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Coco Chanel, Herzschmerz und Ansagen aus Neukölln von Juju // Review

JINX Music // VÖ: 14.6.2019

Ich rieche bei Rappern den Angstschweiß, alle Hunde ziehen wieder den Schwanz ein”, rappte Judith Wessendorf aka Juju noch 2017 als eine Hälfte des SXTN-Duos. Vermutlich wusste sie zu dieser Zeit selbst noch nicht, dass diese Zeile locker in ihrem ersten Soloalbum “Bling Bling” erscheinen hätte können und ihr unverwechselbarer Stil damals schon feststand. Auf eben diesem Album regnet es eben solche Ansagen; gepaart mit astreinem Straßenrap und ihrer verletzlichen und emotionalen Seite scheint ihr neuer “Bling Bling”-Lifestyle perfekt.

2014 gründete die Berlinerin zusammen mit Nura das Duo SXTN. 2016 folgte die EP “Asozialisierungsprogramm”, 2017 das Album “Leben am Limit”. Tracks wie “Deine Mutter” oder “Von Party zu Party” gingen regelrecht durch die Decke des gerade noch so männlichen Deutschrap-Kosmos. SXTN machten mit provokanten Lines auf sich aufmerksam und produzierten eine Battlerap-Hymne nach der anderen. Mittlerweile sind sie auch als Solokünstlerinnen nicht mehr aus der Szene wegzudenken. Auch wenn damals noch erstaunlich viele das Gesicht verzogen, weil Frauen auf derben Tracks ungeniert ausrasten.

“Depression in jedem Kopf // Depression in jedem Block” Winter in Berlin

Spätestens am 14. Juni 2019, dem Release von “Bling Bling”, sollte sich auch diese Skepsis in anerkennendes Nicken verwandelt haben. Auf zwölf Tracks präsentiert sich Juju einerseits in typischer Battlerap-Manier und erzählt andererseits von Liebeskummer und Geschichten von der deutschen Hauptstadt, Alkohol und Party. Mit wem man es auf diesem Album zu tun hat, macht die Rapperin aus Berlin-Neukölln bereits auf “Intro” klar. Auf drei Minuten schmettert Juju eine einwandfreie Battlerap-Hymne hin und betont: “Man wird nicht sagen ,Das ist Frauen-Rap auf Deutsch’ // Man wird sagen ,Dieses Album hat zerstört’”. Mit “Hardcore High” und dem Abriss-Track “Live Bitch” kreierte Juju altbekannte Party-Hymnen in SXTN-Manier. Zusätzlich wird das Album durch Battlerap-Tracks wie “Coco Chanel” und gefühlvollen Zeilen in “Vermissen” oder “Ich müsste lügen” abgerundet.

Stimmig sind die Tracks auch untereinander. Während die Rapperin auf “Sommer in Berlin” mit Afrotrap-Beat eine Strand-Hymne à la „Palmen aus Plastik“ abliefert, reißt sie dieses Bild in “Winter in Berlin” mit ernüchternden Beschreibungen von Flüchtlingen, die vor Bullen weglaufen, und Heroin in der U8 wieder ein. Es sind gerade diese Bilder, präsentiert mit dem trockenen und derben Berliner Rap, die Jujus Album außergewöhnlich und erfrischend wirken lassen. Die Beats, allesamt produziert von Krutsch, sind zeitgemäß und einfach, aber eingängig. Ansonsten liefert Juju puren und schönen Straßenrap ab. Keine inhaltslosen Zeilen, keine genuschelten Rhymes auf Autotune, sondern ehrlicher Rap mit gutem Flow und mitreißenden Texten. Nebenbei flext die Berlinerin, als hätte sie nie was anderes gemacht.

“Ja, ihr hättet es niemals gedacht // Aber ich hab geübt in der Nacht” Bling Bling

Einen Fixstarter in Sachen Charts lieferte Juju zusammen mit Annenmaykantereit-Sänger Henning May und dem Track “Vermissen”. Der stürmte nämlich schon vor dem Erscheinen des Albums die Charts. Mit dem Song verarbeiten Juju und Henning ihren Liebeskummer. Dass die Stimme von May in vermutlich jedem Song Gold wert ist, dürfte mittlerweile klar sein. Auch in “Vermissen” untermalt er den Song gekonnt und bildet zusammen mit Juju ein berührendes Duett. Ansonsten gibt es in Sachen Kollabos noch “Freisein” zusammen mit Xavier Naidoo.

Die Stärke des Albums liegt definitiv in Jujus perfekt ausgeklügelten Battle-Rap-Texten und Rap-Skills. Und die scheint sie auch live immens verbessert zu haben: Während es vor ein bis zwei Jahren bei so manchem SXTN-Auftritt noch etwas haperte, bekam man bei ihrem Auftritt auf dem Donauinselfest einen mehr als nur positiven Vorgeschmack auf die kommende Tour. Wer Fan von guten Rap-Skills ist, ist auf einem Juju Konzert gut aufgehoben.

“Ihr nennt es Feminismus, ich nenn‘ es einfach Menschlichkeit // Denn im Gegensatz zu euch Heuchlern sind für mich alle Menschen gleich” – Intro

Auch wenn Juju sich nie klar feministisch positionierte, so ist sie und ihre Künstlerpersönlichkeit in Sachen „Frauen im Rap” unabdingbar. Juju lässt sich nichts sagen und nimmt sich den Platz, der ihr als derart talentierte Künstlerin und Frau allemal zusteht. Das macht sie auch auf ihrem neuen Album “Bling Bling” mit solch einer Selbstverständlichkeit, wie es schon weitaus weniger talentierte männliche Rapper einige Male getan haben. Das ist ein gutes und wichtiges Zeichen, auch wenn sie es nicht bewusst als solches deklariert.

Fazit: “Bling Bling” ist in weiten Strecken ein durchaus gelungenes Album. Der gekonnte Battle-Rap mit gutem Flow unterstreicht die von Track zu Track wechselnde Stimmung des Albums. Etabliert als Solokünstlerin hat sich die Berlinerin mit diesem Album ohne Zweifel, auch wenn sich “Bling Bling” an manchen Stellen etwas langatmig zeigt. Sowohl neue, als auch alteingesessene Fans des klassischen Berliner Rap werden besonders auf ihre Kosten kommen. Was Juju in Zukunft noch zu sagen hat, ist gespannt abzuwarten. Hört man sie rappen, ist jedoch klar, dass sie nicht so schnell von der Bildfläche verschwinden wird. Oder wie sie es selbst zu sagen weiß: „Merk dir meinen Namen, Juju44”.

3 von 5 Ananas

 

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