Verkorkster Ausflug aufs Land: Justin Timberlake mit „Man of the Woods“ // Review

(RCA/VÖ: 02.02.2018)

Auch ohne neues Album blieb Justin Timberlake in den vergangenen fünf Jahren stets in der Öffentlichkeit präsent. Nur sein Aktionsfeld hat sich verschoben. Denn abseits der superseichten, aber ungemein erfolgreichen Max-Martin-Single „Can’t Stop the Feeling“, die für den Kinofilm „Trolls“ aufgenommen wurde, galt Timberlakes Fokus primär der Schauspielerei. Mit Erfolg, darf er mittlerweile nicht mehr nur einen Drogendealer wie in „Alpha Dog“ mimen oder in Kinderfilmen mitmischen, sondern erscheint auch im Cast eines Woody-Allen-Streifens – wobei selbiges in Zeiten von „#MeToo“ einen ganz üblen Beigeschmack hat und sich Timberlake dafür rechtfertigen musste. Sehr schlechtes Timing. Die Erkenntnis, dass es dem einst belächelten Ex-*NSYNC-Barden nach dem Musikgeschäft mittlerweile auch im Film gelang, mit Talent und unbändigem Leistungseifer zu einem seriösen Künstler zu avancieren, trübt das jedoch nicht.

Musikalisch zeichnet Timberlake vor allem eine große Portion künstlerischer Mut aus, ohne den er nicht zu einem derartigen Pop-Phänomen heranwachsen konnte. Ein Blick auf seine bisherigen Alben, auf denen er sich regelmäßig neu erfand, reicht hierfür: Gelang mit netter Unterstützung der Neptunes und Timbaland auf „Justified“ endgültig die Befreiung aus dem Boyband-Korsett, verwandelte er sich auf dem futuristischen Nachfolger „FutureSex/LoveSounds“ in „Mr. SexyBack“, bevor er mit der „20/20-Experience“-Reihe astreinen R’n’B-Bombast zelebrierte. Allesamt Alben, die retrospektiv zeigen, wie weit Justin Timberlake eigentlich seiner Zeit voraus war.

Sein riskantestes Projekt hat er sich aber für 2018 aufgehoben. Ist sein neues Album „Man of the Woods“ nach Eigenaussage nicht nur sein persönlichstes, sondern mit der ankündigten Mischung als „Modern Americana with 808s“ sein gewagtestes. Stilistisch besinnt er sich darauf nämlich auf seine Südstaaten-Wurzeln. Also raus aus dem Anzug, rein ins Flanell-Hemd. Sicherlich sein radikalster Stilwechsel seit „Justified“ – und ganz gefährliches Terrain. Da er und sein Team sich mit dem Ziel, eine funktionierende Mischung aus traditionellem Country-Sound und futuristischen R’n’B zu kreieren, eine immense Aufgabe gesetzt haben.

Die Gefahr des Scheiterns war für Justin Timberlake mit „Man of the Woods“ – ein Titel, der auf den Namen seines Sohnes, Silas, anspielt – daher durchaus gegeben. Und leider haben sich alle Befürchtungen bestätigt. „Man of the Woods“ ist eine musikalische Katastrophe, da weder die Neptunes noch Timbaland/Danja ein Rezept fanden, wie sie die beiden unterschiedlichen musikalischen Pole zu einem gemeinsamen Sound harmonisch verweben sollen. Wobei man von der musikalischen Country-Ausrichtung des Albums zunächst wenig merkt: So vermengen Timbaland und Danja für den Opener „Filthy“ 80er-Jahre-Funk mit futuristischen Electropop der Marke „FutureSex/LoveSounds“, was aber auch nicht so recht gelingt.

„Filthy“, mit Beteiligung der 1500-or-Nothin’-Mitglieder James Fauntleroy und Larrance Dopson im Songwriting-Team entstanden, mangelt es vor allem an einer klaren musikalischen Linie. Es findet viel zu viel statt. Das Gefühl beschleicht einen, dass Timbaland und Danja nicht wirklich wussten, was sie eigentlich wollen, und deswegen gewohnte Zutaten in den Topf schmissen, um damit eine dünne Referenz an den „FutureSex/LoveSounds“-Sound zu erschaffen, der es aber an Eingängigkeit, Lockerheit und nicht zuletzt an Frische mangelt.

Diese Orientierungslosigkeit im Sound wiederholt sich auf dem Album mit erschreckender Regelmäßigkeit, denn bis auf den wunderbaren Funk-Track der Marke Prince, „Midnight Summer Jam“, auf dem alles gelingt, dem trappigen „Supplies“ und der Alicia-Keys-Nummer „Morning Light“, die zwar sehr nahe am Schmalz gebaut ist, aber musikalisch keine Schwächen offenbart, erweist sich Timberlakes Ausflug aufs Land als einziges planloses Schlamassel.

Der Versuch einer Kreuzung von Americana und 808s mündet so konstant in furchtbar belanglose Lagerfeuermusik („Say Something“, „The Hard Stuff“, „Man of the Woods“, „Livin’ Off the Land“), der jeglicher Anstrich des Coolen, für die die Neptunes als auch Timberlake nun einmal stehen, fehlt.  Heillos überladen wie der Opener klingen die meisten Tracks auf dem Album; mit dem Südsee-Track „Waves“, in dem Chad Hugo mit seiner nervtötenden Ukulele ganz laut dazu auffordert, auf den Skip-Knopf zu drücken, und der Südstaaten-Schmonzette „Flannel“ als negative Höhepunkte. Nur ganz schwer zu ertragende Nummern.

Richtig erbärmlich wird „Man of the Woods“ schließlich, wenn die lyrischen Leistungen herangezogen werden. Unglaublich eigentlich, wenn man daran denkt, dass ein mehrköpfiges Team mit den besten Songwritern des Popgeschäfts hinter Inhalten wie „But then your hands talking, fingers walking/Down your legs, hey, there’s the faucet“ („Man of the Woods“), „Ooh, I love your pink, you like my purple/That color right between those, that’s where I worship“ („Sauce“) oder I’ll be the wood when you need heat/ I’ll be the generator, turn me on when you need electricity“ („Supplies“) steckt. Das klingt weder „sexy“ noch witzig, sondern einfach nur lächerlich; mit dem „Purple“-Spruch würde wohl nicht einmal Justin Timberlake ein Match auf Tinder bekommen.

Wie seine Produzenten musikalisch, kann sich der Neo-Flanellhemdträger in seinen Texten nicht entscheiden, was er nun eigentlich sein möchte; ob er jetzt besser den liebenden Familienvater oder den hyperpotenten Sexgott geben soll („Sauce“). Er will schlichtweg in beide Rollen schlüpfen, schafft es jedoch nicht, hier eine unpeinliche Verbindung aufzubauen. Vielmehr reiht er wahllos Zeilen aneinander, die künftig als Definition des Wortes „cringe“ gebraucht werden können.

Die Ankündigung, „Man of the Woods“ wäre sein persönlichstes Album, hat Justin Timberlake eingehalten, die Mitglieder seiner Kernfamilie haben prominente Spots auf dem Album bekommen. So darf Ehefrau Jessica Biel mit „Hers“ ein ganzes Interlude füllen. In diesem schwadroniert sie davon, wie sich ein altes T-Shirt ihres Gatten anfühlt (!): “It makes me feel like a woman, it makes me feel sexy, it makes me feel… It makes me feel like I’m his“, lauten ihre poetischen Worte. Die Intention dahinter? Unklar. Aber den größten Kracher hat sich Justin Timberlake für den Abschlusstrack „Young Man“ aufgehoben. Darin spielt sein Sohn Silas eine wichtige Rolle. Der arme Junge muss sich nämlich anhören, was Vater Justin von seiner Mutter hält – und was er mit ihr vorhat: „Beautiful boy, got it from your momma / Damn, she look good, you might get a sister“, singt er ohne Scham. Pädagogisch definitiv wertvoll. Aber der passende Abschluss eines fast völlig verkorksten Albums.

Fazit: Justin Timberlake hätte es sich natürlich viel einfacher machen können, mit einem stinknormalen R’n’B-Album zum Beispiel. Stattdessen hat er mit „Man of the Woods“ einiges gewagt – und verloren. Weder musikalisch noch textlich findet sich eine klare Linie. Wenn dann noch eine Vielzahl absoluter Fremdscham-Lines hinzukommt, wird an Justin-Timberlakes-„SexyBack“-Image ordentlich gerüttelt. Der Ausflug aufs Land hat sich künstlerisch also nicht ausgezahlt. Ohne Zweifel: „Man of the Woods“ ist mit Abstand das schlechteste Album von Justin Timberlake. Ein Album, das kein Mensch braucht. Statt Zeit in dieses Album zu investieren, hätte er besser weiter an seiner Schauspieler-Legacy gearbeitet. Wäre im Nachhinein die sinnvollere Wahl gewesen.

1 von 5 Ananas

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