnlampen erlöschen, die Bühne ist in orange-farbenes Licht gehüllt. Überall stehen große Glühbirnen verteilt. Auf dem selbst gebauten Drumset hängen Glockenspiele und ein Xylophon.

Wir sind ein bisschen aufgeregt, wir sind nämlich eine schüchterne Band„, meint Peng nach dem ersten Song. Wenn man aber Freundschaft mit seinem Gegenüber schießt, ist man nicht mehr nervös. Der Käptn bittet also alle, sich vorzustellen. Da dies bei einer ausverkauften Show aber zu lange dauern würde, solle einfach jeder bei vier seinen/ihren Namen rufen. Es sind übrigens auch Namen erlaubt, die man gerne gehabt hätte, „die Eltern aber versagt haben, einen so zu benennen„. Die Band versichert, ihr Unterbewusstsein habe alle Namen aufgenommen und gespeichert. Nun sind alle im WUK „Neue Freunde„.

Vereinzelt benutzt Käptn Peng zwei Mikrophone, eines für den Rap, das andere für Heul-Geräusche. Seine Performance ist eine Mischung aus wildem Herumgehüpfe, Tutting passend zu den Texten und seinem ganz eigenen Ausdruckstanz. In diesen Momenten scheint er selbst nicht genau zu wissen, wie und warum er sich so bewegt. Damit wirkt er aber sehr authentisch und von der eigenen Musik mitgerissen. Die Tentakel wirken etwas ruhiger. Mit viel Schlagwerk, E-Gitarre, Keyboard und allem, was nach Bass klingt, unterstützen sie Pengs Rap, Tanz und Gesten. Ein gelungenes Zusammenspiel. Auch das Publikum tanzt, rappt, singt und schreit bei allen Songs mit.

Während die Bandmitglieder Wasserflaschen in die Menge werfen, betont Käptn Peng, wie wenig sie sich mit Menschen auskennen würden. Tatsächlich gäbe es auf „Das Nullte Kapitel“ auch nur zwei Tracks, die sich mit einem konkreten Menschen beschäftigen. Eines davon „Tango im Treibsand„. Danach kehren sie wieder zurück zu Themen, mit denen sie sich besser auskennen: In „WobWobWob“ besingen und bespielen sie ein Wesen, welches doktikologisches Protoplasma dekantiert. Was das genau bedeutet, wissen sie selbst nicht, „aber das Wesen kann das und das ist toll„. Um die ersten Takte zu spielen, hat sich Moritz, eigentlich Gitarrist, extra ein Kinderkeyboard gekauft.

Nicht nur auf dem Album, auch bei den Konzerten, sind Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi mit ihrer Musik auf der Suche nach dem Verfasser des Nullten Kapitels. Um der Lösung näherzukommen, versucht Peng es zusätzlich mit Freestyle-Rap. Darunter mischt er kleine Liebeserklärungen ans Publikum. Währenddessen trägt er ein weißes Handtuch am Kopf. Aus dem Publikum fliegt eine Wasserflasche zurück auf die Bühne, der Käptn fängt sie aus der Luft und beginnt zu beatboxen.

Pengs Bruder, Shaban, ist ebenfalls Teil der Tentakel. Zusammen performen sie „Flotten von Mutanten“ und „Sie mögen sich„. Bei letzterem tragen sie Fuchsmasken aus Karton. Begleitet werden beide Songs von Shabans elektronischer Musik, die restlichen Bandmitglieder sind nicht mehr auf der Bühne. Als Überraschung, kommt Lemur erneut auf die Bühne. In Anlehnung an die Anschläge der vergangenen Wochen folgt eine A-capella-Version von „Highlander“. Während des gesamten Songs herrscht Ruhe im WUK. „Aber wir leben in einer seltsamen Welt. Deshalb werden wir jetzt kein Lied singen, sondern ein Spiel spielen„, teasert Käptn Peng „Identitetris“ an. Da Pavlidis, der eigentlich den Song zusammen mit Lemur und Käptn Peng featurt, nicht da ist, übernimmt Shaban dessen Part. Weiters folgt „Sockosophie“, ein Duett von Peng und einer schwarzen Socke an seiner rechten Hand.

Etwas traurig geht die Band schließlich von der Bühne. Unter lauten Rufen des Publikums kehren sie nach kurzer Zeit aber wieder zurück. „Liebes Wien, ihr glaubt doch nicht ernsthaft, dass wir uns verabschieden, ohne uns vorher zu begrüßen!“ Somit startet Käptn Peng mit „Der Anfang ist Nah“ in die Zugabe und heißt die Welt, samt Hypophyse, Hypothalamus, Molekülen und allen darin lebenden Quanten, willkommen. Nach dem ersten Refrain stoppen sie plötzlich und bleiben in freeze. Sobald das WUK leise ist, tritt Peter nach vorne und spielt ein Solo auf einer hölzernen Querflöte.

Nach zwei weiteren Songs sind Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi immer noch viel zu motiviert, um zu gehen. Sie bitten, noch etwas spielen zu dürfen. „Es gibt ein Lied von uns„, meint Peng, „das ist echt nicht schön. Wenn es eine Person wäre, wäre es hässlich. Und kapitalistisch. Aber wir wollen es trotzdem spielen, weil wir noch so Bock haben!“ „Platz Da“ ist das einzige Lied, auf dem Boris E-Bass spielt. Dieser muss allerdings noch gestimmt werden. Um die Zeit zu überbrücken, beginnt Peng nochmals zu freestylen. Sie stecken nochmal alle Energie in den endgültig letzten Song des Abends.

Fazit: Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi machen vielleicht keinen herkömmlichen HipHop. Rap kommt neben dem Big-Band-Charakter der Tentakel aber definitiv nicht zu kurz. In der Performance steckt jede Menge Gefühl, Freude am Spielen und liebenswerte Chaotik seitens Pengs. Seine verstrickten Texte setzt er nicht nur sprachlich, sondern mit seinem gesamten Körper um. Schön anzusehen und noch schöner, dabei mitzumachen. Fans kommen absolut auf ihre Kosten. Durch die vielschichtige Verwendung von Rap, Freestyle, Beatbox, den Klängen der Tentakel und etwas Schauspiel, könnte aber (fast) jeder der Show etwas abgewinnen. 150 Minuten ohne Energietief sind zudem eine mehr als beachtliche Leistung!

Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi sind am 11. und 12. Oktober erneut in Wien (Arena), Lemur spielt am 16. September eine Solo-Liveshow im Flex Café.

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